23. März 2013

»Ihrem Werke helfen«

An der Spitze der faschistischen Bewegung: Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (r.) mit seinem technischen Direktor Paul Goerens und Hitler während einer Begehung der Kruppwerke (o. J.) - Fotoquelle: jW-Archiv

Die Loyalitätserklärung der deutschen Industrie vom 24. März 1933 für Hitler

Reiner Zilkenat

Seit der Berufung Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg sind fast zwei Monate vergangen (jW-Thema vom 30.1.2013). Die innenpolitische Lage hat sich derweil dramatisch gewandelt. Die Arbeiterparteien KPD und SPD sind – nicht zuletzt wegen des inszenierten Reichstagsbrandes (jW-Thema vom 27.2.2013) – in die Illegalität gedrängt, die in der Weimarer Verfassung von 1919 verbrieften Bürgerrechte sind inzwischen Makulatur geworden. SA, SS und Stahlhelm üben als »Hilfspolizei« staatlich sanktionierte Willkürakte gegen Gegner des Hitlerfaschismus aus, ohne für die von ihnen vorgenommenen Verhaftungen, Folterungen und Morde zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Und dennoch: Die faschistische Partei und ihre deutschnationalen Helfershelfer, die bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 keine absolute Mehrheit erzielen konnten, sind noch nicht endgültig am Ziel angelangt: der irreversiblen Ausschaltung ihrer politischen Gegner.

Entscheidend ist jetzt, wie die Eliten, besonders in der Wirtschaft, in der Justiz und Verwaltung, in der Reichswehr sowie in den Amtskirchen, sich zum noch im Anfangsstadium befindlichen faschistischen Regime verhalten. Ohne ihre Kooperation ist an eine dauerhafte Existenz dieses Regimes nicht zu denken. Das gilt umso mehr, als es schließlich bedeutende ihrer Repräsentanten sind, die am 30. Januar in vollem Bewußtsein der sich daraus ergebenden Folgen die Macht an Hitler übertragen hatten. Eine entscheidende Rolle spielten dabei führende Industrielle und Bankiers (jW-Thema vom 18.5.2012 und 4.1.2013)

RDI für Hitler

Von herausragender Bedeutung ist die Haltung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie (RDI). In seinen Gremien sitzen nicht wenige Unternehmensführer, für die die Installierung des Kabinetts Hitler die Realisierung eines lange gehegten Wunsches darstellt. Angeführt werden sie von Fritz Thyssen, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Vereinigten Stahlwerke AG. Thyssen hatte seit dem Durchbruch der Nazis bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Kanzlerschaft Hitlers propagiert und auch nicht mit hohen Summen gegeizt, die er über seinen »Vertrauensmann« in der NSDAP-Führung, Hermann Göring, der Partei zur Verfügung stellte. Neben Thyssen stehen weitere Großindustrielle bereit, dem »Kabinett der nationalen Konzentration« jede Unterstützung zuteil werden zu lassen. Genannt seien hier nur Ernst Brandi, der mächtige Vorsitzende des »Bergbauvereins« und Vorstandsvorsitzende der Gelsenkirchener Bergwerks-AG sowie Kurt Schmitt, der Vorstandsvorsitzende der Allianz AG Versicherungs­gesellschaft.

Innerhalb des RDI stehen die Zeichen auf Sturm. Fritz Thyssen und seine Parteigänger wollen reinen Tisch machen und den Verband vollständig faschisieren: Jüdische Präsidiumsmitglieder und Angestellte sollen vor die Tür gesetzt, das Gebäude am Schöneberger Ufer in Berlin demonstrativ mit der Hakenkreuzfahne beflaggt und die Einsetzung zweier Staatskommissare, Dr. Hans von Lucke (NSDAP) und Alfred Möller (DNVP), als Garanten für die endgültige Ausrichtung des RDI auf das faschistische Regime, vollzogen werden. Thyssen stellt auf der Präsidiumssitzung am 23. März offen die Machtfrage: »Die nationale Revolution ist noch nicht beendet, sie ist nicht über den Kommunismus gestolpert und wird auch nicht über den Strohhalm des Reichsverbandes stolpern. Es muß dafür gesorgt werden, daß es in Zukunft ausgeschlossen ist, daß eine Gegenströmung gegen die nationale Bewegung entstehen kann. Es ist dies gerade im Interesse der Industrie erforderlich.«

Thyssen vermag sich durchzusetzen. Das aus jüdischer Familie stammende geschäftsführende Vorstandsmitglied des RDI, Dr. Ludwig Kastl, wird am 1. April ebenso seiner Funktionen enthoben wie der jüdische Vizepräsident des Verbandes Paul Silverberg. Tragischerweise hatte dieser Großindustrielle, der als Aufsichtsratsvorsitzender des Rheinischen Braunkohlesyndikats und als Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Köln amtierte, seit Ende 1932 aktiv die Kanzlerschaft Hitlers betrieben und in den von ihm herausgegebenen »Deutschen Führer­briefen«, einer streng vertraulichen und einflußreichen Korrespondenz für leitende Persönlichkeiten in Wirtschaft und Politik, die Errichtung eines faschistischen Regimes propagiert.

Hohe Profite winken

Wer jedoch erwartet, daß sich der Präsident des RDI, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, und andere Exponenten der Monopole gegen die willkürliche Absetzung ihrer jüdischen Verbandskollegen zur Wehr setzen würden, sieht sich getäuscht. Am Ende der Präsidiumssitzung des Verbandes am 23. März wird ein huldvoller Brief an Hitler formuliert: »Durch die Reichstagswahlen vom 5. März ist die Grundlage für ein starkes Regierungsfundament geschaffen, und es sind damit die Störungen beseitigt, die sich aus den ständigen politischen Schwankungen der Vergangenheit ergeben und die wirtschaftliche Initiative stark gelähmt haben. Für den notwendigen tatkräftigen Wiederaufbau kommt es darauf an, die Sammlung und Mitwirkung aller aufbauwilligen Kräfte herbeizuführen. Die deutsche Industrie, die sich als einen wichtigen und unentbehrlichen Faktor für den nationalen Aufbau betrachtet, ist bereit, an dieser Aufgabe tatkräftig mitzuwirken und der RDI wird alles tun, um der Reichsregierung bei ihrem schweren Werke zu helfen.«

Gibt es zu alledem keinen Widerspruch? Hinter verschlossenen Türen hatten Gustav Krupp und Carl-Friedrich von Siemens erneut versucht, die gescheiterte Zentralarbeitsgemeinschaft mit der Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes vorwärts zu bringen. Der Arbeiterdachverband hatte jedoch inzwischen in skandalöser Weise dem Naziregime seine aktive Mitarbeit und Loyalität angeboten.

Die Kumpanei der Wirtschaftsvertreter mit der Regierung Hitler hat jedoch einen nachvollziehbaren Grund: Die in seinen Ansprachen vor der Reichswehrführung am 3. Februar sowie vor den Spitzen der Industrie am 20. Februar 1933 von Hitler angekündigten, groß angelegten Aufrüstungsprojekte versprechen für die Zukunft hohe Profite. Eines der wesentlichen Ziele der Großindustriellen besteht schließlich in der zielgerichteten Vorbereitung eines zweiten »Griffs nach der Weltmacht«, der aus den von der damaligen Reichsregierung begangenen »Fehlern« vor und in dem Ersten Weltkrieg die Konsequenzen zieht: rücksichtslose Ausschaltung der Arbeiterbewegung vor Kriegsbeginn, Bündelung aller ökonomischen Ressourcen für den bevorstehenden Krieg; möglichst konfliktfreie Kooperation staatlicher und privatkapitalistischer Instanzen, wofür neue Institutionen zu entwickeln sind.

Anfangsschwierigkeiten: NSDAP noch nicht ganz kapitalkonform

Die Kooperation staatlicher und marktwirtschaftlicher Instanzen ist noch nicht so weit. Bei den Herren der Industrie und Banken stoßen spontane Aktionen der SA, die sich auch gegen »arische« Unternehmen richten und die am 1. April 1933 zur zeitweiligen Besetzung der RDI-Geschäftsstelle am Schöneberger Ufer in Berlin führen, auf strikte Ablehnung. Forderungen nach Teilhabe an der Geschäftsführung von Unternehmen werden erhoben, Lohnerhöhungen eingefordert. Es liegt der Verdacht nahe, daß mit derartigen Aktionen auch die Interessen kleiner und mittelständischer Unternehmen, deren Inhaber und Geschäftsführer in Scharen den Nazis zugeströmt waren, gegen die Interessenvertretung der Großindustrie ins Spiel gebracht werden sollen.

Auch die in Aussicht gestellte Außenhandelspolitik, die sich vornehmlich vom Gedanken der Autarkie leiten lassen soll, führt zu starken Bedenken bei den Repräsentanten jener Großunternehmen, die im Außenhandel engagiert sind. Vieles wird in den kommenden Monaten davon abhängen, wie die Wirtschaftspolitik des Kabinetts Hitler im einzelnen konzipiert werden wird.

Nur eines ist unübersehbar: Die Herren um Krupp, Thyssen und Siemens ziehen nicht einen Augenblick lang die Legitimität ihrer neu installierten Reichsregierung in Zweifel. Verfassungsbrüche und Terror stören sie nicht. Worum es ihnen geht, ist die möglichst rasche Entwicklung einer wirtschaftspolitischen Blaupause, die Planungssicherheit und Aussicht auf steigende Profite schafft – die Perspektive eines neuen Weltenbrandes eingeschlossen. Reiner Zilkenat

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