7. Oktober 2013

Illustrer Verein

Versammelte die Totengräber der Weimarer Republik: Waldemar Pabst - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 183-2005-0413-500 / CC-BY-SA

Geschichtliche Feinkost statt des Einheitsbreis: Manfred Wichmanns Band über Waldemar Pabst und die »Gesellschaft zum Studium des Faschismus«

Kurt Pätzold

Der Verein, der Gegenstand eines Forschungsunternehmens wurde, das den Autor unter der Doktorvaterschaft von Wolfgang Wippermann zur Promotion führte, bildete eine Randerscheinung der deutschen Gesellschaft. Es ließe sich fragen, ob er überhaupt von solcher Bedeutung war, die so viel Aufmerksamkeit, Arbeitszeit, Einfallsreichtum des Fragens und Forscherfleiß verdiente. Selbst ein Urteil über die politische Wirkung, welche die »Gesellschaft zum Studium des Faschismus«, die wenig mehr als zwei Jahre existierte und von deren Gründung und Ende selbst politisch hochinteressierte Zeitgenossen nur dürftige Nachrichten erhielten, ist schwer zu gewinnen. Es sind wohl drei Tatsachen, die dieser Gesellschaft wiederholt die Aufmerksamkeit von Historikern eintrugen. Erstens spielte sie ihre wie immer zu bemessende Rolle in dramatischen Jahren deutscher Geschichte. Bei ihrer Gründung schrieb man den Dezember 1931, als sie sanft entschlief, endete das Jahr 1933. Zweitens ging ihre Entstehung auf den politischen Ehrgeiz eines Mannes zurück, der sich als Anführer jener militärischen Einheit der Konterrevolution einen Namen gemacht hatte, auf deren Konto die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht stehen – Waldemar Pabst. Drittens wies die Gesellschaft, deren Mitgliederzahl ihr Statut auf 100 begrenzte, eine Zusammensetzung auf, die ein Spektrum der Totengräber der Weimarer Republik ergibt.

Vorbild Italien

Hauptmann Pabst, der sich einer Verhaftung in der deutschen Republik durch die Flucht nach Österreich entzogen hatte, konnte 1931 ins Reich zurückkehren. Da tat er mit hochfliegenden Plänen, die ihn gar ein Angebot Adolf Hitlers ausschlagen ließen, in dessen Führungsmannschaft einzutreten, was ihm vermutlich eine lange Karriere gesichert hätte. Pabst trug sich mit der Idee, eine »weiße Internationale« der »roten« entgegenzusetzen und mit ihr ein Leitungszentrum für alle Bestrebungen in Europa zu schaffen, die auf einen faschistischen Kontinent zielten. Italien galt ihm dabei als Vorreiter und Modell. Das war nicht das Projekt des Führers der NSDAP, dem eine deutsche Ausgabe einer Diktatur vorschwebte und der bei allen Sympathien für Benito Mussolini darauf bestand, daß deren Wurzeln in Germanien und Preußen und nicht im »alten Rom« liegen müßten.

Pabst kam bald dahinter, daß sein Vorhaben etwas groß geraten war, blieb aber bei seiner Vorliebe für das italienische Vorbild. Wenn er auch betonte, daß das künftige Deutschland nicht dessen Klischee sein werde, so sollten doch die Erfahrungen studiert werden, welche die italienische Gegenrevolution gesammelt hatte. Im Vordergrund stand folglich die Gestaltung der politischen und gesellschaftlichen Zustände Deutschlands nach der Beseitigung der Republik, nicht so sehr der praktische Weg dahin. Auf dem würde die von Hitler geführte und geprägte Bewegung eine Rolle spielen, doch die – meinte Pabst – bedürfe der Beratung, namentlich auf dem Felde der Wirtschaft, zumal auf ihm auch Irrwege verhindert werden müßten. Derartige Vorarbeit sollte seine Gesellschaft liefern. In dieser Rollenvorstellung drückte sich die Befürchtung, ja auch das Mißtrauen aus, das in Kreisen der Großbourgeoisie hinsichtlich des innenpolitischen Kurses einer regierenden NSDAP anzutreffen war. Doch Pabst unterschätzte die Fähigkeit der NSDAP-Führung, sich aus eben diesen Kreisen selbst und ohne Vermittlung Ratschläge zu holen.

Pabst hätte sein Projekt wohl nicht voranbringen können, hätte er nicht in »Seiner königlichen Hoheit« Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha einen zahlungskräftigen Förderer gefunden, der auch den Vorsitz der Gesellschaft erhielt. Sie war nicht das erste republikfeindliche Untenehmen, dem der seine materielle Unterstützung zukommen ließ. Der Blaublütige und seinesgleichen verfügten über genug Mittel, denn sie waren nach der Niederlage der Revolution ihrer entschädigungslosen Enteignung entgangen.

Die Tätigkeit der Gesellschaft bestand, darin dürfte ihre Hauptfunktion gelegen haben, in einer Selbstverständigung ihrer Mitglieder, die auch in vielen anderen Zusammenschlüssen aktiv waren, über das künftige Deutschland. In ihm wollten sie ihre Interessen und Ziele uneingeschränkt und in höherem Tempo als in der Republik, die ihnen zunächst als Zufluchtsort gedient hatte, verwirklichen. Zu diesem Zweck wurden intern debattierende Zirkel gebildet und öffentliche Vorträge organisiert, die Mitglieder und Gäste, Kenner der italienischen Zustände zumal, hielten und hörten.

Konkurrenten

Indessen wurde das Projekt durch die geschichtliche Entwicklung überrollt. Hitler gelangte rascher in die Reichskanzlei als von Pabst vorhergesehen und hatte nicht die Absicht, sich von dieser Gesellschaft beraten zu lassen. In der hatte ein erheblicher Teil Deutschnationaler und anderer extrem rechter Personen zusammengefunden hatten, die Hitler, wenn nicht als Widersacher, so doch als Konkurrenten ansah. Die kurze Ministerrolle des Alfred Hugenberg und die etwas längere, bedeutungsarme Franz von Papens veranschaulichten, was der »Führer« von diesen Beratern und ihrer, ihn gegenüber seinen gläubigen Anhängern diskreditierenden Gesellschaft dachte. Auf sie konnte er verzichten und diese Haltung bedeutete auch das Aus für Pabsts Unternehmen.

Dessen Mitglieder- und Fördererbestand bröckelte zudem nach dem 30. Januar 1933 rasch. Immer mehr erkannten, daß ihre Karrieren sich nur dann fördern und sichern ließen, wenn sie sich dem Regime und den faschistischen Organisationen im Umfeld der NSDAP anschlossen und sich in staatlichen Gremien der Diktatur fest etablierten. Die Mitglieder der Gesellschaft besaßen im Umgang mit der Macht meist genügend Erfahrung, um zu wissen, daß man im »Dritten Reich« zur Verteilung der Posten angesichts des Andrangs nicht zu spät kommen durfte.

Diese Geschichte der Gesellschaft hat Manfred Wichmann in »Waldemar Pabst und die Gesellschaft zum Studium des Faschismus 1931–1934«, so trocken die Materie doch über Strecken ist, anschaulich, von einigen überflüssigen Widerholungen abgesehen, dargestellt. Eine Perle seiner Arbeit ist die Rekonstruktion des Mitgliederverzeichnisses und der Liste der so genannten Studienmitglieder. Da finden sich Politiker, Diplomaten, Beamte, kaiserliche Militärs vom General und Admiral bis zum Leutnant, Juristen, Hochschulprofessoren, Journalisten, Verleger, Bankiers und Unternehmer, Rittergutsbesitzer und Grafen, Freiherrn und Barone. Wer die Reihen durchmustert, stößt auf bekannte Namen wie die von Hjalmar Schacht, des Bankiers Fritz Reinhardt, des Großindustriellen Fritz Thyssen, des Reichswehrgenerals a. D. Otto von Stülpnagel, der gerade als Geschäftsführer in die reaktionäre großbürgerliche Presse gewechselt war, auf Wilhelm von Preußen, den einstigen Kronprinzen. Die Liste dokumentiert zweierlei. Zwischen den Spitzen der NSDAP und den elitären republikfeindlichen Gruppen existierten politische Stränge und die in der »besseren Gesellschaft« üblichen Kontakte, lange bevor sich deren Angehörige in der Diktatur einzurichten hatten. In dieser illustren Gesellschaft bewegten sich als ihre Mitglieder die Naziführer Hermann Göring, Hans Frank, Walther Funk, Wilhelm Kube und Hans Hinkel. Und anhand dieser Liste wird deutlich, wie lächerlich die auch anläßlich des 80. Jahrestages der Aufrichtung der faschistischen Diktatur wieder gebotenen Erzählungen sind, die dafür ein halbes Dutzend Personen verantwortlich machen wollen: die beiden Hindenburg, Franz von Papen, den Bankier Kurt von Schröder, Alfred Hugenberg und Hindenburgs Staatssekretär Otto Meißner. So ist das vorliegende auch ein Buch gegen geschichtliche Mangel­ernährung. Gratulation dem Autor und dem Verleger.

  • Manfred Wichmann: Waldemar Pabst und die Gesellschaft zum Studium des Faschismus 1931–1934. Edition Organon, Berlin 2013, 276 Seiten, 24 Euro (im jW-Shop erhältlich: www.jungewelt-shop.de)

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