4. März 2013

Im Dienste der Aufklärung

Im Namen des Christentums: »… hinter all den horrenden Massakern steht unbezweifelbar als Basis und immerwährender Anschub die Moral, besonders die Sexualmoral der Kirche.« (Deschner) Hexenverbrennung in Nürnberg 1555 - Fotoquelle: Wikipedia

Karlheinz Deschners »Kriminalgeschichte des Christentums« kommt zu ihrem Abschluß. Eine Betrachtung der Prinzipien seiner Kritik

Wolfgang Beutin

Am 8. März erscheint der zehnte und letzte Band der »Kriminalgeschichte des Christentums«. Der Verfasser, Karlheinz Deschner, geboren 1924, ist einer der prominentesten Religions- und Kirchenkritiker. Für sein Lebenswerk, dessen erster Band 1986 erschien, wurde mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht.

Religionskritik« und »Kirchenkritik« sind heutzutage geläufige Begriffe, aber beide nicht eindeutig: Man kann prinzipiell Religion als universelles Phänomen der Menschheit und als gegenwärtiges kulturhistorisches Faktum kritisieren oder anhand bestehender Glaubensformen diese oder jene als tatsächliche oder vermeintliche Fehlform sowie Fehlentwicklungen bestimmter Religionen. Man kann prinzipiell Kirche als Bestandteil des Systems Christentum–Kirche–Theologie kritisieren, jedoch auch – am Beispiel einer der christlichen Kirchen, an mehreren oder an allen – bloß ihre Fehlentwicklungen, Fehler und Verbrechen.

In der europäischen und nordamerikanischen Geistes- und Literaturgeschichte sind alle diese Arten von Religions- und Kirchenkritik vorgetragen worden, wobei die Verfasser oft unterschiedliche Akzente setzten, mit unterschiedlichen Graden von Radikalität operierten sowie jeweils unterschiedliche Schlüsse zogen. Um nur einige wenige neuere von ihnen zu nennen – und auch einzig solche, deren Kritik dem Christentum galt, christlichen Kirchen oder Konfessionen und ihren Glaubenslehren. Der Epiker Hans Henny Jahnn bekannte 1946: »Das Kristentum ist mir ungeheuer auf die Nerven gegangen, diese Zweijahrtausende sausende Fahrt in die verkehrte Richtung.« Die Folgerung daraus müßte eine doppelte sein: rasch die Fahrt zu stoppen sowie die während der Fahrt entstandenen Schäden zu reparieren, soweit möglich. In Goethes »zahmer Xenie«, die beginnt: »Glaubt nicht, daß ich fasele, daß ich dichte (›zusammenlüge‹)«, versichert der Dichter: »Es ist die ganze Kirchengeschichte/Mischmasch von Irrtum und von Gewalt.« »Gewalt« kennzeichnet hierbei die kirchliche Praxis, »Irrtum« die Kirchenlehre.

Faktisch die Auflösung des gesamten Christentums, vorab seiner Theologie, mußte im 19. Jahrhundert aus Ludwig Feuerbachs Funden resultieren. Der Philosoph beabsichtigte, das »theologische Ueber« aufzuheben und erkannte Gott – wie jegliche sonstige himmlische Person von der Trinität bis zum kleinsten Heiligen und Seligen – als ein »abstractes, nur gedachtes oder eingebildetes Wesen«, mit einem heutigen Fachbegriff: als eine seelische Projektion, und demzufolge die Theologie als »psychische Pathologie«.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bürgerte es sich ein, die christliche Religion als Geisteskrankheit aufzufassen, das Christentum als nichts denn ein Sanatorium für die Erkrankten. So schreibt Otto von Corvin (1812–1886), ein Achtundvierziger, in seinem »Pfaffenspiegel« (zuerst 1845): »Die Keime der in ihren Folgen gräßlichsten geistigen Epidemien enthält die Religion und keine mehr als die mißverstandene christliche. Sie hat Europa Jahrhunderte hindurch in ein trübseliges Narrenhaus verwandelt und Millionen von Schlachtopfern sind der durch sie erzeugten Tollheit gefallen.«

In seinen kirchenkritischen Forschungen bezeichnete der Amerikaner Henry Charles Lea (1825–1909) die römisch-katholische Lehre als spirituelles Zwinguri, als eine Diktatur über die Gedanken und Gefühle von jedermann. Sie erstrebe »the regulation of every thought, every feeling, and every act of the believer«. Unmöglich sei es gewesen, der geistlichen Autorität klare Grenzen zu ziehen, da sie sie zu unendlicher Ausdehnung neigte. Wie Lea erkannte zu Beginn des 20. Jahrhunderts der schärfste Kritiker des Christentums in Böhmen, Josef Svatopluk Machar (1864-1942), als Inbegriff der Kirchenherrschaft, der Ambitionen Roms den gravierenden Anspruch, absolute Gewalt über das menschliche Innere auszuüben, Macht über die Seelen zu gewinnen. In der Gegenwart sieht der Theologe Eugen Drewermann (geb. 1940) in der bestehenden Religionsform eine Hauptursache der seelischen und geistigen Erkrankungen der Menschen, so daß, wer deren Gesundung wünsche, eine grundlegende Änderung nicht zuletzt auf religiös-kirchlichem Gebiet herbeiführen müsse.

Stupendes Mammutwerk

Von welchen Persönlichkeiten der moderneren Jahrhunderte ließe sich zeigen, daß sie vom Christentum wahrhaftig geprägt waren? Welcher Prominente hielt am Gottesglauben fest und verdiente sich daher die Belobigung durch einen weithin bekannten Kirchenfürsten? Man erinnere sich an historische Worte des Kardinals Michael Faulhaber, der nach einem Zusammentreffen mit Adolf Hitler auf dem Obersalzberg jubilierte: »Der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott.«

Hier paßt eine Aussage Deschners wie die Faust aufs Auge: »Denn Kirchenfürsten stehen, nüchtern oder nicht, wenn irgend möglich, immer bei den Star-Banditen der Geschichte …« So von Anfang an. Einen Kaiser der Frühzeit, Konstantin, rühmen christliche Historiographen bis heute. Aber in Wirklichkeit? »… war er eines der mörderischsten Ungeheuer der Geschichte. Er ließ ermorden: seinen Schwiegervater, seine Schwäger, seinen Neffen, seinen eigenen Sohn, seine Gattin Fausta, die Mutter seiner fünf Kinder …« Was liest man von diesem Mann in frommer Darstellung?: »…führte ein christliches Familienleben«.

Der Verfasser des stupenden Mammutwerks, der »Kriminalgeschichte des Christentums« – in siebenundzwanzig Jahren erschienen zehn Bände, mit zusammen fast 6000 Seiten – kann sich auf den Ausspruch Nietzsches berufen, der sagte: »Ich gehe durch die Irrenhaus-Welt ganzer Jahrtausende, heiße sie ›Christentum‹, ›christlicher Glaube‹, ›christliche Kirche‹.« Flanierend wirft er scharfe Blicke auf das, was sich seinen Augen darbietet. Am meisten auf das erstgenannte, das Christentum. Was ist das aber, das Christentum, das seine Aufmerksamkeit erregt? Dessen Konterfei er zu Papier bringt, wenn er wieder zu Hause ist?

Herbert Vorgrimler äußerte im Neuen Theologischen Wörterbuch: insofern es drei »in ihrer Art nie erschöpfend beschreibbare Komponenten« aufweise, könne »es keine Definition des Ch.[ristentums]« geben; als diese Komponenten nominiert er: die »konkrete Person« Jesus, »das unbegreifliche Gott-Geheimnis« sowie »die Menschen in ihrer Vieldimensionalität zusammen mit ihrer Welt«. Darüber hinaus will er das Christentum in zweierlei Dimensionen verankert sehen: »als Summe der Glaubensinhalte« sowie »als auf ethischen Prinzipien beruhende praktische Lebensführung«. Sprich: als christliche Theologie wie als christliche Praxis.

Deschners Vorhaben läßt sich nun in der Ausdrucksweise dieses Neuen Theologischen Wörterbuchs skizzieren:

– er durchforscht jene »auf ethischen Prinzipien beruhende praktische Lebensführung« der Christenheit;

– als Christenheit betrachtet er die Gesamtheit der (Christen-)Menschen »in ihrer Vieldimensionalität zusammen mit ihrer Welt«.

Was wäre ihre Welt? Wohl die von ihnen vorgefundenen und von ihnen hergestellten Lebensverhältnisse in ihrer jeweiligen Gegenwart.

Kleine Despotenmeute

Im Zentrum des historischen Interesses des Autors steht also jenes menschliche Kollektiv, genannt »Christentum«, wie es zwei Jahrtausende lang durch die Geschichte wanderte: nicht die (Amts-)Kirche allein, nicht einzelne ihrer Institutionen und Institute (z. B. der Heilige Stuhl), sondern die Völker, Nationen, Klassen, Schichten, Gruppen, Individuen christlichen Bekenntnisses, im modernen Jargon: die auf ihre christliche Identität pochen und darauf, daß man ihr Tun und Lassen als eine »auf ethischen Prinzipien beruhende praktische Lebensführung« werte.

Dabei verzichtet Deschner mit Vorbedacht darauf, Unterschiede zwischen den christlichen Konfessionen zu statuieren. Es bleibt dabei: Im Brennpunkt seiner kritischen Historiographie in zehn Bänden steht das Christentum, stehen sie alle. Ja, Unterschiede statuiert er, gewiß. Sie bestehen aber unter den Individuen. Er läßt Unterschiedliches nicht außer acht, markiert auch immer seine Präferenzen: unter den Geistlichen, die agieren, beipielsweise John Wiclif, Jan Hus, unter den weltlichen Amtsträgern etwa die Kaiser Karl IV. und Joseph II. und den mutigen Kanzler Kaspar Schlick, der sich der Verurteilung des Jan Hus heftig widersetzte.

Allerdings flossen in die »praktische Lebensführung« der christlichen Völker und Individuen stets reichlich immaterielle Bestandteile des Systems Christentum–Kirche–Theologie ein, Elemente der Glaubenslehre, speziell der christlichen Ethik. Auch kann christliche Praxis ja niemals abgetrennt von den Institutionen – im Katholizismus vorab dem Papsttum und seinem Regime – gedacht werden. Zwar bezweckte Deschner keineswegs eine Geschichte der römischen Päpste, so wie sie im 19. Jahrhundert Ranke und Ludwig von Pastor abfaßten, und auch keineswegs die Geschichte des christlichen Glaubens oder diverser christlicher Glaubenslehren. Indessen verzichtet er nie darauf, Papstgeschichte und Theologiegeschichte in seine Ausführungen hineinspielen zu lassen, wo es ihm notwendig erscheint.

Deschners wissenschaftliche Maxime lautet: »Ich schreibe also politisch motiviert, das heißt in aufklärerisch-emanzipativer Absicht.« Damit grenzt er sich schroff von der Mehrzahl der Historiker ab, früherer und zeitgenössischer, vor allem, soweit sie die Behauptung aufstellten, »reine« Wissenschaft zu treiben, ohne jegliche politische Intention. Die Regel sei, »daß politische Geschichte auf Macht, Gewalt, Verbrechen beruht; die Regel leider auch, daß dies das Gros der Historiker noch immer nicht beim Namen nennt, vielmehr rühmt – nach wie vor Potentaten und Zeitgeist zu Diensten. (…) Denn wie man Politik zwar für die (Masse der) Menschen machen könnte, gewöhnlich aber gegen sie macht, so wird gegen sie gewöhnlich auch die Geschichtsschreibung geschrieben.« Vor den Werken der Geschichtsschreibung noch entstehen die Quellen. Aber es gilt nicht anders für sie: »Durch den weitaus größten Teil unseres Zeitraumes hofiert die Quellentradition die unterdrückenden und ignoriert die unterdrückten Schichten, präsentiert sie meist glanzvoll die Akteure der Historie, die kleine Despotenmeute derer, die sie machte, und selten oder nie den Buckel derer, die sie ausgetragen.« Was Deschner plant, ist dagegen eine fundamentale Inversion oder die Verkehrung der Perspektive.

Darin hat er eine wichtige Bundesgenossin. Das ist die Sozialgeschichte. Sie sieht als einzige nicht ab von der »Verschränkung politischer und gesellschaftlicher Vorgänge«, und es ist sie, kündigt Deschner in seiner »Einleitung zum Gesamtwerk« an, die in der »Kriminalgeschichte« »eine beträchtliche Rolle spielen wird«.

Aus diesem Gesichtspunkt gelangt er zur Verwerfung ganzer Bücherwände oder Bibliotheken mit Produkten der konventionellen Geschichtsschreibung, mit den Klitterungen von Historikern, die sich zu ihren Lebzeiten gern als Präzeptoren der Nation aufgespielt hatten: »Es ist klar, haben ganze Generationen solche Präzeptoren, werden sie auch von jedem welthistorischen Schandkerl mißbraucht. Stünde es nicht anders um Menschheit und Geschichte, würden diese von der Geschichtsschreibung – und Schule! – ethisch durchleuchtet und geformt? (…) Die meisten Historiker aber breiten den Dreck der Vergangenheit aus, als wäre er der Humus für künftige Paradiese. Und gerade die deutsche Geschichtswissenschaft hat die tradierte Form der Geschichte, der Gesellschaft, die überlieferte ›Ordnung‹ – in Wirklichkeit ein soziales Chaos, ein fortgesetzter innerer und äußerer Krieg – gestützt statt zu ihrem Sturz beizutragen.«

»Aufklärerisch-emanzipativ« bedeutet bei dem Verfasser demnach nicht die Aufklärung um der Aufklärung willen, eine Art l’art-pour-l’art-Prinzip fortschrittlich gemeinter Historiographie, sondern exakt: Aufklärung einer bestimmten Zielgruppe: der Massen, und das historische Werk selber: das Mittel der Aufklärung.

»Aufklärerisch-emanzipativ« bedeutet für ihn auch nirgends, eine Haßkampagne gegen einzelne Menschen, Angehörige christlicher Glaubensgemeinschaften zu führen. Er hält es mit Lichtenberg und Hebbel. Im Verein mit diesen beiden Autoren umreißt der Verfasser, was er mit seinem eigenen Buch beabsichtigt: »Daß die Christen, um auf Lichtenberg zurückzukommen, in corpore und was sie als solche unternommen nie viel wert gewesen, daß man mit Hebbel allen Grund hat, das Christentum zu verachten, diesen historischen Nachweis zu liefern ist die Aufgabe meiner ›Kriminalgeschichte‹.«

Diebstahl und Unterdrückung

Gleich zu Beginn des Christentums ereignet sich schon ein schwerwiegender Diebstahl. Stichwort »Altes Testament«: Wie kam es in die Hände der Christen? Die Wahrheit ist, sie entrissen es den Juden, und man »gebrauchte es als Waffe gegen sie: ein ungeheures Betrugsverfahren, interpretatio Christiana genannt; ein beispielloser, in der gesamten Religionsgeschichte singulärer Vorgang und nahezu der einzige originelle Zug christlicher Glaubenshistorie überhaupt.«

Dies literarische Werk aber, das Alte Testament, vermittelt eine Vorstellung von Gott, deren barbarischer Grundzug kaum überbietbar ist: »Dieser Gott aber, von Absolutheit besessen wie keine Ausgeburt der Religionsgeschichte zuvor und von einer Grausamkeit, die auch keine danach übertrifft, steht hinter der ganzen Geschichte des Christentums! (…) Dieser Gott genießt nichts so sehr wie Rache und Ruin. Er geht auf im Blutrausch.«

Auch sind die kirchengeschichtlichen Abläufe im Christentum, wie sie die Doktrin konstruiert, ein makabres Phantasma. Es entspricht mitnichten der realhistorischen Entwicklung des Christentums: » (…) erst ›Rechtgläubigkeit‹, dann ›Ketzerei‹«, ein »Schema«, »das die Kirche schon zur Aufrechterhaltung ihrer Fiktion einer angeblich ununterbrochenen apostolischen Überlieferung braucht, ist nichts als eine nachträgliche Konstruktion und offenkundig falsch«. Dies Konstrukt will am Anfang die »reine, unverdorbene Lehre« sehen, »die im Lauf der Zeit durch Häretiker und Schismatiker beschmutzt worden« wäre. Eine solche Entwicklung hat es nicht geben können. Weshalb? Weil »nirgends anfangs ein homogenes Christentum« existiert hatte.

Man benötigte also das Phantasma, um die ›Häresien‹, die Abfallbewegungen zu unterdrücken. Aber was war man selber? Was war man durch die Jahrhunderte hindurch? War man nicht selber die Abfallbewegung vom Urchristentum, und dies schon davor, in noch älterer Spanne, im Moment seiner Entstehung die Abfallbewegung von der spätjüdischen Eschatologie?

Aber noch einmal zurück zu den »Häresien«. »Unterdrückung« ist der dominante Ausdruck, wenn man die Theorie und Praxis des Christentums historisch durchleuchtet, zuallererst das Schlüsselwort Unterdrückung der ›Häresien‹. Wieder nur ein einziges Beispiel: »Der von Gregor (Gregor IX., Papst 1227–1241, Anm. d. Verf.) ernannte Dominikanerinquisitor Robert, der auch in Cambrai, Douai, Lille viele Menschen zu Asche machte, ließ allein am 29. Mai 1239 zu Mont-Aime in der Champagne 183 ›Ketzer‹ verbrennen – ein ›großes und dem Herrn wohlgefälliges Brandopfer‹ (maximum holocaustum et placabile Domino), wie der Bericht meldet.« Solche Menschenverbrennungen, nicht selten mit Opfern in vierstelliger Höhe, durchziehen seit dem Mittelalter die Geschichte der Christenheit, vor allem in Europa, und selbst zu Lebzeiten Goethes und Schillers hören die Scheiterhaufen nicht auf zu rauchen: »Die Verbrennung, meist an einem Feiertag, machte die Kirche zu einer Demonstration ihrer faktischen Allmacht, zu einer pompösen rituellen Opferung, attraktiver als jedes andere Kirchenfest. Die Sache hieß mit einem portugiesischen Ausdruck Autodafé, lateinisch actus fidei, war also ein Glaubensakt, fraglos der feurigste der Religionsgeschichte.« Voran ging in der Regel die Folter. »Die Folter hatte schon der hl. Bischof und Kirchenlehrer Augustinus, das Urbild aller mittelalterlichen ›Ketzer‹-Jäger, gegen die Donatisten gestattet, die Folter quasi als Bagatelle gegenüber der Hölle verteidigt, geradezu als eine ›Kur‹, emendatio.«

Die Hölle, was war sie? Wo war sie? Deschner gibt eine Antwort, die vielleicht alle oder keinen überrascht, aber, bei genauerem Nachdenken, sich als die alleinig richtige erweist: das Christentum war die Hölle, »eine Hölle, die Generation um Generation ins Elend stürzt, eine der Grundlagen der Geschichte, die wir haben.«

Der Prototyp des Verfolgers ist Paulus gewesen, derselbe, aus dessen Feder die ältesten Teile des Neuen Testaments stammen. Deschner: »Ein besonderes Vorbild aber für das alle Andersgläubigen verteufelnde Rom wurde der Fanatiker Paulus, der Klassiker der Intoleranz«. Ein Vorbild, das leider zahllose Nachfolger gefunden hat. Beispiel: »Der führende Mann des spanischen Katholizismus, Kirchenlehrer Erzbischof Isidor von Sevilla (um 560–636) (…) hat zu den Judenpogromen aufgereizt und sie gerechtfertigt.« Deschner resümiert: »Die Intensität der altchristlichen Judenfeindschaft läßt sich kaum groß genug denken.«

Die Unterdrückung der Frauen wird am konkretesten greifbar in den Hexenverfolgungen, denen mindestens eine Million Frauen in Europa zum Opfer fielen. »Und wie auch immer die verschiedenen Faktoren des Problems bewertet werden mögen, hinter all den horrenden Massakern steht unbezweifelbar als Basis und immerwährender Anschub die Moral, besonders die Sexualmoral der Kirche.«

Unaufhörliche Mörderei

In alledem zeigt sich – oder zu alledem kommt – als extremes vom Christentum begangenes oder inspiriertes Verbrechen das jahrtausendelange gegen das Leben, diese unaufhörliche Mörderei, diese kontinuierliche Menschenschlächterei, wodurch die Menschenwelt zum Menschenschlachthaus geriet – der Krieg. »Die ganze Geschichte des Christentums war in ihren hervorstechendsten Zügen eine Geschichte des Krieges, eines einzigen Krieges nach außen und innen, des Angriffskriegs, des Bürgerkriegs, der Unterdrückung der eigenen Untertanen und Gläubigen.« Ist es gestattet, sich diesen Sachverhalt so zurechtzulegen: Krieg wäre in den Anfängen und noch bis in die ältere Neuzeit hinein nicht als das Fürchterliche empfunden worden, was es denn in Wirklichkeit ist, wurde empfunden eher als Bestandteil des Alltags, der Normalität, der realen Historie der Menschengattung? Deschner widerspricht entschieden: »Doch hat man stets, wenigstens in den letzten 2000 Jahren, Raub, Mord, Ausbeutung, Krieg für das gehalten, was sie waren und sind.«

Bereits der Kirchengeschichtsschreiber Eusebius und der Kirchenvater Laktanz »machen – mit Hilfe einander widersprechender Legenden (das heißt: ›frommer‹ Lügen) – den militärischen Sieg Konstantins über Maxentius »zu einem Sieg ihrer Religion über die alte. Sie begründen damit eine im Christentum völlig neue, über Karolinger, Ottonen, bis in den Ersten und Zweiten Weltkrieg buchstäblich verheerend fortwirkende politisch-militante Religiosität, die sogenannte Kaisertheologie.«

Der hl. Leo I. (440–461) »führte als erster Papst im Namen der Kirche Krieg«, zugleich war er der erste Papst, »der grundsätzlich seine Kriege aus der Religion herleitete«. Neben dem Krieg nach außen, neben den Kreuzzügen wurde Krieg nach innen geführt, Kreuzzüge im Innern, Kriege von Christen gegen Christen. »Noch ehe man die Heiden massakrierte, kam es zur ersten, im Namen der Kirche geführten Christenverfolgung, zu Martyrien von Christen durch Christen, zu einem blutigen Bauernkrieg auch«. Als die Kreuzzüge nach außen schwieriger wurden oder ohne Erfolge blieben, fand man sogleich den Ausweg. »Als sie, infolge der Rückschläge, zunächst nach außen verebbten, führte man sie nach innen, gegen Christen, ›Ketzer‹, ›Rebellen‹ und schließlich gegen alle möglichen Feinde von ›Ordnung‹ und ›Recht‹, bis hin zu dem scheußlichsten Religionsgemetzel aller Zeiten, dem der katholischen Kroaten gegen die serbischen Orthodoxen (1941–1943)«.

Zum heiligen Krieg erläutert Deschner: »In Wahrheit geht es hier um Mord, ein jahrtausendlanges Schlachten, das nun, da im Namen der ›Frohen Botschaft‹, der ›Religion der Liebe‹, Gottes selbst, getätigt, auch noch als gerecht, gut erklärt, das verklärt, ja, das ›heilig‹ wird – Gipfelpunkt des Kriminellen: ›heiliger Krieg!‹ Es war, neben Inquisition und Hexenverbrennung, das einzig halbwegs Neue im Christentum.«

Was lehrt das Verhältnis des Christentums zum Krieg? Deschner zieht das vernichtende Fazit: »Denn einmal beiseite die notorische Volksverblödung, Ausbeutung und systemimmanente Heuchelei, lebten diese christlichen Reiche und Reichen von nichts mehr als von Eroberung und Raub: der alles – vom kulturellen Klingklang bis zum klerikalen Singsang – tragende Grund, die scheinbar gottgewollte Daseinsbasis.«

»Denn gewiß ist militärische Macht, das heißt die Gewalt, der Krieg, nicht nur, wie man schrieb, ein Grundanliegen staufischer Reichsideologie, sondern des ganzen – doch so christlichen! – Mittelalters, ja, das beherrschende Geschichtsprinzip überhaupt. Das Verbrechen des Krieges, von den mehr oder weniger kaschierten Verbrechen des Friedens jeweils vorbereitet, das ist der kriminelle Kreislauf dessen, was wir Historie, politische Geschichte nennen, im wesentlichen jedenfalls, in Antrieb wie in Zielsetzung«.

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums - Band 10: 18tes Jahrhundert und Ausblick auf die Folgezeit / Könige von Gottes Gnaden und Niedergang des Papsttums. Rowohlt, Reinbek 2013, 320 Seiten, 22,95 Euro

Wolfgang Beutin, Jg. 1934, ist Literaturwissenschaftler und Privatdozent an der Universität Bremen.

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