15. August 2013

Im Dienste des Tenno

Chinesisches Mädchen einer japanischen „Trosteinheit“ mit einem britischen Offizier in Rangun - Fotoquelle: Wikipedia

Zwangsprostituierte der japanischen Armee fordern Entschuldigung und Entschädigung. Politiker in Tokio betreiben auch 68 Jahre später Geschichtsklitterung

Rainer Werning

Wir erwarten, daß die japanische Regierung die Wahrheit enthüllt, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht, sich offiziell für diese Verbrechen entschuldigt, die Opfer gemäß internationalen Rechtsnormen entschädigt, die Geschichtsbücher korrigiert und ein Mahnmal errichtet.« Für diese Forderung demonstrieren seit dem 8. Januar 1992 mittlerweile altgewordene Frauen im Zentrum der südkoreanischen Hauptstadt Seoul vor der japanischen Botschaft. Jeden Mittwoch zur Mittagszeit – bei klirrender Kälte oder sengender Hitze. Dann lassen sich die Frauen, einige auf mitgebrachten Klappstühlen sitzend, vor dem Botschaftsgebäude des östlichen Nachbarn nieder und entrollen Transparente mit der oben genannten Forderung.

Traurig und bizarr zugleich ist diese allwöchentliche Inszenierung. Die Gruppe der Demonstrantinnen, allesamt ehemalige Zwangsprostituierte des japanischen Militärs, wird stets kleiner. Und das ihnen widerfahrene Unrecht erdrückender, solange Signale eines Schuldeingeständnisses aus Tokio ausbleiben. Den zumeist Endachtzigern, teils gebrechlichen, teils von Krankheit gezeichneten Frauen steht, umringt von nur wenigen neugierigen Passanten, ein gnadenlos überlegenes, mitunter sogar martialisch ausgerüstetes Aufgebot junger Polizisten gegenüber. Offensichtlich befürchten sie, daß radikale Studentinnen die Frauendemonstration unterstützen. Hinter den Botschaftsmauern und Schutzschilden der Sicherheitskräfte schotten sich die Verantwortlichen ab.

Zu den Opfern des japanischen Militarismus in Ost- und Südostasien zählten schätzungsweise 200000 Mädchen und Frauen aus Korea, China, den Philippinen, Indonesien (im damaligen Niederländisch-Indien waren auch einige Holländerinnen betroffen), Portugiesisch-Timor (seit Mai 2002 die Republik Osttimor) und Birma/Myanmar, die von den Truppen der Kaiserlich-Japanischen Armee zwischen 1932 und 1945 gewaltsam in Soldatenbordelle verschleppt wurden. Die meisten dieser Zwangsprostituierten waren Koreanerinnen, die Zahlen schwanken zwischen 80000 und 120000. Die Gewalt, die ihnen angetan wurde, wurde mit vielerlei Begrifflichkeiten kaschiert – allesamt herabsetzend oder beschönigend. So wurden sie im Englischen »comfort women« genannt, was im Deutschen »Trostfrauen« bedeutet und die Betroffenen als willfährige »Trösterinnen« denunziert. Während des Krieges nannte man sie in Korea »jungshindae«, was so viel heißt wie: »Den Körper freiwillig für die Arbeit einsetzen«.

Erst zu Beginn der 1990er Jahre brachen mutige Frauen aus Korea und den Philippinen ihr langjähriges Schweigen und machten in der Öffentlichkeit auf ihr Schicksal aufmerksam. Fast ein Jahrzehnt verstrich, bis die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen, Gay McDougall, im Jahre 1998 die Vergewaltigungscamps der japanischen Armee als »eklatante Menschenrechtsverletzung« einstufte und eine internationale Gruppe von Juristinnen anläßlich eines – symbolischen – Kriegsverbrechertribunals in Tokio deshalb auch Kaiser Hirohito Mitte Dezember 2000 der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig sprach.

Die Zwangsprostituierten der Kaiserlich-Japanischen Armee waren gewaltsam rekrutiert und in Hunderten von Militärbordellen, die in den oben genannten Ländern sowie in Rabaul (der japanischen Kommandozentrale während des Pazifikkrieges in Papua-Neuguinea) errichtet wurden, systematisch mißbraucht worden. Die Generalität hatte sich für den Bau solcher Bordelle eingesetzt, weil sie Unruhen in der Bevölkerung befürchtete, wenn es zu unkontrollierten Vergewaltigungen durch marodierende japanische Soldaten gekommen wäre. Durch die militärische Kontrolle der Bordelle wollte man zudem vermeiden, daß sich Geschlechtskrankheiten verbreiteten, und sicherstellen, daß die Opfer nicht flüchteten und eventuell militärische Geheimnisse verraten konnten.

Noch heute schweigen japanische Politiker über diese Aspekte des Krieges. So zitierte die auflagenstarke Tokioter Tageszeitung Yomiuri Shimbun Hashi­moto Toru, den Bürgermeister von Osaka, am 14. Mai 2013 mit den Worten: »Die Trostfrauen waren zu jener Zeit notwendig, um die Ordnung in der Armee aufrechtzuerhalten.« Gegen eine solche bösartige Geschichtsklitterung verwahrte sich gestern anläßlich des Jahrestages der japanischen Kapitulation u.a. auch die »Japanische Fraueninitiative Berlin« in einem offenen Brief an Premierminister Abe Shinzo.

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