20. Mai 2014

In Gang setzen

»Politik macht man, indem man sein Leben riskiert, oder man redet erst gar nicht davon.« Roque Dalton ließ das seine, weil die eigenen Genossen sagten, er sei ein »Agent des Feindes«

Aus Anlaß einer Filmpremiere: Huldigung an den salvadorianischen Schriftsteller und Revolutionär Roque Dalton (1935–-1975)

Erich Hackl

Die schönsten Stellen in Tina Leischs Porträtfilm »Roque Dalton, erschießen wir die Nacht!« sind zweifellos solche, an denen sich Passanten, Wirtinnen, Müßiggänger, Schulmädchen, Sträflinge und Polizisten über den salvadorianischen Dichter und Revolutionär äußern. An denen sie vorlesen, was er geschrieben hat, und dabei erkennen lassen, wie gültig ihnen sein Werk erscheint. Das ist nicht nur deshalb erstaunlich, weil seit Daltons Tod fast vierzig Jahre vergangen sind, sondern weil er nicht davor zurückschreckte, komplexe Sachverhalte auch komplex darzustellen und starke Empfindungen, wie die Liebe, übermütig zu verrätseln. Er war eben, wie sein Landsmann Jaime Barba gesagt hat, kein Barde, sondern ein Intellektueller. »Diese Klarstellung ist nicht selbstverständlich. Um gute Verse zu schmieden oder sich um einigermaßen effektvolle Fiktionen zu bemühen, braucht es eine gewisse Fingerfertigkeit, nicht aber eine intellektuelle, reflexive, präzise Grundlage. Das ist auch gut so. Aber im Fall Dalton ist die Literatur eng mit einer expliziten Weltsicht verknüpft. Roque Dalton läßt sich nicht in zwei konträre Wesen – hier der gescheiterte Dichter, da der einem Irrtum erlegene Revolutionär – aufspalten.«

Das hatte auch Leisch erkannt, als sie vor einigen Jahren ihr Filmprojekt begründete: »Dalton war Pionier einer linken Geschichtsschreibung und Kulturforschung seines Landes, er machte emphatisch Gebrauch von ›Guanakismen‹ (salvadorianischen Varianten des Spanischen) und integrierte als erster Dichter Mittelamerikas die Sprache der Straßen und Spelunken, Bordelle und Gefängnisse in seine Dichtung. Er beschoß eine sich globalisierende Popkultur mit antikapitalistischen Pointen und kritisierte politische Befreiungskonzepte mit der fein geschliffenen Machete seines Witzes. Sein Leben und Werk steht – exemplarischer noch als das Che Guevaras – für den Versuch, neokoloniale und imperialistische Unterdrückungsstrukturen mit literarischen und politischen Mitteln zu bekämpfen, aber auch für die Widersprüche und Konflikte, in die man dabei geraten kann.«

»Armer kleiner Dichter«

Weil ich selbst, wenn auch nur am Rand, an Leischs Film beteiligt war, will ich ihn nicht kommentieren, aus Anlaß seiner Deutschland-Premiere lieber Neugier wecken auf den Schriftsteller, der im deutschen Sprachraum wenig bekannt ist. Daltons Biografie in aller Kürze: Geboren 1935 in San Salvador, als uneheliches Kind einer Krankenschwester und eines aus den USA stammenden Großgrundbesitzers; aufgewachsen in kleinbürgerlichen Verhältnissen, aber unterrichtet an einer Jesuitenschule für Oberschichtkinder. Der Vater spendiert ihm ein Studienjahr in Chile. Dort erste Berührung mit marxistischen Ideen; nach der Rückkehr in El Salvador, neben dem Studium der Jurisprudenz, intensive literarische und politische Aktivitäten, jeweils nicht isoliert, allein, sondern gemeinsam mit anderen jungen Schriftstellern, ab 1957 als Mitglied der Kommunistischen Partei. Heirat mit Aída Cañas und Geburt dreier Söhne: Roque Antonio, Juan José, Jorge. Die Dichtergruppe um Dalton radikalisiert sich unter dem Einfluß des Guatemalteken Otto René Castillo, bricht mit den bis dahin dominanten Einflüssen, dem Modernismus Rubén Daríos, der Sprachgewalt Pablo Nerudas, nimmt sich den Peruaner César Vallejo zum Vorbild, der auf originäre Weise die Errungenschaften des Surrealismus mit dem sozialen Realismus verbunden hat. Dalton wird als Kommunist verfolgt, festgenommen, zweimal durch Zufall oder Vorsehung vor der Exekution gerettet. Zuflucht in Guatemala und Mexiko. Dann ist er, in Havanna, Prag, wieder Havanna, dauerhaft im Exil, ehe er im Dezember 1973 nach monatelanger militärischer Ausbildung und einer kosmetischen Gesichtsoperation nach El Salvador zurückkehrt, um in den Reihen einer Guerrillaorganisation, des Ejército Revolucionario del Pueblo, den Volksaufstand zu schüren. Im Mai 1975 wird er vom Führungsgremium des ERP wegen Sedición, Aufwiegelung, zum Tode verurteilt und erschossen. Man kennt die Namen der Täter, nicht aber ihre wahren Beweggründe: Eifersucht, weil er einem von ihnen die Freundin ausgespannt hat; disziplinloses Verhalten; Kritik an der militaristischen Ausrichtung der Organisation …? Einem Kommuniqué des ERP zufolge sei Dalton ein »Agent des Feindes und der CIA« gewesen. Diese Nachrede hatte ihm, wie er in seinem postum erschienenen autobiografischen Roman Pobrecito poeta que era yo (»Armer kleiner Dichter, der ich war«, deutsch 1986) geschrieben hat, elf Jahre zuvor ein CIA-Agent prophezeit. In der revolutionären Linken El Salvadors bleiben seine Todesumstände lange Zeit ein Tabu – gerechtfertigt durch die Absicht, die untereinander zerstrittene Opposition zu einen und dann, als dies gelungen ist, im Bürgerkrieg (1980–1991) nicht durch Erörterung krimineller Praktiken zu schwächen. Erst seit dem ersten Wahlsieg der vom Guerrillabündnis zur Linkspartei gewandelten Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) 2009 werden sie in El Salvador breit diskutiert. Das ändert nichts daran, daß die des Mordes an Dalton Verdächtigen bis heute nicht gerichtlich belangt worden sind. Einer von ihnen, Alejandro Mira Rivas, soll vor fünf Jahren in Mexiko-Stadt gestorben sein. Der zweite, Joaquín Villalobos, lebt in Oxford und hat die Regierungen Mexikos und Kolumbiens in der Aufständischenbekämpfung beraten. Der dritte, Jorge Meléndez, ist vor wenigen Tagen vom neugewählten Präsidenten El Salvadors in seinem Amt als Direktor für Zivilschutz bestätigt worden.

Von der eigenen Utopie getötet

Man könnte, wie der Romancier Horacio Castellanos Moya, zur Ansicht gelangen, daß Dalton von seinem eigenen Modell, dem des kämpfenden Schriftstellers, von »seiner eigenen Utopie« getötet worden sei. Dem wäre entgegenzuhalten, daß die Todesumstände des Dichters zwar symptomatisch, aber nicht typisch waren. Hätte Dalton, seinem Wunsch entsprechend, in einer anderen Guerrillaorganisation Aufnahme gefunden, dann wäre die Kugel, die ihn tötete, eher vom Feind und nicht von den vermeintlichen Gefährten abgefeuert worden, wie im Fall seines ältesten Sohnes, der im Oktober 1982, bei einer Offensive der Regierungstruppen, gefallen ist. Oder wie in so vielen anderen Fällen von Schriftstellern, die als revolutionäre Regimegegner ums Leben gekommen sind: unter anderen der schon erwähnte Otto René Castillo, der Peruaner Javier Heraud, der Nicaraguaner Leonel Rugama, die Argentinier Haroldo Conti, Francisco Urondo und Rodolfo Walsh. Einigen von ihnen wäre allenfalls anzulasten, daß sie das politische und militärische Kräfteverhältnis falsch eingeschätzt oder das Gewicht der Literatur, ihrer Literatur, unterschätzt haben: Schreibend im Exil wären sie den Kämpfenden nützlicher gewesen. Mit diesem Argument hatte Salvador Cayetano Carpio, der Mitbegründer der Fuerzas Populares de Liberación, Daltons Bitte um Aufnahme in seine Organisation abgelehnt. Eine Ausrede vielleicht, weil er ihm nicht zutraute, die Strapazen zu ertragen, Disziplin zu wahren, den Alkohol zu meiden. Carpio soll auch das Gerücht von der Agententätigkeit des Dichters gestreut haben.

Offen bleibt, ob die repressive Kulturpolitik Kubas Anfang der siebziger Jahre Daltons Entscheidung beschleunigt hat. 1970 war ihm von Funktionären vorgeworfen worden, Ernesto Cardenal nicht daran gehindert zu haben, sich über die Lage der Homosexuellen, den Strafvollzug, die Versorgung und Behandlung von Geisteskranken zu informieren. Als Reaktion auf die Kritik hatte Dalton sich aus dem Mitarbeiterstab der Literaturzeitschrift Casa de las Américas zurückgezogen. Ein Jahr später war die marxistische Monatsschrift Pensamiento Crítico, deren Mitarbeitern er eng verbunden war, von der Regierung eingestellt worden, und kurz darauf hatten Beamte der Staatssicherheit einen seiner Freunde, den Lyriker Heberto Padilla, wegen »konterrevolutionärer Aktivitäten« verhaftet. Dies, mehr noch die darauffolgende Selbstkritik, in der Padilla die Schuldgeständnisse der Angeklagten bei den Moskauer Prozessen 1937 karikierte, kostete das Regime die Sympathien renommierter Intellektueller in Europa.

Möglich also, daß Dalton die politische Erstarrung fürchtete, den von Apologeten des Bestehenden als unausweichlich postulierten Wesenszug jeder siegreichen, aber vom Klassenfeind bedrohten Revolution, sich der repressiven Gewalt schuldig zu machen. Ausschlaggebend war sie freilich nicht für seinen Wunsch, den bewaffneten Kampf aufzunehmen, innerhalb einer organisatorischen Struktur, die er – Castellanos Moya zufolge – »als die reinste und am meisten authentische angesehen hatte, die einzige, die er in seinen Versen nicht kritisiert hatte«. Unzutreffend ist in seinem Fall auch der oft erhobene Vorwurf, daß linke Künstler und Intellektuelle ihre Sehnsucht nach Belieben verlagern, dorthin, wo sie gerade nicht sind: in eine andere Klasse, auf einen anderen Kontinent, in eine andere Zeit, und deshalb von einem Schuldgefühl geplagt werden, einer Art Phantomschmerz, nachdem scheinbar das Subjekt der Geschichte verschwunden ist. Dalton hatte kein Schuldgefühl, sondern einen Anspruch. Im titelgebenden Gedicht des Bandes Taberna y otros lugares (»Kneipe und andere Orte«, 1969), das aus aufgeschnappten Prager Wirtshausgesprächen montiert ist, heißt es: »Politik macht man, indem man sein Leben riskiert, oder man redet erst gar nicht davon. Klar, man kann auch Politik machen, ohne das Leben zu riskieren, aber wie einer gemeint hat: Nur im Lager des Feindes.«

Ein hinkender Tausendfüßler

Dieses Risiko einzugehen, trotzte ihm nicht den Verzicht auf die Literatur ab. Mit 28 Jahren hatte er in einem Aufsatz über »Dichtung und Militanz in Lateinamerika« geschrieben: »Jemand hat Dichter als Menschen definiert, die nicht normal leben können, wenn man ihnen das Schreiben verbietet. Die Beschaffenheit dieses Konzepts ähnelt der eines Gefühls, das seit langem in mir verwurzelt ist: das der Unmöglichkeit, kreative Arbeit außerhalb der Reihen der Revolution auszuüben. Wenn die Revolution, das heißt der Kampf meines Volkes, meine Partei, meine revolutionäre Theorie die Grundpfeiler sind, auf die ich mein Leben bauen will, und wenn ich das Leben in seiner ganzen Intensität als den großen Ursprung und den großen Inhalt von Dichtung ansehe – welchen Sinn hat es dann, an literarisches Schaffen zu denken, wenn man die Pflichten des Menschen und des Militanten aufgibt? Zweifellos keinen. Und das, es sei hier klargestellt, hat nichts mit der ›expressiven Form‹ (man verzeihe mir die Redundanz) zu tun, mit der Dichtung selbst den bürgerlichen Ansprüchen gerecht werden muß.«

Tatsächlich setzte Dalton seine literarische Arbeit auch im Untergrund fort. Die Poemas clandestinos wurden zwei Jahre nach seinem Tod von der Resistencia Nacional, einer vom ERP abgespaltenen Organisation, hektographiert und verbreitet. Ihr Verfasser hatte die Gedichte fünf Heteronymen zugeordnet, die sich – der jeweils ersonnenen Biographie zufolge – aus unterschiedlichen Gründen für den Kampf gegen das Regime entschieden haben. Gemeinsam ist ihnen, vier Männern und einer Frau, die Gewißheit, die richtige Wahl getroffen zu haben, die spürbare Freude daran, zu ungewöhnlichen Einsichten zu gelangen oder die gewöhnlichen auf ungewöhnliche Art zu referieren und die einfache Sprache. Die genaue Kenntnis der nationalen Geschichte, die häufige Verwendung von Zitaten aus Zeitungen, Gedichten und Politikerreden, vor allem aber der sarkastische Tonfall machten es nicht schwer, den für seine Spottlust und Respektlosigkeit bekannten Urheber zu identifizieren.

Mehrere dieser »klandestinen Gedichte« sind noch während des Bürgerkriegs vertont und in den befreiten Zonen des Landes gesungen worden, werden weiterhin gesungen. Sein Poema de amor gilt überhaupt als offiziöse Nationalhymne. Das überrascht schon deshalb, weil es Not, Elend und Gewalt der »gottverdammten Guanaco-Hunde« aufzählt und sich erst in den Schlußversen emphatisch wendet:

Die jeden Dreck machen, jeden Dreck verkaufen, jeden Dreck fressen.
Die als erste das Messer in der Hand haben.
Die traurigsten Menschen der Welt.
Meine Landsleute, meine Brüder.

Kaum weniger populär als dieses »Liebesgedicht« ist die in der ersten Person abgefaßte Lebensbeschreibung des Revolutionärs und Schuhmachers Miguel Mármol (»Die Welt ist ein hinkender Tausendfüßler«, deutsch 1997). Dalton war diesem »roten Gespenst« El Salvadors, das seine eigene Hinrichtung 1932 und ein halbes Dutzend Mordanschläge auf wundersame Weise überlebt hat, in Prag begegnet. Die dort geführten Gespräche verdichtete er zum packenden Porträt eines Menschen, der sich bei aller Tragik Witz, Zärtlichkeit und Lebensfreude bewahrt hat. In Mármols Biographie spiegelt sich die seines Chronisten ebenso wie die kollektive, die der armen und rebellischen Salvadorianer.

Dalton war kein »perfekter« Dichter. Bei der Lektüre weiß man oft nicht, ob ein kühner poetischer Einfall seiner Produktivität geschuldet ist, seiner Unbekümmertheit oder seinem Kalkül. Aber gerade das Unfertige, Ungeglättete der Sprache, ihr Widersinn machen die Gedichte und Prosastücke so frisch. Anregend, sie aufzunehmen und fortzusetzen:

Entdecken,
entziffern,
artikulieren,
in Gang setzen:
alte Tätigkeiten der Befreier und der Märtyrer,
denen wir nun verpflichtet sind,
die drüben unsere Schritte zählen:
vom Frühstück zum Traum,
von Geheimnis zu Geheimnis,
von Aktion zu Aktion,
von Leben zu Leben.
Geschichte auf dem Kopf

In einem Interview hatte er auf die Frage nach seinen Vorbildern gemeint, daß außerliterarische Elemente für ihn zunehmend wichtiger würden, »zum Beispiel, was das Kino betrifft, die französische Nouvelle Vague, Filme von Chabrol, von Truffaut«, die ihm nicht nur Kriterien zur Beurteilung der eigenen Arbeit gegeben hätten, sondern sogar formale poetische Verfahren hinsichtlich Schnittechnik und Bilderfolge.

Zwei Bücher will ich in diesem Zusammenhang hervorheben. Beide sind aus eigenen und fremden Texten montiert, mit weichen und mit harten Übergängen. Die weichen halten den roten Faden – chronologisch, thematisch –, die harten zerreißen ihn, um überraschende Zusammenhänge herzustellen: Las historias prohibidas de Pulgarcito (»Däumlings verbotene Geschichten«, deutsch 1989) und »Un libro rojo para Lenin (»Ein rotes Buch für Lenin«). Das erstgenannte ist noch zu Lebzeiten seines Autors erschienen, 1974, und stellt die offizielle Geschichtsschreibung El Salvadors auf den Kopf, die der ehrwürdigen, tapferen und uneigennützigen Helden der Nation, indem es diese mit viel Witz und Ironie, aber auch mit lapidarem Ernst als Schlächter, Verräter und Räuber entlarvt. Zwei blutig niedergeschlagene Aufstände, der indigene von 1833 und die Revolte landloser Bauern 99 Jahre später, bilden die Achse der »verbotenen Geschichten«. Dalton rehabilitiert ihre Anführer Anastasio Aquino und Farabundo Martí als die eigentlichen Helden El Salvadors und verweist auf die Aktualität ihrer Forderungen. Auch den sogenannten Fußballkrieg zwischen El Salvador und Honduras, von Mai bis Juli 1969, zeigt er in einem neuen Licht – als Folge chauvinistisch verbrämter Wirtschaftsinteressen –, indem er Zitate aus Agenturmeldungen, Zeitungsberichten, Flugblättern und Hetzreden aneinanderreiht. Der Gesamteindruck, der sich aus der Lektüre dieser »Materialien für ein Gedicht« ergibt, wird im Titel vorweggenommen: »Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, und die Politik ist nur die Quintessenz der Ökonomie«.

Daltons Anspruch besteht darin, die fatale Trennung zwischen den historischen und den gegenwärtigen Kämpfen aufzuheben, fatal deshalb, weil durch sie ein ums andere Mal die gemeinschaftliche Erfahrung verlorengeht. Die Geschichte erscheint bei ihm, allen geschilderten Greueln und Niederlagen zum Trotz, nicht als vernichtende Macht, sondern – profaner, verbindlicher – als Privateigentum, dessen Inhaber auch die Inhaber der meisten irdischen Güter sind. Man soll nicht glauben, daß diese Sichtweise heute, und auf Europa bezogen, überholt wäre. Denken wir nur an die politischen Interessen, die sich mit der Geringschätzung des antifaschistischen Widerstands und dem nach wie vor virulenten Antikommunismus verbinden.

Für Lenin

»Ein rotes Buch für Lenin« ist zwischen 1970 und 1973 entstanden, aber erst 1986 – in Nicaragua – erschienen. Anlaß waren die von Casa de las Américas geplanten Aktivitäten zum 100. Geburtstag des russischen Revolutionärs, und Dalton ging es darum, dessen Aktualität im Kontext der politischen Debatten innerhalb der lateinamerikanischen Linken zu entdecken. Damals diente den Kommunistischen Parteien des Kontinents Lenins Schrift »Der ›linke‹ Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus« (1920) als Argument gegen die Verfechter des bewaffneten Kampfes. Dalton drehte es um, indem er sich auf die Frage der Machterringung konzentrierte und hierfür die kurz vor der Oktoberrevolution entstandene Abhandlung über »Staat und Revolution« heranzog, Lenin also zum Kronzeugen dafür aufrief, daß sich der Kapitalismus im Rahmen des bürgerlichen Staates nicht verändern lasse (der Militärputsch in Chile, am 11. September 1973, galt ihm als erschreckend zeitnahes Beweismittel). Eine Bewegung, die den Kapitalismus stürzen will, müsse ihre eigenen politischen Strukturen entwickeln.

Eigentlich ist Dalton gleichzeitig Autor und Herausgeber dieser Collage: Denn die knapp hundert Kapitel bestehen zum größeren Teil aus Zitaten – von Lenin selbst, aber auch von Trotzki, Gramsci, Lukács, Guevara, sowjetischen Lenin-Exegeten, Ho Chi-Minh, Régis Debray, den Castro-Brüdern. Dazu kommen Exzerpte aus Vorträgen, Wortfetzen, Losungen von Plakaten, eigene Gedichte und Miniessays. So entschieden Dalton, in der Zusammenführung des heterogenen Materials, für die Strategie des bewaffneten Kampfes eintrat, so wenig konnte er sich den Humor verkneifen, mit dem er den Jargon der Militanz in die Sphäre des Alltags übersetzte. Das Problem, dem er sich – nach eigenen Worten – mit diesem Buch stellte, bestand darin, »über Lenin in Lateinamerika zu sprechen, und mit dem erschwerenden Umstand, dies von einem Gedicht aus zu tun«.

Ich halte »Un libro rojo para Lenin« für Daltons aktuellstes Werk, ungeachtet des Anscheins, daß es das doktrinärste, am wenigsten eigenständige, am meisten situationsgebundene ist: Es trifft sich mit dem Problem heutiger Autoren, über die Revolution in Europa zu sprechen, »und mit dem erschwerenden Umstand«, sich dabei auf Lenin zu beziehen. Dietmar Dath hat dies getan, u.a. in einer kommentierten Neuausgabe von »Staat und Revolution«, 2012, und im selben Jahr der spanische Publizist Constantino Bértolo, im Vorwort zu einem von ihm zusammengestellten Sammelband von Lenin-Schriften mit dem programmatischen Titel El revolucionario que no sabía demasiado, »Der Revolutionär, der nicht zu viel wußte«. Von den verschiedenen Absichten, die Bértolo mit seiner Anthologie verfolgte, ist die titelgebende wohl die interessanteste: Lenin nicht als Verkünder ewig gültiger Wahrheiten vorzustellen, sondern als einen Menschen, der ständig gezwungen war, »auf die Dringlichkeit des Neuen zu reagieren«. Gemeint sind damit, auf Spanien bezogen, die Protestbewegungen des 15-M gegen den neoliberalen Umbau des Staates, die in abgeschwächter Form trotz des neuen Sicherheitsgesetzes weitergehen – in Aktionen zur Verhinderung von Zwangsräumungen verschuldeter Wohnungsinhaberinnen, Flash-Mobs in Bankfilialen, Kundgebungen vor den Wohnungen oder Villen korrupter Politikerinnen und Unternehmer. Der Emotionalismus der Indignados, ihre Fetischisierung der Vollversammlung als Entscheidungsgremium und ihre Opposition gegenüber Parteien und Gewerkschaften, die sie unisono als Teil des Systems abtun, wirft für Bértolo die Frage nach »der Organisation der Unzufriedenheit und des Protestes« auf, und diese Frage habe notgedrungen auch Lenin und seine Mitstreiter beschäftigt, die aufgrund der ausgebliebenen Revolution in den industrialisierten Ländern vor unvorhergesehenen Problemen gestanden seien. Es ist also nicht der charismatische Parteiführer, den Bértolo präsentiert, sondern der flexible Revolutionär, der imstande war, auf neue Gegebenheiten zu reagieren. Aber welche Anhaltspunkte ergeben sich daraus für die Literatur? Die Antwort ist, glaube ich, bei Roque Dalton zu finden.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/05-20/018.php