29. Juli 2013

In Wyhl fing alles an

Aufkleber gegen den Bau des Kernkraftwerkes Wyhl, 1975 - Fotoquelle: Wikipedia

Vor 40 Jahren wurde das badische Dorf als Standort für ein Atomkraftwerk benannt

Reimar Paul

Keine Plakate, keine Aufkleber, keine Fahnen. Nur wenig, nein, gar nichts erinnert daran, daß in Wyhl die Wiege der Anti-AKW-Bewegung stand. Daß die Menschen aus der Region sich hier zu Zehntausenden gegen das geplante Atomkraftwerk zur Wehr setzten.

Ursprünglich wollte das Badenwerk den Reaktor im wenige Kilometer entfernten Breisach bauen, erinnert sich Günther Sacherer, Winzer und einer der Aktivisten der ersten Stunde. Dort kam es zu Protesten. 65000 Bürger erhoben Einwände; an einer Demonstration von Oberrottweil nach Breisach beteiligten sich auch hunderte Landwirte mit ihren Traktoren. »Nai hämmer gsait« – »Nein haben wir gesagt« war ihre Parole.

Statt Breisach also Wyhl. Zunächst waren es nur Gerüchte, erzählt Sacherer. Ende Juli 1973 – vor 40 Jahren also – dann die Gewißheit: Im Radio gab Baden-Würrtembergs Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU) den neuen Standort für das AKW bekannt. Und versprach gleichzeitig Arbeitsplätze und Wohlstand für die Region. Viele derjenigen, die schon in Breisach dabei waren, organisierten die ersten Demonstrationen.

Unterschriftensammlungen, Demonstrationen, Sternmärsche: Ab Anfang 1974 vergeht kaum eine Woche ohne Protestaktionen. Der Badische Weinbauverband und der Landwirtschaftliche Hauptverband melden ebenso Bedenken gegen das Atomkraftwerk an wie die örtliche Jägerschaft. Ministerpräsident Filbinger schimpft auf die »Extremisten«, die Polizei durchsucht die Häuser bekannter AKW-Gegner und nimmt sie zu Verhören mit aufs Revier.

Beim Baubeginn am 18. Februar 1975 stellen sich verzweifelte Männer, Frauen und Kinder vor die Bagger und Maschinen und bringen so die Arbeiten zum Stillstand. Zwei Tage später räumt die Polizei den Platz mit Hundestaffeln und Wasserwerfern. Am 23. Februar kommen 28000 Menschen zu einer Großdemonstration. Kundgebungsteilnehmer überwinden den Stacheldraht mit bloßen Händen, Tausende drängen nach, die Polizei muß weichen, der Platz ist in den Händen der Bevölkerung.

Wyhl wurde Fanal. Hunderte Initiativen entstanden an den Standorten der Atomkraftwerke, aber auch in vielen Städten. Die Anti-AKW-Bewegung wird zur prägenden außerparlamentarischen Oppositionsströmung der 1970er und 1980er Jahre.

Anderthalb Jahre bleibt der Platz in Wyhl besetzt. Nach ersten Kontakten mit dem Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion und späteren Ministerpräsidenten Lothar Späth verlassen die Bürgerinitiativen im November 1975 das Gelände. Die Landesregierung hat Verhandlungen zugesagt. Neue Gutachten werden erstellt und vor verschiedenen Gerichten erörtert. Das juristische Hin und Her dauert sieben Jahre. 1982 erklärt der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg den Bau für rechtmäßig, die Bürgerinitiativen reagieren mit Massenprotesten. 30000 kommen zur Demonstration in den Wyhler Wald. 1983 sagt Ministerpräsident Späth, das AKW sei vor 1993 nicht nötig. 1987 erklärt er den dauerhaften Verzicht.

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