21. August 2010

Irak-Öl als Kriegsziel

Geschichte. Die Politik des deutschen Kapitals in Mesopotamien 1914-1918

Dietrich Eichholtz

Zum 80. Geburtstag von Dietrich Eichholtz am 22. August erscheint unter dem Titel »Deutsche Ölpolitik im Zeitalter der Weltkriege« im Leipziger Universitätsverlag ein Band, der neuere Studien des Historikers und Imperialismusforschers zusammenfaßt, darunter auch Texte, die zuerst in dieser Zeitung erschienen sind. Wir veröffentlichen aus dem Buch vorab einen leicht modifizierten, um einige Passagen und die Fußnoten gekürzten Auszug – und sagen Dietrich Eichholtz herzlichen Glückwunsch.

Die Redaktion

Der Bau der Bagdadbahn war das bedeutendste imperialistische Vorhaben des kaiserlichen Deutschlands, am Anfang des 20. Jahrhunderts in Angriff genommen von Eisenbahngesellschaften unter Leitung der Deutschen Bank. Die Bank, schon damals das führende deutsche Finanzinstitut, war allerdings von den gewaltigen finanziellen und politischen Schwierigkeiten des Projekts bald heftig überfordert. 1914 war die Bahnstrecke nicht einmal halb fertig und noch weit entfernt von den später aufgeschlossenen mesopotamischen Ölquellen von Mossul und Kirkuk. Die Bank hatte seit 1906/07 wesentlich an Terrain gegenüber den Briten verloren, die im Nahen Osten und besonders in der Golfregion keinen ernsthaften Konkurrenten zu dulden entschlossen waren.

Zwei Jahre vor dem Weltkrieg bewahrte sich die Deutsche Bank eine vage Aussicht auf Beteiligung an der ihr vom früheren Sultan 1907 entzogenen Ölkonzession in Mesopotamien: Nur dadurch freilich, daß sie sich einer britisch dominierten Kapitalgesellschaft anschloß (Turkish Petroleum Co., TPC), in der sie einen Aktienanteil von 25 Prozent zugeteilt bekam (50 Prozent gingen an die Anglo-Persian Oil Co. (APOC), 25 Prozent an Royal Dutch-Shell). Die Unterwerfung der Deutschen Bank in dieser und in anderen Aktivitäten – Bahnbau, Bewässerung, Schiffahrt – besiegelte der hochoffizielle britisch-deutsche »Bagdadfrieden« vom 15. Juni 1914, der mit Kriegsausbruch Makulatur wurde.

Da war es zu Ende mit dem vielgerühmten »rein deutschen« Charakter gerade auch des Bagdadbahn-Unternehmens. Der Kaiser selbst war, wie die nationalistische deutsche Öffentlichkeit, wütend über die britischen »Diktate« in den Übereinkommen.

Die türkischen Militärs, die 1908/09 den Sultan gestürzt hatten, achteten aber sehr wohl auf die Fortschritte beim Bau der Bagdadbahn – für sie nicht nur ein Herzstück des wirtschaftlichen Aufbaus, sondern vor allem auch eine strategische Größe in ihren Plänen. Sie blieben zudem eng mit der preußisch-deutschen Militärkamarilla und der deutschen Rüstungsindustrie verbunden, die Ausbildung und Ausrüstung der türkischen Armee seit Jahren in der Hand hatten.

Das Ende des Osmanischen Reiches

Der Eintritt der Türkei in den Krieg an deutscher Seite aber sollte schließlich den Untergang des Osmanischen Reiches besiegeln. Am 29. Oktober 1914 trat das Osmanische Reich, überzeugt nicht zuletzt durch einige Wagenladungen Gold aus Deutschland, an der Seite der Mittelmächte in den Krieg ein. Die türkischen Truppen unter türkisch-deutscher Führung drangen zwischen 1914 und 1916 nach Rußland (Batumi), Persien (Kermandschah) und Ägypten (Sinai-Halbinsel) vor. Bis Dezember 1917 überall weit zurückgeworfen, boten ihnen erst die russische Revolution und der Friedensvertrag von Brest-Litowsk Gelegenheit und Vorwand, noch einmal nach Kaukasien vorzustoßen, wo sie im Sommer und Herbst 1918 sogar Baku besetzten. Am 30. Oktober 1918 mußten die Türken aber gegenüber der Entente im Hafen von Mudros auf Lemnos auf dem britischen Schlachtschiff »Agamemnon« den Waffenstillstand unterzeichnen.

Unter den türkischen Zielen stand neben dem Angriff auf Ägypten die Expansion nach Transkaukasien und nach Persien obenan. Von Anfang an spielten hier, ebenso wie bei dem deutschen Verbündeten, die Eroberung von Ölquellen bzw. die Zerstörung der Ölvorkommen der Gegner eine wesentliche Rolle.

Wohl kaum bekannt ist die Tatsache, daß im Krieg deutsche Ölbohrtrupps in Mesopotamien nach Öl gebohrt haben: »Auf dem Feld (Qaijarah am Tigris, südlich Mossul – D. E.) wurden während des Weltkrieges von dem deutschen ›Brennstoffkommando Arabien‹ die ersten erfolgreichen Bohrungen niedergebracht, die allerdings nicht den Hauptölträger erreichten.« Erst in den 30er Jahren sind dort, beginnend »in der Nähe der beiden alten deutschen Kriegssonden Nr. 1 und 2«, die Felder um Qaijarah weiter erschlossen worden. In der zitierten Notiz von 1934 ist von »4 alten Standard-Rigs-Bohr-Kränen« die Rede, die offenbar damals noch dort gestanden haben.

Nach anderen Berichten haben bei Qaijarah 1916 zuerst österreichische Fachleute von alters her vorhandene Öllöcher vertieft und durch Abschöpfen »eine kleine Gewinnung«, vielleicht eine Tonne Öl täglich, erzielt. Im folgenden Jahr hätten deutsche Fachleute ebendort gebohrt: »Sie brachten eine Anzahl Flachbohrungen nieder« und destillierten das frei ausfließende Rohöl »in einer kleinen Kesselbatterie« zu Benzin und Leuchtöl. Sie sollen auch eine »Tiefbohrung« von 400 bis 500 Meter vorbereitet haben, sie aber nicht mehr haben durchführen können. Außer Qaijarah waren in der Region von Kirkuk auch Zakho und Tuz genannt, wo im Auftrag des deutschen Militärs Flachbohrungen durchgeführt, Erdölsammelstollen gegraben wurden und, wie man hörte, sogar über eine Pipeline zum Mittelmeer spekuliert wurde. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren es spezielle deutsche militärische Einheiten, die, frühzeitig vorbereitet, mit Bohrgerät und mit Fachleuten etwa des Preußischen Bergamts und der Deutschen Petroleum AG/Deutsche Bank sowie mit Mannschaften aus den rumänischen oder galizischen Ölrevieren dorthin in Marsch gesetzt waren, um Öl für die Kampfhandlungen zu gewinnen.

Deutsche Bank setzt auf Sieg

Aus dem Heer der tatsächlichen oder selbsternannten deutschen Orientkenner, die sich im Krieg als Organisatoren einer wünschbaren »Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde« (Max v. Oppenheim) versuchten, ragten Agenten und Terroristen hervor, die Sabotageaktionen gegen die Ölanlagen in Baku oder in Persien vorbereiteten. Freilich kollidierten ihre Pläne mit dem Interesse, das die Türken daran hatten, diese Anlagen zu erobern und selber auszubeuten. Die erste Aktion, die Pipeline und die Raffinerie der APOC (Abadan) zu zerstören, eingefädelt vom Großen Generalstab und vom Auswärtigen Amt, scheiterte früh. Im März und April 1915 oder noch öfter sollen Sprengungen der APOC-Pipeline nahe Ahwas am Karun-Fluß gelungen sein. Nach einer zuverlässigeren Darstellung wurde die Pipeline schon »am 5. Februar 1915 durch Mitglieder eines persischen Stammes zerstört (…), welche von deutschen Agenten dazu aufgehetzt worden seien«. Die Menge des notgedrungen abgefackelten Öls soll bei 290000 Tonnen, nach den Zahlen des APOC-Berichts aber nur bei der Hälfte gelegen haben. Die britische und die russische Regierung, so der Generaldirektor der APOC, Greenway, würden die »Unabhängigkeit Persiens« bewahren, »die infolge der Handlungen des Prinzen Reuss und der deutschen Abenteurer in Gefahr schwebt (…). Einem durch die persische Regierung herbeigerufenen indischen Expeditionskorps gelang es, den Aufstand zu unterdrücken.«

Rechnend auf den Sieg der Mittelmächte, entwickelte die Deutsche Bank ihre Kriegsziele auch für den Bereich des Osmanischen Reichs. Als selbstverständlich erschien es ihnen nun, die Bagdadbahn in eigener Regie zu Ende zu bauen und, wie man annehmen muß, sich zumindest Kuwait mit seinem wichtigen Seehafen als Endpunkt am Golf zu sichern. Ein zweites, auf lange Sicht womöglich wichtigeres Ziel war die Neuordnung der Ölverhältnisse in Mesopotamien und damit vorrangig die Lösung aus der vertraglichen Zwangsjacke der TPC. Geplant war, die Verantwortung für diesen Coup der türkischen Regierung zuzuschieben und sich für alle Fälle hinter einem solchen Alibi zu verschanzen: »Wenn jetzt die türkische Regierung erklärt, daß sie mit der T.P.C., der gegenüber sie sich bereits verpflichtet hatte, mit Rücksicht auf die Zusammensetzung der Gesellschaft nichts mehr zu tun haben will, daß sie aber die Ausbeutung der Felder durch die Deutsche Bank allein oder durch eine unter Führung der Deutschen Bank stehende Gruppe wünscht, so glaube ich nicht, daß die D. B. aufgrund ihrer Abmachungen mit den Engländern verpflichtet ist, auf das Geschäft überhaupt zu verzichten.«

Den vorläufigen Endpunkt setzte eine am 14. Januar 1918 herbeigeführte Entscheidung des Reichsschiedsgerichts für Kriegswirtschaft: »Auf den Antrag der Deutschen Bank Aktiengesellschaft zu Berlin vom 12. Januar 1918 wird der zwischen ihr und der Firma Turkish Petroleum Company Limited zu London laut Schreiben vom 19. Oktober 1912 und Vertragsurkunde vom 23. Oktober 1912 bestehende Vertrag für aufgelöst erklärt.«

Ausschaltung der »Gegner«

Während des ganzen Krieges, ganz besonders aber in den letzten beiden Kriegsjahren drängten die deutschen militärischen und wirtschaftlichen Kreise mit aller Macht auf die wirtschaftliche Unterwerfung der Türkei. Sie verlangten die Ausschaltung der »Gegner« (Franzosen und Briten) aus dem Wirtschaftsleben, vor allem aber den Übergang aller wichtigen Ressourcen und Konzessionen in deutsche Hände. Beteiligt an zahlreichen Besprechungen hierüber waren so gut wie alle maßgeblichen Behörden des Reichs: Kriegsministerium/Oberste Heeresleitung, Auswärtiges Amt/Graf Bernstorff (Botschafter in Konstantinopel), Reichswirtschaftsamt, Schatzamt, Büro Staatsminister Dr. Helfferich.

Die radikalsten und umfassendsten Forderungen kamen aus der Obersten Heeresleitung (Ludendorff), mit dem Schwergewicht auf Öl (Konzessionen für die mesopotamischen Ölfelder; Öllieferungen aus Batumi), auf Bergbaukonzessionen, »besonders Chromerz«, und auf bevorzugte deutsche Teilnahme an allen Eisenbahnkonzessionen bzw. -bauten. Noch im August 1918, als britische Truppen nicht mehr als 150 Kilometer von Mossul entfernt waren, beschäftigten sich behördliche Konferenzen damit, wie man die Ölfelder im nördlichen Mesopotamien für die Ausbeutung durch Deutschland sichern könne. (…)

Ende 1917/Anfang 1918 war in der Deutschen Bank ein Entwurf für eine »Convention de Pétrole« in Arbeit, die für 99 Jahre zwischen der Ottomanischen Regierung und einer »türkisch-deutschen Finanzgruppe«, im Entwurf zurückhaltend »Société Ottomane« genannt, abgeschlossen werden sollte. In diesem außergewöhnlichen, umfangreichen Dokument formulierten die Fachleute der Deutschen Bank und der Anatolie/Bagdadbahn sehr genau, wie sie sich nach siegreichem Kriegsende – damit rechnete man Anfang 1918 noch – auf erdenklich lange Zeit in einer unanfechtbaren Monopolstellung die Herrschaft über die zu erschließenden Ölvorkommen und andere Naturreichtümer im Osmanischen Reich sichern wollten. Sie stellten sich vor, daß Deutschland als großer und einzig ins Gewicht fallender Verbündeter fortan der beherrschende, wenn nicht der einzige politische und wirtschaftliche Partner der Türkei sein würde. Sie hatten auch begriffen, daß das mesopotamische Öl wohl das wirtschaftlich größte und beste und die Golfregion das strategisch wichtigste Objekt einer Nachkriegs-»Neuordnung« im Nahen und Mittleren Osten sein würde. (…)

Bagdadbahn und Völkermord

Die beiden deutschen Bahngesellschaften beklagten während des Krieges ständig den Verschleiß und »die geradezu ungeheure Verteuerung aller und jeder Betriebsmittel«, selbst schon der Kohle, teilweise auf das Zehnfache; anderes Material noch weit höher hinaus. Die türkische Regierung habe keine erhöhten Tarife bewilligt, im Gegenteil die Bahn vorrangig mit »militärischen Anforderungen« beansprucht.

»Die Verteuerung auch aller Lebensmittel hat Verhältnisse gezeitigt, die man zutreffend als Notstand bezeichnen muß. Um unser Personal, das harten Dienst zu tun hat, die Lage weniger empfinden zu lassen, haben wir neben anderen Erleichterungen Kriegszulagen gewährt, die sich bei Erscheinen dieses Berichtes staffelweise bis zu 100 Prozent des Gehaltes belaufen.«

Man kann annehmen, daß es sich in den Kriegsjahren, wo Einberufungen zur türkischen Armee die Zahl der »sujets ottomans« (Untertanan des Osmanischen Reichs – d.Red.) bei den Bahnen dezimierten, bei der Masse der beschäftigten Arbeitskräfte um Zwangsarbeiter gehandelt hat. Gemeldet wurde (1915), daß armenische und griechische Arbeiter verprügelt wurden. In erster Linie traf das auf die Armenier zu, die zeitweise dort gearbeitet haben. An dem Genozid von 1915/16, dem im Osmanischen Reich annähernd 1,5 Millionen Armenier von insgesamt 2,5 Millionen dort lebenden Angehörigen dieses Volkes zum Opfer fielen – Männer, Frauen, Kinder –, hatten die deutschen Verbündeten, besonders rassistische deutsche Militärs an der Spitze der türkischen Armee, erheblichen Anteil. Die deutsche Regierung enthielt sich jeder Stellungnahme und Kritik. Reichskanzler v. Bethmann Hollweg entgegnete deutschen Diplomaten, Konsuln, Missionaren, die genau und oft entsetzt über die Massaker berichteten, kaltschnäuzig: »Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.«

Die Bagdadbahn war von dem Genozid auf mehrfache Weise betroffen. Tausende Armenier wurden ihr kurzzeitig zur Zwangsarbeit zugewiesen, dann aber ermordet. Der deutsche Bahnoffizier, der der Gesellschaft für die Regelung der militärischen Angelegenheiten zugeteilt war, verfocht gegen die Interessen des Bahnbaus die Politik des Genozids. Unter den Bahnbeamten gab es dagegen Obstruktion aus arbeitsmäßigen und humanitären Gründen. Seit Juni 1916 gelang es, Arbeitskräfte zu retten, indem man ihre Herkunft verbarg oder die Gefahren vorschützte, die sonst den Militärtransporten drohen könnten. Die Stimmung in der Leitung der Bahn gibt ein Brief von Direktor Franz J. Günther vom 17. August 1915 aus Konstantinopel wieder: »Man muß in der Geschichte der Menschheit weit zurückgehen, um etwas Ähnliches an bestialischer Grausamkeit zu finden wie die Ausrottung der Armenier in der heutigen Türkei. (…) Es scheint, daß die Regierung den ganzen Stamm ausrotten will mit Stumpf und Stiel, denn darauf nur kann ihr Gebaren hinauskommen, und wenn’s so weiter geht, wird es ihr nur zu gut gelingen. Es sind rund zwei Millionen armenische Einwohner, davon sollen bereits 25 Prozent umgekommen sein.« (…)

Im Sommer 1918 standen deutsche Truppen noch in Rostow am Don, in Georgien und am Kaukasus. Die deutsche Oberste Heeresleitung scheiterte aber in ihrem dringenden Vorhaben, sich des Öls von Baku zu bemächtigen. Es waren türkische Einheiten, die Ende Juli Teile Bakus mit den Ölfeldern einnahmen. Nach Abzug der am 8. August gelandeten britischen Truppen besetzten sie Mitte September die ganze Stadt, wo fürchterliche Gemetzel unter Armeniern und unter Bolschewiki stattfanden. Sie ließen Öl fördern und fuhren die Ölvorräte ab. Am 17. November, erst nach dem Waffenstillstand von Mudros, mußten sie das Gebiet räumen. (…)

Das gute Gedächtnis des Kapitals

Träumten die deutschen »Interessenten« noch in das Jahr 1918 hinein davon, sich in Rumänien, in Mesopotamien und am Kaukasus als Erdölgroßmacht zu etablieren, so erlebten sie mit Kriegsende ein fürchterliches Desaster. Im Versailler Vertrag (28. Juni 1919) verlor der deutsche Imperialismus seinen ausländischen Kapitalbesitz. Im Friedensvertrag von Sèvres (10. August 1920; revidiert durch den Vertrag von Lausanne vom 24. Juli 1923) zerbrach das Osmanische Reich; der Irak und Palästina kamen nach jahrelangen Verhandlungen unter die Herrschaft der Briten (Mandat bis 1932), denen auch die »Schutzherrschaft« über Arabien zugesprochen wurde. Nach Artikel 60 des Vertrages von Lausanne gingen die alten Petroleumrechte der Osmanen in Mesopotamien ohne Entschädigung auf den Irak über.

Die Beteiligung der Deutschen Bank an der TPC ging durch Beschlagnahme und Verkauf der Aktien im Dezember 1918 verloren. Schon im November/Dezember hatten die Briten sich die Herrschaft über das Gebiet von Mossul gesichert; die Alliierten kontrollierten die Anatolische und die Bagdadbahn. Alle deutschen Proteste, Klageerhebungen, Kompromißversuche in den folgenden Jahren waren vergebens. Am 6. August 1924 trat in Mesopotamien das 1921 gegründete Königreich Irak in die Rechte des früheren osmanischen Reiches ein. Die deutsche Beteiligung an der TPC (25 Prozent) ging endgültig an Frankreich über. Eine US-amerikanische Gruppe unter Führung der Standard Oil of New Jersey setzte eine Beteiligung von ebenfalls 25 Prozent durch. Am 14. März 1925 schloß die TPC (seit 1929 als Iraq Petroleum Company – IPC – firmierend) mit dem Irak auf 75 Jahre ein Abkommen über die Erdölkonzession in Mesopotamien ab. Die Ölkonzerne der Briten, Franzosen und Amerikaner ergriffen 1927/28 endgültig Besitz von den inzwischen in rascher Aufschließung begriffenen großen Ölvorkommen.

In der Deutschen Bank vergaß man nie, daß man in brutaler imperialistischer Manier »aus diesem wirtschaftlich wie politisch bedeutsamen Geschäfte (…) hinausgedrängt« worden war. 20 Jahre lang hielten die Herren Direktoren Gwinner, Stauß, Kurt Weigelt und später Hermann Josef Abs an ihren vermeintlichen Ansprüchen auf die Rechte aus der alten Ölkonzession von 1904 bzw. an ihren Entschädigungsansprüchen an die TPC/IPC, an Großbritannien und an den Irak fest. Dies ist ein Thema, das von deutscher Seite im Zweiten Weltkrieg noch einmal gewaltsam auf die Tagesordnung gesetzt wurde.

Dietrich Eichholtz, Deutsche Ölpolitik im Zeitalter der Weltkriege. Studien und Dokumente, 568 S., Hardcover, ISBN 978-3-86583-490-4, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2010, 44 Euro, erscheint am 22.8.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/08-21/016.php