11. November 2013

Jackett statt Braunhemd

Bei dem von Joseph Goebbels inszenierten Auftritt sprach Hitler von der Hochrüstung als Bedingung für die Beseitigung der Arbeitslosigkeit (Berliner Siemens-Dynamowerk, 10.11.1933) - Fotoquelle: picture- alliance/akg-images

Am 10. November 1933, zwei Tage vor der Reichstagswahl und der Abstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund, hält Hitler vor Arbeitern des Berliner Siemenswerkes eine Rede

Kurt Pätzold

An der Gewinnung der Millionen Wähler, die der Partei der deutschen Faschisten in den Jahren der Weltwirtschaftskrise gelang – Mitte 1932 waren es 13 Millionen Männer und Frauen – hatte Hitler selbst Anteil. Keine deutsche Großstadt, in der er nicht in einem Kundgebungssaal oder einer Mehrzweckhalle, auf einem Versammlungsplatz oder in einem Stadion gesprochen und für das »Programm« seiner Partei, ein Bündel von Versprechen für jedermann – die deutschen Juden ausgenommen – Reklame gemacht hätte. Seine Zuhörerschaft war sozial gemischt: Kleinbürger aller Couleur, Angehörige des neuen Mittelstandes, Menschen, die ihre Arbeitsplätze und die Quellen ihres Einkommens schon verloren hatten, und andere, die das befürchten mußten. Dazu gehörte eine zahlenstarke Minderheit, darunter auch Proletarier, die von keiner Arbeiterpartei erreicht wurde und national wie sozial gleichermaßen desorientiert war. Hitler befriedigte die Erwartungen dieses Gemisches von Bürgern, die keinerlei geistige oder emotionale Bindungen an die Republik besaßen. Sie glaubten, daß sie dieser nichts zu danken und von ihr nichts zu bewahren und nichts zu erwarten hätten. Hitler wurde den Massen von seinen NSDAP-Funktionären als »Führer« aus Not und Elend, ja als Erlöser dargestellt und präsentierte sich in solcher Pose auch selbst.

Spezielles Publikum, beispielsweise in Gaststätten der Dörfer, mied Hitler. Dort wäre er in einem kleinen Kreis von Zuhörern mit deren sozialen Sorgen und den daraus erwachsenden konkreten Fragen, denen sich nicht ausweichen ließ, konfrontiert worden. Doch er machte von diesem Prinzip auch Ausnahmen: Er folgte jenen wenigen Einladungen, die an ihn aus Kreisen der Großbourgeoisie ergingen. Auftritte vor solch exklusiven Zirkeln waren selten, stehen heute aber natürlich dennoch in vielen Geschichtsbüchern. Das gilt zum Beispiel für die Ansprache, die er 1932 vor – vorwiegend – rheinischen Großindustriellen in Düsseldorf gehalten hatte (siehe jW-Thema vom 27.1.2007).

In seinem Element war Hitler jedoch bei Reden vor einer anonymen ihn bewundernden und bejubelnden Masse. Bei Auftritten in Sälen, in denen die Seinen, die uniformiert in ihren Formationen sich jeweils einfindenden »Sturmabteilungen«, zustimmend Lärm machten, Sieg und Heil schrien und in denen die »Kommune« und »Alljuda« mit Haßparolen überschüttet und jegliche Störungen gewaltsam unterbunden werden konnten.

Außenpolitischer Affront

Um in den Wahlkämpfen des Jahres 1932 gleichsam allgegenwärtig zu sein, benutzte Hitler an manchen Tagen das parteieigene Flugzeug, das ihn binnen weniger Stunden von einem zum anderen Versammlungsort transportierte. Das ergab das zusätzliche Reklamebild »Hitler über Deutschland«, waren Flugzeuge doch damals noch bewunderte Verkehrsmittel ganz weniger. Doch die Aussichten der NSDAP, werbend den Arbeiteranteil unter den Mitgliedern und Wählern zu vergrößern, wurden von Hitler skeptisch beurteilt, solange seine Partei in offener Konkurrenz mit Sozialdemokraten und Kommunisten stand. Nach der »Machtergreifung« werde sich das ändern, hoffte er nicht zu Unrecht. Denn da würde er die Widersacher zum Schweigen gebracht haben.

In Republikzeiten brauchte Hitler keine Einladung zurückzuweisen, in einer Werkhalle oder auf einem Fabrikhof vor Arbeitern zu reden. Auch die Industriellen, die auf seine Partei setzten, richteten diese Forderung nicht an ihn, da sie die politische Haltung und Stimmung in ihren Belegschaften richtig beurteilten.

Nach dem 30. Januar 1933 versprach Hitler, nun Reichskanzler, schon in seiner ersten Rede, er und seine Regierung wollten »den deutschen Arbeiter« retten. (Der bevorzugte Singular sollte den Eindruck machen, daß dieser Politiker sich um jeden einzelnen Proletarier kümmere.) Dazu brauche er jedoch Zeit. Vier Jahre. Zudem versicherte er mehrfach, er werde, um zur »Volksgemeinschaft« zu gelangen und den einheitlichen Willen der Nation zu schmieden, unermüdlich um den deutschen Arbeiter kämpfen. So würden dem Vaterland seine verlorenen Söhne, die ihm von den Marxisten entfremdet worden seien, wieder zurückgegeben werden. Mit eigenen Auftritten vor diesen »Verlorenen« ließ sich Hitler hingegen auch als Reichskanzler Zeit. Zunächst wurden deren Führer in Konzentrationslager verschleppt und deren Organisationen – von den Parteien bis zu den Konsumvereinen – verboten.

Das erste Mal begab sich Hitler am 23. September 1933 zu einer besondere Gruppe von Arbeitern. Nämlich Männer, die bis dahin meist arbeitslos gewesen waren. Sie waren für den propagandistisch groß aufgezogenen Baubeginn von Reichsautobahnen mobilisiert, in und nahe Frankfurt am Main versammelt und halbmilitärisch formiert worden (siehe jW-Thema vom 23.9.2013). Die Arbeiten wurden nach Plänen, die noch aus der Republik stammten, an der Schnellstraße nach Darmstadt begonnen, von wo sie weiter nach Heidelberg führen sollte. Die Vorstellung hatten hinreichend Journalisten und Fotografen besucht, so daß der »Führer« fortan in Zeitungen und Filmen, auch auf Plakaten mit Vorliebe immer wieder einen Spaten schwingend gezeigt wurde, was seine Verbundenheit mit den »Arbeitern der Faust« bezeugen sollte. Zu ihnen hatte er, seinen Erzählungen in »Mein Kampf« zufolge, ja »auf dem Bau« in Wien einst selbst gehört. (Merkwürdigerweise meldete sich 1938 kein Arbeiter, der den in Österreichs Metropole triumphierend einziehenden Hitler mit dem Ruf »Hallo, alter Kumpel Adolf« begrüßte.)

Als der Auftritt Hitlers vor Arbeitern schlechthin wurde dann seine Rede inszeniert, die er am 10. November in der Turbinenhalle des Berliner Siemenswerkes hielt. Nur zwei Tage später waren alle wahlberechtigten Deutschen aufgerufen, in einer Abstimmung den Schritt der Regierung zu billigen, den sie am 19. Oktober bereits gegangen war. In Genf hatte sie offiziell den Austritt aus dem Völkerbund mitgeteilt, dem Deutschlands seit 1925 angehörte (siehe jW-Thema vom 14.10.2013). Der außenpolitische Affront, namentlich gegen Frankreich und Großbritannien gerichtet, kam nicht überraschend, und schärfere Reaktionen mußten nicht erwartet werden. Hitler hatte schon in einer Rede vor dem Reichstag am 17. Mai die Forderung erhoben, die Siegermächte von Versailles müßten entweder ihr festgeschriebenes Abrüstungsversprechen einhalten oder aber Deutschland das Recht zu gleichberechtigter Aufrüstung seiner Armee, der Seekriegsflotte und zum Aufbau einer Luftwaffe einräumen. Mit diesem Ultimatum schob sie die Verantwortung für die Entscheidung, ob Deutschland im Völkerbund verblieb oder ihn verließ, den Siegermächten des Weltkrieges zu und gab sich selbst als abrüstungswillig. Dabei konnte nach den langwierigen, ergebnislosen Abrüstungsverhandlungen in Genf kein Zweifel bestehen, wie die Entscheidungen in London und Paris ausfallen würden. Deren Hinnahme wurde als ein Akt der Unterwerfung dargestellt, deren Mißachtung hingegen als Verteidigung, ja besser noch als Wiedergewinnung nationaler Ehre und Würde. Eben diese hätten die schwächlichen Regierungen der Republik widerstandslos preisgegeben. Damit werde nun kühn gebrochen. Diesem Reklamerummel der faschistischen Führung zufolge ging es gar nicht um Panzer, Schlachtschiffe oder Bombenflugzeuge sowie um die Aufwendung riesiger Summen für die Hochrüstung der Streitkräfte, sondern um – die Ehre.

Ohne Proteste

Hitlers Rede im Siemenswerk, vom Rundfunk übertragen, war zugleich ein deutschlandweiter Appell an alle Wähler. Die sollten am 12. November nicht nur den Austritt aus dem Völkerbund billigen, sondern auch den Reichstag neu wählen. Der seit dem 5. März existierende hatte vor allem mit der Annahme des Ermächtigungsgesetzes seine Schuldigkeit getan und bot sich obendrein, nachdem er zunächst um die kommunistischen, im Juni dann auch um die sozialdemokratischen Abgeordneten amputiert worden war, als Ruine dar. Diese »Wahl« ohne Wahlkampf und Konkurrenten war ein weiterer Schritt zum Aufbau eines Staatswesens, in dem nichts mehr an die Weimarer Republik erinnerte. Konstituiert wurde eine machtlose Versammlung ohne auch nur einen kümmerlichen Rest von Nichtfaschisten. Etabliert wurde ein Dekor, das nicht einmal mehr geeignet war, das diktatorische Regime zu schmücken, sondern es eher bloßstellte.

Für Hitler war der Auftritt im Siemenswerk nach Ort und Zuhörerschaft eine Uraufführung. Er sprach hier vor einem Publikum, von dem sich zweifelsfrei annehmen ließ, daß viele der Versammelten im März eine der beiden Arbeiterparteien gewählt hatten. Das hatte das Ergebnis im Stadtkreis Berlin deutlich gezeigt. Die Kommunistische Partei erhielt mehr als 30 Prozent aller abgegebenen Stimmen, das waren absolut die von 383423 Wählern, und die Sozialdemokratie gewann 22,5 Pro­zent, was 287481 Wählern entsprach. Zusammen ein Resultat, das die 31,2 Prozent der NSDAP weit übertraf. Doch die Veranstalter mußten nicht fürchten, daß in der Werkhalle irgendwelche Äußerungen des Protestes laut werden würden. Dafür sorgten die Erfahrungen, die auch und gerade Arbeiter in Berlin seit März mit dem faschistischen Terror gemacht hatten. Zudem konnte jeder Teilnehmer sicher sein, daß der überschaubaren Szene Spitzeln und Denunzianten beiwohnten. Wer sich da als einzelner oder in einer Gruppe als Antifaschist bemerkbar gemacht hätte, konnte sich unschwer ausrechnen, wo er die nächste Nacht verbringen würde. Es gab nur eine Alternative. Sie bestand darin, daß die Gerufenen geschlossen an ihren Arbeitsplätzen geblieben wären. Doch dafür fehlten in der Belegschaft selbst die Voraussetzungen. Auszuschließen war freilich nicht, daß Hitler hier, anders als er es gewohnt war, eine gedämpfte Stimmung entgegenschlug, die mindestens Distanz spüren ließ.

Die Regie der Veranstaltung lag in Händen des Berliner NSDAP-Gauleiters Joseph Goebbels, der inzwischen auch zum »Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda« avanciert war. Nichts wurde für diesen Auftritt Hitlers übersehen, für den er eine für solche Zwecke außergewöhnliche Kostümierung gewählt hatte. Er verzichtete auf das Braunhemd, in dem er sich seinen Gefolgsleuten gewöhnlich zeigte. Und er ließ die Parteiuniform weg, in der er beispielsweise bei seinen Reden in Sitzungen des Reichstages im März und Mai 1933 erschienen war. Ohne alles Kriegs- und Parteilametta kam er in einem schwarzen Jackett, in dem er auch als einer der leitenden Angestellten des »Hauses« Siemens durchgegangen wäre. Nur das Parteiabzeichen trug er im Knopfloch.

Goebbels eröffnete die Kundgebung. Für Hitler war ein Rednerpult auf einer Kabeltrommel errichtet worden, so daß er allein und hoch über den Zuschauern stand. Sie schauten zu ihm hinauf, und er redete von oben auf sie herab. So pflegten Pfarrer von der Kanzel auf die Gemeinde herabzupredigen, also Gottes Wort zu verkünden. Auch Hitler sah und gab sich – wenn auch in anderer Sache – als ein solcher Künder in der Werkhalle, in der dicht bei dicht die Angehörige der Belegschaft standen. Denn kaum jemand konnte sich unbemerkt der Teilnahme entziehen. Hochfeierlich und mit geschwollener Ausdrucksweise übergab der Propagandaminister Hitler das Wort: »Mein Führer! Das deutsche Volk gelobt Ihnen, in unerschütterlicher Treue in diesem Kampfe hinter Ihnen zu stehen und komme, was kommen mag, die deutsche Ehre, die deutsche gleiche Berechtigung und den Frieden Europas zu verteidigen. Der Führer hat das Wort.«

Verlogene Reklame

Hitler begann mit einer Art Umarmung. Nachdem er sich an alle »Volksgenossen« gewandt hatte, lautete die Anrede »Meine deutschen Arbeiter«. Dann bot er eine Kurzfassung seines Lebens nach der in »Mein Kampf« gegebenen Version. Er sei ein Arbeiter und seinen Kameraden auf dem Bau ebenso wie im Schützengraben des Weltkriegs verbunden gewesen und es bis auf den Tag geblieben. Aus Hitlers Munde hörte sich das wörtlich so an: »Ich bin aus euch selbst herausgewachsen, bin einst selbst unter euch gestanden, bin in viereinhalb Jahren Krieg hier mitten unter euch gewesen und habe mich dann durch Fleiß, durch Lernen und – ich kann sagen – durch Hungern langsam emporgearbeitet. In meinem innersten Wesen bin ich immer geblieben, was ich vorher war.« Allerdings habe er sich von jenen getrennt, die – als Revolutionäre, das Wort kam nicht über seine Lippen – dem Weltkrieg ein definitives Ende gesetzt hatten und, Hitler zufolge, sich »in kritischer Zeit gegen Deutschland wendeten«.

Es ist unwahrscheinlich, daß einer der diese Rede hörenden Arbeiter zu den Lesern von Hitlers »Kampfbuch« gehörte. Auch die soziale Quacksalberei war ihnen gewiß nicht gegenwärtig, die er darin als große Einsicht aus seiner Wiener Zeit und als Gegenkonzept zum revolutionären Handeln anbot. Zur Besserung der elenden Zustände, in denen er die Arbeiter in der österreichischen Hauptstadt angetroffen hatte, war ihm da »tiefstes soziales Verantwortungsgefühl« eingefallen. Dieses sollten sich von ihm ungenannte Personen aneignen. Dazu sei die »Niederbrechung unverbesserlicher Auswüchslinge« notwendig, die er ebenso anonym gelassen hatte. Schließlich müßten die Voraussetzungen für »die Entartung einzelner«, die ebenfalls keinen Namen besaßen, beseitigt werden.

Zurück in die Siemenshalle: Auch in weiteren Passagen der Rede biederte sich Hitler hier bei seinen Zuhörern an. In der Gewißheit, daß ihm niemand widersprechen konnte, log er das Blaue vom Himmel herunter. Er habe die Arbeit, die er jetzt leiste, überhaupt nur im Vertrauen auf die Arbeiter und die Bauern angetreten. Er brauche auf seinem Platz keinen Titel, und mehr, als er sei, könne er ohnehin nicht werden. Er denke nur an die Zukunft, und einst solle ihm nicht mehr nachgesagt werden, als daß »ich anständig und ehrlich mein Programm mich zu verwirklichen bemüht habe«.

Hitler sprach dann von der Reklameversion seines Programms (das wahre hatte er einem ausgewählten Kreis von Generalen Anfang Februar enthüllt, siehe jW-Thema vom 9.2.2013). Er beteuerte erneut, daß er zu dessen Verwirklichung vier Jahre Zeit brauchen werde, seine Gefolgschaft also Geduld. Dann folgten die aktuellen Phrasen über Frieden und Gleichberechtigung, die den gesamten »Wahlkampf« gekennzeichnet hatten. Indes rühmte sich Hitler der erheblichen Reduzierung der Arbeitslosen. Er gab deren Zahl mit nun noch 3,7 Millionen an, ohne zu erwähnen, daß – ein Glücksumstand für die neuen Machthaber – diese Entwicklung zu erheblichen Teilen der sich belebenden Konjunktur geschuldet war.

Zur Bilanz der gut neunmonatigen faschistischen Herrschaft zählte Hitler sodann, daß er in ihnen »nicht eine Maßnahme getroffen (habe), die irgend jemanden beleidigen konnte, die einem andern Staatsmann weh tun konnte, die ein Volk verletzen konnte. Nicht ein einziges Wort ist bei uns gefallen, das sie vielleicht als eine Verleumdung oder als eine Ehrabschneidung oder überhaupt als etwas hätten auffassen können, das sie berührt oder betrifft.« Das ließ sich auf die verlogenen außenpolitischen Reden des »Führers« stützen.

Was aber dachte sich einer in dem Werk, wenn ihm die »beleidigten« Kommunisten, Sozialdemokraten und diejenigen in den Konzentrationslagern einfielen oder die jüdischen Deutschen? Und was, wenn er an Julius Streichers Wochenzeitung Der Stürmer dachte? Hitler erwähnte in dieser Rede wie in anderen, die er als Reichskanzler vorher gehalten hatte, die Juden mit keinem Wort. Dennoch durchzog die gegen sie gerichtete Hetze den gesamten Text. Denn niemand anderes als sie waren gemeint, wenn er von der »kleinen wurzellosen Clique« sprach, »die die Völker gegeneinander hetzt« und ihre Geschäfte überall zu machen verstehe. Da tönte ihm zustimmend ein Zwischenruf entgegen, der auf Tonband festgehalten wurde: »Jude«.

Rührselige Darstellung

Dann kam Hitler doch darauf zu sprechen, daß unter seiner Regie und Verantwortung Menschen, die da in der Halle standen, von Maßnahmen »getroffen« worden waren. Das hörte sich so an: »Vielleicht wird mancher unter Ihnen sein, der es mir nicht verzeihen kann, daß ich die marxistischen Parteien vernichtete, aber mein Freund, ich habe die anderen genauso vernichtet.« Die Frechheit dieser Passage bestand nicht nur in der Anrede, sie bestand in der Dreistigkeit der Lüge. Denn die Arbeiterparteien und die bürgerlichen waren keineswegs gleich behandelt worden. Jene waren verboten und ihre Führer inhaftiert oder zur rettenden Flucht ins Ausland gezwungen worden, wollten sie den Torturen der Gefangenschaft entgehen. Und was die »anderen«, also die nichtfaschistischen bürgerlichen Parteien, betraf, so hatten sie gewiß nicht freiwillig die Segel gestrichen. Doch sie verabschiedeten sich alle in einer deutschen Pose und gehorsam mit dem Ruf an die eigenen Mitglieder, sich hinter die vorgeblich nationale Regierung zu stellen.

Am Ende lieferte Hitler eine rührselige Darstellung seiner Rolle als der eines Mannes, der ein immenses Opfer brächte, wofür er Anteilnahme und Mitleid zu schinden trachtete, ja erbettelte. Wörtlich: »Ich habe nichts als die Verbindung zum deutschen Volk.« Das war, wenn auch so nicht gedacht, so etwas wie eine Vorlage für einen Komiker, ließ sich der Satz doch in die Worte übersetzen: Laßt mich, den armen Adolf, nicht im Stich und verurteilt mich nicht zum Alleinsein. Es war und bleibt ein schwer zu entschlüsselndes Rätsel, daß ein Mann, der sich so präsentierte, Glauben und Anhänger fand. Denn das tat er, wie das Ergebnis von Abstimmung und Wahl zwei Tage später zeigte. Freimütig hatte er bekannt, er werde auf diese Weise der Welt, unter der machte es der »Führer« nicht, »das deutsche Volk vorführen … so wie es ist«. Das Bild war ungewollt entlarvend: Er, Hitler, der Regisseur – und das Volk als die Darsteller auf einer Bühne, dazu als Zuschauer das Ausland oder eben die Welt. Zu sehen sein sollte da die »Volksgemeinschaft«, »die Reihen fest geschlossen«, friedlich und doch auch drohend, sollte ihr die »Gleichberechtigung« nicht gewährt werden. Von der behauptete Hitler übrigens, sie sei Bedingung dafür, daß er sein Versprechen der »wirtschaftlichen Besserung« auch einzulösen vermöchte. Das ließ sich, in Klartext übersetzt, doch nur als Geständnis verstehen, daß er in der Hochrüstung die Voraussetzung für die Beseitigung der Arbeitslosigkeit erblickte.

Was die nazistische Propaganda aus diesem Auftritt und der »gewaltigen Rede« Hitlers machte, belegt der Vorspann des Films, den die Nazis darüber produzieren ließen: »Zehntausend Siemens-Arbeitskameraden, Männer und Frauen, haben am 10. November im Dynamowerk den Führer sehen und hören dürfen bei seinem letzten großen Aufruf des deutschen Volkes zum einmütigen Bekenntnis für einen Weltfrieden in Ehre und Gleichberechtigung.« Das las sich, als hätte da eine Feier, ja, mehr noch, ein Gottesdienst stattgefunden. Hitler war demnach eine Erscheinung, und ausgezeichnet wurde, wer sie schauen und erleben durfte. In Deutschland breitete sich der Kult um eine Person aus, der alles übertraf, was es auf diesem Felde zu Zeiten der gekrönten Herrscher von Gottes Gnaden gegeben hatte. Auch der ist den Deutschen schlecht bekommen.

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