4. Februar 2014

Kämpferische Resignation

Szene aus dem Heimatfilm »Geier-Wally«, BRD 1956: Andersch setzte mit »Sansibar oder der letzte Grund« ein Zeichen gegen den postfaschistisch-restaurativen Muff der Adenauer-Zeit - Fotoquelle: Gerog Göbel dpa/lby

Erst in der KPD, dann Flucht in die »totale Introversion« während der Naziherrschaft. Seine linke Melancholie legte der Schriftsteller erst spät ab: Vor 100 Jahren wurde Alfred Andersch geboren

Ingar Solty

Am 4. Februar 1914 wurde der Schriftsteller Alfred Andersch in München geboren. Die Stadt war in den folgenden Jahren geprägt vom Widerspruch zwischen einerseits linksradikaler Kultur, wofür zum Beispiel die Namen von Oskar Maria Graf, Erich Mühsam, Frank Wedekind und später dann auch Bertolt Brecht stehen, und andererseits dem von Lion Feuchtwanger in »Erfolg« so brillant geschilderten Aufstieg des »braunen Münchens«. Eine von Anderschs ersten Erinnerungen war die Niederschlagung der Räterepublik. In seinem autobiographischen Roman »Die Kirschen der Freiheit«, mit dem ihm 1952 sein literarischer Durchbruch gelang, schildert er, wie das »Gesindel«, so sein Vater, von Freikorps erschossen wird. Den Aufstieg der Nazis erlebte Andersch ganz nahe: Sein Vater, der zunächst als Tierarzt tätig war und später als Antiquar, Immobilienkaufmann und Versicherungsvertreter ökonomisch scheiterte, trat schon 1920 der NSDAP bei, gründete zusammen mit Rudolf Heß und Alfred Rosenberg die Thule-Gesellschaft und nahm auch im November 1923 am Hitler-Putsch teil. Anderschs Gymnasialdirektor war der Vater von Heinrich Himmler – eine Tatsache, die Andersch zur 1980 kurz vor seinem Tod vollendeten, letzten Erzählung veranlaßte: »Der Vater eines Mörders«.

Gegen die kleinbürgerliche Welt seines Elternhauses, in der der soziale Abstieg durch Autoritarismus, Nationalismus, Antisemitismus und Paramilitarismus kompensiert wurde, revoltierte Andersch schon früh. Seinen Vater hatte Andersch als »ständiges Beispiel totalen Versagens« vor sich. Seine Jugend stilisierte er in »Die Kirschen der Freiheit« später als eine Zeit, die ihm bloß widerfuhr, geprägt von gesellschaftlichen Zwängen und spießbürgerlicher Langeweile, eine »Kindheit wie ein Uhrwerk«.

Nachdem Andersch 14jährig das Gymnasium aufgrund schlechter Noten verlassen mußte, absolvierte er zunächst eine Buchhändlerlehre. 1929 starb sein Vater. Ein Jahr später trat Andersch – stark beeindruckt von der Lektüre Lenins und Upton Sinclairs – in die KPD ein. Der Kommunismus und die marxistischen Analysen etwa eines Nikolai Bucharins oder Eugen Vargas zeigten dem nunmehr Arbeitslosen das »absolut Neue und andere, und witternd sog ich das Aroma von Leben ein, das mir half, mich aus meiner kleinbürgerlichen Umwelt zu befreien. Das Wort ›Revolution‹ faszinierte mich. Mit der Schnelligkeit jähen Begreifens vollzog ich den Übertritt von den nationalistischen Doktrinen meines Vaters zu den Gedanken des Sozialismus, der Menschenliebe, der Befreiung der Unterdrückten, der Internationale und des militanten Defätismus.«

Ab sofort frequentierte Andersch kommunistische Arbeiterlokale und organisierte KPD-Agitpropveranstaltungen mit. Die Welt des Proletariats erschien ihm als ein Gegenpol der Authentizität, Geradlinigkeit und Ehrlichkeit zur Schein- und Anpasserwelt seiner im ökonomischen Abstieg verrohenden Herkunftsklasse. Die »Geistesmacht« der Arbeiterbewegung – repräsentiert durch den von ihm lebenslang verehrten Hans Beimler – kontrastierte auch noch in »Die Kirschen der Freiheit« wohltuend mit der Kleingeistigkeit, Mediokrität und Ichbezogenheit der Kaufleute und Biedermeier: »An die abgewetzte Lederjoppe Beimlers denke ich, wenn ich heutzutage einen Kaufmann in zweireihigem Anzug und mit einem Teiggesicht das, was er Gedanken nennt, träge zwischen seinen Zähnen zerkauen sehe.« Und in Anderschs zweitem, stark vom italienischen Neorealismus beeinflußten Roman »Die Rote« (1960) drückt sich die Neigung zur Einfachheit des proletarischen Lebens und gelebter Solidarität darin aus, daß die Lebenswelt der Arbeiter zum Fluchtpunkt des Ausbruchs der Protagonistin aus ihren Kleinbürgerverhältnissen gerät.

Die Machtübertragung an die Nazis erlebte der 19jährige als Versagen der Arbeiterbewegung. Nach der Besetzung des Münchner Gewerkschaftshauses hatte er sich einen bewaffneten Aufstand erhofft, um den Faschismus zu stürzen. Noch 1971 in seiner Kurzgeschichte »Jesuskingdutschke« läßt Andersch einen autobiographisch anmutende Figur sagen: »Wir haben damals alle gekuscht, alle ohne Ausnahme. Wir ließen uns einfangen wie die Hasen. Niemand, ich wiederhole: niemand ist auf die Idee gekommen, daß man gegen Gewalt Gewalt setzen könnte (…). Du bist nur ein Mädchen, Carla, aber halte dich an die, die kämpfen, wenn sie vor der Gewalt stehen!«

Nach dem Reichstagsbrand und der Verhängung des Ausnahmezustands wegen »kommunistischer Umtriebe« inhaftiert, geriet Andersch in »mein lumpiges Vierteljahr Haft« im KZ Dachau. Dort wurde er Zeuge von Erschießungen durch die SS. Diese Erfahrung und das Versagen der Arbeiterbewegung, mithin auch seiner Partei, der KPD, führten bei ihm zu einer anhaltenden Depression, zur »totalen Introversion« und Flucht in den »Kult eines realitätsabgewandten Kunstjüngertums«. Die Traumatisierung ging so weit, daß »der Gedanke, ich könne nach Spanien gehen, mir niemals gekommen ist«. Voller Schuldgefühle schreibt Andersch später über eine zweite Verhaftung am 9. September 1933: »An jenem Tag wäre ich zu jeder Aussage bereit gewesen, die man im Verhör von mir verlangt hätte. Man hätte mich nicht einmal zu schlagen brauchen.« Die zwölf Jahre des »Tausendjährigen Reichs« wird er zurückgezogen und fern von Exil, Widerstand und Spanischem Bürgerkrieg der Genossen verbringen. Literaturwissenschaftler sprechen deshalb auch vom »Schuldkomplex« in seinem literarischen Werk.

Die Verantwortung des einzelnen

1934 heiratete Andersch und arbeitete bis zur Einberufung durch die Wehrmacht im Verlagswesen und in der Werbung in Hamburg. In dieselbe Zeit fallen seine ersten literarischen Gehversuche. Seine erste Kurzgeschichte erschien sechs Wochen bevor er am 6. Juni 1944 (»mein ganz kleiner privater 20. Juli«) desertierte. Er begab sich in US-Kriegsgefangenschaft, literarisch verarbeitet in der Kurzgeschichte »Festschrift für Captain Fleischer«. Hier entwickelte er nicht nur eine besondere Zuneigung zur US-amerikanischen realistischen Erzähltradition, sondern kam auch wieder mit Genossen in Berührung, da frühere KZ-Häftlinge von den »normalen« Kriegsgefangenen getrennt untergebracht wurden. Unter dem Eindruck des Existentialismus konzipierte Andersch später in »Die Kirschen der Freiheit« die Desertion als Akt der (Willens-)Freiheit des einzelnen und Rebellion gegen das von den existierenden Gewalten scheinbar vorgezeichnete Schicksal. Sie habe seinem Leben wieder einen »Sinn verliehen und wurde von da an zur Achse, um die sich das Rad meines Lebens dreht«.

Tatsächlich wird dies das große Thema Anderschs ästhetischer Praxis: die Verantwortung für den und die Entscheidung des Einzelnen in den großen politischen Zeitfragen und historisch-gesellschaftlichen Alltagskontexten und das individuelle Streben nach der politisch richtigen Haltung und Handlung; außerdem das Über-sich-selbst-Hinauswachsen und Ausbrechen aus scheinbarer Alternativlosigkeit. In Anderschs Erzählungen taucht diese Thematik in stets neuer Gestalt wieder auf. So in der Entscheidung einer Gruppe von Nazigegnern unterschiedlicher Provenienz – der unverstellt kommunistische Arbeiter Knudsen, der KPD-Funktionär Gregor, der bürgerlich-antifaschistische Pfarrer Helander – in »Sansibar oder der letzte Grund« zum Widerstand gegen die faschistische Barbarei und zur Verantwortungsübernahme für Fremde, auch bei Gefahr für das eigene Leben; in der Entscheidung von Franziska in »Die Rote«, das kleinbürgerliche Leben mit ihrem Ehemann Herbert und Liebhaber-Chef Joachim zurückzulassen und dem unbehaglichen Behagen die Nacktheit der Existenz und das wahre, da unabhängige Leben vorzuziehen.

Der Sinn des Lebens ist es, wie es in »Die Rote« heißt, »unfähig« zu sein, »mit einer Illusion zu leben«. Es liegt nahe, daß Andersch hier wie auch in anderen Werken auch sein Versagen im Faschismus verarbeitete. Nach seinem Tod 1980 gab es Stimmen, die die Integrität Anderschs deshalb hinterfragten.

Der Schriftsteller Winfried Georg Sebald warf ihm 1993 vor, Andersch sei den moralisch-politischen Maßstäben seiner Romane nicht gerecht geworden. So habe er seine »halbjüdische« Frau Angelika Albert, deren Mutter bereits in Theresienstadt ermordet worden war, mit einer Trennung stark gefährdet. Mehr noch: Seinem gemutmaßten krankhaften Ehrgeiz und unbedingten Willen, Schriftsteller zu werden, habe er alles untergeordnet, etwa als er in seinem Aufnahmeantrag in die Reichsschrifttumskammer die anstehende Scheidung als bereits vollzogen darstellte, während er später in Kriegsgefangenschaft die Chuzpe besaß, von Albert als »meiner Frau« zu sprechen, um frühzeitig entnazifiziert nach Deutschland zurückkehren zu können. Sebalds Angriffe wurden aufgrund ihres »moralischen Rigorismus« grosso modo zurückgewiesen, und doch blieb etwas an Autor und Werk kleben, da Andersch mit lebenslangem Insistieren auf der Wahrhaftigkeit des Autobiographischen in seinem Werk gerade die »Fallhöhe« vorgegeben habe.

In jüngster Zeit ist deshalb seine Biographie noch genauer durchleuchtet worden. Mittlerweile wird – tatsächlich aus guten Gründen und nach sorgfältiger Forschung – von Rolf Seubert infrage gestellt, ob Andersch überhaupt im KZ und nicht »bloß« in Gestapo-Haft war. Der Vorwurf lautet nun, er habe sich mit den Mitteln der Ästhetik eine Wunschbiographie des Widerständigen und Nonkonformismus geschaffen, die ihm nicht zustehe. Für einen Schriftsteller, dessen Werkmittelpunkt letzterer ist, kommen diese Vorwürfe zwangsläufig Angriffen auf das gesamte Schaffen gleich, die auch die Feierlichkeiten anläßlich seines 100. Geburtstags überdauern dürften. Schon Sebald hatte direkt von der »Kompromittiertheit Anderschs« auf die »Kompromittiertheit der Literatur« geschlossen.

Der Konformismusvorwurf an den Schriftsteller des Nonkonformismus wird auch dadurch begünstigt, daß er vor allem für sein Werk der 1950er berühmt ist, das in der Tat von einer eigentümlichen Ambivalenz geprägt ist: Einer Haltung der kämpferischen Resignation, der resignativen Opposition, einer Mischung aus pessimistischer Melancholie und starker Behauptung des Willens zum politischen Handeln. Die Charakterisierung von Faulkners »Wild Palms« in »Die Rote« könnte ebenso gut auf den Andersch dieser Phase gemünzt sein: »Sehr intelligent, sehr wild, nein, das reicht nicht aus: ein rasendes Buch, eine in Raserei gegen das Schicksal erhobene Faust, aber man weiß, daß sie gesenkt werden wird, sich senken, doch Faust bleiben wird, ruhig, aber gespannt neben dem Schenkel hängen wird, besiegt, aber wachsam.«

Nicht entmutigt

Der Widerspruch, der in Anderschs linker Melancholie liegt, läßt sich entschlüsseln, wenn man sie auf die Konjunkturen der westlich-linken Opposition im Zeitalter der Systemkonkurrenz bezieht. Mit dieser Methode ließe sich zeigen, wie Andersch mit einigem Erfolg gegen die Anpassung ankämpfte und dabei großen Mut an den Tag legte, der unter den Bedingungen des Kalten Krieges notwendig war. Er zeigte sich zwar vom Parteikommunismus desillusioniert, verweigerte sich aber zugleich vehement dem Renegatentum.

Anderschs nonkonformistischer Mut bestand zunächst darin, daß er nach seiner Rückkehr in die BRD des »erzwungenen Kapitalismus« und der »verhinderten Neuordnung«, der postfaschistischen Elitenkontinuität (von ihm am Beispiel des Inspektors Kramer in »Die Rote« gegeißelt), der Westintegration und Remilitarisierung zusammen mit dem Schriftstellerkollegen Hans Werner Richter die einflußreiche Zeitung Der Ruf gründete. Mit ihr propagierte er einen »sozialistischen Humanismus« und trat für ein neutrales, sozialistisches Deutschland ein, das, so Andersch rückblickend, »außen- und innenpolitisch als Brücke zwischen den Westmächten und der Sowjetunion dienen sollte«. Auch die berühmte »Gruppe 47«, die Andersch und Richter nach dem faktischen Verbot von Der Ruf durch die US-Besatzungsbehörden zusammen initiierten, wurde, so Richter, »nicht von Literaten«, sondern von »politisch engagierten Publizisten mit literarischen Ambitionen« gegründet.

Anderschs Mut bestand ferner darin, daß er inmitten der postfaschistisch-restaurativen Kultur in der BRD, in der mit Schlager, Heimatfilm und wehrmachtsnostalgischen Landser-Heften ein Mantel des Schweigens über die faschistischen Verbrechen gelegt wurde, ja auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zwischen Adenauer-Erlaß, der öffentlich Bedienstete auf die Verfassungstreue verpflichtete, KPD-Verbot, Godesberger Programm und Kuba-Krise in »Sansibar oder der letzte Grund« dem tabuisierten proletarisch-kommunistischen Widerstand gegen den Faschismus Anerkennung verschaffte.

Anderschs Mut bestand weiter auch in der »moralischen und politischen Tat« (Reich-Ranicki). Mit »Die Kirschen der Freiheit« bekannte er sich inmitten der Remilitarisierung öffentlich zu seiner Desertion, was seinerzeit noch Brandmarkungen als »Feigling«, »Kameradenschwein« und »Volksverräter« nach sich zog. Zu einer Zeit, als die faschistische »Volksgemeinschaft« das Bewußtsein in der BRD noch maßgeblich prägte, war es ein Befreiungsakt, daß Andersch den Deserteur als Sinnbild des Widerstands des Individuums und »Anleitung zur Flucht als Protest« behauptete, wie es sein lebenslanger Freund Arno Schmidt beschrieb.

Wenngleich der Fluchtimpuls in Anderschs Werk stets präsent blieb, unterschied sich seine Konzeption jedoch vom schlichten Exodus aus der als falsch erkannten Wirklichkeit. Tatsächlich sind »die alten Geschichten von der Flucht ins Paradies«, die inselmetaphorischen Sehnsuchtsorte, mit denen Andersch spielt, keine Lösung, sondern Traumwelten, die zu überwinden für seine Protagonisten Aufgabe des Willens zur Wahrheit ist. »Man kann nicht untertauchen«, schreibt Andersch in »Die Rote«. »Man kann fortgehen, aber nur, um zu entdecken, daß man wieder irgendwo angekommen ist. Man verläßt Menschen, um unter Menschen aufzutauchen.«

Dies gehörte alles zur Opposition. Wie aber ist der Unterton der Resignation, mit der die Protagonisten seines Erzählwerks ringen, einzuschätzen? Aus Brechts »Me-ti« stammt der Satz: »Eine der größten Taten der Klassiker war es, daß sie ohne jede Entmutigung auf den Aufstand verzichteten, als sie die Lage verändert sahen. Sie sagten eine Zeit nochmaligen Aufschwungs der Unterdrücker und Ausbeuter voraus und stellten ihre Tätigkeit darauf um. Und weder ihr Zorn gegen die Herrschenden wurde geringer, noch ließen ihre Anstrengungen, sie zu stürzen, nach.«

Andersch historisch zu rekonstruieren müßte entsprechend bedeuten, seine linke Melancholie in den Kontext der 1950er Jahre (Restaurierungs-BRD) einzuordnen, in der ein radikaler politischer Ästhet auf den eigenen individuellen Mut zurückgeworfen war bzw. sich so sehen konnte, weil auch er unter den Bedingungen eines »nochmaligen Aufschwungs« schrieb. Was Marx und Engels die kapitalistische Boomphase von 1848ff. war, bedeutete Andersch die Jahre nach 1945: Das »Goldene Zeitalter des Kapitalismus« war geprägt von zeitgleich steigenden Profiten und Reallöhnen, was bei der linksoppositionellen Intelligenzija jener Zeit den Eindruck einer Ruhigstellung der Klassenkonfrontation und einer »konsumgesellschaftlichen« »Verkleinbürgerlichung« der Arbeiterklasse hinterließ. Anderschs »desillusionierte«, resignative Opposition war Ausdruck dieser historischen Sonderkonstellation. Aus ihr entstand eine auf Dissidenz und »Differance« setzende, universelle Randgruppenstrategie: Das was für Michel Foucault die psychisch Kranken, für Herbert Marcuse die kiffenden und vögelnden Leistungsverweigerer, für Pier Paolo Pasolini die Homosexuellen und Kleinkriminellen waren, blieben für Andersch die marginalisierten Kommunisten, Sozialisten, und Juden, selbstbewußte Frauen, die schwule Bohème und marxistische Priester-Intellektuelle. Kurzum: Seine heroischen Außenseiter waren die reflektierten, die ernsten, moralischen Menschen, mutig-widerständige Humanisten wie Pfarrer Helander aus »Sansibar«.

Unter diesen Bedingungen schilderte der Autor von »Sansibar oder der letzte Grund« diese Desillusionierung nicht im antikommunistischen Geist, sondern als ein Verrat der Revolution an den Revolutionären, zu denen er sich selbst noch zählte. Marcel Reich-Ranicki begriff dies, als er ihn in seinem Nachruf als »enttäuschten Revolutionär« bezeichnete. Die Revolution hatte Andersch durch ihr Ausbleiben 1933 und 1945 enttäuscht. In »Die Rote« reflektiert der klar als Andersch erkennbare kommunistische Antifaschist Fabio Crepaz über sein Leben: »Er hatte sich in seiner Jugend für die Aktion entschlossen, aber von einem gewissen Augenblick an hatte die Aktion ihn im Stich gelassen.« Doch am Begriff der Revolution hielt Andersch weiterhin fest. Sein Biograph Stephan Reinhardt charakterisierte seine Haltung deshalb so: »Er war resigniert, aber dieser Resignation nicht zur Gänze verfallen. Er befand sich in Wartestellung, in dieser Zeit der ›Unentschiedenheit‹.«

Zum Handeln erwacht

Die kollektive »Erweckung« des Jahres 1968 ließ aber nun auch bei Andersch das resignative Moment zurücktreten, sein Optimismus wurde gestärkt. In der Sekundärliteratur ist hier von seinem »Wiederfinden der Linken« die Rede. Allerdings blieb Anderschs Verhältnis zu den 68ern nicht ganz konfliktfrei. Er begrüßte die APO, aber die Reaktion des Staates und die Springer-Demagogie wertete er als »Mordhetze« mit der »Vorbereitung zum Pogrom«, wie es in »Jesuskingdutschke« heißt, weshalb er nach dem Attentat auf Rudi Dutschke an den damaligen Justizminister Gustav Heinemann schrieb: »Wo bleiben Ihre Maßnahmen gegen Axel Springer, der nun seit Jahren das Gesindel gegen die deutsche Jugend und den deutschen Geist hetzt? Wann verbieten Sie endlich die NPD und die Nationalzeitung (...)? Der Feind steht rechts, Herr Minister!« Ulrike Meinhof hatte in Konkret einmal geschrieben: Im Unterschied zur neuen Generation radikallinker Literaten sei die Gruppe 47 »nie linker als die SPD gewesen«; sie sei die »Sozialdemokratie unter der Literatur«. Politisch hatte Andersch jedoch auch in der Phase des fordistischen Biedermeiers stets links von der SPD gestanden, was im Kalten Krieg immerhin an den Rand der Kriminalisierung führte. Im Gegensatz zu Teilen der Gruppe 47 wollte er sich von der Sozialdemokratie nicht vereinnahmen lassen. Besonders unversöhnlich stand er ihr angesichts ihrer Rolle in der Remilitarisierung und wegen ihres Godesberger Programms von 1959 gegenüber. Nun aber forderte er, ganz im Sinne Heinrich Bölls und unter den Bedingungen der sozialliberalen Koalition, eine »wirksame linke Partei anstelle der SPD«. Und mit dem unvollendeten »Seesack«-Projekt über Hans Beimler bezweckte er, seine Position zum KPD-Verbot 1956 zu korrigieren, das er – vor dem Hintergrund des Bedeutungsverlustes der Partei und der Folgen des XX. Parteitags der KPdSU – noch »mit einem Achselzucken registriert« hatte. Die oft schlechte Agitpropliteratur der neuen Linken und namentlich Hans-Magnus Enzensberger, der eine »Literatur der kleinen Schritte« mit »unmittelbar eingreifender Wirkung« forderte, kritisierte Andersch von links als »unmarxistische Bilderstürmerei und pseudorevolutionäre Kleinbürgerideologie«. Er zog sich auf den Standpunkt Walter Benjamins und Ernst Blochs zurück, die beklagt hatten, »daß die Linke zuwenig Gefühle besetzte, kaum emotionale Wärmeströme hervorrief«. Zugleich rückte die Frage des politischen Handelns immer stärker in den Mittelpunkt. So kämpfte Andersch gegen den 1972 von der SPD-Regierung unter Willy Brandt beschlossenen »Radikalenerlaß«. Mit dem Gedicht »Artikel 3 (3)« schrieb er gegen die Berufsverbote an, die ihm als »faschistisches Krebsgeschwür« und »Affäre Dreyfus der zweiten deutschen Republik« erschienen. Darin heißt es: »Ein Volk von Exnazis und ihren Mitläufern betreibt schon wieder seinen Lieblingssport: Die Hetzjagd auf Kommunisten Sozialisten Humanisten Dissidenten Linke (…). Wie gehabt / Ein Geruch breitet sich aus / Der Geruch einer Maschine / Die Gas erzeugt.« Empörung und Angriffe (»linker Faschist«) folgten. Nur wenige wie Böll, Jean Améry und Iring Fetscher verteidigten ihn. Nach einer Reise zu einer sowjetischen Literaturtagung zeigte er sich vom »Friedenswillen im Lande«, den er förmlich »rieche«, so beeindruckt, daß er sich zu seinem Botschafter machen wollte. In einem offenen Brief kritisierte er, daß es »absurd« sei, »daß Regierung und Bevölkerung der Bundesrepublik den Russen kriegerische Absichten unterstellten, obgleich die Deutschen gerade erst unter Hitler die Sowjetunion überfallen und ihr schwerstes Leid zugefügt hatten«. Und der »untergehenden römischen Spätantike« des Kapitalismus stellte er nun gar den Realsozialismus als »aufsteigendes konstantinisches Christentum« entgegen, dessen Illiberalität er jetzt für etwas bloß Vorübergehendes hielt: »Sterbende Gesellschaften« seien »liberal bis zur Sittenlosigkeit, neue, aufsteigende immer puritanisch«. Er sei »überzeugt, daß der Kapitalismus nicht mehr imstande ist, die Probleme zu lösen, die er selber erzeugt hat, und daß sie nur gelöst werden können durch Sozialismus, durch weltumspannende Planung sozialistischer Arbeit«. Und er fügte hinzu: »Für unsere kalten Krieger bin ich damit selbstverständlich ›auf die Absichten kommunistischer Propaganda‹ reingefallen. Das ficht mich nicht an.«

Ingar Solty ist Mitarbeiter des Forschungsprojekts »Europe in an Era of Political and Economic Crises« an der York University in Toronto.

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