10. April 2014

Kaiser von Deutschland

Hugo Stinnes - Fotoquelle: Wikipedia

Wozu brauche ich Krieg, dachte Hugo Stinnes 1911, die Welt liegt mir zu Füßen. Doch drei Jahre später ließ er sich vom Nutzen des großen Mordens überzeugen

Otto Köhler

Heute vor neunzig Jahren, am Donnerstag, den 10. April 1924 starb Hugo Stinnes (54) durch Ärztepfusch. Zur Bestattung seiner Asche marschierten Abordnungen der Reichswehr samt Marschkapellen, der Reichskanzler Wilhelm Marx tanzte mit großen Teilen seines Kabinetts an. Und auch 300 Bergleute – allen Arbeitern hatte Stinnes kurz vor seinem Tod gerade noch das Streikrecht nehmen und den Zehnstundentag bescheren wollen – hatten zur Fahrt nach Berlin vom Malochen freibekommen, um der Stinnes-Urne ein letztes – das ist deutsches Brauchtum – »Glückauf« zuzurufen.

Kurz, sein »unerwarteter Tod in der Blüte seines Lebens« war ein »Ereignis von großer Tragweite«. Denn es hätte, glaubte sein Biograph Gerald D. Feldman noch 1998, »einen Unterschied, vielleicht zum Besseren gemacht, wenn Hugo Stinnes am Leben geblieben wäre«. Adolf Hitler wurde auch nur zwei Jahre älter. Doch beider Männer großes Aufbauwerk war schon kurz nach ihrem Tod – nahezu, aber nicht gänzlich – zerstört.

Der Unterschied zum Besseren also. Was zu erwarten gewesen wäre, wurde schon im September 1911 deutlich. Zu dieser Zeit expandierte die deutsche Schwerindustrie nach Frankreich hin, ein Drittel der Erzfelder in Longwy-Briey stand unter deutschem Einfluß. Der Historiker Konrad Canis stellte unlängst erst fest: »Führende Schwerindustrielle wie Hugo Stinnes verstanden ihre Wirtschaftsexpansion in dem Nachbarland als ein umfassendes, auch politisches Hegemoniestreben«. Stinnes setzte auf Verständigung. Gegenüber Heinrich Claß, dem Chef des Alldeutschen Verbandes, der längst schon auf Krieg begierig war, vertrat Stinnes noch im September 1911 einen klaren Merkel-Kurs zur Expansion in Frieden: »Und sehen Sie, was das heißt, wenn ich langsam aber sicher mir die Aktienmehrheit von dem oder jenem Unternehmen erwerbe, wenn ich nach und nach die Kohleversorgung Italiens immer mehr an mich bringe, wenn ich in Schweden oder Spanien wegen der notwendigen Erze unauffällig Fuß fasse, ja mich in der Normandie festsetze – lassen sie noch drei oder vier Jahre ruhigen Frieden sein, und Deutschland ist der unbestrittene wirtschaftliche Herr Europas. Die Franzosen sind hinter uns zurückgeblieben; sie sind ein Volk der Kleinrentner. Und die Engländer sind zu wenig arbeitslustig und ohne den Mut zu neuen Unternehmungen. Sonst gibt es in Europa niemanden, der uns den Rang streitig machen könnte. Also drei oder vier Jahre Frieden, und ich, ich sichere die deutsche Vorherrschaft in Europa im Stillen.« So zitierte ihn Claß in seiner Rechtfertigungsschrift »Wider den Strom« aus dem Jahre 1932.

Es kam anders: am 8. Dezember 1912 beschloß Wilhelm Zwos Kriegsrat, daß das große Schlachten in eineinhalb Jahren – sobald der Nordostseekanal fertig gebaut sei – zu beginnen habe, was ja auch geschah (siehe jW 7.12.2012). Und so blieb Stinnes kein Dogmatiker der friedlichen Expansion. Für ihn war das nur ein Wechsel der Methode. Bald nachdem der Kaiser den Krieg ausgebrochen hatte, ließ sich Stinnes im September 1914 von einem willigen Professor aus Berlin (Hermann Schumacher) ein unfriedliches Expansionsprogramm ausarbeiten, das von Europa und dem Rest der Welt kaum etwas übrig ließ. Selbst Claß mit seiner eigenen, kurz zuvor erschienenen Kriegszieldenkschrift schnappte da anerkennend nach Luft.

Eroberung und Enteignung

Stinnes verlangte für das Deutsche Reich: 1. alle Seehäfen vor der englischen Küste, 2. Tanger als Wacht gegen Gibraltar, 3. Zugang zum Roten Meer bis nach »Abessynien«, 4. Zollbegünstigungen in Frankreich und Rußland gegen England, 5. Kriegsentschädigungen zum »Ausbau unserer Kriegsflotte«. Und so fort, vor allem »maßvoll« die Grenzen nach Osten bis zum großrussischen Gebiet verschieben. Und Antwerpen wird deutsch zusammen mit den flämischen Belgiern – die Wallonen dürfen auswandern. Und der belgische Kolonialbesitz wird deutsch wie ein Teil des französischen. Das Wichtigste aber: »Wir müssen nicht nur unbegrenzte politische, sondern auch unbegrenzte wirtschaftliche Verfügungsgewalt über das abgetretene Gebiet bekommen«. Stinnes so deutlich, wie es nicht einmal die Nazis einen Krieg später aussprachen: »Mit der Abtretung der Herrschaftsrechte muß daher eine Enteignung Hand in Hand gehen.« Aus strategischen Gründen sei es wünschenswert, daß an den neuen Grenzen eine Pufferzone mit deutscher Bevölkerung geschaffen werde. Und nicht zu vergessen: wir müssen Frankreich die unmittelbar zu unserer Grenze gelegenen reichen Eisenerzlager »fortnehmen« – sie sind »schon 1871 uns nur durch einen Irrtum entgangen«.

Kurz, Deutschland sollte den Kontinent beherrschen und noch möglichst viel von der übrigen Welt bei Enteignung der zu vertreibenden Bürger. Dabei verachtete Stinnes durchaus die Friedensidee nicht, je weiter der Krieg fortschritt. Aber es kann der Beste nicht in Frieden leben … Als der spätere Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde ihm im August 1915 seine Kritik an den diversen Kriegszieldenkschriften vorlegte, da bedauerte Stinnes am aufrichtigsten: »Bin vorm August 1914 der aufrichtigste Anhänger einer friedlichen Verständigung ohne jede Eroberungswünsche namentlich mit England gewesen, würde mich aber heute, nachdem den Feinden durch den Krieg die Augen geöffnet worden sind, verbrecherischen Leichtsinns schuldig halten, sofern ich nicht, wenn erreichbar, für eine Erweiterung der Grenzen im Ausmaße der von den wirtschaftlichen Verbänden gekennzeichneten Grenzen einträte.«

Stinnes erklärte noch aufrichtiger, wie er das meinte: Wenn »unsere Feinde nicht so schlecht vorbereitet gewesen wären«, dann wäre es angesichts ihrer »riesigen Zahlenübermacht ganz ausgeschlossen gewesen, siegreich diesen Kampf zu bestehen«. Also: »Nach den Erfahrungen dieses Krieges mit einem gleichen Glücksfall wie 1914/15 zu rechnen wäre mehr als leichtsinnig.« Darum seien die Annexionen notwendig: »Wir müssen für Vorland sorgen, schon um unsere wichtigen Industriebezirke, ohne deren Fortarbeit schon der jetzige Krieg verloren gewesen wäre, nicht schutzlos den feindlichen auf der Höhe der Technik stehenden Geschütz- und Fliegerangriffen preiszugeben.« Also Krieg führen, um zu annektieren, damit bei unserem nächsten Weltkrieg unser Land nicht von einem Feind zerstört werden kann, der es sich einfallen ließ – wie kommt er dazu? – die Augen aufzumachen.

»Schlagt ihre Führer tot!«

Schon zwei Monate nach der Novemberrevolution, die aus dem Kaiserreich eine Republik gemacht hatte, am 10. Januar 1919, fand sich Hugo Stinnes zusammen mit 50 Wirtschaftsführern im Flugverbandhaus ein. Eduard Stadtler, ein enger Vertrauter von Stinnes, sprach über »Bolschewismus als Weltgefahr«.

Danach erhob sich Stinnes: »Ich bin der Meinung, daß nach diesem Vortrag jede Diskussion überflüssig ist. Ich teile in jedem Punkt die Ansicht des Referenten. Wenn die deutsche Industrie-, Handels- und Bankwelt nicht willens und in der Lage ist, gegen die hier aufgezeigte Gefahr eine Versicherungsprämie von 500 Millionen Mark aufzubringen, dann sind sie nicht wert, deutsche Wirtschaft genannt zu werden. Ich beantrage den Schluß dieser Sitzung und bitte die Herren Marklewitz, Borsig, Siemens, Deutsch (…) sich mit mir in ein Nebenzimmer zu begeben, damit wir uns über den Modus der Umlage klar werden können«.

Dort billigten die Herren die von Stinnes vorgeschlagene Summe und unterwarfen sich einer »freiwilligen Selbstbesteuerung«. Schon in den nächsten Tagen flossen die ersten Gelder in den von einem Stinnes-Mann verwalteten »Antibolschewisten-Fonds« für die entsprechenden Kampfgruppen (»Antibolschewistische Liga«, Selbstschutzorganisationen, Freikorps, Mittel gelangten sogar in die Kassen der aktiven Truppen und erreichten auch die SPD). Schon zuvor hatte die von Hugo Stinnes finanzierte »Antibolschewistische Liga« Plakate und Aufrufe an die Berliner Bevölkerung drucken lassen: »Das Vaterland ist dem Untergang nahe. Rettet es! Es wird nicht von außen bedroht, sondern von innen: Von der Spartakusgruppe. Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht!« So geschah es fünf Tage nach dem Spendentreffen. Auf den Mörder kommen wir noch.

Ein Jahr vor seinem Tod, im März 1923, wurde Stinnes aus den USA zum »neuen Kaiser von Deutschland« ausgerufen. Schon die dritte Ausgabe des neugegründeten Time Magazine nahm ihn dazu auf den Titel, nannte ihn so und fügte hinzu: »Er will die europäische Stahlindustrie unter seine Kontrolle stellen, und er wird, wie alle undurchsichtigen Personen, die im Niemandsland der internationalen Politik agieren, immer gewinnen, welche Seite auch immer an der Spitze steht«. (»His aim is the control of the European steel industries, and, like all mysterious figures who move in the no man’s land of international politics, he stands to win whichever side comes out on top.«) Stinnes war der Imperator dank jener Inflation, die Deutschland in den Bankrott und seine Bürger ins Elend stürzte. Er selbst aber raffte sich mit Hilfe von Schulden, die er von Tag zu Tag immer billiger zurückzahlen konnte, ein ungeheures Reich zusammen: Schwerindustrie, eine Flotte von Schiffen, Hotels, Zeitungen – alles. Die »Waffe der Inflation«, so forderte er noch im November 1923, »muß auch weiter benutzt werden«. Wozu? »Sie eignete sich vorzüglich zur öffentlichen und privaten Schuldentilgung, zur Expansion des Großbesitzes – wie das der klassische Inflationsgewinnler Stinnes am besten wußte…«, schrieb der Bielefelder Sozialhistoriker Hans Ulrich Wehler in seiner Gesellschaftsgeschichte. Sieger war Stinnes noch, als er schon auf dem Sterbebett lag. Und er mußte dank seines raschen Todes nicht mehr erleben, wie dann fast alles zusammenkrachte.

»Kerle, frei von Gefühlen«

Zwei Wochen vor seinem Tod, am 27. März 1924, ahnte er schon etwas und erkannte zugleich den Ausweg. »In diesen Tagen, wo ich hier liege«, sprach er von seinem Sterbebett aus zu seinem Vertrauten Karl Fehrmann, »habe ich viel Zeit zum Nachdenken gehabt und bin zu der Erkenntnis gekommen, daß uns aus unserer Lage nur ein Krieg herausführen kann.« Er war sich klar, daß dabei »unser schönes Ruhrgebiet« völlig vernichtet werde. »Ja, es hat keinen Zweck, sich darüber zu täuschen, ebenso gewiß bin ich, daß wir diesen Krieg gegen die Franzosen gewinnen werden und daß wir alles wiederkriegen, das Ruhrgebiet, Elsaß-Lothringen und noch mehr, wenn wir nur in dem Augenblick Könner an der Spitze haben, Kerle, frei von Gefühlen, mit starken Nerven und klarem Verstand.« Vor allem den einen Könner, den Diktator – unter ihm, dem Kaiser.

Stinnes hatte die nun wirklich schleunigst zu besetzende Stelle des Führers sorgfältig und genau ausgeschrieben. Er erläuterte dem US-Botschafter Alanson Houghton, der ihn sehr schätzte, zwei Monate vor dem Hitler-Putsch: »Es muß ein Diktator gefunden werden, ausgestattet mit der Macht, alles zu tun, was nötig ist. So ein Mann muß die Sprache des Volkes reden und selbst bürgerlich sein: Und so ein Mann steht bereit. Eine große von Bayern ausgehende Bewegung, entschlossen, die alten Monarchien wiederherzustellen, ist nahe. Sie wird in erster Linie einen Kampf gegen den Kommunismus bedeuten.« Damit meinte er nicht Hitler, der war ihm zu unreif, sondern zunächst einmal Gustav Kahr, der sich als Interessenvertreter der Wittelsbacher verstand und für eine »legale« Diktatur eintrat. Hitlers voreiliger Putsch mit dem unfreiwillig mitgegangenen Kahr verhinderte, daß der seine Pläne ausführen konnte.

Stinnes starb vierzehn Tage nach dem Münchner Urteil gegen Hitler, viel zu früh. Und er durfte so anders als seine hitlerfreundlichen Mülheimer Kollegen Emil Kirdorf und August Thyssen nicht mehr erleben, wie der Putschist Hitler nach seinem erholsamen Landsberg-Aufenthalt auf jenen strengen – nur durch »allenfallsig« Terror, Straßenkampf und Mord abgemilderten – Legalitätskurs ging, der schließlich 1933 zum überwältigenden Erfolg führte. Die Weimarer Republik wurde »legal«, nahezu »verfassungsgemäß« liquidiert.

Gefällige Auftragshistoriker

Die letzte Biographie, die bislang über Stinnes geschrieben wurde, stammt von dem US-Historiker Gerald D. Feldman und erschien 1998 im C. H. Beck Verlag. Klar, daß Feldman es mit den Mitteln seiner historischen Wissenschaft besser machen wollte als Heinrich Mann, der mit seiner »schreckliche[n] Kurznovelle Kobes« Stinnes »mit expressionistischen Mitteln als Ausbeuter der Arbeiterschaft und Entmanner des Mittelstandes« zeigte. Darum stellte Feldman ans Ende seiner Tausend-Seiten-Biographie ein Wort der Ehefrau Cläre: »Mein Mann hat sich stets für das hohe Ziel aufgerieben, Hunderttausenden Arbeit und Brot zu schaffen«. Der Historiker Feldman findet das nur etwas »verklärend«, aber »das ändert nichts« daran, daß »Stinnes den aufrichtigen Willen hatte, Arbeitsplätze zu schaffen und für eine anständige Bezahlung der Arbeiter zu sorgen«. Wie kam der – inzwischen verstorbene – Historiker Feldman zu einem solch wohlwollenden Führungszeugnis für diesen zeitweise mächtigsten Kapitalisten Deutschlands?

Nun, Feldman, der in den sechziger Jahren als solider Wissenschaftler (»Army, Industry and Labor in Germany«) begonnen hatte, geriet in die schlechte Gesellschaft des Historiker-Pflegepersonals am Krankenbett des Kapitalismus. Ein Jahr nach Erscheinen seiner Stinnes-Biographie entstand im Times Literary Supplement eine heftige Debatte über jene Geschichtswissenschaftler, die sich in Deutschland »von Unternehmen, Banken oder Regierungsstellen bezahlen lassen, deren frühere Aktivitäten Gegenstand ihrer Forschung sind«. In einer zusammen mit den noch klareren Auftragshistorikern Lothar Gall und Harold James verfaßten Erklärung fand Feldman solche Vorwürfe »unhelpful«. Das Trio erklärte, historische Forschung sei nun einmal zeitaufwendig und kostspielig, man müsse oft eine Fülle von Material von allen möglichen Seiten zusammentragen und auswerten. Und wenn einige Unternehmen bereit seien, solche Untersuchungen zu finanzieren, sei das doch hochwillkommen. Warum sollten Historiker anders behandelt werden als jeder andere Anbieter von berufsmäßigen Diensten. Ärzte etwa, darauf insistierten die Gelehrten, erstellten doch auch nicht eine rosigere Diagnose, nur weil sie für ihre Bemühungen ein Honorar bekommen. Richtig. Und wenn nun die Diagnose gelautet hätte, daß Stinnes sich von Anfang an mit den Todfeinden der Weimarer Republik zusammengetan, sie finanziert hat?

Feldman schreibt zum Kapp-Putsch 1920, Stinnes hätte zwar von den Staatsstreichabsichten einiger der Personen, mit denen er in Verbindung stand, gewußt – aber »sie mißfielen ihm entschieden«. Feldman weiter: »Es gibt jedoch keine Hinweise auf eine Verbindung Stinnes’ zum führenden Kopf des Putschs, General von Lüttwitz, zu Kapitän Pabst, der als Mittelsmann zwischen Kapp und Lüttwitz und als Beauftragter Ludendorffs fungierte, oder zu Kapitän Ehrhardt und seiner für seine Brutalität berüchtigten Marinebrigade und seinem Ostseebataillon.« Kein Hinweis auf eine Verbindung von Stinnes zu Kapitän Pabst? Nie? Auch nicht, als der im Januar 1919 die Vorbereitungen für den Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht traf? Pabst erinnert sich gern: »Aber der Rest der Division lag weiter tatenlos in den Quartieren, es gab auch jetzt für uns noch keine Verwendung. In der Zwischenzeit hatten sich überall Freikorps gebildet. Auch ich hatte schon sofort angefangen, Freiwillige einzustellen. Das dafür benötigte Geld kam von Herrn Hugo Stinnes, den ich als deutschen Patrioten immer in dankbarem Gedenken bewahre. Stinnes hatte von mir, nach einem Gespräch mit ihm in seiner Wohnung im Hotel ›Esplanade‹, unsere finanziellen Bedürfnisse in Form einer Kostenaufstellung erhalten. Nach Verhandlungen mit den in Frage kommenden Spitzenvertretern von Industrie, Handel, Landwirtschaft, Banken und freien Berufen erklärte er uns, daß die Division zunächst für vier Monate über den und den Betrag verfügen könne, was ungefähr das Doppelte von dem war, was wir erbeten haben.«

Genußreiche Tage

So interessant dieses Zeugnis des Mörders von Luxemburg und Liebknecht für den Historiker Feldman hätte sein können, er erinnert sich lieber an den »persönlichen Zuspruch und die wunderbare Gastfreundschaft, die meine Frau und ich«, von den Enkeln des Hugo Stinnes erfuhren und an die »vielen genußreichen Tage und Abende«, mit denen sie »unsere wissenschaftlichen Mühen um eine persönliche und freudvolle Dimension bereichert« haben. Verständlich darum auch, daß seine Wissenschaft über den Sohn Hugo Stinnes jr., der ausführlich in der Biographie berücksichtigt wird (er lehnte den »Nationalsozialismus« ab und »weigerte sich, in die Partei einzutreten, trotz der Vorteile, die damit womöglich verbunden gewesen wären«), etwas abrupt endet. Aber es hätte vermutlich der wunderbaren Gastfreundschaft ein wenig Abbruch getan, wenn sich Feldman auch nur den geringsten Hinweis auf die wahrhaft historische Leistung erlaubt hätte, mit der sich Hugo Stinnes jr. zugunsten von Werner Best und des Wiederauflebens der NSDAP nach 1945 aufopferte.

Uraltnazi Best hatte bereits in der Weimarer Republik einen brutalen Umsturzplan ausgearbeitet. Der Best-»Parteigenosse«, der den Plan, die »Boxheimer Dokumente«, an die Öffentlichkeit brachte, wurde von den Nazis umgebracht. Und Best stieg nach 1933 auf. Tausende gingen auf das Mordkonto des nunmehr hohen SS-und Polizeiführers und obersten Rechtsberaters der Gestapo. Er wurde Reichsbevollmächtigter in Dänemark, doch die Dänen, die ihn zum Tod verurteilt hatten, mußten ihn auf Drängen der Bundesrepublik freilassen. Best fand als Justitiar und Mitglied des Direktoriums ein lukratives Unterkommen im Stinnes-Konzern, wo er die Bewegung für eine Generalamnestie der Naziverbrecher aufzog. Vor Gericht war er, ging es um seine Taten, wegen »Krankheit« fast nie verhandlungsfähig. Ging es um die Verbrechen seiner Kameraden, deren Verteidigung er koordinierte, war er stets ein munterer Entlastungszeuge. So wurde der Stinnes-Konzern zum Motor für die Generalamnestiebewegung und auch zum Hauptfinanzier der Naziunterwanderung der FDP durch den Goebbels-Stellvertreter und Nachfolger Werner Naumann, dem nur noch die britische Besatzungsmacht Einhalt gebieten konnte. Hugo Stinnes jr. hat sich um die Renazifizierung des Bundesrepublik hoch verdient gemacht. Feldman aber schweigt ebenso über Geld und Förderung der Nazimörder um Werner Best durch den Junior wie über die direkte Unterstützung des Luxemburg-Mördes Waldemar Pabst durch den Senior Hugo Stinnes. Er hat sich damit um unseren Staat verdient gemacht.

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