5. März 2013

Kampf der Diadochen

Wandel und Beständigkeit: Bei Wahrung von Art und Weise der stalinschen Außenpolitik erfolgte unter Chruschtschow die spektakuläre Aussöhnung mit Tito.

Nach Stalins Tod begannen sofort die Auseinandersetzungen um dessen Nachfolge. Auch wenn alles anders werden sollte, in der Außenpolitik blieb eine ­auffällige Kontinuität gewahrt

Luciano Canfora

Vor 60 Jahren, am 5. März 1953, starb der sowjetische Staats- und Parteichef Josef Wissarianowitsch Stalin. Aus Anlaß dieses Todestages schreibt Luciano Canfora exklusiv für junge Welt. Der italienische Altphilologe lehrt an der Universität Bari und ist Mitglied des Partito die Comunisti Italiani, PdCI. Für Aufsehen sorgte seine vom C.H. Beck Verlag unterdrückte »Kurze Geschichte der Demokratie«, die, neu übersetzt, 2006 vom PapyRossa Verlag veröffentlicht wurde.

Ein Jahr vor dem Tod Stalins, im April 1952, erschien im Pariser Verlag Flammarion ein Buch des bekannten »Kremlogen« André Pierre (1887–1966) unter dem Titel »Wer wird Stalins Nachfolger?« Der Autor bewertete darin die »Chancen« der elf Mitglieder des Politbüros der KPdSU. Es war eine nicht sonderlich antisowjetische Arbeit, die sich bemühte, die politischen Entwicklungen der UdSSR in möglichst pragmatischen Begriffen zu erfassen. Nach aufmerksamer Prüfung kam das Buch zu zwei Hypothesen. Auf Stalin könnte, als einziger Führer, Molotow folgen, der Hauptinterpret seiner Außenpolitik in den entscheidenden Jahren seit 1939. Für Molotow, schrieb der Autor, spreche ein wichtiger Faktor, nämlich seine tiefgehende Übereinstimmung mit allen einem eisernen Pragmatismus zu verdankenden Entscheidungen Stalins. Gegen Molotow spreche der Umstand, daß er nicht schon seit längerem Kontrolle über die Partei ausgeübt habe. André Pierres alternative Hypothese war die einer »kollegialen« Führung, einer »Troika« (wie es sie eine Zeitlang gab, als Lenin nicht mehr in der Lage war, seine Leitungsaufgaben wahrzunehmen). Diese »Troika«, so der Autor, könnte entsprechend dem spezifischen Gewicht der elf Politbüromitgliedern aus folgenden drei Personen bestehen: Molotow (als primus inter pares), Malenkow (der die Schalthebel der Macht in der Partei bediene) und Beria, (dem unangefochtenen Chef der politischen Polizei seit Dezember 1938). Die Hypothese einer kollegialen Führung könnte geradezu dem Kopf Stalins selbst entsprungen sein, wenn dieser – was wahrscheinlich ist – sich mit dem Problem seiner Nachfolge beschäftigte.

Kein Fortsetzer Stalins

Wenige Monate nach dem Erscheinen dieses Buches fand der XIX. Parteitag der KPdSU statt. Dort wurde deutlich, daß die aufsteigende Führungsfigur Malenkow war, der den Rechenschaftsbericht des ZK erstattete. Stalin hielt lediglich ein kurzes, doch bedeutsames »Grußwort«. Auch Chruschtschow sprach bei diesem Parteitag; aber er blieb eine Figur im Hintergrund (er war erst vor relativ kurzer Zeit auf die nationale Führungsebene gelangt, nachdem er lange die Ukraine geführt hatte). Seine Rede strotzte vor Unterwürfigkeit gegenüber Stalin. Der »Vater der Völker«, wie dieser genannt wurde, nahm an den Arbeiten des Parteitags persönlich teil, obgleich sein körperlicher Verfall bereits fortgeschritten war (wie Milovan Djilas über seine bald nach Kriegsende geführten »Gespräche mit Stalin« berichtet hat). Und Chruschtschow wollte Karriere machen.

André Pierre beschrieb am Ende seines Buches die sich abzeichnenden Schwierigkeiten: 1. Der Personenkult um Stalin hatte, vor allem seit 1949 anläßlich seines 70. Geburtstags, solche Formen angenommen, daß keiner der elf künftig auf eine ähnliche Stellung würde hoffen dürfen; 2. die öffentliche Meinung hatte sich inzwischen an einen Typus charismatischer und stark personalisierter Macht gewöhnt, der auf seine Art dank der angedeuteten Unfehlbarkeit »beruhigend« wirkte; 3. darüber hinaus würde dem Nachfolger oder den Nachfolgern nichts anderes übrig bleiben, als »das eigene Ansehen durch den ständigen Bezug auf Stalin zu festigen, so als ob ihr Handeln und ihr Denken von dem Verstorbenen quasi diktiert würden«; 4. da ihnen aber das Prestige des Toten und der damit verbundene »Kult« abgeht, würden sie nicht lange auf diese Weise verfahren können.

Eine ganz andere und deutlichere Prognose wurde von Isaac Deutscher in seinem zwei Monate nach dem Tod Stalins geschriebenen Werk »Russia after Stalin« formuliert. Dort heißt es: »Zu glauben, der unmittelbare Nachfolger Stalins werde ein reiner Fortsetzer Stalins sein, wäre falsch. Er wird zwar gewiß behaupten, dies zu sein, so wie Stalin behauptet hat, nichts anderes als der Fortsetzer Lenins zu sein. In Wirklichkeit war der Stalinismus eine Fortsetzung des Leninismus nur unter bestimmten Aspekten, unter anderen dagegen stellte er einen radikalen Bruch mit diesem dar. Was immer jetzt in Rußland geschehen wird, so ist anzunehmen, wird nur zum Teil eine Verlängerung des Stalinismus sein, wird jedoch in einigen wesentlichen Aspekten einen Bruch mit der Stalinära markieren«.

Berias liberale Wende

Tatsächlich gab es einen Bruch, der sich aber – wie in elitär-oligarchischen politischen Systemen üblich – vor allem an der Spitze vollzog. Sofort – aber hinter verschlossenen Türen – kam es zu einer scharfen Auseinandersetzung um die Führungsrolle. Und es ließen sich atemberaubende Rollenwechsel beobachten. Das erste sichtbare Zeichen war die Verhaftung und wenig später die Erschießung Berias (als »britischer Spion«!). Beria verfügte über das furchtbare Instrument der politischen Polizei. Deshalb war er der stärkste, und die anderen verbündeten sich folglich gegen ihn, um ihn zu liquidieren, nachdem sie ihm eine Falle gestellt hatten (27. Juni 1953). Wenige Tage zuvor war es zu dem Aufstand in Berlin gekommen. Beria hatte auf eine angesichts seiner Vergangenheit völlig unerwartete Karte gesetzt: die der liberalen Wendung. Am 26. Mai 1953, also wenige Tage nach Stalins Begräbnis, schlug er dem Präsidium des ZK der Partei eine Amnestie für die politischen Häftlinge vor. Am 1. April sorgte er dafür, daß die jüdischen Ärzte, die absurderweise wegen der sogenannten »Ärzteverschwörung« verhaftet worden waren, aus dem Gefängnis entlassen wurden. Am 10. April empfahl er der Parteiführung, die »Nationalisten« Mingreliens (im südlichen Kaukasien) zu entlasten. Am 20. Mai beseitigte er das System der »internen Pässe«. Am 27. Mai setzte er, gegen den Widerstand Chruschtschows und Bulganins, eine Entschließung durch, in der die forcierte Kollektivierung in der DDR kritisiert wurde. Er war zum Vorreiter der Demontage einiger Eckpfeiler des Stalinismus geworden! Wenige Tage danach, am 17. Juni 1953, brach der Aufstand in Ostberlin und in anderen Orten der DDR aus. Am 27. Juni wurde Beria verhaftet. Für die kommunistischen Parteien anderer Länder wurde die offizielle Version »der britische Spion Beria« die einzige akzeptierte Erklärung für die sich hinter den Kulissen vollziehende schwere Krise. Die Anti-Beria-Koalition hielt mehr oder weniger bis zum Ende des XX. Parteitags im Februar 1956 und vollzog dabei eine Reihe radikaler Änderungen in der Außenpolitik: so die spektakuläre Aussöhnung mit Tito und die Öffnung gegenüber den »Blockfreien« (Nehru u.a.).

Auch der XX. Parteitag war ein Kompromiß zwischen den Siegern dieser ersten und fundamentalen Auseinandersetzung. Der Kompromiß kam dadurch zustande, daß der offizielle Bericht an den Parteitag, der einige dem Kult »einer gewissen – nie beim Namen genannten – Persönlichkeit« zugeschriebene Verzerrungen kritisierte von dem geheimen Bericht, der Stalin sogar alle Verdienste an dem militärischen Sieg über die Deutschen absprach, scharf getrennt wurde. Auch diesmal ließ man die ausländischen Parteien im Dunkeln: noch im Dezember 1955 schrieb Rinascita, die Zeitschrift der PCI, in ihrer Ankündigung des bevorstehenden XX. Parteitags der KPdSU: »Die ganze sowjetische Presse hat der Feier des 76. Geburtstags Stalins lange Artikel gewidmet und besonders den großartigen Beitrag Stalins zur schöpferischen Entwicklung der marxistischen Lehre unterstrichen«.

Die Abrechnung wurde von Chruschtschow beschleunigt, indem er dafür sorgte, daß der Text der Geheimrede in die USA gelangte. Diese »Bombe« schlug in ganz Osteuropa ein. Doch Chruschtschow ließ sich nicht überwältigen (wie Beria im Juni 53) und erwies sich als äußerst hart in der Reaktion auf die Gefahr des Zerbröckelns des gerade entstandenen Warschauer Pakts. Der Sturz der – als »parteifeindlich« bezeichneten – Gruppe von Molotow und Malenkow war nur eine Frage von Monaten (Juli 1957).

Pragmatische Diplomatie

Wir wollen die folgenden Entwicklungen bis zum Sturz Chruschtschows im Oktober 1964 hier nicht weiterverfolgen. Halten wir jedoch fest, daß Chruschtschow zur Festigung seiner Macht die Karte des Bruchs mit der Vergangenheit besser zu spielen verstand als Beria. In der Innenpolitik wurde dieser »Bruch« erst gegen ihn gewendet, als sich die ersten Mißerfolge einstellten, vor allem in der Landwirtschaft (ein Gebiet, auf dem Chruschtschow sich als kompetent und als Erneuerer betrachtete). In der Außenpolitik war der Bruch mit der Vergangenheit eher scheinbar als real: er betraf einige wichtige Entscheidungen, nicht aber die Methode.

Im Gegenteil, man könnte sagen, daß die UdSSR, als Großmacht, einen Stil von Außenpolitik gepflegt hat, der stets geschickt zwischen gegensätzlichen Optionen oszillierte, aber stets und mehr und mehr vom Staatsinteresse bestimmt war. Eine solche Politik war dem Anschein nach befremdlich: besser gesagt, sie befremdete diejenigen, die sich eine Außenpolitik ideologischer Art erhofften. Die erste und bedeutsamste Dementierung erfolgte schon sehr früh: bei der Auseinandersetzung zwischen Lenin und Trotzki über die Annahme oder Ablehnung des Vertrags von Brest-Litowsk (Januar/Februar 1918). Lenin erzwang die pragmatische und realistische Entscheidung, diesen Frieden letztlich (mangels konkreter Alternativen) zu akzeptieren, Trotzki lehnte ihn ab; Stalin ergriff in dieser wichtigen Frage Partei für Lenin.

Dies ist das Urbild der sowjetischen Außenpolitik. Sie wurde, in der stalinschen Epoche, um ein weiteres Element ergänzt: den Willen nämlich, auch für gegensätzliche Entscheidungen eine ideologische Rechtfertigung zu liefern. Das wurde möglich, indem man, je nach den konkreten diplomatischen Notwendigkeiten, das Wesen des Gegners unterschiedlich diagnostizierte. Diese ganz unterschiedlichen Befunde wurden einmal so, einmal so benutzt, je nach dem, was sich als geeignet erwies, eine theoretisch-ideologische Grundlage für die getroffenen diplomatischen und militärischen Entscheidungen zu liefern, auch dann wenn diese antithetisch waren. Emblematisch für diesen Mechanismus ist eine Äußerung Stalins in einem Gespräch mit Molotow und Shdanow, das am 7. September 1939 stattfand und an dem auch Dimitroff teilnahm. In seinen Tagebüchern hielt er fest: »Bis zum Krieg war es völlig richtig, dem Faschismus das demokratische Regime entgegenzusetzen. Während des Krieges zwischen den imperialistischen Mächten ist das schon nicht mehr richtig«

Die sowjetische Diplomatie hat also ständig zwischen zwei Optionen geschwankt, die zwei unterschiedlichen Sichtweisen auf das gegnerische Lager entsprachen. Die erste besteht in der Ineinssetzung des gesamten gegnerischen Lagers: Reaktionäre (dann Faschisten) und »Demokraten«, einschließlich der Sozialdemokraten. Die andere Sichtweise berücksichtigt dagegen die Zweckmäßigkeit, zu unterscheiden und ein Bündnis mit den »Demokraten« (auf internationaler Ebene also Ländern wie Frankreich, England und den USA) gegen die Reaktionäre (auf internationaler Ebene: den faschistischen Staaten) zu versuchen. Der ersten Option liegt das ideologische Motiv zugrunde, alle politisch-sozialen Gebilde, die sich von der (als Voraussetzung der einzig authentischen Form des Sozialismus verstandenen) »Diktatur des Proletariats« unterscheiden, als Feinde zu betrachten, denen man sich entgegenstellen muß; aber eben nicht nur das, sondern auch das konkrete historische Geschehen, mit dem das neue Sowjetrußland sich auseinanderzusetzen hatte, nämlich die aktive anglo-französische Militärhilfe für die »Weißen« (Zaristen etc.) während des Bürgerkriegs, der die gerade entstandene Sowjetrepublik zerriß. Eine derartige gegnerische Schlachtordnung schien doch der schlagende Beweis für die Berechtigung der ersten Option zu sein. Und haftete im Gedächtnis: Sie wurde nie vergessen.

Wende in der Nahostpolitik

Natürlich nahm man wahr, ungeachtet dieser drastischen und sehr summarischen Einschätzung, daß das neue Phänomen des Faschismus eine Variante darstellte, die man nicht vernachlässigen durfte (und die daher die Unterscheidung zwischen liberal-konservativen und faschistischen Reaktionären erforderte); und entsprechend war die Sozialdemokratie mit ihren verschiedenen Strömungen nicht einfach gleichzusetzen mit anderen »Demokraten«. Das Pendel der sowjetischen Entscheidungen schwankte: »Einheitsfront« mit den Sozialisten (1922/23); »Sozialfaschismus« (1929); Freundschaftsvertrag mit dem faschistischen Italien (1933); »Volksfronten« unter Einschluß der Sozialisten und halbwegs linke Demokraten (1936–38); Vertrag mit Deutschland (1939–41); große antifaschistische Allianz (1941–45); kalter Krieg (1947–89).

Stalin hat zeitlebens alle diese Strategien praktiziert. Doch in seinen letzten Lebensjahren sah er sich vor neue Fragen und neue Schauplätze gestellt. Das weite Feld der arabischen Welt stellte für die sowjetische Politik ein unerhörtes Problem dar. Die UdSSR war der Haupturheber des Staates Israel (in der UNO waren die Stimmen der UdSSR, der Ukraine, von Belarus, Polen, der Tschechoslowakei usw. entscheidend). Und sie unterstützte, via Prag, Israel militärisch, als dieses von den durch die Engländer unterstützten arabischen Staaten (mit Ägypten an der Spitze) angegriffen wurde. Dann verschlechterte sich das Verhältnis zu Israel, unter anderem wegen der Abwanderung russischer Juden nach Israel (ein in seiner Schwere emblematischer Vorfall war der »Prozeß gegen die Ärzte«, zumeist Juden, denen vorgeworfen wurde, Shdanow getötet zu haben). Doch dies führte zu keinem Seitenwechsel der UdSSR zugunsten der arabischen Staaten: Monarchien, die von England und, hinter den Kulissen, den USA unterstützt wurden. Selbst der Sturz von König Faruk 1952 durch General Nagib hatte noch keine Auswirkungen auf die sowjetische Nahost-Politik. Erst mit Nassers nationalistischer Revolution, die von der ägyptischen kommunistischen Partei des Faschismus beschuldigt wurde, beginnt sich die Lage zu verändern. Die neue sowjetische Führung, die dabei ist, den Stalinismus zu den Akten zu legen (XX. Parteitag), vollzieht (im Versuch, dem Westen die Kontrolle über die Region streitig zu machen) die spektakuläre diplomatische Wendung, Partei für das Ägypten Nassers zu ergreifen, ohne sich um das Schicksal der ägyptischen Kommunisten zu kümmern. Ein Manöver, welches, wenn auch unter anderen Kräfteverhältnissen, vergleichbar ist mit dem Pakt mit Hitler von 1939 (der sogar die Opferung in die UdSSR geflüchteter deutscher Exilanten mit sich gebracht hatte). Die nachstalinsche, in vieler Hinsicht antistalinsche Führung hat dieselbe Strategie verfolgt, die in den Perioden, in denen die vorher beschriebene Option Nr. 1 vorherrschte, Stalin praktiziert hatte: ein Bündnis mit faschistischen, bzw. als grundsätzlich antiwestlich fungierenden Staaten (wie 1939–41). Die Bedingung solcher sorgloser Allianzen war, daß die Gleichwertigkeit der verschiedenen Arten von Gegnern mehr oder weniger dauerhafte oder taktische Bündnisse erlaubte, mal mit dem einen, mal mit dem andern. Auch diesmal war der Ausgang negativ (die Sowjets wurden von Sadat aus Ägypten vertrieben).

Die nachstalinsche Führung handelte mit der Ungeniertheit der stalinschen Außenpolitik auf einem sehr großen Feld und übernahm dabei das Kriterium der grundsätzlichen Indifferenz von »Demokratien« und faschistoiden Staaten.

Ansehen der UdSSR zerstört

Allerdings haben die Politiker des Westens seit jeher sich als ebenso pragmatisch erwiesen und die ideologischen Elemente als bedeutungslose Figuren auf dem Schachbrett der internationalen Politik behandelt. 1914 haben sie sich mit dem Zar gegen Deutschland verbündet; 1918 mit den zaristischen »Weißen« gegen Lenin; 1938 haben sie Hitler umworben, damit er sich gegen Rußland wende. Und 1948 bewaffneten sie die feudalen arabischen Monarchien gegen Israel (und indirekt die UdSSR). Noch heute ist der Hauptverbündete der USA im Nahen Osten die feudale Monarchie der Saudis (und weiter östlich Pakistan). Gar nicht zu reden von der Unterstützung für alle faschistischen Diktaturen Lateinamerikas, darunter solche (wie die Peróns), die die US-amerikanische Hegemonie über den Kontinent in Frage stellten.

Der Fehler der chruschtschowschen Führung war, mit dem XX. Parteitag das Ansehen der UdSSR in der Welt zu zerstören, jedoch gleichzeitig – wie in der Auseinandersetzung zwischen den Mächten auf internationaler Ebene unvermeidlich – dieselbe stalinsche Praxis anzuwenden.

Als Person Sinnbild für die Wende von 1939 (dem Pakt mit Hitler) war Molotow, der den mit dem antinazistischen »Geist von Genf« verbundenen Litwinow ersetzte. Und es ist bezeichnend, daß er der wichtigste Gegenspieler Chruschtschow zur Zeit der Entstalinisierung war, aber, in der neuen Situation der Jahre 1955–64, ein kreativer Interpret eben dieser Politik.

Zuletzt erschienen von Luciano Canfora: »Zeitenwende 1956. Endstalinisierung, Suez-Krise, Ungarn-Aufstand«, Köln 2012, 126 Seiten, 9,90 Euro

Übersetzung aus dem Italienischen: Hermann Kopp

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2013/03-05/016.php