24. September 2013

Kaum bekannt

Zum 100. Geburtstag eines Namenlosen, der von den Nazis ins Exil getrieben wurde

Peter Sonntag

In den Listen des Britischen Komitees für Flüchtlinge in der Tschechoslowakei (BCRC) sind mehr als 13400 Gegner des Naziregimes aufgeführt, darunter viele Arbeiter. Großbritannien nahm sie auf, als die Tschechoslowakei von der Wehrmacht überrannt wurde. Das ist kaum bekannt, da die Exilforschung sich auf die Intelligenz konzentriert. Die Emigranten, namenlose wie namhafte, hätten sich jedoch diese Ungleichbehandlung verbeten, wie etwa der solidarische Brief Thomas Manns vom 10. Oktober 1937 an den Schriftstellerkollegen Karel Capek bezeugt.

Einer der Namenlosen wurde heute vor hundert Jahren geboren. Albin Dick, Sproß einer deutsch-tschechischen Familie von Glasbläsern aus Vranov bei Plzen, wuchs zweisprachig in Elternhaus und Schule auf, erlernte den Beruf des Elektroschweißers, erwarb einen Meisterbrief und ging nach Dolní Rychnov, Vorort von Sokolov, dem Zentrum des Streiks vom 3. Mai 1894, bei dem drei Bergarbeiter erschossen worden waren, und des Glasarbeiterstreiks vom 17. Januar 1930. Dick trat der Gewerkschaft bei, dann der KPC. Im Mai 1935 wurde er wegen Organisierung einer illegalen Flugblattaktion vom Kreisgericht Cheb (Eger) zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt.

1938 beteiligte sich Dick als Soldat an der Niederschlagung eines Putschs, mit dem Sudetendeutsche die Region aus dem Staat herauszubrechen trachteten. Bald darauf ermöglichte der Verrat der Westmächte den Einmarsch der Nazis ins Sudetengebiet. Dick flüchtete wie Hunderttausende andere ins Landesinnere, wurde zum Exilanten im eigenen Land, tauchte im März 1939 bei seiner Schwester in Prag unter, wartete wochenlang auf ein Zeichen des BCRC, notdürftig versorgt mit Nahrung, Schlafplätzen und Informationen vom hastig geknüpften Netzwerk der Genossen. Dann die Rettung: Eine vom sudetendeutschen Parlamentsabgeordneten und Kommunisten Gustav Beuer geleitete Gruppe schleuste Dick und andere über die Grenze nach Katowice, von wo sie, mit britischen Pässen und Visa versorgt, über Gdynia außer Gefahr gelangten. Am 25. April 1939 erreichte das Flüchtlingsschiff London.

Dort reihte sich Dick in die von Benes zügig aufgebaute tschechoslowakische Exilarmee ein, bereitete sich auf Kampfeinsätze vor, folgte dann jedoch seiner Lebensgefährtin Dora Boldes, einer Berliner Antifaschistin, ins mittelenglische Leamington. Boldes war mit der Gründung einer Ortsgruppe des Freien Deutschen Kulturbundes (FDKB) in dieser Emigrantenhochburg beauftragt worden. Die beiden heirateten, bekamen einen Sohn. Sie arbeitete für den FDKB, er schweißte in der Rüstungsschmiede im bombardierten Coventry Panzerketten. Daß ihn die Royal Air Force nicht zum Kampfflieger machte, hat er nie verwunden. Er schob es auf Krampfadern, seine Frau auf ungenügende Sprachkenntnisse.

Nach dem Krieg zog die Familie nach Prag, später nach Podmokly (Decin) an der Elbe. Hier kam es zu Diskriminierungen, auch antisemitischen. Sie folgten dem Ruf tschechischer und deutscher Kommunisten ins zerstörte Berlin. Er wurde Referent beim Mitglied des Bundesvorstandes des FDGB, Herbert Warnke. Sie arbeitete für den Demokratischen Frauenbund. Doch der Neubeginn scheiterte tragisch. Die Jahre des Exils hatten schwere Traumata hinterlassen, die jetzt, im Frieden, aufbrachen. Das Emigrantenpaar trennte sich, das Kind blieb bei der Mutter.

Albin Dick wollte zurück nach Prag, aber die Prager Behörden verlangten die Tschechisierung seines Namens, was er ablehnte. Er ging ins sozialistische Jugoslawien, zunächst nach Zagreb, wo ihm als anerkanntem Widerstandskämpfer ein Ingenieursstudium ermöglicht wurde, dann, nach erneuter Heirat und Geburt eines Sohnes, nach Ljubljana, wo er am 12. Dezember 1996 starb.

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