28. April 2014

Kein Blitzkrieg ohne USA

Aufbauhilfe für die Wehrmacht aus Übersee: Werbung der Kölner Ford-Werke, um 1941

Nicht nur die deutsche, auch die herrschende Klasse der Vereinigten Staaten liebte Hitler und verlängerte profitträchtig den Zweiten Weltkrieg

Werner Rügemer

US-Sprecher tun sich schnell hervor, einen für sie mißliebigen Politiker mit Hitler zu vergleichen. Dabei hat kein anderer Staat als die Vereinigten Staaten von Amerika so viel zum Aufstieg Hitlers beigetragen.

Jacques Pauwels‘»Big Business avec Hitler« (avec = mit) ist die französische, in Belgien verlegte Ausgabe des Buches, das zunächst in den Niederlanden erschien. Bisher gibt es weder eine englische noch eine deutsche Übersetzung. Pauwels wertet erstmalig eine umfangreiche Literatur aus, die Historiker der DDR und der Bundesrepublik ebenso umfaßt wie US-amerikanische, französische, englische, italienische und weitere Autoren.

Die herrschenden Klassen und Schichten der hochkapitalistischen Staaten wie Frankreich, Großbritannien, USA und Deutschland fürchteten den Aufstieg des Sozialismus. Sie führten den für sie profitablen Ersten Weltkrieg auch, um die Arbeiter in den Krieg zu schicken und die Arbeiterbewegung zu vernichten. Nach dem Weltkrieg suchte man den »starken Mann«. Schon Churchill, Roosevelt und Adenauer bewunderten ebenso wie die Kapitalvertreter Mussolini. Erst Hitler jedoch schien die Kraft zu haben, Marxismus und Sozialismus »mit Stumpf und Stiel auszurotten«.

Pauwels zählt die deutschen und internationalen Unternehmen auf, die den aufsteigenden Hitler für dessen enorme Ausgaben – Bezahlung und Ausrüstung der SA, hauptamtliche Funktionäre, Parteigebäude, Zeitungen, Propaganda, Fahrzeuge – finanzierten. Nicht nur Henry Ford bespendete Hitler. Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und Carl von Siemens sammelten erfolgreich an der Wall Street für die NSDAP. Der Verleger Hearst gewann Hitler als Autor, Fox Tönende Wochenschau produzierte 1932 Propagandafilme für den »Führer«. Allerdings hielten sie Hitler vor dessen Wahlerfolgen Anfang der 1930er Jahre auf der Reservebank.

Im ersten Teil des Buches referiert Pauwels die Situation in Deutschland. Nicht die Verfolgung der Juden stand am Anfang der Machtausübung, sondern die fast vollständige Vernichtung der Linken: Ermordung Tausender KPD-Funktionäre, Verschleppung Zehntausender Kommunisten und Sozialdemokraten in Gefängnisse und in die ersten KZ, Verbot und Enteignung der Gewerkschaften, das Verbot aller Parteien, schließlich die Ermordung der »Linken« in der NSDAP. Diese »Revolution« änderte nichts an der Eigentumsordnung, sondern festigte sie mit terroristischen Mitteln.

Deutsche Konzerne und Banken verdienten an der kreditfinanzierten Aufrüstung und wußten zugleich, daß die Rückzahlung nur durch Krieg und Eroberung fremden Eigentums möglich sein würde. Nur wenige Staatsbetriebe entstanden, vielmehr durchsetzten Konzernmanager die staatliche Verwaltung wie etwa in der für den Vierjahresplan:

Die Behörden in den dann besetzten Staaten bestanden weitgehend aus Konzernmanagern. Die Sozialsysteme wurden geplündert, Löhne und ihre Kaufkraft gesenkt. Jüdische Unternehmen wurden zum Schnäppchenpreis von Deutschen arisiert. Der Krieg führte zu begehrten Rohstoffen, kostenlosen Nahrungsmitteln und billigen bis kostenlosen, durch Arbeit vernichteten Arbeitskräften. Pauwels schildert die Bilanztricks, mit denen Konzerne die im Krieg erhöhten Steuern umgehen konnten.

Hier findet man Argumente, um modische Faschismusdarstellungen wie die von Götz Aly (»normale Deutsche als Hauptprofiteure des NS-Regimes«) zu widerlegen. Pauwels belegt auch, wie deutsche und US-Konzerne, unterstützt von ihren Regierungen, trotz des Wissens über die drohende militärische Niederlage bis zum Ende ihre Geschäfte weitertrieben, auf Kosten von Millionen getöteter Soldaten aller Seiten und Zwangsarbeiter.

Verflechtungen

Pauwels schiebt nicht alle Täterschaft auf die Konzerne, sondern nennt Adel, hohe Militärs, die zwei christlichen Großkirchen und Großgrundbesitzer als Mittäter. Sehr nützlich ist die Übersicht über faschistische Bewegungen, Regierungen, hohe Sponsoren und Hilfstruppen in Europa: Italien, Spanien, Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Belgien, Schweiz, Schweden.

Im USA-Teil des Buches analysiert Pauwels die Kapitalverflechtung und Kartellbildung deutscher und amerikanischer Konzerne: Die in der IG Farben vereinigten deutschen Chemieriesen mit Standard Oil, DuPont, Alcoa, Dow Chemical, Monsanto und weiteren drei Dutzend US-Firmen, General Electric mit Osram, Westinghouse mit Siemens, Pratt & Witney mit BMW. Etwa 20 US-Konzerne hatten schon in den 1920er Jahren große Niederlassungen in Deutschland, durch Neugründung und vor allem durch Aufkäufe: Ford, General Motors (Opel), IBM, General Electric, Gillette, Goodrich, Singer, Eastman Kodak, Coca Cola. ITT kaufte die Lorenz AG, IBM die Dehomag (Deutsche Hollerith Maschinen).

Maximalprofite

Als die Wehrmacht Polen angriff, stiegen in New York die Aktien. IBM – das Deutsche Reich war damals der größte ausländische Kunde – produzierte auch Erfassungssysteme für die KZ, ITT produzierte Telefonie für die Wehrmacht, Ford und General Motors fertigten 220000 LKW für die Blitzkriege, Singer – bekannt für Nähmaschinen – lieferte Maschinengewehre, Texaco und Standard Oil stellten Benzin zur Verfügung, Boeing und Pratt & Witney Flugzeugteile, Alcoa steuerte das Aluminium bei. Opel stellte einen Teil der Produktion um für den Bomber JU-88 und für U-Boot-Torpedos, von General Motors kamen die ersten Motoren für Düsenjäger. Coca Cola nahm als Wehrmachtslieferant einen sagenhaften Aufstieg (und belieferte auch die US-Army). US-Ölkonzerne deckten 1941 über 90 Prozent des vom Deutschen Reich benötigten Motoröls. 1941 hatten 553 US-Konzerne Filialen und Beteiligungen in Deutschland – auch sie waren »judenrein«. Keine wurde enteignet. Gewinne wurden über Holdings in der Schweiz und Spanien und über US-Banken wie Chase Manhattan im besetzten Paris zurückgeführt. Durch die Besetzung fast ganz Europas erweiterte sich das Geschäftsfeld. US-Unternehmen setzten jüdische und andere Zwangsarbeiter ein und profitierten von Arbeitszeitverlängerung und Lohnsenkung. Dabei hoffte man – und die US-Regierung tat alles dafür – daß sich der Krieg möglichst lange hinzog. Die USA verkauften Rüstung und Nahrungsmittel an den engsten Verbündeten Großbritannien, verzögerten aber die militärische Hilfe bis zum letztmöglichen Zeitpunkt. Gleichzeitig belieferten die USA Deutschland und auch Rußland: Die beiden Kontrahenten Deutsches Reich und Sowjetunion sollten sich gegenseitig so weit wie möglich zerstören. Das Kalkül: Am Ende kommen wir, nach dem Prinzip »The winner takes it all«. Gleichzeitig rüsteten die USA auf. Noch nie haben US-Konzerne in so kurzer Zeit soviel verdient wie im Zweiten Weltkrieg. Und sie hatten die Ausgangslage für die globale Expansion danach geschaffen. Ihre Vertreter, diesmal in Uniform, bildeten nach 1945 das wesentliche Personal in der US-Militärverwaltung im besetzten Westdeutschland und im Marshallplan.

Jacques R. Pauwels: Big Business avec Hitler. Les Èditions Aden, Brüssel 2013, 382 Seiten, 20 Euro

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