26. März 2014

Kein Fremdgeher

Anderts Hörer verstehen mehr von der Welt – hier bei einem Auftritt Anfang der 70er Jahre

Seine Lieder zeigen, wie es in der DDR wirklich war. Heute feiert Reinhold Andert seinen 70. Geburtstag

Alexander Badziura

Heute begeht Reinhold Andert, der Liedermacher und Mitbegründer des Oktoberklubs, der wichtigsten Band der DDR-Singebewegung, seinen 70. Geburtstag. Es ist Zeit, an eine Persönlichkeit zu erinnern, deren Werk heute wohl viele als zu politisch liegenlassen würden. Dabei sind Andert-Hörer im Vorteil, sie verstehen mehr von der Welt, und zwar nicht nur vom Klassenkampf.

Ich bin Reinhold Anderts Liedern zum ersten Mal an einem Berliner Sommertag in den neunziger Jahren beim Reinhören in ein Oktoberklub-Album begegnet. Zeilen wie »Hier lernte meine Mutter das Regieren, als sie vor einem Trümmerhaufen stand; ich möchte dieses Land niemals verlieren, es ist mein Mutter- und mein Vaterland«.

Wenn jemand glaubt, bei Anderts Musik und Texten habe man es mit roter Folklore eines DDR-»Hofkünstlers« zu tun, der höre bitte in Zukunft genauer hin. Reinhold Andert sagte einmal, daß es darauf ankomme, das Leben der Menschen so zu zeigen, wie es wirklich ist.

»Für deutschen Hunger kam russisches Brot, trotz ihres Hungers daheim«. War es denn nicht wirklich so gewesen?, fragt man sich spätestens, wenn man wieder einmal im Treptower Park spazierengeht. Welch ein erfrischender Kontrast ist Andert mir zur herrschenden Russophobie, welche dem Land von Dosto­jewski nicht verziehen hat, Elton John und Lady Gaga nicht zur Winterolympiade eingeflogen zu haben. (Die sind ja anders als die Briten!)

Andert wußte auch, wie es in der DDR wirklich war. Er konnte über die Reichsbahn lästern wie Wladimir Wyssozki über die Aeroflot. Das Werk des Liedermachers hat er oft selbst meisterhaft interpretiert: »Jeder Atemzug Geschichte, jeder Stein ein Musikus, ach wie schön sind die Gedichte, wenn man nicht hier leben muß«.

Songs wie »Blumen für die Hausgemeinschaft« oder das «Lied von den Bedürfnissen« sind Anderts eigene heitere und ironische Beschreibungen des Lebens im Sozialismus. Vielleicht wußte er, daß die meisten Künstler in der DDR nicht zu den unterdrückten, sondern zu den privilegierten Bürgern gehörten. Obwohl ihm viel Unrecht von seiten der SED widerfuhr, widerstand Andert der im Westen gewinnbringenden Pose gekränkter Eitelkeit und machte im »Sängerkrieg« (einem seiner stärksten Titel) eine gute Figur: »Noch immer gehen Kollegen beim Fremdgehen gerne auf Knien, für ein paar fremde Münzen und Plätze an Akademien«. war nicht seine Sache, das macht ihn ebenso sympathisch wie seine Figuren: Ewald den Vertrauensmann, den Soldaten, der fröhlich in seiner Uniform spazieren geht oder den alten Pastor, der sich um seine sündigen Schäfchen sorgt.

Anderts Lieder sind aber auch sehnsüchtig, wenn er von verlorenen Illusionen, falschen Propheten und verlassenen Dörfern erzählt. Nicht zufällig gibt es auch ein Lied über Wilhelm ­Pieck, den ersten und letzten Präsidenten der DDR: »Du warst, wie ich hörte, ein Tischlergeselle, vielleicht ist die Art der Arbeit egal, doch Arbeiter sein und Arbeiter bleiben, ist, wie ich hörte, gar nicht normal«.

Zynismus und böswillige Spitzen waren ihm fern. Das macht sein Werk leichter und zugänglicher als das seiner westdeutschen Kollegen Hannes Wader oder Franz Josef Degenhardt.

Andert wollte nichts schönreden. Aber er wollte auch nicht darauf verzichten, das Schöne zu zeigen, wo es ihm begegnete, denn »das Leben ist schön«, wie es im letzten Titel der »alten und neuen Lieder« heißt. »Und ist kein Traum das Land, geträumt aus rotem Mohn, nämlich ein Stück davon das gab es schon …« dichtete Degenhardt über das sozialistische Deutschland. Man höre Anderts eigenwillige Mischung aus Volkslied, Chanson, Minnesang und Sozialismus und man möchte es glauben.

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