30. Juli 2011

Kein »Kinderspiel«

Vor 70 Jahren: Der Raubkrieg gegen die UdSSR gerät ins Straucheln

Kurt Pätzold

In der neueren russischen Geschichtspublizistik wird für 1941 auch der Begriff »Jahr der Katastrophe« benutzt. Er entspricht den Erfahrungen von Millionen Bewohnern der belorussischen, ukrainischen und russischen Gebiete der Sowjetunion, von denen heute nur noch eine Minderheit am Leben ist. Die zu ihr gehören, gerieten als Kinder und Heranwachsende von einem Tag auf den anderen in das von der Wehrmacht eroberte Gebiet, wenn sie nicht ostwärts fliehen konnten. Nach langem Schweigen, das nur Romanautoren unterbrachen, ist vom Leben dieser Millionen im Krieg die Rede.

Und in den Vorstellungen der Deutschen? Da galt dieses zweite Halbjahr 1941, als die deutschen Armeen im Oktober bis nahe an das Weichbild der sowjetischen Hauptstadt vorgedrungen waren, als die Zeit, da noch gesiegt wurde, als Sondermeldungen aus dem Oberkommando der Wehrmacht über eingenommene Städte, sechsstellige Zahlen von Gefangenen und riesiger Beute an allem Kriegsgerät sich manchmal geradezu jagten. Erst als in der Winterschlacht vor Moskau wieder und wieder von Angriffen des Gegners berichtet wurde und vom zähen Widerstand der eigenen Soldaten – ein Wort, das bis dahin nur für die sowjetischen gebraucht worden war – begann ein Nach- und Umdenken.

Erste Zweifel

Das Bild ist auch der Korrektur bedürftig. Der Krieg im Osten war noch keine sechs Wochen alt, da wurde in den geheimen Lageberichten des Sicherheitsdienstes der SS ein Feldpostbrief zitiert, in dem es geheißen habe, »daß der Feldzug gegen Frankreich im Gegensatz zum russischen Feldzug ein Kinderspiel gewesen sei«. Nachdem die Anfangstage dieses Eroberungszuges, in denen die Wehrmacht auch kräftig vom Moment der Überraschung profitiert hatte, vorbei waren, machten die deutschen Divisionen, wiewohl sie immer weiter vorzudringen vermochten, Bekanntschaft mit einem anderen Gegner. Und die Soldaten gerieten zuerst und zunehmend in Zweifel, daß dessen Widerstandskräfte, wie ihnen die Nazipropaganda erklären wollte, einzig dem Zwang und der Drohung der politischen Kommissare geschuldet wären. Das Bild vom Gegner begann sich zu wandeln, und es gelangte von der Front in die Heimat.

Dieser Prozeß wurde durch die Tatsache beschleunigt, daß die Mehrheit der Deutschen siegverwöhnt war. Dazu hatten nicht nur der Verlauf der bisherigen Feldzüge in Ost-, Nord-, West- und zuletzt Südeuropa beigetragen, sondern auch ihre Deutung, d.h. die maßlose Überschätzung ihres wirklichen Wertes. Nachdem Jugoslawien und Griechenland zuletzt binnen Wochen überrannt worden waren, hatte Hitler getönt, daß »dem deutschen Soldaten nichts unmöglich« sei. Vielen Deutschen erschien dieser zweite Ostfeldzug anfangs als so etwas wie ein Umweg nach Großbritannien. Und so hatte ihnen ihr »Führer« ja am 22. Juni die Sache auch erklärt. Die angebliche Bedrohung durch den Bolschewismus, die nun beseitigt würde, sei es gewesen, die ihn hinderte, über Kanal und Nordsee in das Inselreich einzudringen und den Frieden zu erzwingen.

In diese Vorstellungswelt paßte es nicht, wenn zum Abendbrot, das übrigens wegen »Versorgungsschwierigkeiten« magerer auszufallen begann, die Erfolgsmeldungen fehlten. Und so entstand einen Monat nach dem Beginn dieses Feldzugs das »gespannte Warten auf weitere Sondermeldungen«. Die allgemeinen Wendungen im OKW-Bericht, an die sich keine konkreten Vorstellungen knüpfen ließen, und die »von Sonntag zu Sonntag ausbleibenden Sondermeldungen bereiten der Bevölkerung allmählich Kopfzerbrechen«. So das Urteil der Beobachter des Sicherheitsdienstes vom 28. Juli. Drei Tage später wurde die Situation so geschildert: »Das Ausbleiben großer Erfolgsmeldungen vom russischen Kriegsschauplatz läßt die Bevölkerung immer neue Erörterungen über die Gründe dieses angeblichen Stillstandes im Kampfgeschehen anstellen.« Und wenig später hieß es dann: »Das Warten auf Sondermeldungen von neuen größeren Erfolgen an der Ostfront, die bisher noch in keinem Feldzug so lange ausgeblieben seien, bewirkt allmählich ein Absinken der erwartungsvollen Stimmung der Bevölkerung.«

An deutschen Familien- und Stammtischen begann das Rätselraten über die Gründe dafür, daß die Anfangserwartungen sich nicht erfüllt hatten. Gesprochen wurde über die Größe der Räume – inzwischen waren die geographischen Karten der Sowjetunion in den Geschäften ausverkauft –, über die Masse von Menschen, die dem Gegner als Potential zur Auffüllung seiner Kräfte zur Verfügung stände, über die Bindung der eigenen durch die Aufgaben der Beherrschung des eroberten Gebiets. Zum ersten Mal schlichen sich auch bei den gläubigen Volksgenossen leichte, im Grunde noch nicht eingestandene Bedenken ein, die sich auf die Führung bezogen. Die falschen, nun aufzugebenden Vorstellungen wurden als das Ergebnis falscher Information angesehen. Es werde, meldete der Sicherheitsdienst, »häufig die Meinung laut, daß der Feldzug bisher anders verlaufen sei, als man dies aufgrund der Berichte zu Beginn der Operationen habe annehmen können«.

Hier – im Hochsommer 1941 – liegen der Beginn oder auch die Vorgeschichte für jene Selbstsicht von Millionen, die nach dem Kriegsende allgemein wurde: Die Gefolgsleute sahen sich als die Opfer eines Betrugs. Daß das Gelingen eines Betrugsversuchs freilich ein dafür geeignetes Subjekt voraussetzt, ging damals wie später in die Überlegungen nicht ein. Ohne daß Namen wie die von Hitler, Goebbels oder eines anderen Oberpriesters des Antibolschewismus fielen, hörten die Sicherheitsleute: »Man habe sich an die Darstellung gehalten, daß die Sowjetunion ein Koloß auf tönernen Füßen sei. Und daß es nur eines Anstoßes von außen bedürfe, um den Zusammenbruch herbeizuführen.«

»Feind gebrochen«

Noch war die Zeit nicht gekommen, da sich die Autoren der Wehrmachtsberichte als Sprachequilibristen betätigten, die eine Großoffensive der sowjetischen Armee in »örtliche Angriffe« verfälschten, Rückzüge und Fluchten, bei denen massenhaft Material zurückgelassen wurde, in planmäßige Frontverbesserungen und -verkürzungen umlogen. Doch das Vertrauen in die Berichte und Darstellungen zum Ostfeldzug hatte einen Kratzer bekommen, noch keinen Sprung.

Denn als in den folgenden Wochen die Schlacht in der Ukraine mit der Eroberung Kiews gelang, der Don erreicht, die Schlachten bei Wjasma und Brjansk gewonnen wurden, erwies sich, daß diese Zweifel vorerst ohne Nachhaltigkeit waren. Millionen Deutsche ließen sich im Oktober von Hitler und seinem Pressechef Otto Dietrich glauben machen, daß »dieser Feind gebrochen« sei und »sich niemals wieder erheben« werde. Der Völkische Beobachter, die Zentralzeitung der NSDAP, titelte am 10. Oktober: »Die große Stunde hat geschlagen.« Und dann in roten Lettern: »Der Feldzug im Osten entschieden!« Die sich eben noch zumindest desorientiert geglaubt hatten, ließen sich – nun schon gegen ein, wenn auch bruchstückhaftes, besseres Wissen – wieder falsch informieren. Warum wurden sie erneut zur leichten Beute? Die allgemeine Ursache dafür heißt: Sie wollten den Krieg nicht verlieren. Und aus dieser Grundhaltung nahmen sie alles auf, was in dieser Hinsicht ihr Wohlbefinden verbesserte.

Was die Deutschen fern der Front und auch der Soldat aus seinem begrenzten Blick nicht wahrnahmen, war der Preis, den die Wehrmacht für die Eroberung eines Gebiets gezahlt hatte, das – wie die Nazipropaganda rühmte – zweimal so groß war wie das eigene Reich. Der einzelne Soldat mochte wissen, wieviel nach einem Vierteljahr Krieg im Osten von seiner Kompanie noch übrig war, an Menschen und an verwendungsfähigem Gerät. In wie vielen anderen Truppenteilen es ähnlich oder schlimmer war, entzog sich schon seiner Kenntnis. Ostwärts zog eine inzwischen mehr und mehr ausgepumpte Armee, geschwächt noch nicht durch die Unbilden des hereinbrechenden Winters, aber durch den Widerstand, den sie überwunden hatte. Und weiter galt: Der Gegner wich, aber er wankte nicht.

Und das führt noch einmal zum Bild aus sowjetischer Sicht zurück. In vielen Darstellungen ist zu Recht der Lorbeer des Sieges den Armeen gereicht worden, die im Dezember 1941 und Januar 1942 die Bedrohung der Hauptstadt abwandten und den ersten großen Schlachtenerfolg errangen. Wenn es die Aufgabe des Historikers ist, den Menschen am Ende Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, dann muß von den Millionen sowjetischer Soldaten gesprochen werden, die keine Siege erfochten, die in verzweifelten und häufig aussichtslosen Kämpfen aushielten, starben oder in Gefangenschaft gerieten, dort elend umkamen oder durch eine Kette von Zufällen überlebten. Sie haben die Armeen der Eindringlinge in den Rückzugskämpfen geschwächt und ihren Anteil am Ausgang der Schlachten vor Moskau, in Stalingrad, bei Kursk und – um Berlin. Und so gesehen ist das wahre Wort vom »Jahr der Katastrophe« gedanklich von einem anderen Blickpunkt her noch einmal auf den Prüfstand zu stellen.

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