3. Mai 2010

Keine Alternative?

Geschichte. Mußte die europäische Geschichte in diesen 1. September 1939 münden?

Kurt Pätzold

Schon ein flüchtiger Blick in die Geschichtsliteratur, deren Gegenstand die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bilden, ergibt: Historiker und Publizisten befassen sich mehr mit den Ereignissen, die in den Zweiten Weltkrieg führten als mit jenen, an die sich die Hoffnung knüpfen konnte, daß der Weg der Völker nicht in ihn münden werde. Immer zieht die tatsächliche Geschichte mehr Aufmerksamkeit auf sich als Ereignisse und Entwicklungen, die gleichsam folgenlos oder »stecken«blieben und sich folglich nur weiterdenken lassen. Davon ausgenommen sind einzig spektakuläre Vorkommnisse wie ein mißglückter Tyrannenmord. Was nicht zum beabsichtigten Ende gelangte, lockt unvermeidlich in den Bereich von Mutmaßungen. Da wird der Boden rasch glitschig. Nun steht dem aber entgegen, daß, was nicht über Anfänge und Ansätze hinauskam und zum Unvollendeten, Abgebrochenen, Gescheiterten gehört, mitunter nicht weniger geistige Anregung bietet als die Geschehnisse, welche die Geschichtsbücher füllen.

Mit der britisch-französischen Vorkriegspolitik, die geschichtswirksam wurde und, freilich anders als von ihren Initiatoren gedacht, in den Krieg mündete, hat sich die internationale Historikergilde mehrfach befaßt. Im Mittelpunkt forschenden Interesses blieb lange Jahre »München 1938«. Das Treffen von Hitler, Mussolini, Neville Chamberlain und Edouard Daladier stellte den unrühmlichen Gipfelpunkt der Politik der Zugeständnisse dar, welche die beiden westeuropäischen Großmächte an die faschistische Achse Berlin–Rom machten. Kein zweites diplomatisches Ereignis jener Zeit hat schon zum Zeitpunkt seines Stattfindens soviel Spektakel gemacht wie dieses, wurde dabei doch unter Ausschluß ihrer Politiker die folgenreiche Amputation der Tschechoslowakei, des 1919 geschaffenen Staates der Tschechen, Slowaken und Deutschen, beschlossen. In der Hauptstadt der Nazibewegung begingen die Westmächte, jedes andere Wort wäre zu schwach, den Verrat an ihrem Verbündeten, einem verläßlichen und militärisch starken zudem.

Doch es gab auch eine »Anti-München-Konzeption«, für die sich die Bezeichnung Politik der kollektiven Sicherheit erhalten hat. Diese Linie wird von den grellen Scheinwerfern der Historiker meist nicht getroffen, sondern allenfalls mit Funzeln ausgeleuchtet. Von dieser Linie handeln, heißt auf die Außenpolitik der Sowjetunion kommen und mithin auf eine der besten Seiten der Geschichte des revolutionsgeborenen Staates. Das paßt nicht in dessen zeitgenössisches Gesamtbild und gibt Fragen auf, die aus vielerlei Interesse besser nicht gestellt werden sollen. Daher wird von den Konkreta des alternativen Konzepts, mit dem Sicherheit vor den Aggressionsmächten geschaffen werden sollte, wenig, selten oder gar nichts geschrieben.

Ein großer weißer Fleck

Wer sich davon überzeugen will, schaue in hierzulande gebräuchliche Schulbücher. Sie vermitteln ihren Lesern den Eindruck, als habe es eine sowjetische Außenpolitik vor dem Sommer 1939 nicht gegeben. Während der einleitende Überblick im Lehrbuch für die Geschichte des 20. Jahrhunderts, herausgegeben vom Westermann-Verlag, über die Geschichte der USA einen Abschnitt über deren »Außenpolitik zwischen den Weltkriegen« kennt, fehlt über die der Sowjet­union jedes Wort. Was deren Geschichte angeht, so sind zu merken: Stalinismus, Säuberungen, Gulag, Kollektivierung und andere sprachliche Schreckenssignale. Wie die Politik Moskaus in Europa beschwiegen wird, so folglich auch die ihrer Partner in Paris und Prag.

Das Ausblenden der Vorschläge und Initiativen, die darauf zielten, durch Mittel der gemeinsamen politischen und militärischen Abschreckung der Aggressoren, vor allem also Nazideutschlands, den Krieg zu verhindern, ermöglicht eine Darstellung der Münchener Politik, die eine tiefreichende Kritik an den Verfechtern der Beschwichtigungspolitik meidet. Das statt dessen gegebene milde Bild lautet: Hitler wollte 1938 den Krieg, und die Regierungschefs aus London und Paris, sekundiert von Mussolini, haben »in letzter Minute noch einmal den Frieden« gerettet. Das jedenfalls lesen Benutzer des vom Diesterweg-Verlag herausgegebenen Buches »Grundzüge einer Universalgeschichte«, das für die Oberstufe bestimmt ist. Freilich: Frieden für unsere Zeit – das sei ein Irrtum Chamberlains gewesen, der demnach ein leichtgläubiger Mann gewesen sein muß und Hitlers Beteuerung, die Randgebiete der CSR seien seine letzte territo­riale Forderung, nicht hinreichend mißtraut habe.

Und so von einem Geschichtslehrbuch zum anderen. Das von Cornelsen für das 20. Jahrhundert herausgegebene kennt in seinen »Grundinformationen« die Politik des Isolationismus und des Appeasement, während der Begriff kollektive Sicherheit einzig bei der Erläuterung der »Gleichgewichtspolitik« und im Zusammenhang mit dem Völkerbund auftaucht. Im dokumentarischen Teil des Bandes werden dann Abschnitte aus Reden und Memoranden Hitlers, Chamberlains, weiterer britischer Minister, Clement Attlees (1938 Opponent der Regierung an der Spitze der Labour Party), Winston Churchills zitiert. Den sowjetischen Außenminister Maxim Litwinow hat es ebensowenig gegeben wie eine außenpolitische Redepassage Stalins. Nicht anders das von C. C. Buchner für die Gymnasien, Sekundarstufe I, herausgegebene Lehrbuch »Das 20. Jahrhundert«. Auch dessen Autor hat von sowjetischen diplomatischen Initiativen zur Bändigung des Hauptaggressors Nazideutschland nichts gehört. Mit Bezug auf die Sowjetunion sollen sich, aufgeführt in der Rubrik »Was war wichtig«, die Schüler die Begriffe Bolschewiki, Diktatur, Personenkult, Totalitarismus einprägen. Konstatiert wird auch dort, in München sei »ein Kriegsausbruch noch einmal« abgewendet worden. Sodann, halbinformiert, erhalten die Gymnasiasten zur Aufgabe: »Überlegt, ob es Alternativen zur britischen Beschwichtigungspolitik gab«. Ihr Unwissen kann ihnen nur die Antwort lassen: »nein«, vorausgesetzt, sie lehnen einen Krieg ab. Dies alles wird herausgegeben von Verlagen und ist verfaßt von Autoren, die sich über »weiße Flecke« in der Geschichtsschreibung der DDR, deren Existenz kein Schulbuchautor oder Lehrer aus DDR-Zeit bestreitet, nicht genug erbosen können.

München 1938 enthistorisiert

Das Ungleichgewicht an Aufmerksamkeit, die von Forschung und Publizistik den beiden konträren Linien der Vorkriegspolitik gewidmet wird – der auf kollektive Sicherheit und der auf die partielle Zufriedenstellung des Reiches zielenden – ist nicht ohne Folgen für die »Auswertung« der Geschichte und den Abstraktionsprozeß, mit dem daraus Lehren gewonnen werden sollen. An die unstrittige Erfahrung, daß 1938 in der bayerischen Metropole mit untauglichen Mitteln ein Aggressor zufriedengestellt werden sollte, wird gemeinhin die »Lehre« geknüpft, für die Goethe und sein »Lerne zeitig klüger sein« bemüht werden. Das klingt nach Einsicht, soll es auch und ist in dieser Anwendung doch banal. Damit wird den britischen und französischen Unterhändlern attestiert, ihnen habe zur rechten Zeit ein hinreichendes Maß an Klugheit gefehlt.

Über den Intelligenzquotienten von Politikern, der meist nur in Sonderfällen wie im Gerichtsgefängnis zu Nürnberg während des Prozesses 1945/1946 ermittelt wird, mag spekuliert und gestritten werden. Doch was berechtigt, Fragen auszulassen wie die nach den Motiven ihrer Entscheidungen, nach den Kalkülen, die ihrer Politik zugrunde liegen, nach den Interessen, die sie durchsetzen wollen, nicht nur ihre engeren persönlichen, sondern denen der Gruppe, Klientel, Schicht, Klasse, die sie vertreten, und schließlich nach den Zielen, die ihnen auf dem von ihnen eingeschlagenen Weg vor Augen standen? Und die Fragenreihe besitzt ihre Fortsetzung, und die führt an den Punkt, an dem danach geforscht werden muß, warum Chamberlain und Daladier in den eigenen Ländern zwar Widerspruch, aber kein hemmender oder gar hindernder Widerstand entgegenschlug. Die Gegner des Appeasement an Themse und Seine, ausgenommen (und in einem Text) Winston Churchill, kommen nicht vor.

Kurzum: Der geschichtliche Kontext des Münchener Abkommens wird so verkürzt, das Geschehen so weitgehend enthistorisiert, daß sich die gewünschten Folgerungen und »Lehren« herleiten lassen und begründet erscheinen. Schon seit Jahrzehnten werden verschiedenste politische Schritte unter Berufung auf das Vierertreffen von 1938 gerechtfertigt. Es genügt, eine drohende große Gefahr zu behaupten, und die Erinnerung an »München« muß herhalten, um Maßnahmen zu ihrer Abwendung und Bekämpfung als unausweichlich hinzustellen. So wurden Hochrüstungen als Schutz, Drohungen als angemessen, Interventionen als alternativlos dargestellt. Es entbehrte nicht des Grotesken, daß »München« in den Jahrzehnten des Kalten Krieges von den NATO-Mächten angerufen wurde, um ihre Militärpolitik zur Abwendung der angeblich drohenden »roten« oder »bolschewistischen« Gefahr zu legitimieren. Damit war die historische Konferenz zum zweiten Mal, im Original 1938 politisch, in der Anrufung nach 1945 propagandistisch, gegen Moskau in Stellung gebracht, denn das Münchener Abkommen hatte doch auch eine gegen die UdSSR gerichtete Spitze besessen. Es machte dem deutschen Imperialismus den – freilich als kontrolliert gedachten – Weg nach Osten frei. Es war der definitive Totenschein für die Politik der kollektiven Sicherheit, mit der der Kreml gescheitert war. Moskau sah sich im Herbst 1938 von der Entscheidung europäischer Angelegenheiten vollkommen ausgeschlossen. Die UdSSR fand sich in jene isolierte Lage gebracht, in der sie die Antikommunisten aller Länder am liebsten hatten.

Die UdSSR und die Wende 1933

Genau das hatte die sowjetische Diplomatie vermeiden wollen, die von dem Interesse geleitet wurde, aus Kriegen herauszubleiben. Das ergab sich ebenso sehr aus einem Grundverhältnis zur Anwendung von Gewalt in den internationalen Beziehungen wie aus ihrer eigenen militärischen und ökonomischen Zurückgebliebenheit und Schwäche. Die Chancen, diesen Kurs zu wahren, hatten sich mit den deutschen Ereignissen des Januar 1933 tendenziell erheblich verschlechtert. Mit der Weimarer Republik waren, basierend auf dem Rapallo-Vertrag von 1922 und dem Berliner Abkommen von 1926, politisch-diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen und eine begrenzte militärisch-technische Zusammenarbeit hergestellt worden, was beiden Seiten nutzte. Dieses Kapitel war beendet, als sich in Deutschland ein aggressiv antikommunistisches Regime etablierte, dessen oberster Führer in seinem »Kampfbuch« dem deutschen Expansionsdrang die Hauptrichtung Osten gewiesen hatte.

Der Kreml stand vor der Notwendigkeit, seine auf Europa gerichtete Außenpolitik neu zu bestimmen. Dafür zeichneten sich Möglichkeiten ab, weil sich die mit der Aufrichtung der Nazidiktatur verschärften Widersprüche nicht auf den deutsch-sowjetischen Gegensatz reduzierten. Moskau konnte damit rechnen, daß sich in Deutschlands Nachbarstaaten ein ebensolches Bedürfnis nach Sicherheit vor einer Aggression ausprägen werde, namentlich in Frankreich und der Tschechoslowakei, zwei bürgerlich-demokratischen Staaten, in denen sich – anders als in Polen und Österreich – mit den Interessen der Herrschenden auch Massenstimmungen geltend machen konnten.

Das äußere Zeichen dafür, daß die Sowjet­union in eine neue Etappe ihrer Außenpolitik eintrat, war ihre Mitgliedschaft im Völkerbund, jenes 1920 vollzogenen diplomatischen Zusammenschlusses von Staaten. Dessen Gründungsväter, eben noch Verbündete des Zarenreiches, hatten gehofft, daß Sowjetrußland kein langer Bestand beschieden sein werde. Als die Sowjet­union 1934 dem Bund beitrat, hatten ihn Japan– verurteilt wegen seiner aggressiven, gegen China gerichteten Handlungen auf dem asiatischen Festland – und Deutschland – unter dem Vorwand, es werde ihm Gleichberechtigung verweigert – verlassen. Freilich war von dieser Organisation, wie nach dem Oktober 1935 ihre hilflosen Reaktionen auf Italiens Krieg gegen Abessinien zeigten, eine kraftvolle Politik gegen imperialistische Abenteurer nicht zu erwarten. Dazu brauchte es direkte Verabredungen zwischen den vor allem bedrohten Mächten, und die durften sich nicht auf bloße Absichtserklärungen und Protestresolutionen beschränken. Diese mußten ihre Entschlossenheit zur – wenn notwendig – militärischen Abweisung eines Friedensstörers unbezweifelbar bekunden, also dem Fuchs die Trauben so hoch wie möglich hängen und ihn zwingen – um im Bild der Fabel zu bleiben, die dem Äsop zugeschrieben wird, und es zu variieren –, die Szene nicht erhobenen Hauptes, sondern mit eingezogenem Schwanz zu verlassen.

Architektur kollektiver Sicherheit

Auf diesem Wege hatte die sowjetische Diplomatie unter Litwinow, wenige Wochen nachdem das Deutsche Reich mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und der Vorführung seiner Luftwaffe klargestellt hatte, welches politischen Mittels es sich künftig zu bedienen gedachte, zwei Erfolge zu verzeichnen, welche die Pläne der Machthaber in Berlin bedrohten. Am 2. Mai 1935 wurde zwischen der Sowjetunion und Frankreich in Paris ein Beistandsabkommen unterzeichnet, das die Unterschriften des sowjetischen Botschafters in der französischen Hauptstadt Wladimir Potemkin und des Außenministers der Republik Frankreich Pierre Laval trug. Doch es war nicht Laval, der übrigens nach dem Ende des Krieges in Frankreich als Kollaborateur zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, der französischerseits als Architekt des Paktes gelten konnte. Dieses Verdienst kam seinem im Oktober 1934 in Marseille dem Mordanschlag eines Terroristen zum Opfer gefallenen Vorgänger Jean Louis Barthou zu. Der hatte seit 1932/1933 zur Gewährleistung des europäischen Friedens weiterreichende Pläne eines Ostpaktes verfolgt. Er sollte vor allem, aber nicht nur, diesen Teil des Kontinents befrieden, stand doch – auch nach den Erfahrungen des Weltkriegs – zu befürchten, daß eine kriegerische Aggression dort sich westwärts ausweiten könne. Doch war der Plan gescheitert. Die u.a. aus Differenzen über die Staatsgrenzen herrührenden Gegensätze zwischen Moskau, Warschau und Bukarest hatten sich nicht überwinden lassen. Nichtsdestoweniger besaß der nun begangene, begrenztere Schritt, der in den französisch-sowjetischen Beziehungen einen Wandel von Dauer anzubahnen schien, Gewicht. Das wurde durch den nur 14 Tage darauf in Prag geschlossenen Vertrag über gegenseitigen Beistand zwischen der Sowjetunion und der Tschechoslowakischen Republik beträchtlich erhöht. Ihn unterzeichneten wiederum der am Orte akkreditierte sowjetische Botschafter sowie CSR-Außenminister Edward Benes. Durch diese Abkommen war ein Verbund zwischen drei Staaten entstanden und vor allem eine Vorkehrung gegen den naheliegenden Fall einer deutschen Aggression gegen die Tschechoslowakei getroffen. Sollte der eintreten, würden Frankreich und die Sowjetunion dem Verbündeten zu Hilfe kommen, die UdSSR unter der Voraussetzung, daß auch Frankreich seinen Verpflichtungen nachkäme.

Die Vertragstexte mit ihren Klauseln ließen erkennen, wieviel – der Begriff war damals noch nicht so geläufig wie heute – Vertrauen bildende Maßnahmen in diesem »Dreieck« noch nötig waren. Vorerst enthielten sie Versprechen, für deren praktische Einlösung, sollte der gedachte Ernstfall eintreten, weitere Abmachungen notwendig waren. Es mußte ein kurzer Weg von den Konsultationen der Regierungen zu den dann erforderlichen koordinierten Handlungen der Militärs verbindlich festgelegt werden. Indessen, und das war kein gutes Omen, zog sich in Frankreich schon die Ratifizierung des Vertrages in die Länge – sie erfolgte erst am 27. Februar 1936, worauf er einen Monat später in Kraft trat. Zwischen den beiden Daten lag die Liquidierung der entmilitarisierten Zone des Rheinlandes. Die deutsche Wehrmacht rückte mit ihren Garnisonen bis vor die Grenzen Frankreichs und Belgiens. In dem noch lockeren Verbund, welche die drei Mächte geschlossen hatten, fehlte vor allem ein Staat: Großbritan­nien. Dessen Regierungspolitiker hatten sich schon den Werbungen Barthous widersetzt. Daß der britische Außenminister John Simon noch im März, wenige Tage nach der vertragsbrüchigen Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, zu einem Staatsbesuch nach Berlin gereist war, signalisierte die gänzlich andere Richtung der Außenpolitik des Inselreiches. Seine konservative Regierung lehnte nicht nur eine sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit der Sowjetunion ab. Sie verständigte sich einen Monat nach dem Abschluß der sogenannten Maiverträge mit Deutschland über ein Flottenabkommen, das die Seerüstung des Reiches legalisierte. Dieser Vertrag besaß den Charakter eines Torpedos gegen die dreiseitige Initiative, mit der dem Frieden ein Fundament geschaffen werden sollte.

Hätte es eines Beweises für deren Wirksamkeit bedurft, so war er durch die Reaktion der Machthaber in Berlin gegeben. Sich des verlogenen Bildes von Deutschlands »Einkreisung« durch Feindmächte, mit dem die kaiserliche Propaganda im Weltkrieg operiert hatte, bedienend, wurde in der Nazipresse von deren erneuter Aufnahme geschrieben. Geographische Skizzen sollten veranschaulichen, welch feindlicher Ring sich da um das »neue« Deutschland schließe. Hitler hielt im Mai 1935 vor dem Reichstag seine – nach 1933 zweite – Friedensrede. Ihre Adressaten waren nicht nur die Deutschen, von denen viele beim Blick auf diese sich formierende gegnerische Konstellation jeder Kriegsidee entsagten. Sie war insbesondere an die Gegner der Politik der kollektiven Sicherheit in Großbritannien und Frankreich gerichtet und versorgte diese mit Beteuerungen des deutschen Willens zum Frieden.

Das ruinierte Fundament

Auf den Fundamenten des Mai 1935 ist nicht weiter gebaut worden, wiewohl es zu Kontakten der französischen und tschechischen Militärs mit denen der UdSSR kam, die daran interessiert war, ihre Fähigkeit zu demonstrieren, der Tschechoslowakei, sollte sie Opfer eines deutschen Angriffs werden, wirksam zu helfen. Ein solcher Fall erforderte, da Polens und Rumäniens Staatsgebiet zwischen dem der Verbündeten lag, den Einsatz von Luftstreitkräften und Luftlandetruppen. Daß die Rote Armee über sie gebot, wurde bei Manövern demonstriert, zu denen Militärs der französischen und tschechischen Streitkräfte eingeladen wurden. Doch erwuchs daraus kein Militärblock, der die deutschen Generale das Fürchten gelehrt hätte. Aus dem Fundament wurde eine Ruine, als die Westmächte den Weg nach München einschlugen. Es war Litwinow, der in dem Moment, als der Einmarsch der Wehrmacht in Prag im März 1939 die Appeaser blamierte und sie scharfer Kritik aussetzte, dafür eintrat zu versuchen, die Politik der kollektiven Sicherheit zu reanimieren. Stalin hat dessen Vorschlägen keine Erfolgsaussichten gegeben und sie verworfen. Litwinow verlor im Mai seinen Posten. In deutschen Schulbüchern fehlt nicht nur sein Name; sondern auch der Barthous. Das war nicht immer so. Im 1988 in der DDR herausgegebenen Lehrbuch, das einheitlich von Schülern der neunten Klasse benutzt wurde, war von der auf Friedenssicherung gerichteten Rolle beider Politiker die Rede und Litwinow auf einem Foto zu sehen, das ihn am Rednerpult des Völkerbundes zeigt. Geschichtsschreibung und -publizistik müssen ihre Scheinwerfer nicht nur auf die Erfolgreichen richten. Sie sollten auch von den gescheiterten Friedensstiftern berichten und von den Gründen ihres Mißerfolgs.

Kurt Pätzolds Memoiren erschienen 2008 in der edition ost »Die Geschichte kennt kein Pardon. Erinnerungen eines deutschen Historikers« (auch im jW-Shop erhältlich)

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