21. August 2013

Keine Macht dem Volk

21. August 1983: Die Leiche von Benigno Aqunio - Fotoquelle: Wikipedia

Am 21. August 1983 wurde der philippinische Oppositionspolitiker Benigno Aquino erschossen. Proteste leiteten das Ende der Diktatur von Ferdinand E. Marcos ein, die Herrschaft aber blieb in den Händen nur weniger Familien

Rainer Werning

Benigno Aquino junior, im Volksmund kurz »Ninoy« genannt, galt als politischer Shooting Star und größter Rivale von Präsident Ferdinand E. Marcos, bis dieser im September 1972 das Kriegsrecht über die Philippinen verhängte. Damit wurden auch Aquinos präsidiale Ambitionen durchkreuzt. Acht Jahre lang verbrachte er – unter privilegierten Bedingungen – im Gefängnis, bis Marcos ihn wegen einer Bypaßoperation in die USA ausreisen ließ. Nach dreijährigem selbstgewählten Exil kehrte er zurück. Beflügelt von der Hoffnung, gemeinsam mit dem politisch umtriebigen Kardinal Jaime Sin, dem Erzbischof von Manila und Oberhaupt der katholischen Kirche im Land, Marcos am grünen Tisch zur nationalen Ver- und Aussöhnung zu bewegen, um die »wachsende kommunistische Gefahr« zu bannen.

Die tödlichen Schüsse, die den Heimkehrer kurz nach seiner Landung auf dem Rollfeld des Flughafens in Manila niederstreckten, waren nicht die Ursache, wohl aber der entscheidende Auslöser einer sich rapide zuspitzenden sozialen, politischen und wirtschaftlichen Krise des Marcos-Regimes. Bis zu dessen endgültigem Sturz im Frühjahr 1986 verging kein Tag ohne Protestkundgebungen, Demonstrationen und Streiks – eine Bewegung, die als »Parlament der Straße« in die Annalen einging.

Washingtons Krisenmanagement

Eine massive Kapitalflucht infolge des Mords an Aquino erfaßte die Metropole Manila. Das Regime mußte ein zeitweiliges Schuldenmoratorium verkünden, während die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) immer kräftiger ihre Daumenschrauben anzogen. Durch solche Ereignisse in der einstigen Kolonie alarmiert, bereiste seit Herbst 1983 – mit Ausnahme von US-Präsident Ronald Reagan – alles, was in Washington Rang und Namen hatte, die Philippinen. Konkreter Ausdruck des Bestrebens, den Entwicklungen in dem Inselstaat Einhalt zu gebieten und der damals weltweit schnell wachsenden »kommunistischen Guerilla der Neuen Volksarmee den Teppich unter den Füßen wegzuziehen«, war die Schaffung der »Inter­governmental Task Force on the Philippines«. Hierbei handelte es sich um ein behördenübergreifendes Gremium aus Repräsentanten des Pentagons, der CIA, des US-Finanz- und des Außenministeriums, des Weißen Hauses sowie internationalen Bankiers, das gegenüber den Philippinen eine abgestimmte Strategie formulieren sollte. Doch Unstimmigkeiten erschwerten zeitweilig die Erstellung eines konsistenten Politikkonzeptes.

Das Finanzministerium, der IWF sowie das ­Weiße Haus waren primär an der »wirtschaftlichen Gesundung« des Landes interessiert und konzentrieren sich nur in zweiter Linie auf die Überwindung der politischen Legitimationskrise des Regimes. Das US-Außenministerium betrachtete einen Aufwertungsversuch von Marcos als kontraproduktiv. Angesichts der gesellschaftlichen Polarisierung, so die Einschätzung seiner Beamten, gleiche das dem Bemühen, »Zahnpasta zurück in die Tube zu pressen«. Im November 1984 legte das Ministerium eine umfassende Lageeinschätzung mit dem Titel »U.S. Policy Towards the Philippines« (US-Leitlinien gegenüber den Philippinen) vor, die eine Abkehr von vorherigen Strategien beinhaltete. Hatte Washington im Falle Nicaraguas, Irans und anderer ehemaliger Vasallenstaaten deren Despoten bis zum bitteren Ende die Stange gehalten, hieß es in diesem Dokument nunmehr sibyllinisch: »Marcos ist Teil des Problems, aber auch ein Teil von dessen Lösung.«

Marcos war für die USA demnach nur noch taktisch haltbar. Von strategischem Interesse – im Sinne einer »geordneten Nachfolgeregelung« – war eine Allianz aus weniger korrupten, auf Effizienz bedachten Militärs um Generalleutnant Fidel V. Ramos und Politikern wie Salvador H. Laurel aus dem gemäßigten bürgerlichen Spektrum. Washington ging zu dem langjährigen Getreuen auf Distanz. Der ehemalige Protegé wurde durch den eigens nach Manila gereisten CIA-Chef William Casey und Reagans Sonderbeauftragten, Senator Paul Laxalt, zur vorgezogenen Präsidentschaftswahl gedrängt. Marcos blieb nichts anderes mehr übrig, als sich diesem Entschluß zu beugen. Ende November 1985 kündigte er in Interviews mit US-Fernsehsendern den 7. Februar 1986 als Wahltermin an. Gleichzeitig drängten relevante gesellschaftspolitische Kräfte in Manila und Washington die Aquino-Witwe, Corazon »Cory« C. Aquino, als Hauptkontrahentin gegen Marcos anzutreten. Ein gewiefter Schachzug, der wesentlich von Erzbischof Jaime Sin vorbereitet worden war: Er war es, der die tiefgläubige »Cory« zu diesem Schritt überredet hatte.

»People Power« über alles

Die massiven Manipulationen der Wahlergebnisse erregte schließlich den Zorn der Menschen. Sie protestierten vier Tage lang – vom 22. bis 25. Februar 1986 – und harrten auf den Straßen Manilas aus, bis Marcos samt Familie und engsten Weggefährten außer Landes geflogen wurde. Dies war der erste im Fernsehen übertragene Machtwechsel in einem Land der sogenannten dritten Welt.

Ein Politthriller hätte sich in jenen turbulenten Februartagen 1986 nicht besser inszenieren lassen. In Manilas Straßen erschallten Gesänge, Lieder und Gebete. Während Marcos sich noch in seinem Palast hastig als Präsident hatte inthronisieren lassen, leuchtete ein Großaufgebot internationaler Medienleute derweil das Treiben zweier Machos in Kampfuniformen und mit Uzi-Gewehren im Anschlag aus. Aus Gerüchten war Wirklichkeit geworden: Marcos’ Polizeichef Fidel V. Ramos und Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile hatten die Fronten gewechselt. Sie wurden als neue Helden und »Königinnenmacher« gefeiert. Gelb war die alles bestimmende Farbe – die Farbe der neuen Lichtgestalt und plötzlich zur Ikone hochstilisierten Präsidentin Aquino. Getragen auf einer Woge der Euphorie, siegte ein abwechselnd als »Rosenkranz-« und »People Power-Revolution« bezeichneter Umsturz. Das aufbegehrende Volk bildete letztlich nur »People Power«, einen Machtfaktor, nicht aber »People’s Power«, Volksmacht – von einer Revolution ganz zu schweigen.

»People Power« umfaßte all jene unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und sektoralen Allianzen von Gewerkschaftern, städtischen Armen, Bauern, Intellektuellen, Ordensleuten sowie zu Marcos auf Distanz gegangenen Politikern, die hauptsächlich in der Hauptstadt Manila das schillernde Spektrum des »Parlaments der Straße« bildeten. Die neue Konstellation an der Regierung rückten das unter Marcos diskreditierte Militär schrittweise ins Zentrum der politischen Macht. Aquino war bei Strafe ihres Untergangs auf die Unterstützung des vormaligen Kriegsrechtsverwalters und nunmehrigen Generalstabschefs Ramos angewiesen, wie denn im Gegenzug die durch Ramos repräsentierten Teile der philippinischen Streitkräfte (AFP) durch sie eine Aufwertung erfuhren.

»Cory« löste rasch ihr Wahlversprechen ein, die politischen Gefangenen des Marcos-Regimes freizulassen. Das hinderte sie aber nicht daran, gleichzeitig allen denjenigen Immunität zuzusichern, die sich Menschenrechtsverletzungen zu Schulden kommen ließen. Das sollte sich während ihrer Regentschaft rächen: Sieben Putschversuche konnten nur dank des entschiedenen Einsatzes des Generalstabschefs und späteren Verteidigungsministers Fidel Ramos abgewehrt werden. Anstatt ihr geneigten Organisationen mehr politische Partizipationsmöglichkeiten zu eröffnen, steuerte ihr zunehmend mit Hardlinern und Militaristen durchsetztes Kabinett einen Kurs, der die Belange des Volkes aus den Augen verlor. Die kritische Zusammenarbeit, die ihr zahlreiche fortschrittliche Kräfte und Personen angeboten hatten, wies sie zurück und propagierte statt dessen die US-inspirierte Doktrin des »low-intensity conflict« (Konflikt niedriger Intensität) und das »Total war«-Konzept (absoluter Krieg) gegen alles vermeintlich Linke.

Tragisch war in diesem Zusammenhang nicht nur die per Exekutivorder Ende Juli 1987 verfügte Aufstellung von »Citizen Armed Force Geographical Units« (Geographische Bewaffnete Bürgereinheiten) und »Civilian Volunteer Organizations« (Zivile Freiwilligenorganisationen) als paramilitärische Hilfstruppen der Streitkräfte. Selbst solch blutrünstigen Bürgerwehren oder (pseudo-)religiösen Selbstjustizgruppen, die sich damit brüsteten, die abgeschlagenen Köpfe von »Kommunisten« als »Trophäen« öffentlich zur Schau zu stellen, erteilte die Präsidentin das staatliche Gütesiegel. Aquino bezeichnete sie als »Verkörperung von People Power«. Trotz allem bleibt es ein großes Paradoxon, daß die am 1. August 2009 an den Folgen einer Darmkrebserkrankung gestorbene »Tante Cory«, die bei ihrem Amtsantritt ein ausgesprochener Liebling der Massen gewesen war, dieses Image auch in ihren letzten Lebensjahren reaktivieren konnte. Enge Vertraute haben immer wieder darauf hingewiesen, daß die Lady bis zum Schluß bescheiden gelebt habe – im Gegensatz zu den beiden anderen Frauen der Landespolitik, der einstigen First Lady, Imelda R. Marcos, und der von Januar 2001 bis Juni 2010 amtierenden Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo.

Ramos und »Erap«

Das zweite große Paradoxon war der von 1992 bis 1998 amtierende Präsident Fidel V. Ramos. Dieser hatte sich von einem Marcos-Schergen zu einem Beschützer Aquinos gewandelt. Innerhalb der AFP genoß der Exgeneral hohes Ansehen. Auch in der politischen Arena gelang ihm das Kunststück, den Filipinos die in ihrer jüngeren Geschichte wirtschaftlich blühendsten und politisch stabilsten Jahre zu bescheren. Sein ehrgeiziges wirtschaftspolitisches Ziel bestand in dem Masterplan »Philippines 2000«. Damit sollte das Land bis zum Jahr 2000 in die Lage versetzt werden, schrittweise zu den boomenden »Tigerökonomien« wie Südkorea oder Singapur aufzurücken. Die Auswirkungen der seit Mitte 1997 in der Region einsetzenden Finanzkrise erreichten die Philippinen ein Jahr später, als Ramos’ Amtszeit sich ihrem Ende zuneigte.

Schließlich kam es unter seiner Ägide zu Friedensverhandlungen mit der einst für Unabhängigkeit kämpfenden Moro Nationalen Befreiungsfront (MNLF) und der Exilführung der im Untergrund agierenden kommunistischen Nationalen Demokratischen Front (NDFP) in Utrecht. Am 2. September 1996 unterzeichneten Ramos und Nur Misuari, Vorsitzender der MNLF, in Manila das endgültige Friedensabkommen zwischen den beiden langjährigen Kontrahenten. Aus Sicht der Regierung ein Coup, da es damit gelungen war, den Konflikt mit der MNLF endgültig beizulegen.

Während der Exgeneral schneidig von der politischen Bühne abtrat, beerbte ihn am 30. Juni 1998 Joseph E. Estrada, sein vormaliger Vizepräsident und Chef der Präsidialen Verbrechungsbekämpfungskommission. Auch das ein Paradoxon ohnegleichen. Estradas Spitzname »Erap«, was von hinten nach vorne gelesen »Pare« (Kumpel) bedeutet, verhieß Volksnähe. Und volksnah war der 1937 im Armenviertel Tondo geborene Estrada allemal. Mit über 40 Prozent der Stimmen zog der gefeierte Schauspieler und Actionstar so glorreich in den Malacañang-Palast, dem Sitz des philippinischen Präsidenten, ein, wie er zuvor die Filmindustrie verlassen hatte. »Erap« – das war gleichbedeutend mit einem tropischen Robin-Hood-Verschnitt. Er spielte in zahlreichen Filmen die Hauptrolle, vorzugsweise als Rächer der Unterdrückten und Gedemütigten, für die er sich unermüdlich den Weg durch Manilas Gassen und Gossen freischoß. Ausgerechnet diesem Mann widerfuhr das Mißgeschick, als erster Präsident seines Landes nicht die volle Amtszeit zu überstehen. Anstatt bis Sommer 2004 zu regieren, wurde der Liebling der Massen aufgrund schwerer Korruptionsvorwürfe bereits am 20. Januar 2001 aus seinem Amt geworfen.

Estradas letzte politische Runde läutete sein langjähriger Trinkkumpan, Luis »Chavit« Singson, Gouverneur der Provinz Ilocos Sur, ein. Er hatte Estrada Mitte Oktober 2000 beschuldigt, seit Sommer 1998 etwa 550 Millionen Peso (damals umgerechnet zirka 27 Millionen D-Mark) an Schmiergeldern aus illegalen Glücksspielen und abgezweigten Tabaksteuern in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben. Singson erklärte, ihm einen Teil dieser Gelder persönlich überreicht zu haben. Wenig später wurde gegen den Staatschef ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet. Die Armeeführung entzog daraufhin Estrada ihre Anerkennung, praktisch eine Meuterei.

Am 20. Januar 2001 erklärte der Oberste Gerichtshof des Landes die Präsidentschaft in einer höchst fragwürdigen Entscheidung für vakant und vereidigte die Vizepräsidentin Gloria Macapagal-Arroyo (in den Medien kurz GMA genannt), eine in den USA ausgebildete Ökonomin, als Präsidentin. Sie bedankte sich umgehend bei der Armee mit Gehaltserhöhungen und anderen Vergünstigungen. Estrada wurde verhaftet und Mitte September 2007 wegen Korruption und Vereinnahmung von Geld aus illegalem Glücksspiel schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch nur wenige Wochen nach dem Urteilsspruch begnadigte ihn die Präsidentin, seit Mai 2013 ist Estrada gewählter Bürgermeister von Manila.

Die verlorene Dekade

Auch das ein weiteres Paradoxon: Selten hatten sich so viele Menschen mit solch hohen Erwartungen auf den Straßen versammelt, um ihrer tiefen Enttäuschung freien Lauf zu lassen. Sie demonstrierten für die rasche Amtsübernahme von Arroyo. Sämtliche hehren Versprechen der neuen Präsidentin – anstelle eines »totalen Krieges« einen »totalen Frieden« anzustreben und die Wirtschaft anzukurbeln – entpuppten sich allerdings bereits nach wenigen Monaten als Täuschungen. GMA polarisierte mehr, als daß sie zur politischen Stabilität beitrug.

Selbst für Insider wurde es zunehmend schwierig, über alle die tatsächlichen und vermeintlichen Korruptionsaffären, Machtanmaßungen, Bestechungen und Wahlmanipulationen den Überblick zu behalten, in die die Präsidentin und ihr Gatte, der Geschäftsmann José Miguel »Mike« Arroyo verstrickt waren. Mehrere gegen sie geplante Amtsenthebungsverfahren vermochte die Präsidentin nur abzuwehren, indem sie sich die nötigen gefügigen Stimmen im Kongreß zusammenkaufte und nicht davor zurückschreckte, selbst einige Bischöfe mit nagelneuen Limousinen auszustatten, um sich auch weiterhin der Unterstützung des »Herrn« sicher zu sein.

Im Jahre 2005 wurde bekannt, daß die Präsidentschaftswahl ein Jahr zuvor offensichtlich in großem Ausmaß manipuliert worden war Das markierte den Punkt, ab dem die Zustimmung für Arroyo in den Keller rutschte. Sie brachte nur mit Mühe ihre Amtszeit zu Ende. Ende Februar 2008 kritisierte die mächtige Katholische Bischofskonferenz der Philippinen in einem Pastoralschreiben »das Fortbestehen einer Kultur der Korruption, die von oben nach unten unsere soziale und politische Leiter prägt«. Nicht minder harsch fiel das Votum des philippinischen Sozialwissenschaftlers Roland G. Simbulan aus: Außergerichtliche Hinrichtungen, das »Verschwindenlassen« mißliebiger Personen, eine allgegenwärtige Kultur der Straffreiheit und das gezielte Umfunktionieren des Präsidentenamtes in ein Werkzeug zur privaten Bereicherung, Erpressung und Unterdrückung seien zum Markenzeichen GMAs geworden. Den von US-Präsident George W. Bush erklärten »Krieg gegen den Terror« habe sie für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert und es zugelassen, daß US-amerikanischen Truppen im Süden des Landes exterritoriale Immunität eingeräumt worden sei.

Präsident Aquino III

Wäre seine Mutter nicht knapp ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl im Mai 2010 gestorben, wäre Benigno »Noynoy« Simeon Aquino III wahrscheinlich nicht philippinischer Präsident geworden. Er profitierte als Sohn vom Nimbus der einstigen Freiheitsikonen »Ninoy« und »Cory« Aquino. Vergleichbar dem Obama-Effekt in den USA setzten die Menschen nach dem verlorenen Jahrzehnt unter seiner Vorgängerin auf einen wie auch immer gearteten »Wandel«. Den gab es vor allem bei der öffentlichkeitswirksamen Kreierung neuer Werbespruch. Wirbt die Tourismusbranche mit dem Slogan »It’s more fun in the Philippines« (Es macht mehr Spaß in den Philippinen), so versprach der junge Aquino in seiner ersten »Rede an die Nation« seinen Landsleuten: »Kayo ang boss ko« (Ihr seid mein Boß). Den Hochschullehrer Bobby Tuazon von der staatlichen Universität der Philippinen verleitete das zu der Bemerkung: »Solche abgedroschenen Phrasen sind uns sattsam bekannt. Aquinos wahre Bosse sind Gefolgsleute anderer politischer Oligarchien, das Big Busineß und die Obama-Administration.«

Wenngleich Meinungsforschungsinstitute im Lande dem Präsidenten auch nach der Hälfte seiner sechsjährigen Amtszeit noch immer gute Noten erteilen, sieht die Realität anders aus. Zwar wächst das Bruttoinlandsprodukt jährlich um etwa sieben Prozent, doch das ändert nichts am täglichen Leben der 30 Prozent der Bevölkerung, die in absoluter Armut verharren. Laut dem unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstitut IBON und dem Magazin Fortune schafften es allein von 2010 bis 2012 die 40 reichsten Filipinos, ihr Vermögen von umgerechnet 22,8 auf 47,4 Milliarden US-Dollar mehr als zu verdoppeln. Außenpolitisch, so heben Kritiker der Regierung hervor, überlasse der Präsident seinen »Amboys«, gemeint sind der Außenminister Albert del Rosario und Verteidigungsminister Voltaire Gazmin, die den USA freundlich gesinnt sind, freie Hand, mehr den hegemonialen Ambitionen Washingtons in der Region entgegenzukommen, als eigene sicherheitspolitische Belange zu berücksichtigen.

Die staatliche »Aufstandsbekämpfung« zur »völligen Niederschlagung der kommunistischen Subversion« trägt unter Aquino die beschönigende Bezeichnung »Oplan Bayanihan« (Operationsplan Nachbarschaftshilfe). Seit dem Amtsantritt des Präsidenten hat sich das Muster systematischer Menschenrechtsverletzungen im Gegensatz zu seiner Vorgängerin nicht gewandelt. Die philippinische Menschenrechtsorganisation Karapatan dokumentierte knapp 20 Fälle von Verschwindenlassen, 293 illegale Verhaftungen und die Ermordung von 16 Kindern im Alter von vier bis 15 Jahren. Zudem sind bislang zirka 150 Opfer sogenannter außergerichtlicher Hinrichtungen zu beklagen. Bei den Opfern handelt es sich um Personen, die von staatlichen Behörden als »Linke« und »Kommunisten« gebrandmarkt wurden. Ihr »Vergehen«: Sie setzten sich für höhere Löhne ein, für ihr Recht auf Land, gegen transnationale Konzerne und deren zerstörerische Bergbauaktivitäten, für umfassende politische Veränderungen, oder sie hatten einfach nur den Schutz ihrer fundamentalen Rechte eingefordert. All das geschieht nach wie vor in einem Klima staatlich sanktionierter Straffreiheit. Keiner der Täter, die in Kreisen des Militärs, der Polizei oder in von ihnen tolerierten paramilitärischen Gruppierungen vermutet werden, wurde bisher zur Rechenschaft gezogen. In der südlichen Großstadt Davao kann sich Bürgermeister Rodrigo Duterte unbehelligt rühmen, mit »gesetzlosem Gesindel kurzen Prozeß zu machen«.

Rainer Werning schrieb zuletzt auf diesen Seiten am 26. Juli über das Ende des Koreakrieges. Er ist Vorstandsmitglied der Deutsch-Philippinischen Freunde e.V. in Langenfeld und Koherausgeber des im Horlemann Verlag erschienenen »Handbuch Philippinen«.

Marcos – Die Rückkehr eines Clans

Lange hatten der stellvertretende Generalstabschef, Generalleutnant Fidel V. Ramos, und Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile dem Marcos-Regime treu gedient. Beide agierten als die eigentlichen Kriegsrechtsverwalter von 1972 bis 1981 und waren im In- wie Ausland wiederholt wegen massiver Menschenrechtsverletzungen angeprangert worden. Ramos und Enrile verkörperten auf idealtypische Weise das, was man einen »Wendehals« nennt. Buchstäblich fünf Minuten vor zwölf kündigten sie ihrem Präsidenten die Gefolgschaft auf und stellten sich an die Spitze einer Militärrevolte, die ihr Gewicht für die spätere Präsidentin Aquino in die Waagschale warf.

Über Nacht waren Ramos und Enrile von Bluthunden zu »geläuterten« Statthaltern eines demokratischen Neubeginns mutiert. Aquino beglich ihre Schuld, indem Ramos zunächst Generalstabschef, dann Verteidigungsminister und 1992 Präsident wurde. Enrile wiederum blieb unter Aquino Chef des Verteidigungsministeriums, wenngleich er später auf Distanz zu ihr ging und sie gerne weggeputscht hätte. Weiterhin machte er als steinreicher Geschäftsmann von sich reden, wurde Mitglied des Senats, um später ins Repräsentantenhaus zu wechseln. Seit Juni 2004 gehört Enrile erneut dem Senat an, als dessen Präsident er seit 2008 fungiert. Dort paktiert der heute 89jährige unter anderen mit Ferdinand »Bongbong« Marcos Junior, dem Sohn des Diktators, der 2010 zum Senator gewählt wurde.

Die 1929 geborene Marcos-Witwe, Imelda Romuáldez Marcos, konnte bereits 1991 aus dem hawaiianischen Exil nach Manila zurückkehren. Hier begann sie ihre zweite Karriere in Politik und im Showbusineß. Im Jahre 1995 wurde sie als Abgeordnete ihrer Heimatprovinz Leyte in den Kongreß gewählt und kandidierte erfolglos 1992 und 1998 bei den Präsidentschaftswahlen. Seit Ende Juni 2010 ist sie erneut Kongreßabgeordnete. Im Unterhaus vertritt sie seitdem den zweiten Distrikt in Ilocos Norte, der Heimatprovinz ihres Mannes, der zuvor von ihrer Tochter Imee vertreten worden war. Wo immer sie auftaucht, scharen sich Menschen um sie, weil während ihrer Auftritte stets kleine und große Geldscheine verteilt werden. »Imeldific« meint heute in den Philippinen einen ausschweifenden, extravaganten Stil à la Imelda Marcos. Sie war nicht nur lange die First Lady, sondern auch Gouverneurin des Hauptstadtregion Metro Manila sowie Siedlungsministerin. So entstand während ihrer Amtszeit in den 1970er Jahren eine Reihe von Fünf-Sterne-Hotels und Prachtbauten. Als Sonderemissärin ihres Gatten bereiste Imelda überdies die Volksrepublik China, die Sowjetunion, Osteuropa, den Nahen und Mittleren Osten sowie Jugoslawien und Kuba, wo sie jeweils gern mit ihren prominenten Gastgebern posierte. In einem Interview mit einem Reporterteam der BBC gab sie auf die Frage, ob sie mit etwa sechs Milliarden US-Dollar noch immer die weltweit drittreichste Frau sei, wörtlich zu Protokoll: »Ich weiß nicht, ob ich die Erste oder die Letzte bin. Die Marcos haben dem Land nichts genommen, sondern alles gegeben. (…) Ich bin eine Bettlerin; ich weiß nicht einmal, woher ich meine nächste Mahlzeit bekomme.« (O-Ton aus dem Film: »Der eiserne Schmetterling« – Koproduktion von ORF und 3sat, Erstausstrahlung am 28.2.1996)

Zwei der drei Marcos-Kinder traten beherzt in die Fußstapfen ihrer Eltern. Die 1955 geborene älteste Tochter Imee Marcos, einst ihrerseits Kongreßabgeordnete, ist seit dem 30. Juni 2010 Gouverneurin der Provinz Ilocos Norte, während ihr zwei Jahre jüngerer Bruder, Ferdinand »Bongbong« Marcos Junior, seitdem dem Senat angehört. Zuvor hatte »Bongbong« just jene Posten inne, die heute seine Schwester beziehungsweise seine Mutter bekleiden. Bei den letzten Wahlen im Mai 2013 wurden alle drei Marcos mit klarem Votum in ihren Ämtern bestätigt.

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