26. September 2012

Klassenbewußt in die Sackgasse

Santiago Carrillo Solares (18. Januar 1915 in Gijón, Asturien, Spanien; † 18. September 2012 in Madrid). Er war Generalsekretär der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE) von 1960 bis 1982. - Fotoquelle: Wikipedia

Der spanische Kommunist Santiago Carrillo ist mit 97 Jahren gestorben: Der Antifaschist und beinharte Funktionär zerstörte letztlich seine Partei

Peter Wolter

Wohl kaum ein Name ist so verknüpft mit der Geschichte der spanischen Linken und mit dem Übergang des Landes vom Faschismus zur bürgerlichen Demokratie, wie der des legendären Kommunistenführers Santiago Carrillo: Er starb am Dienstag vor einer Woche in Madrid im Alter von 97 Jahren. Über 30000 Menschen – Kampfgefährten, Gewerkschafter, Politiker jeglicher Couleur, einfache Arbeiter – standen vor dem Gewerkschaftshaus »Marcelino Camacho« Schlange, um sich in das Kondolenzbuch einzutragen. Carrillo hatte schon zu Lebzeiten feierliche Reden gehaßt – eine Beerdigungsfeier hatte er sich verbeten: Der Leichnam wurde seinem letzten Wunsch entsprechend eingeäschert, die Überreste vor der asturischen Küste im nordspanischen Atlantik verstreut: Vor der Hafenstadt Gijón, in der er am 18. Januar 1915 als Sohn des sozialistischen Abgeordneten Wenceslao Carrillo geboren wurde.

Es dürfte wohl einmalig in der Geschichte der kommunistischen Bewegung sein, daß ein Monarch höchstpersönlich einen verstorbenen Parteiführer ehrt: König Juan Carlos I. erschien noch am Todestage samt Gattin Sofia im Hause Carrillos, um sein Beileid zu bekunden. »Una persona fundamental para la Transición y la Democracia y muy querido«, bemerkte er beim Verlassen des Hauses vor laufenden Fernsehkameras. Sinngemäß: Carrillo war beliebt und ein Grundpfeiler des Übergangs zur Demokratie.

Auch der Vorsitzende der sozialdemokratischen PSOE, Alfredo Pérez Rubalcaba, würdigte den Verstorbenen: »Der Übergang hätte sicher anders ausgesehen, wenn Carrillo nicht einige bedeutende Entscheidungen getroffen hätte«. Selbst die Nachfolgepartei der Franco-Faschisten, die Partido Popular (PP, Volkspartei) lobte ihn: »Carrillo war einer der vielen, die an diesem wichtigen Abschnitt der spanischen Geschichte beteiligt waren«.

In der Tat: Carrillo hat eine wichtige Rolle dabei gespielt, die Diktatur des 1975 gestorbenen Francisco Franco in eine bürgerliche Demokratie überzuleiten. Mit seinen Zugeständnissen nicht nur der Bourgeoisie, sondern auch der Monarchie gegenüber zerstörte er aber letztlich seine Partei, die PCE (Partido Comunista de España), deren Reste sich der heutigen Izquierda Unida angeschlossen haben (IU, Vereinigte Linke).

Die PCE schloß Carrillo 1985 nach heftigen Auseinandersetzungen mitsamt Anhängern aus. Im Jahr darauf gründete er eine neue Partei, die PTE-UC (Partido de los Trabajadores de España – Unidad Comunista), die aber kaum Resonanz fand und sich später der regierenden PSOE anschloß. Carrillo selbst ging diesen Schritt nicht mit – wohl eingedenk seiner kommunistischen Biographie.

Auch in der sozialistischen Weltbewegung hatte Carrillo für Wirbel gesorgt: Gemeinsam mit den Vorsitzenden der kommunistischen Parteien Italiens und Frankreichs, Enrico Berlinguer und George Marchais, hob er Mitte der 70er Jahre den »Eurokommunismus« aus der Taufe. Der stellte die ideologische und politische Vorherrschaft der Sowjetunion infrage, gab die Forderung nach der Diktatur des Proletariats auf und propagierte den parlamentarischen Weg in die bürgerliche Demokratie – ein Schritt, den Carrillo nach dem Urteil des Königs wohl bravourös gemeistert hat.

Lehrjahre in Sachen Revolution

Zu seinen ersten Kindheitserinnerungen gehörte, so schreibt Carrillo in seiner Autobiographie*, daß sein Vater, ein aktiver Gewerkschafter, mehrfach von der Polizei abgeholt wurde. Nach dem Schulbesuch kam er in einer Druckerei unter, die Publikationen der PSOE druckte, er machte dort auch seine ersten journalistischen Schritte.

In den späten 20er Jahren sammelte er erste politische Erfahrungen in der Juventud Socialista (Jungsozialisten), schon 1934 wurde er deren Generalsekretär und nahm im selben Jahr an der »Oktoberrevolution« in Asturien teil, nach deren Scheitern er für zwei Jahre ins Gefängnis mußte. Kaum entlassen, betrieb er die Vereinigung der Jungsozialisten mit den Jungkommunisten, die neue »Juventudes Socialistas Unificados« (Vereinigte Jungsozialisten) wählte ihn zum Generalsekretär. Kurz darauf trat er in die Kommunistische Partei ein, die ihn 1937 ins Politbüro wählte. Während des Spanischen Kriegs (1936–1939) gehörte er im Offiziersrang dem Verteidigungsrat von Madrid an, verantwortlich für die öffentliche Sicherheit.

Massaker von Paracuellos

Vor allem aus den Reihen der PP und der rechten Presse wird Carrillo bis heute vorgeworfen, er sei verantwortlich gewesen für die Massaker von Paracuellos del Jarama und Torrejón de Ardoz. Während der Belagerung durch die Faschisten ging in Madrid die Furcht vor der »fünften Kolonne« Francos um – zahlreiche seiner gefangenen Soldaten und sonstige Anhänger landeten in Gefängnissen. Aus dem Cárcel Modelo wurden schätzungsweise 2500 von ihnen mit Bussen vor die Stadt gekarrt und von republikanischen Soldaten erschossen (7. November bis 4. Dezember 1936). Carrillo will von diesen Massakern nichts gewußt haben: »Die Wahrheit ist, daß ich erst Jahre später gehört habe, was in Paracuellos geschehen ist.« (S. 256) Bis zuletzt vertraten Carrillo und seine Anhänger die Version, »aufgebrachter Mob« habe die Gefangenen aus den Bussen gezerrt und massakriert. Obwohl die Justiz keinen Anlaß zu Ermittlungen sah, wurde Carrillo immer wieder von Faschisten attackiert – zuletzt 2005 bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universidad Autónoma de Madrid.

Der irische Hispanist Ian Gibson, der die Geschichte der Massaker erforscht hat, kommt in seinem Buch »Paracuellos como fue« (dt.: Paracuellos, wie es war) nach umfangreichem Quellenstudium zu einem anderen Urteil: »Er wußte perfekt Bescheid, was dort geschehen ist«, sagte er in Interviews für spanische Medien. »Es gab dort ein Massaker, das kann niemand abstreiten. Aber ich glaube nicht, daß Carrillo dafür verantwortlich war, ich gehe eher davon aus, daß es Kommunisten waren, die auf Befehl Moskaus gehandelt haben.« Der britische Historiker Paul Preston kam in einem in der spanischen Presse veröffentlichten Beitrag zu dem Ergebnis, daß Carrillo sehr wohl große persönliche Verantwortung für den Massenmord getragen hat.

In einem Interview mit der britischen Times hatte Carrillo noch 1978 Verständnis für Praktiken der Stalinzeit angedeutet: »Es gab in der Sowjetunion politische Polizei, Konzentrationslager usw. – aber die waren alle notwendig. Und ich bin nicht sicher, ob wir solche Methoden nicht auch in anderen sozialen Revolutionen brauchen.«

Verdeckter Einsatz

Im Februar 1939, nach dem Fall von Madrid und kurz vor der Eroberung Barcelonas durch faschistische Truppen, begab sich Carrillo auf Beschluß der Partei nach Paris, später nach Moskau. Dort arbeitete er für die Komintern, die ihn auch als Instrukteur verdeckt im Ausland einsetzte – als Geschäftsmann getarnt und mit einem falschen Paß, der auf den Namen »Giscard« ausgestellt war. Seine Reisen führten ihn u.a. nach New York, Vancouver, Havanna, Buenos Aires und Mexiko.

Vom befreiten Paris aus organisierte er ab Ende 1944 den Neuaufbau der PCE in Spanien – Ziel war es letztlich, einen Volksaufstand auszulösen. Jahrelang organisierte der illegale Apparat der Partei von französischem Territorium aus Guerillaaktionen in Spanien, allerdings ohne große Erfolge. Die Repression des Franco-Regimes war zu perfekt, zahlreiche Kuriere und Kämpfer fielen der Geheimpolizei in die Hände. Im günstigsten Fall gab es lange Haftstrafen mit Zwangsarbeit – die meisten wurden hingerichtet. Die PCE hat im Widerstand gegen den Faschismus die meisten Opfer gebracht: Zehntausende Kommunisten kamen ums Leben.

Pralle Biographie

Seine 2008 erschienene Biographie zeigt einen Menschen, der von Jugend an eine führende Rolle in der spanischen Linken hatte, einen begabten Politiker und beinharten Funktionär. Das 956 Seiten dicke Werk quillt über von Begegnungen mit legendären Linken der Spanischen Republik: mit Largo Caballero, Juan Negrín, Manuel Azaña und anderen. Da ist die Rede von Schlägereien im Parlament, dabei ist auch eine Schilderung seines späteren Einsatzes als Politkommissar im Bürgerkrieg.

Aufschlußreich ist eine Episode aus seiner Arbeit bei der Komintern in Moskau. Was er über die deutsche Delegation schreibt, klingt vertraut: »Wir Spanier und Franzosen brauchten für unsere Seminare nur wenige Stunden, was uns den Vorwurf der Oberflächlichkeit einbrachte. Die Deutschen hingegen debattierten Stunden über Stunden, verlängerten ihre Seminare sogar um ein oder zwei Tage. Sie waren die Experten der Theorie, immerhin gehörten sie zu einem Volk mit großer philosophischer Tradition. Mijáli Farkas, der an ihren Seminaren teilnahm, beklagte sich verzweifelt, wie langweilig sie seien und welch endlose Diskussionsbeiträge er sich anhören müsse. Schon zu den Zeiten von Marx und Engels waren die Deutschen sehr stark in der Theorie, aber schwach in der revolutionären Praxis«. (S. 412)

Überraschenderweise wird eine Delegation der PCE im Juli 1948 von Josef Stalin zu einem Gespräch nach Moskau eingeladen. »Es war nicht üblich, daß sich Stalin mit Repräsentanten ausländischer KPs traf, und wir fragten uns, wie wir zu dieser Ehre kamen.« An dem Treffen nahmen auf sowjetischer Seite außer Stalin Außenminister Wjatscheslaw Molotow, Marschall Kliment Woroschilow und Politbüromitglied Michail Suslow teil. (S. 511 ff.)

»Von den Sowjets sprach nur Stalin, seine Genossen beschränkten sich darauf, ihm und uns zuzuhören. Sein Grundidee war, daß wir in den vertikalen Gewerkschaften und in den Massenorganisationen des faschistischen Regimes Fuß fassen müßten. Dabei bezog er sich auf die Erfahrungen der russischen Partei unter der Zarenherrschaft. ›Auf diese Weise‹, so sagte er, ›haben wir Bolschewiken nach und nach unsere Kräfte konzentriert. Und als wir stark genug waren, sind wir zum Angriff übergegangen.‹ Er kritisierte in diesem Zusammenhang, daß wir, die Führung der PCE, dazu bisher eine eher sektiererische Haltung einnähmen.«

Schließlich ging es um eine sowjetische Variante der Parteienfinanzierung: »Am nächsten Tag besuchte mich Suslow gemeinsam mit Baranow, einem wichtigen Mitarbeiter des Zentralkomitees. Der deutete auf einen kleinen Koffer und sagte: Der Genosse Stalin hat beschlossen, der spanischen Partei zu helfen. Als er den Deckel öffnete, lagen dort Bündel von Banknoten im Wert von einer halben Million Dollar.« Diese Summe, so versichert Carrillo, sei das einzige Geld, das seine Partei je aus Moskau bekommen habe.

Das Geld wollten die spanischen Funktionäre vorsichtshalber nicht durch die Grenzkontrollen schmuggeln – als sie auf dem Rückflug in Prag zwischenlandeten, ließen sie es in der Obhut des Zentralkomitees der tschechoslowakischen Kommunisten. »Wo hätte es sicherer sein können?« fragt Carrillo. Dumm gelaufen – als die PCE in den 60er Jahren das Geld brauchte, hatten es die Genossen in Prag längst ausgegeben. Eine Entschädigung für die Dollars wurde gezahlt, aber in tschechischen Kronen. Mit denen konnte die PCE in Paris allerdings kaum etwas anfangen.

Chruschtschow, Mao, Honecker

Auch Begegnungen mit weiteren hohen Politikern sollten erwähnt werden. Bei einer Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien 1957 erlebte Carrillo in Moskau den chinesischen Revolutionsführer: »Die wichtigste Rede hielt Mao Tse-tung. Obwohl wir nur die Übersetzung hörten, waren wir von der Ruhe und der Autorität beeindruckt, mit der er sprach – immerhin standen hinter ihm 800 Millionen Chinesen und viele Jahrhunderte fernöstlicher Weisheit, ein Krieg und ein revolutionärer Sieg. Als das Hauptthema der Konferenz zur Sprache kam – wie ein neuer Weltkrieg vermieden werden kann – unterbrach Mao die Diskussion. Er sagte: »Nun gut, wenn es Krieg gibt – was passiert schon? Was passiert, wenn eine Atombombe geworfen wird? Nichts, was nicht repariert werden kann! Selbst wenn 200 Millionen Chinesen umkämen – es blieben immer noch 600 Millionen für den Aufbau des Sozialismus.« (S. 572)

»Meine Beziehung zu ihm war ausgesprochen freundschaftlich«, schreibt Carrillo über den sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow (S. 608). »Er war außerordentlich eloquent und herzlich, mit einem ausgeprägten Sinn für Humor. Bei vielen unserer Begegnungen war der damalige Präsident des Obersten Sowjets dabei, der noch junge und schlanke Leonid Breschnew. Er blieb stumm und beschränkte sich auf ein Lächeln, wenn Chruschtschow einen Scherz machte. Breschnew wurde zu dieser Zeit nachgesagt, seine einzige Fähigkeit bestehe darin, Frauen zu verführen.« Nach dessen Machtantritt, so schreibt er einige Seiten weiter, habe er jede Hoffnung aufgegeben, daß sich in der Sowjetunion etwas ändern würde.

Carrillo ist möglicherweise auch hinter das Geheimnis gekommen, das sich hinter dem legendären Auftritt Chruschtschows im Jahre 1960 in der UN-Vollversammlung in New York verbirgt: Warum zog der oberste Repräsentant der Sowjetunion seinen Schuh aus und hämmerte damit in einem Wutanfall auf dem Rednerpult herum? Carrillo erklärte er das so: »Die Wahrheit ist, daß ich mir den Schuh auszog, um ihn dem direkt vor mir sitzenden Lequerica auf den Kopf zu schlagen, den Repräsentanten des Henkers der Spanier. Ich tat es dann doch nicht, weil mir Zweifel kamen, ob ich damit dem antifranquistischen Widerstand wirklich helfen würde. Lust dazu hätte ich aber gehabt …« Carrillo hegt allerdings leichte Zweifel an dieser Version: Wenn es schon nicht wahr ist, dann ist es zumindest gut erfunden …

Der beängstigenden Spontaneität Chrusch­tschows fiel bei einem Spaziergang an dessen Feriensitz das Politbüromitglied Nikolai Podgorny zum Opfer: »An diesem Tag wollten wir am Strand spazieren gehen. Als wir die Datscha verließen, setzte sich Podgorny eine modische Sonnenbrille auf, die mit Sicherheit nicht aus sowjetischer Produktion stammte. Zu unserer Überraschung herrschte ihn Chruschtschow an: ›Westware, wie?‹, riß ihm die Brille weg und warf sie in einen Bach. Bei aller Sympathie für Nikita – dieses Verhalten war respektlos gegenüber dem Genossen. Als wir später unter uns waren und über den Vorfall sprachen, kam uns Lenins Spruch über die ›russische Barbarei‹ in den Sinn.« (S. 613)

Auch Erich Honecker kreuzte seinen Weg: »Die Führer der DDR waren allesamt gestandene Antifaschisten, einige hatte sogar während des Spanischen Bürgerkrieges in den Internationalen Brigaden gekämpft. Honecker selbst hatte lange Jahre in einem faschistischen Zuchhaus verbracht. Sie alle waren Kämpfer, sie verdienen unseren Respekt. (…) Ich muß gestehen, daß mir das Blut vor Wut kochte, als ich Jahre später Bilder von Honecker und einigen anderen Genossen auf der Anklagebank sah: Über sie wollten Richter ein Urteil sprechen, die vielleicht die Söhne oder Enkel der selben Nazis waren, die ihn Jahrzehnte zuvor eingekerkert hatten. Welch schreiendes Unrecht! Welch ein Kontrast zu den Bildern, als Bundeskanzler Helmut Kohl 1987 Honecker mit den einem Staatschef gebührenden Ehren begrüßte.« (S. 694)

Carrillos Schwenk

Der XX. Parteitag der KPdSU, bei dem Chruschtschow mit Stalin abrechnete, war auch für die PCE ein Wendepunkt. Der Guerillakampf in Spanien war längst eingestellt, und ab Ende der 50er Jahre setzte Carrillo, der 1960 Generalsekretär wurde, eine neue Linie durch: Die »nationale Aussöhnung« und das Bündnis mit allen anti­franquistischen Kräften. Die führende Rolle der KPdSU war ihm schon länger suspekt – er hatte kein Verständnis dafür, wie die Sowjetunion mit Jugoslawien umging, dessen Staatschef Josip Broz Tito als »Verräter« gebrandmarkt wurde. Als mehrere Länder des Warschauer Vertrags 1968 in die CSSR einmarschierten, um dem »Prager Frühling« ein Ende zu setzen, ging er deutlich auf Distanz. Carrillo bestand auf dem Recht jeder einzelnen KP, ihren eigenen Weg zum Sozialismus zu suchen – eine Forderung, die geradlinig in das Konzept des »Eurokommunismus« führte.

Von Paris aus knüpfte er ab Mitte der 60er Jahre Kontakte nach Spanien: Zu liberalen Politikern, zu Intellektuellen, zu Gewerkschaftern, zu Wirtschaftskreisen. Gemeinsam mit Rafael Calvo Serer, einem kritischen Philosophen, der kurioserweise dem Opus Dei angehörte, gründete er 1974 in der französischen Hauptstadt die »Junta Democrática« – ein antifaschistisches Bündnis. Unterdessen hatte die Herrschaft Francos schon zu bröckeln begonnen, als der Diktator am 20. November 1975 starb, schien der Weg in eine demokratische Zukunft frei.

Ein Paukenschlag in Madrid

Dann kam es wie ein Paukenschlag: Am 10. Dezember gab Carrillo in Madrid eine international beachtete Pressekonferenz, auf der er versicherte, bereits Anfang 1975 heimlich zurückgekehrt zu sein. Er wurde von der noch immer faschistischen Justiz wenige Tage später gemeinsam mit sieben hohen Funktionären verhaftet – am Tag vor Silvester kam er gegen eine Kaution von 300000 Peseten wieder frei. Das noch immer faschistische System mußte weitere Zugeständnisse machen: Am 9. April 1977 wurde die PCE wieder legalisiert. Bei den Wahlen im Juni kam sie auf 20 Prozent der Stimmen, Carrillo wurde Fraktionschef.

Sein mühsames Knüpfen von Kontakten zahlte sich jetzt für ihn aus: Carrillo wurde in die Verhandlungen um den »Pakt von Moncloa« einbezogen – ein zwischen Ministerpräsident Adolfo Suarez, einem Altfaschisten, und anderen Parteien ausgehandeltes Abkommen. Es wurde auch vom Wirtschaftsverband CEOE und den Gewerkschaften UGT und Comsiones Obreras mitgetragen. Ziel des Paktes war der Übergang zur bürgerlichen Demokratie mit König Juan Carlos I. an der Spitze, den noch Franco ins Amt gehievt hatte.

Carrillo verstand sich immer mehr als Staatsmann. Er wurde zu Festlichkeiten bei Hofe eingeladen – wobei er dort standesgemäß im Straßenanzug statt im vorgeschriebenen Frack erschien. Der König gab ihm Audienzen, eine internationale Konferenz zum Eurokommunismus verlieh ihm weltweit Schlagzeilen. Als die PSOE im Parlament den Antrag einbrachte, die rot-gelb-violette Flagge der zweiten spanischen Republik wieder einzuführen, stimmte die PCE dagegen. Sie hat sich mit dem »Pakt von Moncloa« nicht nur für die Monarchie starkgemacht, ihr ist es auch zu verdanken, daß heute immer noch die alte Königsflagge weht.

Es mögen Carrillo in seinen letzten Jahren, die nicht mehr in seine Autobiographie Eingang fanden, Zweifel gekommen sein, ob sein politischer Schwenk richtig war. Der galoppierende Sozialabbau und die Härte, mit der die PP unter Ministerpräsident Marian Rajoy gegen gegen das Recht auf Abtreibung und die Homo-Ehe vorgeht, irritiere ihn, gestand er in einem seiner letzten Interviews. Ihn wurmte auch das Berufsverbot gegen Richter Baltazar Garzón, der versucht hatte, die Verbrechen der Franco-Diktatur aufzuarbeiten.

Der spanische Weg zum Sozialismus, den Carrillo anstrebte, hatte schnurstracks in die Sackgasse geführt.

1 Santiago Carrillo, Memorias – El testimonio polémico de un protagonista relevante de nuestra transición (dt.: Das polemische Bekenntnis eines wichtigen Akteurs beim Übergang zur Demokratie), Editorial planeta, Barcelona 2008, 956 Seiten

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