17. März 2014

Klassische Sozialrevolte

Strebte eine Assoziation von Bauernkommunen in der Südukraine an: Nestor Machno 1919 - Fotoquelle: Wikimedia Commons

Das Hauptwerk des Anarchisten Volin wurde neu aufgelegt

Gerd Bedszent

Das Werk »Die unbekannte Revolution« entstand in den 1940er Jahren im französischen Exil. Der russische Anarchist Volin (1882–1945, eigentlich: Wsewolod Michailowitsch Eichenbaum) schildert darin die Revolutionen von 1905 und 1917 in Rußland sowie den sich anschließenden Bürgerkrieg von 1917 bis 1921 aus libertärer Sicht. Das 1947 posthum von »Freunden Volins« in Paris herausgegebene Buch blieb zunächst relativ unbeachtet, erfreute sich aber in der 1968er Studentenrevolte wachsender Beliebtheit und gilt mittlerweile als klassische Schrift zur Geschichte der Sozialrevolten.

Chronist der Revolution

Volin beschreibt die revolutionären Ereignisse nicht als Außenstehender, sondern als Beteiligter. Es finden sich daher bei ihm zahlreiche Detailinformationen, die sonst in keiner historischen Arbeit auftauchen. Als junger Student im Umfeld der russischen Sozialrevolutionären Partei politisiert, war Volin – nach eigenen Angaben – in den Revolutionswirren von 1905 Mitbegründer des ersten Petrograder Sowjets und entwickelte sich nach Rückkehr aus französischem und US-amerikanischem Exil 1917 zu einem führenden anarchistischen Agitator. Nach der Niederschlagung der anarchistischen Bewegung, insbesondere der »Schwarzen Armee« des ukrainischen Bauernführers Nestor Machno (1888–1934) durch die Rote Armee, wurde Volin 1921 aus Sowjetrußland ausgewiesen, lebte ab Januar 1922 zunächst in Berlin und ab 1925 in Frankreich. Während der faschistischen Besatzung des Landes nahm er an der Résistance teil und starb im September 1945 in Paris an Tuberkulose.

Volin ist in erster Linie als Chronist der Revolution zu lesen, in theoretischer Hinsicht ist sein Buch fragwürdig. Seine revolutionäre Programmatik beschränkt sich ausschließlich auf den gesellschaftlichen Überbau, d.h. den Staat. Das ist nicht verwunderlich – der Autor wurde maßgeblich durch den Widerstand gegen den repressiven zaristischen Absolutismus geprägt. Die Schilderung des »Knutenregimes«, der »Unfähigkeit und Gleichgültigkeit des Zaren Nikolaus«, des »Kretinismus und die Korruption seiner Minister« und des zwangsläufigen Heranreifens einer revolutionären Situation gehört zu den besten Abschnitten seines Buches. Volin beschreibt außerdem zutreffend das völlige Versagen der reformistischen Linken nach dem Sturz des Zarismus in der russischen Februarrevolution 1917 und den daraus resultierenden Aufstieg der Bolschewiki.

Volin waren die Marxsche Definition des Staates als Instrument der Klassenherrschaft und die daraus resultierende These vom Absterben des Staates nach Aufhebung der Klassengegensätze offensichtlich nicht geläufig. Auf die revolutionäre Zerschlagung staatlicher Strukturen sollte seiner Ansicht nach sofort eine »natürliche und freie ökonomische und soziale Aktivität der Assoziationen der Arbeiter« folgen und die soziale Revolution vollenden. Eine Parteienherrschaft betrachtete er als neue Form der Despotie und beschrieb einmal aus dieser Sicht die kommunistische Regierung der Sowjetunion als »eine Variante des faschistischen Regimes«.

Während andere russische Anarchisten ihre ideologischen Differenzen mit den Bolschewiki im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution zurückstellten und sich auf deren Seite schlugen, lehnte Volin das Fortbestehen staatlicher Organisation als Verrat an der Revolution ab. Er sah sich darin bestärkt, als die Rote Armee im Bürgerkrieg zwar zeitweilig gemeinsam mit anarchistischen Einheiten gegen die zaristische und bürgerliche Konterrevolution kämpfte, am Ende aber konsequent alle bewaffneten Gruppierungen zerschlug, die die sowjetrussische Regierung nicht anerkannten. Die Darstellung der Matrosenrevolte von Kronstadt Anfang 1921 sowie der Kämpfe von Machnos anarchistischer Bauernarmee, an denen Volin selbst teilnahm, machen einen Großteil des Buches aus.

Volin schildert die bewaffnete Erhebung der ukrainischen Bauern richtig als Sozialrevolte gegen das Fortbestehen feudaler Besitzverhältnisse sowie gegen die permanente Ausplünderung ihrer Dörfer durch ausländische Interventen und Bürgerkriegsarmeen. Die Ursachen ihrer Niederlage gegen die Rote Armee sah Volin in der allgemeinen Schwäche der anarchistischen Bewegung sowie in der Trunksucht und persönlichen Launenhaftigkeit Machnos.

Theoretische Widersprüche

Er deutet allerdings nur an, daß die von Machno und dessen Beratern angestrebte freie Assoziation bäuerlicher Kommunen in der Südukraine mit dem radikalen Industrialisierungsprogramm der Bolschewiki kaum vereinbar gewesen wäre. Zu den Widersprüchen in seinem Buch zählt, daß Volin einerseits mehrfach den Zwangscharakter der Arbeit in der Sowjetunion beklagt, grundsätzlich aber andererseits einer Industrialisierung keineswegs ablehnend gegenübersteht. Seine Prophezeiung, das von den Bolschewiki durchgesetzte Modernisierungsprogramm werde rasch scheitern, kann aus heutiger Sicht nur Kopfschütteln hervorrufen – die Sowjetunion stieg bekanntlich innerhalb kurzer Zeit zu einer Weltmacht auf und blieb es jahrzehntelang. Sie brach erst lange nach Volins Tod zusammen – aus ganz anderen Gründen als er vorhergesagt hatte.

Machnos Revolutionäre Aufstandsarmee der Ukraine (RPAU) trug anfangs zum Sieg der Roten Armee gegen konterrevolutionäre Truppen, gegen bürgerliche ukrainische Nationalisten und deutsche Interventen bei. Die Frage bleibt: Hätte es 1921 zu einer langfristigen Verständigung zwischen der sowjetrussischen Regierung und den aufständischen Bauerngemeinden der Ukraine kommen können? Vielleicht. Immerhin endete etwa zeitgleich in Mexiko ein zehnjähriger Bürgerkrieg mit einem bis zum Ende des Jahrhunderts funktionierenden Kompromiß zwischen dem liberalen städtischen Bürgertum und den Resten von Emiliano Zapatas (1879–1919) Bauernarmee. Das steht aber natürlich nicht in Volins Buch.

Volin: Die unbekannte Revolution. Die Buchmacherei, Berlin 2013, 652 Seiten, 23,50 Euro (mit Porto und Verpackung 25,65 Euro). Direktbezug: Die Buchmacherei, Postfach 613046, 10964 Berlin, Tel.: 030/81857759, E-Mail: ­diebuchmacherei@gmx.net

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