26. Januar 2013

Kleinbürgerliche Geschwister

Alfredo Bauer (Pseudonyme: Jorge Bermúdez Blanco, Alfredo Ackermann und Roberto Bandler) (* 14. November 1924 in Wien) ist ein österreichisch-argentinischer Arzt, Schriftsteller, Übersetzer und marxistischer Theoretiker.

Antisemitismus und Zionismus lassen sich nur eingebettet in die soziale Wirklichkeit richtig erfassen. Wer das nicht tut, landet beim Ressentiment. Vorwort zur Neuauflage von Alfredo Bauers »Kritische Geschichte der Juden«

Moshe Zuckermann

Demnächst erscheint im Neue Impulse Verlag, Essen, eine Neuauflage der lange vergriffenen Monographie »Kritische Geschichte der Juden« des österreichisch-argentinischen Autors und Kommunisten Alfredo Bauer. Der Verfasser, Jahrgang 1924, war mit seinen Eltern nach dem »Anschluß« Österreichs durch Nazideutschland nach Buenos Aires geflohen, wo er lange Jahre als Arzt praktizierte, bevor er sich im Alter ganz aufs Schreiben verlegte.

Eine kritische Geschichte der Juden zu schreiben, mag sich in der zweiten Hälfte des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts in mehrfacher Hinsicht als heikel ausnehmen. Zunächst färbt die durch das Naziregime verursachte Katastrophengeschichte des jüdischen Volkes das Bewußtsein der Rezipienten dieser Geschichte zwangsläufig dahingehend ein, daß man Skrupel empfindet, gerade die prononcierten Opfer der präzedenzlosen historischen Monstrosität kritischer Untersuchung zu unterziehen: Zum einen suggeriert die philosophische Reflexion eines Jean-Paul Sartre über »die Judenfrage«, daß das Problem des Antisemitismus nicht das »des Juden«, sondern das des Antisemiten ist; zum anderen aber tabuisiert sich eine noch so differenzierte Auseinandersetzung mit »den Juden« wie von selbst gemessen an dem, was den Juden qua Juden widerfahren ist – es bedarf nicht einer philosophischen Reflexion, um sich dem Diktat eines solchen Tabus unterwerfen zu wollen. Zudem darf man sich fragen, was es mit der Kategorie »der Juden«, deren »kritische Geschichte« man zum Gegenstand der Untersuchung erhebt, auf sich habe. Davon ausgehend, daß es weder »die Franzosen«, »die Deutschen« oder »die Chinesen« je gegeben habe, weil die abstrakte Auffassung von Kollektiven als solchen stets ihr reales geschichtliches Sein verrät, muß man im Falle »der Juden« umso dezidierter die Fragwürdigkeit der Abstraktion monieren: Juden als Exilierte bzw. völkergeschichtlich Emigrierte waren über lange Jahrhunderte auf allen Erdteilen verstreut, lebten in ganz unterschiedlichen Kulturen, etablierten sich in diversen Residenzgesellschaften, bildeten mithin in den letzten 1900 Jahren nie eine geschlossene soziologische, ökonomische oder kulturelle Kollektivität. Wenn überhaupt, erfüllten bei ihnen nicht ihre (höchst verschiedenen) realen Lebenswelten die kollektive Kittfunktion, sondern die Religion, insofern von ihrem Selbstverständnis die Rede ist, oder aber die Feindseligkeit ihrer Umwelt, wenn man ex negativo von der Fremdbestimmung ihrer Identität als »Juden« ausgehen möchte; und selbst die Religion verlor, zumindest in der westlichen Moderne, ihren traditionellen Stellenwert, als die Juden aus den Ghettos auszuziehen und sich in die von der Religion zunehmend losgelöste bürgerliche Gesellschaft des neuzeitlichen Europas zu integrieren begannen.

Materialistischer Standpunkt

Und doch liegt uns hier eine zweibändige »Kritische Geschichte der Juden« von Alfredo Bauer vor. Das im Titel des Werkes angeführte Kritische begreift sich indes nicht als moralisierende, pejorativ wertende Auseinandersetzung mit besagter Geschichte der Juden, sondern als Versuch, sie von einer Perspektive auszuleuchten, deren Matrix das Kritische philosophisch-analytisch quasi zur Voraussetzung hat: Alfredo Bauer ist jüdischer Kommunist. 1924 in Wien geboren, emigrierte er nach dem Anschluß Österreichs an das faschistische Deutschland mit seiner Familie nach Argentinien, wo er auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb, Medizin studierte und als Gynäkologe arbeitete. Bereits als Jugendlicher betätigte er sich im Kommunistischen Jugendverband von Buenos Aires und wurde 1946 Mitglied der Kommunistischen Partei Argentiniens. So versteht sich denn auch seine breit angelegte historiographische Unternehmung als Bestrebung, die Geschichte der Juden (in Europa) vom Standpunkt des Historischen Materialismus darzustellen.

Entsprechend sind die sechsundzwanzig Kapitel des Werkes fast durchgehend den Kategorien marxistisch-leninistischer Denkschule unterworfen, so daß der biblische Prophetismus etwa als Versuch staatlicher Konstituierung, das jüdisch Diasporische im Spannungsfeld von Integration und Konfrontation und die religiöse Erneuerung als Resultat des historischen politischen Zusammenbruchs interpretiert wird. Bauer nimmt die diasporische Verstreuung der Juden in aller Herren Länder ernst, indem er die jüdischen Kollektivitäten im »Exil« als Objekte übergreifender geopolitischer bzw. sozial-ökonomischer Konstellationen deutet: Die Entwicklung des Feudalismus und seine Krise etwa sind Prozesse, die sich weltgeschichtlich unabhängig von Juden als solchen zugetragen haben, aber sie hatten ihre Auswirkungen eben auch auf die Juden in deren jeweiligen Residenzgesellschaften. Die Neuzeit verdankte sich großen Umwälzungen im Abendland, von denen aber eben auch die in diesem Abendland lebenden Juden im je eigenen Kontext affiziert wurden; sie forderte den als Reli­gionsgemeinschaften existierenden Juden eine aus der Logik der Umwälzungen sich ableitende Anpassung ab. Gleiches läßt sich von den bürgerlichen Revolutionen, von den Tendenzen der Emanzipation, Integration und Assimilation sagen: All diese nicht primär von Juden gelegten Koordinaten und geschaffenen Strukturen zogen Juden stets in ihren Sog – eine Zwangsläufigkeit, die sich aus dem im Selbstverständnis der Juden als diasporisch verstandenen Dasein ableitete, objektiv jedoch sich als Metamorphose der realen Lebenswelten sowie des Status von Juden im jeweiligen sozial-politischen historischen Zusammenhang manifestierte. Das Epiphänomenale der Juden wird dabei nicht etwa wertend angeführt, sondern als strukturelle Vorgabe ausgewertet. Das Verdienst Alfredo Bauers ist es, das dialektische Verhältnis von kollektiv Subjektivem und kontextuell Objektivem nirgends aus den Augen zu verlieren, dabei sich aber auch nirgends in larmoyantem Pathos zu ergehen, selbst dort nicht, wo es um die Leidensgeschichte der verfolgten Juden geht.

Regressiver Antikapitalismus

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang folgende Passage, die das Kapitel über den Zionismus einleitet: »Wir haben den modernen Antisemitismus eine »kleinbügerliche Ideologie« genannt und Abraham Leóns präzise Formel zitiert, wonach »gerade das kleinbürgerliche Wesen des Juden ihn dem (nichtjüdischen) Kleinbürger so verhaßt macht«, sowie seine Feststellung, daß »der Antisemitismus es dem Kleinbürger erlaubt, ›Antikapitalist‹ zu sein, ohne den Kapitalismus selbst anzugreifen«. Dieselben Wesenszüge gelten auch für den Zionismus. Dieser rechtfertigt die Abneigung des jüdischen Kleinbürgers gegen seinen nichtjüdischen Konkurrenten und erlaubt ihm zugleich, »kämpferisch« zu sein und »gegen die Verfolgung Stellung zu nehmen«, ohne sich gegen das kapitalistische System zu wenden, das ihm gewisse Vorteile sichert«. (Band 2, S. 47)

Bauers Sicht des Antisemitismus als kleinbürgerliche Ideologie, mithin als Erzeugnis eines das Mentale determinierenden sozial-ökonomischen Kontexts, ist insofern hervorhebenswert, als er die strukturelle Verschwisterung des antisemitischen und des jüdischen Kleinbürgers als solchen anvisiert und das Muster solcher Verschwisterung auch auf das Verhältnis von zionistischem und nichtjüdischem, mithin nichtzionistischem Kleinbürgertum appliziert. Der Kampf gegen den Kapitalismus, in dessen Logik das kleinbürgerliche Ressentiment auf beiden Seiten gedeiht, bleibt dabei auf der Strecke. Daß es dem Kommunisten Alfredo Bauer um diesen Kampf gehen muß, ist das eine; nicht minder bedeutend ist gleichwohl die Einsicht in das ideologische Resultat dieses sozialen Grundverhältnisses, das die Positionsunterschiede zwischen Juden und Antisemiten einebnet. Einer strukturell ähnlichen Argumentation, wenngleich sich auf das hohe jüdische Bürgertum Deutschlands angesichts der Heraufkunft des deutschen Faschismus beziehend, konnte sich ein Max Horkheimer bereits im September 1939 bedienen. Davon ausgehend, daß »wer […] vom Kapitalismus nicht reden will, […] auch vom Faschismus schweigen [sollte]«, heißt es bei ihm: »Vernünftigkeit, die den spezifischen Verwertungsbedingungen auf der je erreichten Stufe zuwiderläuft, hat auch der jüdische Unternehmer für verstiegen und subversiv gehalten. Diese Art von Rationalität wendet sich jetzt gegen ihn. Der Wirklichkeit, in der die Juden groß geworden sind, war eine natürliche Moral immanent, die Moral der ökonomischen Macht. Dieselbe Rationalität, nach der unterlegene Konkurrenten schon immer ins Proletariat versanken und um ihr Leben betrogen waren, diese ökonomische Zweckmäßigkeit hat jetzt auch den Juden das Urteil gesprochen.« (Die Juden und Europa, in: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Band 4, S. 324)

Unerklärte Leerstelle

Die Logik der Analyse bleibt stringent: Die strukturelle Voraussetzung, unter der (auch) Juden »groß geworden« sind, macht blind für den Niedergang ihrer jüdischen Opfer unter historisch gewandelten Bedingungen; der Kapitalismus, der jüdischen Unternehmern zu dem verhalf, was sie sozial-ökonomisch hochkommen ließ, bewahrt seine innere Strukturlogik auch in deren gesellschaftlichem Verfall. Nun hat aber Horkheimer diesen Text vor Beginn der industriellen Massenvernichtung des europäischen Judentums verfaßt; nach 1945 distanzierte er sich von ihm, wie er denn von seiner vormaligen Kapitalismuskritik, welche er, wie oben gesagt, zur Voraussetzung seiner Kritik des Faschismus erhoben hatte, insgesamt Abstand nahm. Der Holocaust bewegte Horkheimer – im Gegensatz zu Adorno und Marcuse – zu einem (nicht sonderlich rühmenswerten) Umdenken. Nicht so bei Alfredo Bauer, was freilich ein eigenes Defizit seiner Darstellung zutage fördert, so hoch man ihm im übrigen anrechnen darf, daß er seinem historisch-materialistischen Paradigma treu bleibt. Denn während er, ähnlich wie Franz Neumann, Friedrich Polock und eben der »klassische« Horkheimer, die Genese des Faschismus und seinen historischen Siegeszug in gestandenen Kategorien marxistischer Kapitalismuskritik zu erfassen und zu deuten vermag, versagen diese Kategorien bei der Erklärung des Holocaust. Der Übergang von ideologisiertem Judenhaß, welcher der Praxis einer staatlich geförderten Ausgrenzung der Juden und auch deren Vertreibung aus Deutschland zugrunde liegt, zu ihrer bürokratisch geplanten und industriell durchgeführten Massenvernichtung erschließt sich nicht aus der, wie immer korrekten narrativen Darstellung. Die Erklärung dafür fehlt. Das ist kein spezifischer Mangel der historiographischen Unternehmung Alfredo Bauers, sondern wohl Ausdruck der Grenzen marxistischer Geschichtserklärung. So suggestiv einleuchtend und erhellend seine Ausführungen zu Eichmann sowie seine gescheiten Anmerkungen zu Daniel Goldhagens »Hitlers willige Vollstrecker« ausfallen – Auschwitz bleibt auch bei ihm letztlich unerklärt.

Unauflösliches Wechselverhältnis

Nun hat aber der Holocaust bekanntlich eine gewichtige Rolle bei der Verfestigung des Anspruchs des Zionismus auf Gründung einer nationalen Heimstätte für die Juden gespielt. Mit ihm war gleichsam der historisch-empirische Beweis für die absolute Berechtigung dieses Anspruchs erbracht worden. Das Instrumentalisierende dieser Sichtweise erblickt Bauer in einem heteronomen Wesenszug der zionistischen Ideologie, und zwar bereits in ihren Anfängen: »Die zionistische Bewegung ist als Antwort auf den Antisemitismus entstanden. Das belegen der Zeitpunkt und die Art ihres Entstehens; und die Initiatoren der zionistischen Bewegung haben es von Anfang an proklamiert. Der Zionismus hat sich jedoch von diesem Ursprung gelöst und als Ideologie verselbständigt. Nie stellt er die Frage nach dem Ursprung des Judenhasses, und nicht einmal die nach dem Grund der Existenz der Juden als besonderer religiöser und kultureller Gemeinschaft. Beides nimmt er als gegeben, als ›ewig‹ an; als Axiome, die keines Beweises bedürfen. Der Jude habe existiert und existiere weiter, weil ihm Existenz und Besonderheit vorgegeben seien; und der Judenhaß, weil die bloße Existenz des Juden ihn herausfordere und verursache.« (Band 2, S. 47)

Dieses heteronome Moment schlägt Bauer zufolge in dezidierte Manipulation um. Rigoros stellt er fest: »So grundlegend ist dieses Argument vom ›ewigen Antisemitismus‹ für die zionistische Ideologie, daß deren Führer und Ideologen bei jeder neuen Äußerung des Antisemitismus besondere Freude zeigen; und wenn keine anzutreffen sind, scheuen sie auch nicht davor zurück, welche zu erfinden.«

Er zitiert einen Spruch David Ben-Gurions, demzufolge es durchaus angebracht wäre, wenn es sich bloß bewerkstelligen ließe, Antisemitismus im Ausland gezielt zu provozieren, um die Masseneinwanderung der Juden aus den jeweiligen Ländern nach Israel zu fördern. Dies wäre allemal effektiver als die »nutzlosen Reden« zahlloser Emissäre. Entsprechend redet Bauer von einer den Zionismus kennzeichnenden »olympischen Verachtung der sozialen Wirklichkeit als bestimmendes Element des Bewußtseins«. (Band 2, S. 48). Dies will allerdings wohlverstanden sein: Nicht um das Anekdotale ist es Bauer zu tun, nicht um diese oder jene ideologische Blüte des politischen Geschäfts; auch nicht nur um den aktiven Pragmatismus der israelischen politischen Klasse als solchen. Bauers Analyse läuft darauf hinaus, den nationalen Chauvinismus allgemein und seine historisch generierte, spezifische Ausformung im Zionismus kritisch zu durchleuchten. Das Perfide an Ben-Gurions Argumentation deckt sich dabei mit einem unabweisbaren Strukturmoment des Zionismus als Praxis und Ideologie: Der Zionismus bedarf des Antisemitismus, um sich zu legitimieren, nicht minder aber auch, um die praktische jüdische Einwanderung nach Israel – eine Doktrin des zionistischen Staates und seine raison d’être – am Leben zu erhalten. Je antisemitischer die »Diaspora«, so besehen, desto günstiger für das zionistische Israel. Was also das geschichtlich Heteronome des modernen Nationalismus insgesamt ausmacht, findet sich auch eigentümlich im Zionismus widergespiegelt, gerinnt mithin zur Matrix der zionistischen Bewußtseinsbildung.

Solidarität mit wem?

Interessanterweise hat das Bauer zufolge seine Auswirkungen auch auf die Solidarität der nicht in Israel lebenden Juden mit ihrem »fernen Vaterland«, wobei in diesem Zusammenhang der von Bauer stets anvisierte Klassenstandpunkt eine gleichsam subkutane Rolle spielt: »[…] die Zugehörigkeit der Juden zum Mittelstand ist die Ursache des Erstarkens des ›jüdischen Bewußtseins‹. Der einigermaßen wohlhabend gewordene jüdische Kleinbürger wünscht, sich von den Volksmassen abzuheben; und das umso mehr, je stärkere Spuren die Not vergangener Zeiten und sein früheres Proletariertum bei ihm hinterlassen haben. Dafür besitzt der jüdische Mittelstand besonders wirksame ideologische Ressourcen. Der Zionismus und die Existenz des jüdischen Staates erlauben es ihm, sein Interesse auf ›das Eigene‹ und auf das ›ferne Vaterland‹ zu richten, und sich von den plebejischen Angelegenheiten der Gesellschaft, in der er lebt, abzuwenden. Dieses ›jüdische Nationalbewußtsein‹ hat also Klassencharakter.« (Band 2, S. 181)

Diese Einsicht mögen sich auch jene in Deutschland zu eigen machen, die stets ihre unabdingbare Solidarität mit »den Juden« und mit »Israel« bekunden. Denn nicht nur gibt es »die Juden« als das Abstraktum, als welches sie wahrgenommen werden, nicht; nicht nur gibt es das »Israel«, welches »den Juden« ideologisch als Attribut beigesellt wird, realiter nicht; auch die Emphase der Solidarität erweist sich als krude Ideologie, solange sie außer acht läßt, mit welchen sozialen (Klassen)Strukturen sie historisch wie aktuell objektiv in Beziehung steht.

Diese Zeilen werden Ende September 2012 niedergeschrieben, einen Tag nach der Rede des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu vor der UN-Vollversammlung, und etwa einen Monat vor der bevorstehenden Wahl des 57. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Hätte Alfredo Bauer seinem zweibändigen Werk noch einen Epilog über dieses aktuelle politische Tagesgeschäft hinzugefügt, hätte er es wohl kaum beim polemischen Zwist zwischen Netanjahu und Obama über den adäquaten Umgang mit dem sich nuklearisierenden Iran Ahmadinedschads bewenden lassen. Gefragt hätte er sich, was es damit auf sich hat, daß ein Sheldon Adelson, der Obamas Rivalen Mitt Romney, mit welchem Netanjahu seit Jahrzehnten befreundet ist, finanziell massiv unterstützt, auch der Finanzierer der in Israel erscheinenden und unentgeltlich vertriebenen Tageszeitung Israel Hayom (Israel Today) ist, die als ein unverhohlenes Propagandaorgan des israelischen Premiers fungiert. Gefragt hätte er sich auch, wie diese republikanisch-rechte Prosopographie (Erforschung eines Personenkreises – Anm. d. Red.), in deren Konstellation sich nicht nur ein US-amerikanischer Milliardär in die israelische Politik, sondern auch der israelische Premier in den amerikanischen Wahlkampf – gegen den amtierenden Präsidenten, zugunsten seines Widersachers – einmischt, mit der Verbreitung der ökonomischen Ideologie eines den Kapitalismus zu neuen Höhen globaler Perversion treibenden Neoliberalismus zusammenhängt. Gefragt hätte er sich darüber hinaus, wie sich diese skrupellose Ideologie nicht nur mit den offenen Interessen einer imperialistischen Geopolitik, in der sich die evangelistischen US-Republikaner und der Likud eines Netanjahu verschwistert wissen, sondern nicht minder auch mit dem Zusammenbruch des israelischen Sozialstaates, mit der präzedenzlosen Öffnung von Israels sozialer Schere und der sichtlichen Pauperisierung der Mittelschicht nebst deren zunehmender Deklassierung verbindet. Gefragt hätte er sodann, welche Rolle das manipulative Ablenkungsmanöver der Dauerbeschäftigung mit Iran und der vermeintlich »notwendigen« bellizistischen Drohgebärde Israels gegen dessen Nuklearprogramm in dieser ideologischen Konstellation spielt, um zuletzt zu fragen, was es da noch eigentlich heißt, sich mit »Israel« und mit den »Juden« zu solidarisieren.

Alfredo Bauer hat einen solchen Epilog nicht geschrieben. Aber jeder, der seine exzellente »Kritische Geschichte der Juden« gelesen hat, wird sich zumindest der inhaltlichen Ausrichtung eines solchen Epilogs aussetzen müssen, mithin auch der Logik des ihr zugrunde liegenden Paradigmas eines hochkarätigen Historischen Materialismus.

Moshe Zuckermann ist Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. An dieser Stelle schrieb er zuletzt am 10. Oktober 2012 unter dem Titel »Verquere Debatten« über Juden, Deutsche, den Nahostkonflikt und Antisemitismus

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