20. März 2014

Klugheit kollektiver Praxis

Polizisten gegen Startbahngegner in Frankfurt am Main

Ein Gesprächsband fördert Überraschendes über den Anarchismus zutage

Thomas Wagner

Für viele Marxisten ist der Anarchismus ein rotes Tuch: theoretisch anspruchslos, politisch unzuverlässig und im schlechten Sinne utopisch. Tatsächlich kann es einem oberflächlichen Beobachter zunächst so scheinen, als sei das anarchistische Freiheitsideal geradewegs in die heute vorherrschenden Ellenbogen-Ideologie des Neoliberalismus gemündet. Plausibel erscheint diese These, wenn man den Werdegang so manches Protagonisten dieser Bewegung verfolgt. 1968 war der damalige Studentenführer Daniel Cohn-Bendit einer der wichtigsten Köpfe des Neoanarchismus, heute steht er an vorderster Front, wenn es darum geht, aus der Europäischen Union eine imperialistisch agierende Großmacht zu formen. Der Philosoph Wolfgang Harich (1923 bis 1995), von dem eine fundierte marxistische Auseinandersetzung mit dem Anarchismus stammt, hielt dessen alten und neuen Protagonisten vor, von einem problematischen gemeinsamen Grundmotiv bewegt zu sein: der revolutionären Ungeduld. Wenn das zutreffen sollte, scheint diese jedoch bei gar nicht so wenigen Antiautoritären mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit, einem gehörigen Maß an politischer Urteilskraft sowie einer beachtlichen Portion praktischer Intelligenz verbunden zu sein.

Als erstes Beispiel hierfür fällt mir der Name Noam Chomsky ein. Daß der seit den sechziger Jahren unermüdlich gegen den US-Imperialismus kämpfende Anarchist keine Ausnahme ist, zeigen die Gespräche, die der Journalist Bernd Drücke für sein Buch »Anarchismus Hoch 2. Soziale Bewegung, Utopie, Realität, Zukunft« mit einer ganzen Reihe von heutigen Anarchisten geführt hat. Dabei kommt Überraschendes zutage. So war es hierzulande kein Marxist, sondern der anarchistische Umweltaktivist Michael Wilk, Jahrgang 1956, der schon vor 15 Jahren in verschiedenen Aufsatz- und Buchpublikationen davor warnte, daß Kapitalinteressen zunehmend mittels Bürgerbeteiligungsverfahren durchgesetzt werden. Wilk engagiert sich seit den 1970er Jahren im Kampf gegen den Ausbau des Flughafens Frankfurt am Main sowie in der Antiatombewegung. Sein Beispiel zeigt: Nicht allein das Bücherstudium, sondern die kollektive Praxis macht politisch klug.

Das gleiche trifft auf den 1937 geborenen Politikwissenschaftler Wolf-Dieter Narr zu. Dieser war zunächst SPD-Mitglied, wurde 1969 Mitglied des Sozialistischen Büros, gehörte 1977/78 zu den Organisatoren des dritten Russel-Tribunals zur Situation der Menschenrechte in der BRD und gründete schließlich mit politischen Freunden das heute noch aktive Komitee für Grundrechte und Demokratie. Heute sagt er, ihm sei erst spät bewußt geworden, »daß das anarchistische Motiv schon immer in meinem Herzen gewirkt hat«. Das anarchistische Freiheitsverständnis ist für Narr mit dem der Neoliberalen unvereinbar: »Gleichheit ist Voraussetzung von Freiheit wie wechselweise. Das geht anders nicht.« Organisationen neigten dazu, immer wieder ein Stück Ungleichheit hervorzubringen. »Wenn man sich das vor Augen hält, hilft es, die Organisation von einer rigiden Form fernzuhalten.«

Das klingt weniger nach der von Harich kritisierten Alles-oder-nichts-Haltung als nach einer pragmatischen Herangehensweise an das auch in sozialistischen Gruppen immer wieder auftretende Machtproblem. Zu den weitere Gesprächspartnern Drückes gehören die Comiczeichner Gerhard Seyfried und Ziska Rieman, die Kletteraktivistin Cécile Lecomte, der Liedermacher Konstantin Wecker, der Zapatismusforscher Luz Kerkeling, der Verleger Jochen Schmück und viele mehr. Die Gespräche, die zum Teil bereits in der Monatszeitschrift Graswurzelrevolution veröffentlicht worden waren, sind für die Buchveröffentlichung aktualisiert und ergänzt worden. Leider finden sich in dem lesenswerten Band auch Äußerungen, die nicht so gut durchdacht sind. Etwa wenn der Herausgeber die guten Absichten heutiger Anarchisten gegen die tatsächliche historische Praxis sozialistischer Revolutionäre auszuspielen versucht. Dann heißt es, der »Realsozialismus« sei »glücklicherweise gescheitert«. Die Frage, welchen Zwängen ein noch so freiheitlicher Sozialismus auch heute noch ausgesetzt wäre, wenn er sich gegen die geballte Macht des Imperialismus zur Wehr setzen müßte, wird nicht gestellt, geschweige denn beantwortet.

Bernd Drücke (Hg.): Anarchismus Hoch 2. Soziale Bewegung, Utopie, Realität, Zukunft. Karin Kramer Verlag, Berlin 2014, 18 Euro

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