8. Februar 2014

Kollektiver Organisator

Die L’Unità verbreitete den Aufruf zum Befreiungskrieg gegen die Wehrmacht (italienische Partisaninnen in Castellucio 1944) - Fotoquelle: picture alliance / akg-images

Vor 90 Jahren gründete Antonio Gramsci die kommunistische Tageszeitung L’Unità

Gerhard Feldbauer

Rund drei Jahre, nachdem Antonio Gramsci zusammen mit Palmiro Togliatti und weiteren Linken am 21. Januar 1921 den Schritt zur organisatorischen Selbständigkeit unternommen hatte, erhielt die Italienische Kommunistische Partei (IKP) am 12. Februar 1924 ihr eigenes Zentralorgan, die Tageszeitung L’Unita. Im Mai 1919 hatte Gramsci bereits die kommunistische Zeitschrift L’Ordine Nuovo (Die neue Ordnung) geschaffen, die der IKP den Weg bereitete. Sie war jedoch auf Norditalien beschränkt, hatte ihre Anhänger vor allem unter den Industriearbeitern, die 1919/20 die Fabriken besetzt und zu ihrer Verteidigung Rote Garden formiert hatten. In den revolutionären Nachkriegskämpfen erlitten die Linken eine Niederlage. Im Oktober 1922 hievten die herrschenden Kreise Italiens mit dem Großkapital an der Spitze den »Duce del Fascismo« an die Macht. Die IKP brauchte dringend ein Sprachrohr, um die Partei, die Arbeiter, denen die Aufgabe zufiel, an die Spitze des antifaschistischen Widerstandes zu treten, zu mobilisieren. Den Namen L’Unità (Die »Einheit«) wählte Gramsci, um damit das Ziel des Kampfes gegen die Mussolini-Diktatur zu verdeutlichen. Im Untertitel stand »Tageszeitung für Arbeiter und Bauern«.

Nach seiner Rückkehr Ende 1923 aus Moskau, wo er als Delegierter der IKP im Sekretariat der Kommunistischen Internationale gearbeitet hatte, widmete sich Gramsci sofort der Gründung der L’Unità, die in ganz Italien rasch Zehntausende Leser fand, obwohl sie wie die Partei bereits Verfolgung und Terror ausgesetzt war. Als Mitarbeiter gewann Gramsci erfahrene frühere Journalisten der sozialistischen Partei (ISP) wie Ottavio Pastore, der ihr erster Chefredakteur wurde, und Francesco Buffoni, einen Mitbegründer der ISP und engen Mitarbeiter des langjährigen Chefredakteurs des sozialistischen Avanti!, Giacinto Menotti Serrati, der später zur IKP stieß. Die L’Unità entlarvte den feigen Mord Mussolinis im Juni 1924 an dem Führer der Einheitssozialisten, Giacomo Matteotti, lancierte die Forderung »Weg mit der Regierung der Mörder« und formulierte einen Aufruf zum Generalstreik. Bereits mehrfach verboten und 146mal beschlagnahmt, fiel sie nach der Errichtung der offen terroristischen Diktatur Ende 1926 unter das Verbot aller Oppositionsparteien und ihrer Zeitungen. Ab dem 1. Januar 1927 erschien sie illegal weiter.

Zeitung Leninschen Typs

Die L’Unità berichtete über die antifaschistische Bündniskonzeption Gram­scis, über den wachsenden Widerstand der Arbeiter und Bauern, so auf den Reisfeldern von Vercelli und Novara im Norden Italiens oder während eines Aufstandes 1931/32. Die Zeitung entlarvte die faschistischen Kriegsverbrechen bei der Eroberung Libyens und Äthiopiens sowie der Niederschlagung der Spanischen Republik, bei der sich ein italienisches Expeditionskorps und italienische Interbrigadisten gegenüberstanden.

Die L’Unità trug dazu bei, daß sich kleinbürgerliche Schichten und Angehörige der Intelligenz – Studenten, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler – der antifaschistischen Bewegung anschlossen. Sie schrieb über Alberto Moravias Roman »Die Gleichgültigen« (1929), der den moralischen Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft anprangerte, über Cesare Paveses aufrüttelnde Gedichtsammlung »Arbeit macht müde« und Renato Guttusos Gemälde »Erschießung«, das dieser dem von den Franco-Faschisten ermordeten spanischen Dichter Federico Garcia Lorca widmete.

Nach dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 forderte die L’Unità umfassende demokratische Rechte und Freiheiten, den Bruch mit der faschistischen »Achse« und den Übertritt auf die Seite der Antihitlerkoalition. Als die Wehrmacht Italien besetzt hatte, verbreitete sie den Aufruf zum Befreiungskrieg gegen die deutsche Besatzungsmacht. Sie unterstützte die Initiative der IKP zum Eintritt in die Regierung des Marschalls Badoglio (»Wende von Salerno«), mit dem ein Bekenntnis zum Antifaschismus durchgesetzt und die von Churchill verfolgten reaktionären Versuche, Strukturen des Faschismus zu konservieren, zum Scheitern gebracht wurden. In den Redaktionen des Parteiorgans entstanden unzählige Kampfschriften und wurden Tausende Flugblätter, die die Massen zum Kampf gegen die Hitlerfaschisten und ihre italienischen Handlanger mobilisierten, gedruckt. Im Oktober 1943 wurde der Beschluß der IKP zur Bildung der Garibaldi-Brigaden als erste Truppenteile der Partisanenarmee veröffentlicht. Die L’Unità berichtete über die zahllosen Gefechte der Partisanen, die Bildung von Partisanenrepubliken und veröffentlichte im April 1945 den Appell zum allgemeinen bewaffneten Aufstand und zum Sturz des Mussolini-Regimes. Der historische Beitrag der italienischen Resistenza zur Niederlage des Faschismus, in der die Arbeiterklasse zur führenden Kraft wurde, ist undenkbar ohne die L’Unità, die, wie Lenin in seiner Schrift »Was tun?« formulierte, zur kollektiven Propagandistin, Agitatorin und Organisatorin avancierte.

Aufstieg und Fall

Nach dem Sieg über den Faschismus wurde die L’Unita Sprachrohr einer Massenpartei, deren Mitgliederzahl in den 1970er Jahren auf über zwei Millionen anwuchs. Entsprechend stiegen ihre Leserzahlen. Im Juli 1948 versuchte die in- und ausländische Reaktion, durch ein Attentat auf IKP-Generalsekretär Togliatti, bei dem dieser lebensgefährlich verletzt wurde, die Partei zum bewaffneten Aufstand zu provozieren, um sie per Blutbad zu liquidieren. Nicht zuletzt durch den Einfluß der L’Unità als einer massenwirksamen Parteizeitung scheiterte der in Washington inszenierte Plan.

1976 wählten zwölf Millionen Italiener (rund 34 Prozent) die IKP. Auf der Seite der Reaktion verfolgte die über eine halbe Million Mitglieder zählende Mussolini-Nachfolgepartei, die sogenannte Italienische Sozialbewegung (MSI), eine »chilenische Lösung« für Italien. Gegen die faschistische Gefahr suchte die IKP mit der großbürgerlichen Democrazia Cristiana (Christdemokraten) eine »Historischer Kompromiß« genannte Regierungszusammenarbeit. Auf die Gestaltung eines solchen Regierungsbündnisses nahm jedoch der parteiinterne sozialdemokratische Flügel Einfluß. In einem von der CIA, der faschistischen Putschloge P2 und der geheimen NATO-Truppe Gladio inszenierten Komplott wurde der Partner der IKP im Historischen Kompromiß, der bürgerliche Antifaschist und DC-Führer Aldo Moro, ermordet und die Regierungszusammenarbeit zum Scheitern gebracht. Da aus dieser Konspiration keine Lehren gezogen wurden, rissen die Revisionisten in der IKP wie in ihrem Zentralorgan die Führung an sich. Es begann der Weg in den Untergang. Mit der Liquidierung der Partei Antonio Gramscis im Januar 1990 hörte auch die L’Unità als kommunistische Zeitung auf zu bestehen. Im Juni 2000 mußte die nunmehr sozialdemokratische Zeitung das erste Mal Konkurs anmelden. Im Privatbesitz existierte sie bis in die jüngste Zeit als linke Tageszeitung weiter, die Position gegen die unter den Regierungen des Mediendiktators Silvio Berlusconi gefährliche Formen annehmende faschistische Gefahr bezog. In diesen Tagen ist die Zeitung erneut vom finanziellen Ruin bedroht. Der Ausgang ist noch offen.

Quelle: Aus der ersten Nummer der L’Unità vom 12. Februar 1924

Unter der Überschrift »Der Königsweg« schildert die Redaktion die politische Lage und beschreibt den Zweck der Zeitung. Ein Auszug in deutscher Übersetzung:

Die tragischen Erfahrungen, die die Arbeiter und Bauern Italiens gemacht haben, dürfen nicht verloren gehen. Denn daran bemißt sich der Preis, den sie bei dem Versuch einer revolutionären Umgestaltung bezahlen mußten. (…) Es wird nötig sein zu verhindern, daß der Faschismus wie auch schon der Weltkrieg fortschreitet, ohne den Geist der Massen zu ändern. Es wird nötig sein zu verhindern, daß sich vor dem Hintergrund des Leidensdrucks und der Sehnsucht nach Erhebung eine Geisteshaltung einstellt und sich vorschnelle Taten ereignen, die jede Möglichkeit auf eine proletarische Neubelebung sabotieren und jede ernsthafte Aussicht auf eine Revanche ausschließen.

Unsere Zeitung schlägt zu diesem Zweck vor, die Gründe systematisch zu untersuchen, die unter dem Gewicht einer ausgesprochen schweren Niederlage dazu geführt haben, daß die Arbeiter eingeknickt sind, und will sie dazu befähigen, daß sie die Schlußfolgerungen ihres militanten Bewußtseins gründlich abwägen.

Die L’Unità will folglich nicht sentimental und dekorativ zur Ordnung rufen. Es soll kein trüber und schlammiger Wortschwall der lähmenden Übereinstimmung sein, der nirgendwo einmündet. Wir beabsichtigen, die geeigneten Instrumente für den Kampf des Proletariats zu formen. Und wir haben auf dieser Grundlage eine wohl definierte und schlüssige politische Konzeption erarbeitet (…)

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/02-08/061.php