22. Oktober 2011

Kolonialistenraubzug

Quelle: Wikipedia

Suez-Krise 1956: Großbritannien, Frankreich und Israel greifen Ägypten an

Gerd Bedszent

Am 29. Oktober 1956 überschritten israelische Truppen die Grenzen zum benachbarten Ägypten. Dies war der Auftakt zur »Suezkrise«. Von seiten der israelischen Regierung wurde die sogenannte Sinai-Kampagne als Präventivkrieg ausgegeben. An der Grenze zum damals ägyptisch kontrollierten Gazastreifen kam es seit Jahren zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit palästinensischen Kämpfern, die sich mit der massenhaften Vertreibung der ursprünglichen Bevölkerung aus Israel nicht abfinden konnten. Wegen eines zwischen Ägypten, Syrien und Jordanien geschlossenen Militärbündnisses erklärte Israel sich für bedroht und mobilisierte am 27. Oktober seine Armee. Tatsächlich handelte es sich bei der Militäraktion um einen Bestandteil einer sorgfältig geplanten Aggression zum Sturz des ägyptischen Staatschefs Gamal Abdel Nasser sowie zur Wiedererlangung des von der ägyptischen Regierung nationalisierten Suezkanals durch die einstigen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich.

Geplante Attacke

Eine der Hauptforderungen der ägyptischen Revolution des Jahres 1954 war der Abzug der britischen Truppen aus der Suezkanalzone gewesen, die die Kolonialmacht noch immer besetzt hielt. Nach mehrjährigen Auseinandersetzungen konnte sich Präsident Nasser durchsetzen: Am 19. Oktober 1954 erklärte sich Großbritannien zum Abzug seiner 80000 Soldaten bereit; am 13. Juni 1956 verließen die letzten britischen Militärs die Kanalzone, am 29. Juni verstaatlichte die ägyptische Regierung den Suezkanal. USA und Weltbank hatten sich zuvor geweigert, den geplanten Ausbau des Assuan-Staudamms zu kreditieren. Mit dem milliardenschweren Bewässerungsprojekt beabsichtigte Nasser, der Armut der ägyptischen Landbevölkerung nachhaltig zu begegnen und den Grundstock für eine weitere Industrialisierung zu legen. An die Stelle der abgelehnten Kredite sollten nun die Einnahmen aus dem (ohnehin zum großen Teil mit ägyptischen Geldern erbauten) Kanal treten.

Nach der entschädigungslosen Enteignung der hauptsächlich französischen und britischen Aktionäre der Kanalgesellschaft bestand zwischen deren Regierungen Einigkeit, dies dem »Mussolini vom Nil« keinesfalls durchgehen zu lassen. Frankreich fühlte sich außerdem durch Nassers Unterstützung der algerischen Befreiungsbewegung brüskiert. Als Ergebnis von Geheimverhandlungen vom 22. bis 24. Oktober 1956 in einer Villa im Pariser Vorort Sèvres konnten der französische Ministerpräsident Guy Mollet und der britische Außenminister Selwyn Lloyd den israelischen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion zu einer Teilnahme an der geplanten Aggression bewegen. Israel, ohnehin im Dauerkonflikt mit seinen arabischen Nachbarn und über die Sperrung des Suezkanals für israelische Schiffe verärgert, hatte keine Probleme damit, sich zum Helfershelfer der Kolonialmächte zu machen.

Die erste Stufe des Plans sah vor, daß die israelische Armee vorgeblich im Rahmen einer Kommandoaktion gegen den palästinensischen Widerstand bis an den Suezkanal vorrückte. Als zweite Stufe sollten britische und französische Einheiten unter dem Vorwand der Sicherung des internationalen Schiffsverkehrs die Kanalzone besetzen und diese erst nach dem Sturz Nassers und der Revision der Verstaatlichungspolitik Ägyptens wieder räumen.

Der erste Teil des Vorhabens verlief fast wie geplant. Die völlig überraschte ägyptische Armee erwies sich als einer Konfrontation mit israelischen Panzerdivisionen und Fallschirmjägerverbänden nicht gewachsen und zog sich in Richtung Suezkanal zurück. Allerdings sorgte hinhaltender Widerstand der zurückgehenden Einheiten dafür, daß die israelische Armee ihren Zeitplan nicht einhielt und die Kanalzone noch gar nicht erreicht hatte, als am 31. Oktober die britische und die französische Regierung wie geplant beide Seiten zum Rückzug aufforderten.

Die Kumpanei war damit offensichtlich; die ägyptische Regierung wies das Scheinultimatum der Kolonialmächte umgehend zurück. Daraufhin begann deren Luftwaffe mit einem Bombardement ägyptischer Städte. Am 5. November erfolgten Landungen britischer und französischer Marineeinheiten und Fallschirmjäger in der Kanalzone.

Die ägyptische Regierung und Bevölkerung blieben angesichts der offenen Aggression standhaft. Armeeeinheiten und Freiwilligenverbände fügten den Angreifern schwere Verluste zu; die Stadt Port Said wurde während der Straßenkämpfe fast völlig zerstört. Eine vollständige Besetzung der Kanalzone gelang den Invasoren nicht.

Internationale Empörung

Der Aggressionsakt Großbritanniens und Frankreichs rief international einen Aufschrei der Empörung hervor. Nicht nur die Staaten der arabischen Liga und das sozialistische Europa solidarisierten sich mit Ägypten und forderten einen sofortigen Rückzug der Eroberer. Auch die USA, die man bei den Geheimverhandlungen übergangen hatte, reagierten über den Alleingang ihrer westeuropäischen Verbündeten erbost, drohten Großbritannien mit einem Wirtschaftskrieg und unterbrachen kurzzeitig ihre Finanzhilfe für Israel. Da der UN-Sicherheitsrat durch das Veto der Aggressoren blockiert war, forderte die Vollversammlung der Vereinten Nationen in einer Sondersitzung am 2. November die sofortige Einstellung der Kämpfe. Entscheidend für das Scheitern der Aggression war jedoch die Drohung der Sowjetunion, dem Angriff auf Ägypten mit einem Militärschlag gegen Westeuropa zu begegnen.

Angesichts des wachsenden internationalen Drucks stellten die britischen und französischen Truppen am 7. November ihren Vormarsch ein, ohne daß sie ihre Ziele erreicht hatten. Am 15. November räumten die Angreifer das eroberte Territorium der Kanalzone. Nach einem nochmaligen UN-Beschluß zog sich am 7. März 1957 schließlich auch die israelische Armee aus den besetzen Gebiete der Sinai-Halbinsel und dem Gazastreifen zurück. Eingreiftruppen der Vereinten Nationen sorgten in den Grenzgebieten zwischen Israel und Ägypten für einen zehn Jahre andauernden, fragilen Frieden.

Politischer Sieger der Suezkrise war die ägyptische Regierung. Mit seiner Weigerung, sich der gewesenen Kolonial­macht zu beugen, setzte Nasser ein Fanal, dem wenige Jahre später der weitgehende Zusammenbruch des britischen und französischen Kolonial­reichs folgen sollte. Die beiden Länder waren nun endgültig in den Status zweitrangiger Mächte hinter den USA zurückgestuft. Die Rolle Israels rief allgemeine Kritik hervor und hatte, wie es Nahum Goldmann, damals Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses und der Zionistischen Weltorganisation formulierte, »das Bild Israels als eines Bundesgenossen der imperialistischen Mächte für die arabische Welt endgültig fixiert«.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/10-22/008.php

Ägyptens Weg in die Unabhängigkeit

Gerd Bedszent

Ägypten war, obwohl formell bis 1914 noch Bestandteil des Osmanischen Reiches, in den Jahren von 1882 bis 1954 faktisch ein britisches Protektorat. Der Bau des Suezkanals von 1859 bis 1869 hatte das Land ruiniert, die Gewinne aus dem Schiffsverkehr durch den Kanal flossen fast ausschließlich in die Taschen europäischer Aktionäre. Dem Staatsbankrott des Jahres 1876 folgte ein rabiates Finanzdiktat durch Paris und London, schließlich 1882 der Einmarsch britischer Truppen.

Nach Beginn des Ersten Weltkrieges wurde das Land eine eigenständige Monarchie. Obwohl im Jahre 1922 formell die Unabhängigkeit proklamiert wurde, blieb Ägypten britisch besetzt; der König agierte als Marionette der Kolonialmacht. Unter seiner Herrschaft wurden die Feudalverhältnisse zementiert, 11000 Großgrundbesitzer besaßen ebensoviel Land wie 2,6 Millionen Kleinbauern. Sämtliche lukrativen Wirtschaftsunternehmen befanden sich im Besitz von Europäern.

Gegen Rückständigkeit und nationalen Ausverkauf organisierte sich der Geheimbund der »Freien Offiziere« unter Führung von Oberst Gamal Abdel Nasser. Getragen von einer breiten Volksbewegung, stürzte das Militär am 23. Juli 1952 durch einen Putsch das Regime von König Faruk.

Nasser war kein Kommunist, sondern Repräsentant des einheimischen Bürgertums, das durch die anhaltende koloniale Ausbeutung in seiner Entwicklung behindert war und eine geeignete Legitimation im panarabischen Nationalismus fand.

Am 18. April 1954 wurde Nasser ägyptischer Ministerpräsident. In dauerhafter Konfrontation mit der ehemaligen britischen Kolonialmacht lehnte er sich außenpolitisch an die Arabische Liga und das damals sozialistische Osteuropa an, verbot aber im eigenen Lande die Kommunistische Partei. Deren Mitglieder wurden ebenso verfolgt wie die Anhänger der radikalislamischen Muslimbruderschaft.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/10-22/009.php