22. März 2014

Konzept Kriegskoalition

Mit Antonio Gramsci im Rücken: IKP-Chef Palmiro Togliatti schlug 1944 ein breites nationales Bündnis gegen den Faschismus vor - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 183-S99208 / Quaschinsky, Hans-Günter / CC-BY-SA

Vor 70 Jahren kehrte Palmiro Togliatti, Chef der italienischen Kommunisten, mit neuer Strategie aus Moskau nach Italien zurück

Gerhard Feldbauer

Am 27. März 1944, acht Monate nach dem Sturz des »Duce«, der Bildung einer Militärregierung unter dem früheren Mussolini-Marschall Pietro Badoglio und der folgenden Kriegserklärung an Nazideutschland kehrte Palmiro Togliatti, Generalsekretär der Italienischen Kommunistischen Partei (IKP), nach 18jähriger Emigration aus Moskau in den Süden des von den Alliierten besetzten Italien zurück. Am 8. September 1943 hatte die Wehrmacht Nord- und Mittelitalien besetzt und die italienischen Streitkräfte entwaffnet. Das auf Initiative der IKP gebildete Nationale Befreiungskomitee (CLN) – ein breites Bündnis von den Kommunisten und Sozialisten bis zu den großbürgerlichen Liberalen und Christdemokraten – hatte zum Befreiungskrieg gegen die deutschen Besatzer und ihre italienischen Vasallen aufgerufen. Mit den Kommunisten an der Spitze begannen Zehntausende Partisanen einen machtvollen bewaffneten Widerstand.

Es ging um die weitere Politik der Regierung Badoglio und die Haltung der IKP zu ihr. Der verstorbene Parteigründer Antonio Gramsci hatte schon in der ersten Hälfte der 1920er Jahre Grundsätze einer Analyse des Faschismus und die für seinen Sturz erforderliche breite nationale Bündniskonzeption erarbeitet. An diese Überlegungen anknüpfend, traf Togliatti in Salerno, dem Sitz der Regierung, ein.

Absprachen mit Stalin

Der König Viktor Emanuel III. und der Marschall hatten im Gefolge der führenden Kapitalkreise Mussolini gestürzt, um nicht in die Niederlage Nazideutschlands hineingezogen zu werden. Sie bezogen aber keine antifaschistischen Positionen und wollten ihre Machtpositionen über das Kriegsende hinaus erhalten. Togliatti ging es darum, durch den Eintritt der CLN-Parteien in die Regierung Einfluß auf deren Politik zu nehmen und ein klare antifaschistische Position im Befreiungskrieg gegen Deutschland durchzusetzen. Daß es der IKP 1934 gelungen war, mit den Sozialisten ein Aktionseinheitsabkommen zu schließen, wurde zur entscheidenden Grundlage der Herstellung der antifaschistischen Einheitsfront in einer beispiellosen Breite.

Mit Togliatti konnte Stalin die Entwicklung in Italien sehr aufmerksam verfolgen. Wie aus den Tagebüchern Georgi Dimitroffs hervorgeht, beriet Stalin in der Nacht vom 4. zum 5. März 1944 mit dem italienischen Kommunisten das weitere Vorgehen. Die UdSSR ließ sich von der Erklärung der Konferenz der US-amerikanischen, britischen und sowjetischen Außenministerkonferenz in Moskau im Oktober 1943 »über Italien« leiten: »daß die gemeinsame Politik der Verbündeten in Italien zur völligen Vernichtung des Faschismus und zur Errichtung eines demokratischen Regimes führen muß«. Moskau war klar, daß man die Badoglio-Regierung zu berücksichtigen hatte.

Am 8. Januar 1944 traf der sowjetische Vertreter im Advisory Council of Italy, einem auf der Moskauer Konferenz geschaffenen Beobachterrat, mit Badoglios Außenminister zusammen, um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu sondieren. Der britische Staatschef Winston Churchill vermutete nicht zu Unrecht, daß es Stalin um weitgehendere Ziele ging. Das veranlaßte ihn, sich am 22. Januar unmißverständlich für die Beibehaltung der Monarchie zu erklären und einen Regierungsbeitritt der CLN-Parteien abzulehnen.

Sein amerikanischer Amtskollege Franklin D. Roosevelt sprach sich jedoch am 13. März für den »Rückzug Emanuels III. von der Politik« und für die »Einbeziehung der Antifaschisten in die Regierung Italiens« aus. Einen Tag später gab die UdSSR im Alleingang die Anerkennung der Regierung Badoglio bekannt. Der Schritt wertete das Kabinett auf, stärkte seine Position als ein gleichberechtigtes Mitglied der Antihitlerkoalition und machte Badoglio für den Beitritt der CLN-Parteien in die Regierung zugänglich.

Keine Revolution

Am 31. März sprach Togliatti vor dem Nationalrat der Partei über die Bildung einer neuen Regierung, die durch den Beitritt der antifaschistischen Oppositionsparteien gestärkt und in die Lage versetzt werden sollte, die Volksmassen zum Krieg gegen Nazideutschland zu mobilisieren. Er erklärte den Sozialismus nicht zum aktuellen Ziel, da das die großbürgerlichen Verbündeten ausgeschlossen und eine offene Konfrontation mit Badoglio und dem König nach sich gezogen hätte. Das bedeutete aber auch keinen Verzicht, denn in ihrem Aufruf »An das italienische Volk« vom 8. September 1943 hatte die IKP erklärt: »Die Arbeiterklasse wird die Hauptkraft sein, die das italienische Volk zum Kampf führt, um für immer die Macht der imperialistischen Kräfte, die für den räuberischen Krieg und den Ruin der Nation verantwortlich sind, zu brechen. Deshalb darf die Demokratie, die wir meinen, den rechten Kräften nicht noch einmal erlauben, sich in ihr breitzumachen.«

Togliattis Konzept entsprach der von Lenin in »Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution« entwickelten Revolutionstheorie. Diese strategische Linie berücksichtigte auch die Orientierung, die Stalin nach dem faschistischen Überfall auf die SU den Parteien der Komintern mit Blick auf die angestrebte Antihitlerkoalition gegeben hatte: die Frage der sozialistischen Revolution nicht aufzuwerfen.

Um zu unterstreichen, daß die KPdSU mit dem Kampf gegen den Faschismus nicht die sozialistische Revolution voranbringen wollte, wurde dann am 15. Mai 1943 die Komintern aufgelöst. Das entsprach auch der Lage, daß es in der Situation des Weltkrieges den kommunistischen Parteien nicht mehr möglich war, zur Beratung grundsätzlicher Fragen ihres Kampfes, darunter der vielfältigen nationalen Aspekte, zusammenzukommen.

Togliattis Vorgehen zeigte, daß er nicht einfach Stalins Hinweisen folgte, sondern von den grundsätzlichen Erfordernissen der nationalen Entwicklung ausging, die schon Gramsci vertreten hatte. Von schöpferischem Herangehen zeugte auch, daß die IKP den Begriff der Volksfront vermied und von einer antifaschistischen Einheitsregierung sprach.

Der IKP-Chef stieß zunächst auf Widerspruch – nicht nur in seiner Partei, sondern auch bei den Sozialisten, die forderten, das Ziel einer sozialistischen Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen. Entscheidend trug Luigi Longo, einer der beiden Oberbefehlshaber der Partisanenarmee, dazu bei, den Regierungseintritt verständlich zu machen. »Wir sehen nur die politischen Unannehmlichkeiten einer Zusammenarbeit mit Badoglio, nicht aber die Schwäche eines nationalen Befreiungskrieges ohne die von ihm kontrollierten und beeinflußten Kräfte«, argumentierte er im Parteiorgan La nostra Lotta im März 1944. Longo unterstützten die Partisanenkommandeure, in deren Einheiten Antifaschisten aller Parteien Schulter an Schulter mit monarchistischen Soldaten und Offizieren kämpften. Sie stimmten zu, daß die gemeinsame Front gegen die deutschen Okkupanten und ihre italienischen Helfershelfer das entscheidende Kriterium sein müsse. Mit dem Eintritt der CLN-Parteien am 22. April 1944 in Badoglios Regierung setzte Togliatti sein Konzept einer gegen Nazideutschland gerichteten Kriegskoalition durch.

Togliatti über die neue Strategie der IKP

In der Parteizeitung Unita vom 2. April 1944 schrieb Palmiro Togliatti: »Wir können uns heute nicht von einem sogenannten engen Parteiinteresse leiten lassen. Es sind die unmittelbaren Lebensbedürfnisse unseres Landes, die wir heute verteidigen müssen. Und diese Bedürfnisse können wir nur wirksam verteidigen, wenn wir immer mehr die Einheit all jener verbreitern und festigen, die bereit sind, gegen den Eindringling zu kämpfen, ganz gleich welches ihr Glauben und ihre politische Richtung ist. Es sind die kommunistische Partei und die Arbeiterklasse, die das Banner der nationalen Interessen in die Hände nehmen müssen, das der Faschismus und die Gruppen, die ihm die Macht übertrugen, verraten haben.«

Auf einer Funktionärskonferenz am 11. April argumentierte er: »Revolutionär ist nicht derjenige, der am meisten schreit und agitiert, sondern jener, der konkret darangeht, die Aufgaben zu lösen, die die Geschichte den Völkern und Klassen stellt und die gelöst werden müssen, wenn wir den Weg der Entwicklung einer menschlichen Zivilisation gehen wollen.«

In der ersten Nummer der ab 1944 erscheinenden Zeitschrift Rinascita formulierte Togliatti, daß die IKP »ihre nur oppositionelle und kritische Position der Vergangenheit aufgegeben hat und heute beabsichtigt, neben den konsequent demokratischen Kräften eine leitende Funktion im Befreiungskampf des Landes und für den Aufbau eines demokratischen Regimes zu übernehmen.«

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