2. Oktober 2013

Krieg als Schauspiel

Zerstörungen in der syrischen Stadt Kunaitra auf den Golanhöhen - Fotoquelle: Wikipedia

Vor 40 Jahren begann der Jom-Kippur-Krieg: Ägyptens Staatschef Anwar Al-Sadat wollte mit dem Angriff auf Israel Eindruck in der arabischen Welt machen und den Weg zur Verständigung mit den USA und Israel ebnen

Knut Mellenthin

Der vierte israelisch-arabische Krieg begann zu einer außergewöhnlichen Tageszeit: Es war fünf Minuten vor 14 Uhr, als ägyptische und syrische Streitkräfte am 6. Oktober 1973 ihre koordinierten Angriffe gegen die israelischen Stellungen am Suezkanal und auf den Golanhöhen starteten. Israels Truppen waren im Junikrieg 1967 bis zu diesen Linien vorgedrungen, und keine der großen Parteien des Landes zeigte die geringste Neigung, die eroberten Gebiete jemals wieder herzugeben. Schon kurz nach dem Krieg, in der Regierungszeit der als sozialdemokratisch firmierenden Arbeitspartei, war damit begonnen worden, auf dem Golan und der Sinaihalbinsel Siedlungen anzulegen. Im Zuge dieser Maßnahmen wurden mehrere tausend Bewohner dieser Gebiete vertrieben und ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Auf dem Sinai gab es zur Zeit des Oktoberkriegs je nach Zählweise 14 bis 18 Ansiedlungen, in denen zusammen rund 6000 jüdische Israelis lebten. Das Zahlenverhältnis verdeutlicht, daß es den israelischen Politikern und Militärs hauptsächlich darauf ankam, mit vergleichsweise wenig Menschen, die zu dieser Zeit dazu bereit waren, ein möglichst weitreichendes Netz über die besetzten Gebiete zu legen. Die Golanhöhen sind für die israelische Führung nach deren eigenen Aussagen von hohem strategischem Wert, da ihre Beherrschung einerseits den Norden ihres Staates vor syrischen Angriffen schütze und andererseits den Weg zur syrischen Hauptstadt Damaskus freigibt, die von dort nur noch 60 bis 70 Kilometer entfernt ist. Wie gering die Distanz ist, demonstrierten die israelischen Streitkräfte im Oktoberkrieg 1973, als sie von den Golanhöhen aus vorrückten und die Außenbezirke von Damaskus unter Artilleriebeschuß nahmen. Mit der Kontrolle über den Sinai hatte Tel Aviv eine mindestens 200 Kilometer tiefe Pufferzone zum bevölkerungsmäßig und militärisch stärksten aller arabischen Länder gewonnen. Das schloß angesichts der eigenen Luftüberlegenheit einen ägyptischen Angriff mit absoluter Sicherheit aus. Außerdem war die Halbinsel für Israel wegen ihrer Erdölvorkommen, mit deren Ausbeutung sofort nach Kriegsende begonnen wurde, von großem wirtschaftlichen Interesse. Die Kriegseröffnung durch Ägypten und Syrien am 6. Oktober 1973 wird oft als »Überraschungsangriff« bezeichnet. Dieses Urteil, das auch mit Legendenbildungen verbunden ist, bedarf jedoch einer differenzierten Klärung. Die Frontlinie am Suezkanal war seit Juli 1967 bis zum Abschluß eines Waffenstillstands im August 1970 immer wieder Schauplatz heftiger Artillerieduelle, Luftkämpfe und -angriffe sowie andere Kampfhandlungen, die als »War of Attrition«, Abnutzungskrieg, bezeichnet werden. Während dieser Kämpfe wurden nach Angaben des israelischen Militärhistorikers Zeew Schiff 594 Soldaten seines Landes getötet.

Militärische Vorbereitungen

Am 28. September 1970 starb Ägyptens autoritär herrschender Präsident Gamal Abdel Nasser, der in der gesamten arabischen Welt als charismatischer Politiker gegolten hatte. Ihm folgte Anwar Al-Sadat, der sehr schnell begann, die noch in Führungspositionen befindlichen Mitarbeiter und Anhänger Nassers auszuschalten, und der mit brutalen repressiven Maßnahmen gegen die Linke und andere als »prosowjetisch« deklarierte Kräfte vorging. Im Juli 1972 ließ Sadat auf einen Schlag rund 15000 sowjetische Techniker und Militärberater ausweisen, während er gleichzeitig sowohl geheime als auch offene Kontakte zu den USA unterhielt. Die sowjetische Führung ließ sich davon äußerlich zunächst nicht beeindrucken, sondern belieferte Ägypten auch weiterhin mit Militärgerät, vor allem modernsten und effektiven Defensivwaffen wie Luftabwehrsystemen und Raketen zur Panzerbekämpfung. Während er einerseits schon eine Umorientierung Ägyptens auf eine enge Zusammenarbeit mit den USA eingeleitet hatte, hielt Sadat aber auch scharfe Reden gegen Israel und drohte immer wieder mit einem Revanchekrieg, falls die israelische Führung bei ihrer unnachgiebigen Haltung bleiben sollte. 1971 erklärte er zum »Jahr der Entscheidung«, in dem es entweder zu einer Verhandlungslösung oder aber zu einer erneuten militärischen Konfrontation kommen müsse. Ägypten und Syrien verstärkten demonstrativ die Zusammenarbeit ihrer Streitkräfte und operierten so offensichtlich mit großen Kriegsübungen und Umgruppierungen ihrer Truppen, daß immer wieder Alarmmeldungen durch die Medien gingen. Aus freigegebenen, wenn auch zensierten Dokumenten der US-Regierung, insbesondere Berichten der CIA und anderer Geheimdienste, wird deutlich, daß die Frage, ob es zu einem ägyptisch-syrischen Großangriff kommen könne und werde, schon 1972 laufend beobachtet und kontrovers diskutiert wurde. Letztlich zweifelte im Frühjahr 1973 kaum noch jemand in den USA, der mit diesem Thema befaßt war, daß Ägypten und Syrien dabei waren, alle für einen Krieg gegen Israel erforderlichen Vorbereitungen zu treffen. Ähnlich war die Einschätzung der Lage zweifellos auch in Tel Aviv. Aus Berichten verschiedener Beteiligter geht eindeutig hervor, daß Ministerpräsidentin Golda Meir im Vorfeld des Oktoberkriegs mehrmals mit führenden Offizieren über Möglichkeiten und Sinn sogenannter präventiver Militärschläge diskutierte. Daß diese nicht stattfanden, wird überwiegend mit Rücksichtnahme auf die US-Regierung und auf die Weltöffentlichkeit erklärt. Israel hatte im Juni 1967 seinen Überfall auf die Nachbarländer Ägypten, Syrien und Jordanien mit der Behauptung gerechtfertigt, man habe lediglich auf vorhergegangene Attacken der Gegenseite geantwortet. Das stellte sich schon wenig später als Propagandalüge heraus. Golda Meir war daher in dem Dilemma, daß ihr 1973 kaum jemand geglaubt hätte, wenn sie behauptet hätte, einem unmittelbar bevorstehenden ägyptisch-syrischen Angriff zuvorgekommen zu sein. Zumindest aus Sicht der US-Administration blieb auf Grundlage der von den Diensten gelieferten Berichte offen, ob Ägypten und Syrien wirklich einen Krieg planten – oder ob sie mit dessen ständiger Androhung nur politischen und psychologischen Druck machen wollten, um Verhandlungen mit Israel über dessen Rückzug aus den besetzten Gebieten zu erzwingen. Diese Frage wurde in den USA, so stellt es sich jedenfalls aufgrund der bekannten Dokumente dar, letztlich so beantwortet, daß die beiden arabischen Staaten nicht vorhätten, eine neue militärische Konfrontation zu beginnen. Der Hauptgrund für diese Einschätzung war denkbar einfach und sachlich nicht ernsthaft zu bestreiten: Ägypten und Syrien hatten, trotz gewisser Fortschritte seit 1967, nicht die geringste Chance, Tel Aviv eine militärische Niederlage beizubringen. Ähnlich sah man die Dinge in Israel, wo das verbreitete Urteil, »die Araber« seien »nicht für den Krieg gemacht«, mitunter rassistischen Hochmut zeigte. Der zentrale Fehler dieser Kalkulationen war, daß sie zwar sachlich korrekt waren, aber einen Umstand nicht berücksichtigten: Zumindest Sadat kam es von vornherein nicht auf einen nachhaltigen militärischen Erfolg an. Für seine Zwecke reichte ein räumlich und zeitlich begrenztes Schauspiel, das in der arabischen Welt Eindruck machen und anschließend den Weg zu einer umfassenden Verständigung mit den USA und Israel ebnen sollte. Ob die erwähnten US-amerikanischen und israelischen Analysen und Einschätzungen wirklich alle ehrlich und guten Glaubens waren, muß allerdings bezweifelt werden: Spätestens seit Anfang Juli 1973 lag der US-Administration der komplette ägyptisch-syrische Operationsplan vor, den sie durch den jordanischen König Hussein erhalten hatte. Auch die israelische Führung kannte diesen Plan, vermutlich ebenfalls aufgrund ihrer Geheimkontakte zu Hussein.

Gescheiterter Überraschungsangriff

Daß die ägyptisch-syrische Offensive ausgerechnet am Jom Kippur, dem bedeutendsten jüdischen Feiertag, begann, wird oft als besonders wirkungsvoller Teil der angeblichen »Überraschung« dargestellt. In Wirklichkeit war dieser Umstand für die schnelle Mobilisierbarkeit der israelischen Reservisten jedoch ein erheblicher Vorteil. Jom Kippur ist ein sehr ernster Feiertag, der im allgemeinen nicht für Ausflüge an den Strand oder andere Formen der Unterhaltung genutzt wird. Die meisten Reservisten waren daher zu Hause oder in einer Synagoge anzutreffen, und die Straßen zur Front waren nahezu verkehrsfrei. Israel hatte mit der Einberufung der Reservisten übrigens schon zwei Stunden vor dem Beginn des arabischen Angriffs begonnen, als klar zu erkennen war, daß dieser unmittelbar bevorstand.

Ob die israelischen Stellungen an diesem Tag wesentlich schwächer als sonst besetzt waren, wird aus den Berichten nicht deutlich. Ganz sicher befanden sich dort auch zu anderen Zeiten viel zu wenig Soldaten, um ohne schnell herangeführte Verstärkungen einen Angriff abzuwehren. Israel hatte die Ostseite des Suezkanals mit einer Kette von 35 stark befestigten Stellungen gesichert. Dieses System wurde, nach dem Namen eines Generals, als Bar-Lew-Linie bezeichnet. Allerdings waren von den Stützpunkten am 6. Oktober nur 16 voll besetzt. Insgesamt bestand die erste Verteidigungslinie an der 195 Kilometer langen Kanalfront nur aus 900 Soldaten, nach anderen Darstellungen sogar nur aus 600. Israel hatte außerdem zwei Panzerbrigaden auf dem Sinai – die erste etwa zehn Kilometer vom Kanal entfernt, die zweite fast 200 Kilometer weiter östlich. Zusammen hatten sie etwa 290 Panzer. Mehr als viermal so viel stellte Ägypten für die erste Phase seiner Offensive bereit. Im Golangebiet standen am 6. Oktober nur 4500 israelische Soldaten einer zehnmal so großen Zahl von Syrern gegenüber.

Der ägyptische Kriegsplan bestand im Grunde nur darin, in den ersten 24 bis 48 Stunden möglichst viele Soldaten, Panzer, Geschütze und anderes Kriegsgerät auf Pontonbrücken über den Kanal zu schaffen, bevor Israel seine Reserven voll mobilisiert und aufgestellt hatte. Anschließend sollten die ägyptischen Streitkräfte – etwa 100000 Mann mit 1350 Panzern und 2000 Geschützen – ihre Brückenköpfe ungefähr zehn Kilometer östlich vom Kanal gegen israelische Gegenangriffe verteidigen, während Sadat versuchen wollte, mit Unterstützung sowohl der USA als auch der Sowjetunion sehr rasch einen Waffenstillstand zu erreichen.

Ägypten hatte, ebenso wie auch Syrien, von der Sowjetunion Luftabwehrsysteme erhalten, die für damalige Verhältnisse erstklassig waren und israelische Luftangriffe zu einem echten Risiko machten. Sobald sich seine Einheiten aber aus dem begrenzten Wirkungskreis dieser Abwehr herausbewegten, konnte Israel wieder, wie im Junikrieg 1967, die hohe Überlegenheit seiner Luftwaffe zur Geltung bringen. Die Ägypter bekamen das zu spüren, als sie am 14. Oktober versuchten, zu den strategisch wichtigen Pässen Mitla und Gidi vorzustoßen, die etwa 30 bis 40 Kilometer östlich des Kanals liegen. Sadat hatte diesen Angriff angeordnet, um die verbündeten Syrer zu entlasten, die zu dieser Zeit schon in die Defensive gedrängt und schwerem israelischen Druck ausgesetzt waren. Der ägyptische Vorstoß brach schnell zusammen, wobei mindestens 250 Panzer und etwa 200 andere Panzerfahrzeuge zerstört wurden. Die Israelis verloren bei diesen Kämpfen nach eigenen Angaben nur zehn Panzer. Die Ägypter konnten zu keinem Zeitpunkt des Krieges mehr als vier oder fünf Prozent der Sinaihalbinsel zurückerobern.

Sadat hatte schon am 7. Oktober, also am zweiten Tag des Krieges, den damals noch vom Schah regierten Iran als Vermittler eingeschaltet, um der US-Administration ein Waffenstillstandsangebot zukommen zu lassen. Sadat wolle Präsident Richard Nixon wissen lassen, hieß es darin, daß Ägypten im Fall eines israelischen Abzugs aus den seit 1967 besetzten Gebieten bereit wäre, über eine Unterstellung der Sinaihalbinsel unter die Kontrolle der UNO oder der vier Großmächte – USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich – zu verhandeln. Kairo würde in diesem Fall auch eine internationale Kontrolle über den Golf von Akaba, als Garantie für Israels freie Schiffahrt zu seinem Hafen Eilat, akzeptieren.

Israelischer »Atombluff«

Die israelische Führung hatte es jedoch mit einem Waffenstillstand gar nicht eilig, sondern wollte ihre militärischen Erfolge, die sich schon wenige Tage nach Kriegsbeginn einstellten, noch weiter ausbauen und einen möglichst großen Teil der ägyptischen und syrischen Streitkräfte vernichten. Sie wurde in diesem Bemühen durch Henry Kissinger unterstützt, der in Nixons erster Amtszeit dessen Sicherheitsberater gewesen war und nun als Außenminister fungierte.

In der Nacht vom 15. zum 16. Oktober überquerten israelische Streitkräfte den Suezkanal und bildeten auf dessen Westseite einen Brückenkopf, den sie rasch verstärkten und ausdehnten. Am 22. Oktober forderte der UN-Sicherheitsrat erstmals einen sofortigen Waffenstillstand, dem alle Parteien zustimmten. Tatsächlich setzten die Israelis aber, wieder mit Duldung und sogar Ermutigung durch Kissinger, ihre Operationen auf der Westseite des Kanals fort, um die Einschließung der ägyptischen Dritten Armee zu vollenden, die am südlichen Abschnitt der Ostseite stand. Die israelischen Truppen ließen fortan weder Lebensmittel noch Medikamente und Blutplasma zu den eingekesselten Ägyptern durch. Nun war für Kissinger der Zeitpunkt gekommen, sich den Ägyptern als Retter ihrer Dritten Armee zu präsentieren. Am 26. Oktober kam der erste Waffenstillstand zustande, der wirklich hielt. Israels Streitkräfte waren zu diesem Zeitpunkt nur noch 100 Kilometer von Kairo und 40 von Damaskus entfernt.

Eine scheinbar nicht tot zu kriegende Legende erzählt, daß die israelische Regierung zu einem frühen Zeitpunkt des Oktoberkrieges von 1973 so extrem verzweifelt gewesen sei, daß sie ernsthaft den Einsatz von Atomwaffen in Erwägung gezogen und sogar praktisch vorbereitet habe. Ausgangspunkt sei gewesen, so weiß die Legende zu berichten, daß Verteidigungsminister Mosche Dajan, der Held des 1967er Krieges, angesichts der Lage auf den Golanhöhen am 7. oder 8. Oktober »in Panik geraten« sei und vom drohenden »Ende des dritten Tempels«, das heißt des gegenwärtigen israelischen Staates, fabuliert habe. Daraufhin habe Golda Meir zugestimmt, daß 13 nuklear bestückte Mittelstreckenraketen vom Typ »Jericho« startklar gemacht wurden. Außerdem seien acht »Phantom«-Kampfflugzeuge mit Atomwaffen ausgerüstet worden. Die Lage an beiden Fronten habe sich dann aber so schnell zugunsten Israels geändert, daß es glücklicherweise nicht zum Äußersten kam.

Israelische Politiker und Militärs haben dieser Legende niemals offiziell widersprochen. Ihnen ist es durchaus willkommen, wenn ihrem Land ein Ruf der Unberechenbarkeit und der Neigung zu extremen Reaktionen anhaftet und vorauseilt. Aber Dajan war, nach allem, was man über ihn weiß, durchaus kein Paniktyp, und für Panik bestand auch zu keinem Zeitpunkt des Oktoberkriegs Anlaß. Israel konnte in kurzer Zeit mehrere hunderttausend Reservisten mobilisieren, und die syrischen Streitkräfte sind der israelischen Grenze niemals auch nur nahe gekommen. Die Zahl der aus Syrien abgeschossenen Raketen oder Granaten, die während des Oktoberkriegs in Galiläa einschlugen, lag offenbar unter fünf. Das ist nicht verwunderlich, da die syrischen Streitkräfte strikte Anweisung hatten, ohne ausdrücklichen Befehl israelisches Territorium nicht anzugreifen.

Eine offene Frage ist lediglich, ob die ganze Legende vom israelischen »Atomalarm« einfach frei erfunden wurde oder ob sie von der Führung des Landes seinerzeit gezielt als Bluff eingesetzt wurde, um umfangreiche Nachschublieferungen aus den USA zu erreichen. Letztere Version unterstellt, daß Nixon und Kissinger den Israelis diese dringend benötigte Hilfe – denn sowohl die Verluste an Panzern und Flugzeugen als auch der Munitionsverbrauch waren erheblich – mehrere Tage lang vorenthalten hätten. Tatsächlich ließ die US-Regierung sofort Waffen und Munition nach Israel transportieren: in den ersten Tagen durch die israelische Fluglinie El Al, dann ab dem 14. Oktober durch Transportflugzeuge der US-Streitkräfte, und schließlich auch auf Schiffen.

Nicht Legende, sondern Fakt ist, daß Washington für ihre Atomstreitkräfte am 25. Oktober 1973 die Alarmstufe drei – von insgesamt fünf, wobei letztere den Einsatz von Nuklearwaffen bedeuten würde – anordnete und am folgenden Tag wieder aufhob. Vorausgegangen war ein Brief des sowjetischen Staats- und Parteichefs Leonid Breschnew, in dem er vorgeschlagen hatte, angesichts der Lage an der ägyptischen Front US-amerikanische und sowjetische Streitkräfte eingreifen zu lassen, um einen israelischen Vormarsch auf Kairo zu verhindern. Sollte zu diesem Zweck keine gemeinsame Aktion möglich sein, so hatte Breschnew angeblich angedeutet, könnte die Sowjetunion sich gezwungen sehen, allein zu handeln.

Verlierer Syrien

Am Ende des Oktoberkrieges hatte Kissinger seine beiden zentralen strategischen Ziele erreicht: erstens die definitive Trennung Ägyptens von Syrien und zweitens die weitgehende Zerstörung des sowjetischen Einflusses in der Region. Sadat unterschrieb in den Jahren 1978/79 unter US-amerikanischer Vermittlung einen Separatfrieden mit Israel, der Ägypten zwar letztlich die Sinaihalbinsel zurückbrachte, aber es von jeder künftigen arabischen Koalition gegen Israel ausschloß, seinen Bündnispartner Syrien verriet und die Palästinenser ihrem Schicksal überließ. Aufgrund seines Sonderwegs wurde Ägypten im November 1978 aus der Arabischen Liga ausgeschlossen. Da aber Sadat, der am achten Jahrestag des Beginns des Oktoberkrieges von islamistischen Attentätern ermordet wurde, ohne den vollständigen Abzug der Israelis vom Sinai noch zu erleben, lediglich der allgemeinen Entwicklung ein Stück voraus gewesen war, wurde Ägypten im Mai 1989 wieder in die Liga aufgenommen. Ein Jahr später verlegte diese ihr Hauptquartier nach Kairo zurück, wo es sich schon bis 1978 befunden hatte.

Der eigentliche Verlierer des Oktoberkriegs war Syrien: Am 14. Dezember 1981 annektierte Israel widerrechtlich das Golangebiet. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilte drei Tage später einstimmig diese Aktion – ausnahmsweise mochten nicht einmal die USA abseits stehen – und drohte, falls Israel seine Entscheidung nicht bis zum 5. Januar 1982 rückgängig machen würde, mit Sanktionen. Aber es geschah, o Wunder, gar nichts, nachdem dieser Termin verstrichen war.

Israel gewann durch den Separatfrieden mit dem bei weitem stärksten seiner arabischen Nachbarn die Handlungsfreiheit, Kriege gegen andere Staaten zu führen. Vor allem gegen den Libanon, den es erstmals im März 1978 und dann erneut im Juni 1982 angriff, aber auch immer wieder gegen die besetzten Palästinen­sergebiete.

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2013/10-02/022.php