17. Oktober 2013

Krieg den Palästen

Wer ist Georg Büchner? Wissenschaftler geben ihm verschiedenste Etiketten (Bleistiftzeichnung von August Hoffmann 1833 – die Fachwelt bezweifelt, daß es sich um den Schriftsteller handelt) - Fotoquelle: Wikipedia

Als Dichter, Revolutionär und Naturforscher stand Georg Büchner mit den ­deutschen Zuständen auf Kriegsfuß. Auch im Biedermeier des 21. Jahrhunderts gibt der Feuergeist keine Ruhe

Kurt Darsow

Am 17. Oktober 1813 wird Georg Büchner geboren. Sein Leben ist von den revolutionären Ereignissen in Frankreich und der feudalen Restauration des deutschen Vormärz geprägt. Dieser Gegensatz von neuen Freiheiten und erdrückender Enge fordert den hochbegabten jungen Mann zu intensivster Beschäftigung mit seiner Zeit heraus. In wenigen Jahren gelingen ihm bemerkenswerte Einsichten in Medizin, Literatur und Politik. Büchner stirbt 23jährig im Februar 1837 an Typhus.

Im 19. Jahrhundert mußten keine Flugzeuge entführt und keine Spitzelorgien enttarnt werden. Schon wer einem deutschen Duodezfürsten die ungeschminkte Wahrheit sagte, bekam die ganze Härte des Gesetzes zu spüren. Wenn die Ordnungskräfte ihn erst einmal im Visier hatten, war er seines Lebens nicht mehr sicher. So ist es jedenfalls dem 21jährigen Studenten der Medizin Georg Büchner ergangen, als er im Jahr 1834 eine Flugschrift mit der Überschrift »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!« in Umlauf brachte, die mit den Klassenverhältnissen im Großherzogtum Hessen abrechnete.

Der Großherzoglich Hessische Hofgerichtsrat Georgi forderte die Behörden des In- und Auslandes steckbrieflich auf, den »Staatsverräter« (»Haare: blonde, Stirne: sehr gewölbt, Mund: klein, Statur: kräftig, schlank«) unverzüglich festzunehmen und dem Darmstädter Hofgericht »wohlverwahrt« auszuliefern. Was ihn dort erwartet hätte, läßt sich am Schicksal eines seiner »Mitverschwörer« ablesen, des Butzbacher Pfarrers Ludwig Weidig, der Büchners Textentwurf durch fromme Redensarten verwässert hatte.

Im wichtigsten Beitrag zum 200. Geburtstag des Dichters hat der Germanist Hermann Kurzke die Folterqualen eindringlich beschrieben, denen Weidig während seiner zweijährigen Untersuchungshaft ausgesetzt war.1 Da er sich über die Tatumstände beharrlich ausschwieg, hatte er vom Essensentzug über das Anlegen von Hand- und Fußfesseln bis zum »Ochsenziemer« sämtliche staatliche Zwangs- und Beugemittel zu erdulden. Zermürbt von den körperlichen Mißhandlungen und ohne Hoffnung auf juristische Abhilfe hat der standhafte Pfarrer sich schließlich mit seiner ausweglosen Lage abgefunden. Am Ende seiner Leiden fand man ihn aus vielen Wunden blutend und mit durchschnittener Kehle in seiner Zelle vor. Doch er war nicht von eigener Hand gestorben, wie die Behörden behaupteten, sondern einem Justizmord zum Opfer gefallen, wie heute feststeht.

Ackergäule und Pflugstiere

Was ist von einem »Däumlingsfürstentum« zu halten, das mit seinen mündigen Bürgern derart umsprang? Laut Georg Büchner werden die Menschen dort »zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht«, nur damit eine kleine radikale Minderheit in den Genuß ihrer feudalen Privilegien kommen konnte. In schneidenden Worten prangert er in seiner Flugschrift das soziale Gefälle zwischen reichen Ausbeutern und armen Bauern und Handwerkern an: »Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigene Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker.«

Die mit biblischem Pathos aufgeheizte Botschaft war für die Machthabenden des Großherzogtums natürlich eine unerhörte Provokation. Lange sah es so aus, als hätten ihre »Dienste« von den beiden Fassungen des »Hessischen Landboten« – im Juli bzw. November 1834 verteilt – jeweils nur ein einziges Exemplar übriggelassen. Doch dann machte die rührige Büchner-Forschung in süddeutschen Polizei- und Gerichtsarchiven weitere Originale der Flugschrift ausfindig. Heute gilt sie als »Höhepunkt der politischen Publizistik im Vormärz«2 und läßt sich in Sprachkraft und Scharfsinn durchaus mit dem wenige Jahre später entstandenen »Kommunistischen Manifest« messen.

Schon in seinem literarischen Erstling arbeitet Büchner mit Zitaten und Paraphrasen. Er baut übernommene Sprachbilder und Wortfügungen in die politische Rede ein, wie der Germanist Kurzke anhand einer Passage aus dem Roman »Hesperus« von Jean Paul nachweist. Von den politischen Ansichten des Autors dagegen hält der Mainzer Emeritus weniger: »Büchner hatte keine ausgereifte Revolutionstheorie. Er war mehr Sozialromantiker als Sozialrevolutionär.« Immer wieder hat die Nachwelt nach diesem Muster versucht, den sperrigen Dichter einzuordnen. Als verspäteter Jakobiner, vormärzlicher Republikaner, libertärer Frühkommunist, klassenkämpferischer Anarchist, eschatologischer Revolutionstheoretiker, anthropologischer Materialist ist er wahlweise bezeichnet worden. Doch allein schon die Austauschbarkeit dieser Etikettierungen macht deutlich, daß er sich allen Festlegungen entzieht und nicht »auf den Begriff zu bringen« ist.

Politische Anatomie

Georg Büchner wurde zwar »eine äußerst dezidierte Bestimmtheit im Aufstellen von Behauptungen« nachgesagt, aber seine Wahrheiten blieben stets gegenständlich. Abstrakte Begriffe waren seine Sache nicht. Der Büchner-Preisträger Elias Canetti bescheinigt ihm statt dessen einen »genauen Blick für das Körperliche, das Einzelne, das Konkrete, den er Generationen von ärztlichen Vorfahren und den Eindrücken im väterlichen Hause verdankt«.3 Schon im »Hessischen Landboten« ist dieser »sezierende Blick« am Werk, der zum Kennzeichen seiner literarischen Arbeit insgesamt werden sollte.

Nach vier Auslandssemestern im republikanisch erhitzten Straßburg kehrt er 1833 aus Studiengründen in das hinterwäldlerische Großherzogtum zurück. Im verwinkelten Gießen beschäftigt er sich nicht nur mit der Anatomie des Menschen, sondern auch mit den Machtverhältnissen seines feudalen Heimatstaates. Er vertieft sich in dessen politischen Knochenbau, legt seine inneren Organe frei, untersucht seinen finanziellen Stoffwechsel. Was bei dieser »politischen Anatomie« ans Licht kommt, ist ein monströser Organismus, der sich nur mit den Steuergeldern seiner Untertanen am Leben erhält: »Das Geld ist der Blutzehnte, der vom Leib des Volkes genommen wird. An 700000 Menschen schwitzen und stöhnen und hungern dafür.«

So tiefenscharf waren die Machenschaften deutscher »Staatsräthe und Regierungsräthe, Landräthe und Kreisräthe, Geistlichen Räthe und Schulräthe, Finanzräthe und Forsträthe« bis dahin noch niemals beschrieben worden. Daß sich da kein liberaler Flickschuster oder idealistisch säuselnder Weltretter zu Wort meldete, war den Machthabern auf Anhieb klar. Sie ließen nichts unversucht, den wortmächtigen Gegner auszuschalten. Nur durch die Flucht ins Ausland konnte er sich ihrem Zugriff entziehen. Doch auch in Straßburg und Zürich wurde Büchner seines Lebens nicht mehr froh. Was der lange Arm des Gesetzes nicht erreichte, erledigte die Zensur.

Bei keinem deutschen Autor vergleichbaren Ranges ist die Textgrundlage so unvollständig und fehlerhaft wie beim Schöpfer der Bühnenwerke »Dantons Tod«, »Leonce und Lena« und »Woyzeck« und der Künstlernovelle »Lenz«. Selbst das einzige der furiosen Werke, das zu seinen Lebzeiten publiziert wurde, das Revolutionsdrama »Dantons Tod«, kam nur als »Ruine der Verwüstung« an die Öffentlichkeit, wie der Herausgeber Karl Gutzkow bekannte. Erst recht gilt dies für Büchners literarische Hinterlassenschaft, die in die Hände seiner Straßburger Verlobten Wilhelmine Jaeglé gelangte.

Im Maschinenraum

»Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allem und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich«, schreibt er im ­Januar 1834 an sie. Ist das eine Absage an die »soziale Revolution«, wie immer wieder behauptet wird?

Bevor Büchner »Dantons Tod« in nur fünf Wochen zu Papier bringt, hatte er sich in der Gießener Hofbibliothek Bücher über die Französische Revolution beschafft. Als Hauptquelle der »Dramatischen Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft« dient eine Artikelserie aus der Zeitschrift Unsere Zeit, die er im Bücherschrank seines Vaters fand. Was Robespierre in seinem Stück über den Stand der Umwälzung sagt, entstammte jedoch der Tagespolitik: »Die soziale Revolution ist noch nicht fertig, wer eine Revolution zur Hälfte vollendet, gräbt sich selbst sein Grab. Die gute Gesellschaft ist noch nicht tot, die gesunde Volkskraft muß sich an die Stelle dieser nach allen Richtungen abgekitzelten Klasse setzen.«

Hermann Kurzke zufolge bezieht sich diese Standortbestimmung auf die Pariser Julirevolution des Jahres 1830, deren Nachwehen Büchner in Straßburg hautnah miterlebt hatte. Mag Hermann Kurzke als Thomas-Mann-Spezialist und Liebhaber des christlichen Liedguts auch nicht die allerbesten Voraussetzungen für eine Beschäftigung mit Georg Büchner aufweisen, so hindert ihn dieses Manko wenigstens nicht, seine »Korrekturen am linken Büchnerbild« immer wieder zu relativieren. Die Philologie ist ihm wichtiger als die Ideologie. Seine Einschätzung von »Dantons Tod« aber greift entschieden zu kurz: »Im Medium der Kunst reflektiert Büchner die politischen und ethischen, die religiösen, die erotischen und die ästhetischen Fragen, die der Landbote hinterlassen hatte.«

Geht es Büchner in »Dantons Tod« wirklich nur um eine Revision politischer »Jugendsünden«? Das vielschichtige Stück stünde wohl in diesem Jahr kaum in München, Mannheim, Karlsruhe und Freiburg auf dem Spielplan, wenn es nicht auch der Republik Merkel noch etwas zu sagen hätte. Danton, Robespierre und Saint-Just agieren dort im Gegenwartskostüm als Volkstribun der S-Klasse, scheinheiliger Tugendapostel und dämonischer Rockstar. Hatte Büchner im »Hessischen Landboten« den feudalen Hofstaat seziert, so steigt er mit »Dantons Tod« in den Maschinenraum der Geschichte hinab, wo er die Triebräder des historischen Prozesses besichtigt.

Ferkeldramen

Er konzentriert sich auf die kurze Zeitspanne zwischen der Hinrichtung der ultraradikalen Hébertisten am 24. März und dem Guillotinentod Dantons am 5. April 1794, als der Kampf zwischen der liberalen und der plebejischen Fraktion tobt. Historische Ereignisse dieser Tragweite hatten auch schon die Weimarer Klassiker beschäftigt, aber sie stellten Edelmenschen auf die Bühne, die sich in gewählten Ausdrücken ergingen. Der Antiklassiker Büchner dagegen greift in seinen »Ferkeldramen« in die unterste Schublade. Er fördert verbalen Unflat zu Tage, der die Herausgeber seiner Werke noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in juristische Schwierigkeiten bringt.

Man hat ihm wegen dieser Eigenart, die auch dem unterschätzten Lustspiel »Leonce und Lena« seine hinreißende Würze verleiht, eine pubertäre Fixierung nachgesagt, aber die Anzüglichkeiten bringen lediglich den Triebcharakter des politischen Handelns zum Ausdruck. Im Grunde genommen sei es Büchner bei allen seinen Einblicken in den historische Maschinerie immer nur um den »Telos«, den Endzweck der Dinge gegangen, hat schon der Literaturwissenschaftler Hans Mayer in seinem Buch »Georg Büchner und seine Zeit« geschrieben, mit dem 1946 die schwunghafte Büchner-Rezeption der Nachkriegszeit einsetzte.

Schon im ersten seiner filmartigen Bilder aus der Französischen Revolution stellt Büchner so etwas wie ein Forschungsprogramm auf, dem er sich als Dichter und als Naturforscher verpflichtet fühlt: »Einander erkennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken aus den Hirnfasern zerren«, heißt es dort. Nachdem er sich der Vorladung durch das Friedberger Untersuchungsgericht entzogen hat, muß er jederzeit mit der Verhaftung rechnen. Hals über Kopf reist er am 9. März 1835 nach Straßburg, wo er sich wieder seinen medizinischen Studien widmet und einen »philosophischen oder naturhistorischen Gegenstand« ins Auge faßt, mit dem er an der Universität Zürich zu promovieren gedenkt.

Am Tage mit dem Skalpell

Acht Monate später hält er dort bereits die erste Probevorlesung »Über Schädelnerven«, die die Ergebnisse seiner empirischen Arbeiten zum Nervensystem der Flußbarbe zusammenfaßt. Was hatte dieser naturwissenschaftliche Forschungsgegenstand mit seinen dichterischen und politischen Ambitionen zu tun? Bei Büchner hängt alles mit allem zusammen, gerade weil er in seinem Leben nicht die Zeit hatte, Schritt für Schritt zum Gesamtkunstwerk heranzureifen wie der Großschriftsteller Johann Wolfgang Goethe. Doch trotz dieses biographischen Umstands, der ihn zu höchster Eile antrieb, ließ er sich auch als Naturforscher nicht von seinem Kurs abbringen.

Flußbarben sind auf dem Straßburger Fischmarkt für wenig Geld erhältlich. Allerdings müssen sie frisch sein, denn die feinen Nervenstränge zwischen den Organen und dem Zentralnervensystem sind nur in diesem Zustand deutlich erkennbar. Noch besser lassen sie sich unter kaltem Wasser studieren, bevor die Zersetzung beginnt. Was hätte der mit Lupe und Skalpell hantierende Büchner wohl zu den Wachoperationen der heutigen Hirnchirurgen gesagt, die sich mit den Patienten unterhalten, während sie ihr Denkorgan unters Messer nehmen?

»Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?«, fragt er sich im März 1834 in einem Brief an seine Braut. Doch diese Frage können nicht einmal heute die Magnetresonanztomographie oder das »Human Connectome Project« beantworten. Selbst ihre hochauflösenden Innenansichten bleiben rein funktional und sind auch nicht ansatzweise in der Lage, »die Gedanken aus den Hirnfasern zu zerren«. Büchner muß diese fundamentale Erkenntnisschranke geahnt haben, als er in seiner Studentenbude den Trigeminus- und den Hypoglossus-Nerv der Flußbarbe unter die Lupe nimmt. »Ich sitze am Tage mit dem Scalpell und die Nacht mit den Büchern«, schreibt er im Winter 1836/37 aus Zürich an seine Eltern. Während er das Nervensystem der Fische untersucht, arbeiten in seinem Kopf die literarischen Projekte weiter. Vielleicht können ja sie weiterhelfen, wenn die Empirie versagt.

Die Nacht mit den Büchern

Durch seinen Freund August Stöber hört er von einem psychologisch aufschlußreichen Bericht des Elsässer Pfarrers Johann Friedrich Oberlin. Er bezog sich auf den Besuch des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz in dessen Pfarrhaus zu Waldersbach im Steintal. In Goethes »Dichtung und Wahrheit« wurde ein eher distanziertes Bild des Sturm-und-Drang-Poeten gezeichnet. Der Dichterfürst charakterisierte seinen Jugendfreund Lenz leicht herablassend als »bizarres Persönchen«. In Oberlins Notizen dagegen begegnet Büchner einem leidenden Menschen. Er erkennt sich in dem »nordischen Jüngling« wieder und fühlt sich von seinem Schicksal berührt.

Die Novelle »Lenz«, die aus dieser literarischen Quelle hervorging, steht wegen ihres psychologischen Röntgenblicks zu Recht in hohem Ansehen. Lange bevor die Psychiatrie auch nur die passenden Begriffe entwickelt hatte, beschreibt Büchner darin das Krankheitsbild der katatonen Schizophrenie. Wenn der Dichter Lenz bei seinen Gewaltmärschen durch die verschneiten Vogesen die Erde am liebsten hinter den Ofen setzen möchte, sich vom Alp des Wahnsinns verfolgt glaubt und den Himmel als dummes blaues Auge wahrnimmt, sind das Seelenspiegelungen, die dem klinischen Befund bis ins Detail entsprechen.

Indem er die Quellen zum Sprechen bringt, kommt Büchner der Wirklichkeit näher als jede Erfindung. Sie saugt sich die Wahrheit nicht aus den Fingern, sondern fügt das überlieferte Material zu etwas völlig Neuem und Eigenständigem zusammen. Wenn Hermann Kurzke den »Kompilator« Büchner daher wegen seiner Bibelbezüge und religiösen Anspielungen zum »Leidenstheologen« ernennt, übersieht er den harten Kern seiner literarischen Methode. Büchner versteht sich als nachschaffender Geschichtsschreiber, der die Leser »unmittelbar in das Leben einer Zeit hineinversetzt«. Das gilt erst recht für das letzte und dunkelste seiner Werke, mit dem ihm Elias Canetti zufolge der »vollkommenste Umsturz in der Literatur« gelang.

Mit fliegender Feder und auf brüchigem Papier hat er es in Strasbourg und Zürich geschrieben. In die »Nachgelassenen Schriften«, die sein Bruder Ludwig Büchner 1850 herausgab, wurde die lose Szenenfolge wegen ihres unfertigen Charakters nicht aufgenommen. Erst Karl Emil Franzos machte sie mehr als 40 Jahre nach dem Tod des Dichters öffentlich bekannt. Da war die ohnehin schwer zu entziffernde Schrift bereits derart verblaßt, daß nicht einmal der Titel richtig gelesen wurde. Seither sind ganze Generationen von Philologen damit beschäftigt, den originalen Wortlaut zu rekonstruieren. Kein Wunder, daß auch die Interpreten sich endlos über Sinn und Zweck des rätselhaften »Woyzeck« streiten.

Die Entdeckung des Geringsten

»Archetypen des Triebtheaters« läßt der Spiegel in einer schmissigen Homestory zum 200. Geburtstag des »Heiligen Rebellen« darin aufmarschieren, in der Kurzkes Thesen kritiklos nachgeplappert werden. Der Büchner-Preisträger Max Frisch dagegen nahm in dem literarischen Vermächtnis das »Wetterleuchten der proletarischen Revolu­tion«4 wahr, deren Anführer Lenin 80 Jahre später Wand an Wand mit dem Autor des »Woyzeck« in der Züricher Spiegelgasse wohnte. Vielleicht sind ja die Klopfzeichen hinter der Wand sogar noch bis ins 21. Jahrhundert hörbar. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen dazu sind allemal vorhanden, auch wenn in den Palästen inzwischen nicht mehr der Adel residiert, sondern die Banken.

Der in prekären Beschäftigungsverhältnissen lebende Stadtsoldat Woyzeck kommt uns jedenfalls merkwürdig bekannt vor. Er ist ein Leidensgenosse jener Menschen, die sich heute im Kampf um das tägliche Brot verzehren. Weil seine regulären Einkünfte nicht reichen, stockt er sie als Barbier auf und verdingt sich als Versuchskaninchen bei einem »mad scientist«. Warum wehrt er sich nicht gegen diese Knochenmühle? Warum läßt er sich vom draufgängerischen Tambourmajor die Freundin ausspannen, vom Hauptmann verspotten und vom Doktor den Urin abzapfen? Als dieser literarische Aufschrei 1913 mit 100jähriger Verspätung auf die Bühne kam, war die heutige Passivität der »Geringsten« noch unvorstellbar. Die »soziale Frage« erregte die Gemüter und wurde noch nicht als bloßes Naturereignis abgetan.

Natürlich wälzt Büchner auch zu ihrer Erforschung erneut die Akten und stolpert dabei in der Zeitschrift für Staatsarzneikunde über ein medizinisches Gutachten. Es betrifft den stellungslosen Johann Christian Woyzeck, der 1821 in Leipzig seine Geliebte, die Witwe Johanna Christine Woorst, ermordet hat. Ein sogenannter »Doktor«, der in dem Stück das große Wort führt, kommt in dieser Quelle nicht vor. Ihn entnimmt Büchner seiner eigenen Erfahrungswelt und modelliert ihn nach dem Vorbild eines Gießener Hochschullehrers.

Wer das lesen könnt

Auch die ernährungsphysiologischen Experimente, die diese akademische Karikatur an Woyzeck vornimmt, haben einen realhistorischen Hintergrund. Wie die Büchner-Forschung herausfand, stimmen sie mit denjenigen des Gießener Chemikers Justus von Liebig überein, der Soldaten einer Erbsendiät unterzog.5 Bei den Substanzen, die Büchners »Doktor« auf diese Weise im Urin seines Probanden erzeugt, hört der Spaß allerdings auf: »Es gibt eine Revolution in der Wissenschaft, ich sprenge sie in die Luft!« tönt der wissenschaftliche Unheilsbringer. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn »Harnstoff, salzsaures Ammonium und Hyperoxydul« bilden ein höchst explosives Gemisch, das Woyzeck zur lebenden Bombe macht.

Bedeutet dieser chemische Fingerzeig, daß die größte anzunehmende Revolution uns erst noch bevorsteht? Sind die sozialen Umwälzungen der letzten Jahrhunderte nur das Vorspiel zu einem weitaus umfassenderen Umbruch, der aus der menschlichen Leiblichkeit erwächst? Sicherer sind die Verhältnisse seit Büchners Zeiten jedenfalls nicht geworden. In Woyzecks Duldsamkeit steckt eine Drohung, die erst heute eine reale Gestalt annimmt durch »lebende Bomben« wie Welthunger, Überbevölkerung, Erderwärmung, Gentechnik, Pandemien und was der apokalyptischen Reiter mehr sind.

Zum resignierenden Melancholiker und schuldbeladenen Schmerzensmann im Sinne Hermann Kurzkes läßt der im Februar 1837 mit nur 23 Jahren dem Typhus erlegene, alterslose Georg Büchner sich also keineswegs zurechtstutzen und glattbügeln. Mit ihm ist auch im Zeitalter von »Big Data« immer noch kein Staat zu machen: »Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch von Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, daß wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde.«

Anmerkungen

1 Hermann Kurzke: Georg Büchner. Geschichte eines Genies. C. H. Beck, München 2013

2 Jan-Christoph Hauschild: Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2013, S. 47. Das gut lesbare Buch arbeitet die innere Logik von Büchners Politisierung heraus und widerlegt damit die gegenwärtige Umdeutung des Dichters zum stimmungsabhängigen Sozialromantiker.

3 Büchner-Preis-Reden 1972–1983, mit einem Vorwort von Hermann Heckmann. Reclam, Stuttgart 1984

4 Büchner-Preis-Reden 1951–1971, mit einem Vorwort von Ernst Johann. Reclam, Stuttgart 1972

5 Siehe Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente, Bd. 1, hg. von Henri Poschmann. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1992. S. 761 f.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/10-17/022.php