12. März 2014

Küssen konnte er nicht

Keine Zeile wert ist es dem Biographen, daß der »Führer« bereits im Februar 1931 die Monopolbourgeoisie im Berliner Hotel Kaiserhof erwartete und um Geld für seine Partei bat - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 183-R99277 / CC-BY-SA

Volker Ullrich hat die ultimative Hitler-Biographie geschrieben. Sie erzählt, was wir schon immer wissen wollten

Otto Köhler

»Wer war Hitler wirklich?« Das müssen wir wissen, bevor wir wieder mehr Verantwortung in aller Welt übernehmen. »Wer war Hitler wirklich?« fragt der S. Fischer Verlag und bietet für 28 Euro einen 1088 Seiten langen Befund. »Wer war Hitler wirklich?« Das verrät uns der Autor Volker Ullrich, der Vertrauen genießt, weil er sich mit Mut und Eloquenz dem »Clark-Schlafwandeln« in den Ersten Weltkrieg entgegengestellt hat – und das im Zentralorgan des neuen deutschen Bellizismus, in der Zeit. Doch da haben wir die Katze im Sack gekauft.

Und das, obwohl der Verlag nicht verschweigt, worum es in Ullrichs Buch – wirklich – geht: Das Buch will »eindrucksvoll ein neues überraschendes Porträt des Menschen hinter der öffentlichen Figur des ›Führers‹« (Klappentext) zeichnen. Dies ist gelungen bis hinein in die tiefsten Strukturen dieser rätselhaften Persönlichkeit. Ullrich behauptet nichts, was nicht aus den Quellen zu belegen ist: »Nur vermuten läßt sich, daß Hitler das tat, was junge Männer in diesem Fall« – kein Kontakt zu Frauen – »zu tun pflegen, nämlich sich selbst zu befriedigen.« Später, als er Kontakt hat, da muß er trotzdem ein Problem gehabt haben. Ullrich: Seine mütterliche Mäzenatin Helene Bechstein war »von Hitler so eingenommen, daß sie ihn am liebsten als Mann ihrer einzigen Tochter Lotte gesehen hätte. ›Er konnte nicht küssen!‹, antwortete die fünfzehn Jahre jüngere Bechstein-Erbin später auf die Frage, warum eine Liaison mit Hitler nicht zustande gekommen ist.«

Bedächtig stellt Ullrich vier Seiten später ein gegenläufiges Zeugnis über eine Kußwilligkeit Hitlers zur Diskussion. Der 37jährige Hitler zu Maria Reiter, die damals 16 war: »Wollen Sie mir keinen Kuß zum Abschied geben?« Ullrich: Sie habe abwehrend reagiert – »Ich habe noch nie einen Mann geküßt: Und ich kann Sie nicht küssen (…)!« Da sei augenblicklich eine Veränderung in Hitlers Verhalten eingetreten: »Sein Mund wurde plötzlich schmal. Sein Blick verlor an Wärme, die gerade darin lag.«

Ungestörte Schäferstündchen

Nun will Ullrich gewiß nicht sagen, daß Hitlers Herrschaft weniger blutig verlaufen wäre, wenn die 16jährige den 37jährigen geküßt oder wenn der junge Hitler wenigstens ordentlich onaniert hätte. Aber wozu sonst sollen uns heute derlei Informationen nützlich sein? Warum wägt Ullrich – nach akkuratem Quellenstudium – sorgfältig ab: »Daß aber Eva Braun, wie Hitlers Sekretärin berichtet, ausgerechnet ihrer Friseuse anvertraut haben soll, mit Hitler keinen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, ist unglaubwürdig.«

Wobei er in der Fußnote durchaus auch eine Quelle aus dem Institut für Zeitgeschichte (Bestand ZS 1452) nennt, die dem zu widersprechen scheint: »… der Schatzmeister der NSDAP, Franz Xaver Schwarz, sagte bei einer Befragung am 21.7.1945 aus, daß die Beziehung Hitlers zu Eva Braun ›rein platonisch‹ gewesen sei«. Und hält hinwiederum die Aussage der Frau des Reichsjugendführers, Henriette von Schirach, dagegen, die – das ist wichtig – »überzeugt« war, daß die »Liebesaffäre« im Winter 1931/32 begonnen habe und daß Hitler Theaterkarten für seine Haushälterin besorgen mußte, »um in der Wohnung ein Schäferstündchen mit Eva ungestört genießen zu können«.

Solche Fragen von erheblicher historischer Tragweite penibel zu durchleuchten – dem hat sich der Autor nicht verweigert. Er kommt zu dem imponierenden Forschungsfazit: »Hitlers Privatleben war reicher, als sich das manche Zeitgenossen und späteren Historiker vorgestellt haben.«

Dies alles zu ergründen war unverzichtbar, weil Ullrich es als Forschungsdesideratum ansieht, einer in seinen Augen unglaubwürdigen Hitler-Äußerung in der gebotenen Sorgfalt zu widersprechen. Es ist diese: »Ich habe eine andere Braut: Deutschland. Ich bin verheiratet mit dem deutschen Volk, mit seinem Schicksal.« Das widerlegt Ullrich, ja er enthüllt: »Zu Hitlers Verhüllungsstrategie gehörte auch sein im vertraulichen Gespräch scheinbar ehrlich geäußertes Bekenntnis, er habe ›den Drang zum körperlichen Besitz einer Frau überwunden‹.« Ullrich läßt sich nicht täuschen: »scheinbar ehrlich« – so betont er, und wirft ein unschlagbares Argument in die Debatte: »Eva Braun war für ihn eine Idealbesetzung – nicht nur deshalb, weil sie anscheinend seinen sexuellen Bedürfnissen entgegenkam«.

Man darf Ullrich gratulieren. Es ist ihm nicht unterlaufen, daß er derlei aus Hitlers Tagebüchern zitieren muß, nein, so versichert er: »Eine Hauptquelle der Arbeit bilden die von Eberhard Jäckel und Axel Kuhn 1980 herausgegebenen ›Sämtlichen Aufzeichnungen‹ Hitlers von 1905 bis 1924«. Die sind auch nicht schlecht. Offensichtlich aber haben Ullrich die 1984 in den ihm mutmaßlich bekannten Viertelsjahrsheften für Zeitgeschichte veröffentlichten »Neuen Erkenntnisse zur Fälschung von Hitler-Dokumenten« noch nicht ereilt. Es ist ja erst dreißig Jahre her, seit dort Jäckel und Kuhn ein etwas bedeppertes Geständnis veröffentlichten – immerhin das taten sie – in dem von dem Tagebuchfälscher Konrad Kujau die Rede ist und von 76 Stücken ihrer Edition, die nunmehr »als Fälschungen anzusehen sind«.

Zeugnis der Kammerdiener

Darüber bei Ullrich kein Wort, wohl aber die Versicherung, daß diese Jäckel-Edition »auf eindrucksvolle Weise die frühe Ausprägung und dauerhafte Konsistenz von Hitlers weltanschaulichen Fixierungen« belege. Man kann nicht alles wissen, wenn man ein dickes Buch über Hitler schreiben muß.

Immerhin, Volker Ullrich hat es zuwege gebracht, bei seiner Beschäftigung mit diesem Menschen das Zitieren der Hitler-Gedichte zu vermeiden, die Kujau für die Jäckel-Edition anfertigte. In den echten Memoiren der beiden Kammerdiener Karl Wilhelm Krause und Heinz Linge dagegen kennt der Autor sich gründlich aus – sie sind in das Verzeichnis seiner »Quellen und Literatur« aufgenommen.

Dort kann verständlicherweise nicht alles stehen, Unwichtiges schon gar nicht. Und so fehlt in Ullrichs Literaturverzeichnis und auch im Text selbst jeglicher Hinweis auf den Aufsatz »Zur Finanzierung der NSDAP durch die deutsche Großindustrie«, den der lange Jahre im Bundesarchiv tätige Historiker Thomas Trumpp in dem von Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke und Hans-Adolf Jacobsen herausgegebenen Sammelband »Nationalsozialistische Diktatur 1933–1945« veröffentlichte. Dieser Band erschien 1983 auch in der unverdächtigen Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, ist also weit verbreitet. Nur Ullrich kennt ihn nicht – Finanzierung der NSDAP durch die deutschen Großindustriellen, so etwas hat es für ihn kaum gegeben. Seine erschöpfende Beobachtungsarbeit an Hitlers Unterleib führte naturgemäß dazu, daß solch weniger wichtige Aspekte im Leben des Menschen Adolf Hitler in den Hintergrund treten mußten, zumal sie sich ohnedies längst erledigt haben. Ullrich besteht auf strenge Wissenschaftlichkeit: »Der in der linken Publizistik beliebte« – ja, beliebte – »Vorwurf, daß die Nationalsozialisten ihren Wahlerfolg der Großwirtschaft zu verdanken hätten, Hitler also gleichsam am Gängelband der Industrie geführt wurde, traf nicht zu.« Er unterstreicht: »Der Durchbruch zur Massenbewegung war nicht auf die Förderung durch die Großindustrie zurückzuführen.«

Richtig ist: Als Hitlers Partei noch klein war, hat sich die Großindustrie nicht blind in ein Abenteuer mit ihm und seiner Bewegung gestürzt. Sie hat, darauf geht Ullrich nicht ein, alles sehr gewissenhaft abgewogen, bevor sie sich zur Förderung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei entschloß. Im Januar 1921 versuchte die junge Organisation 100000 Mark für die Umwandlung des Völkischen ­Beobachters in eine Tageszeitung aufzutreiben. Als Mittelsmann wandte sich der Führer des Alldeutschen Verbandes, Justizrat Heinrich Claß, an den Gesamtverband Deutscher Metallindustrieller. Man habe doch schon verschiedentlich über die nationalsozialistische Bewegung unter Hitlers Leitung gesprochen, die den roten Terror in München gebrochen habe, schrieb Claß. Ob man da nicht aushelfen könne?

Urteilsfähige Männer

Die Metallindustriellen waren nicht abgeneigt, wollten aber die Frage nochmals im Vorstand besprechen. Doch dann kam die Absage, die genau umschrieb, was die Unternehmer von einer brauchbaren Massenpartei erwarteten. Claß mußte seinem Verbindungsmann zu den Nazis im Juni 1921 schreiben: »Es wurde mir gesagt, es lägen Berichte urteilsfähiger Männer aus München vor, die sich dahin aussprächen, daß die Bewegung um Drexler und Hitler dieselbe Entwicklung nehme wie bisher alle sogenannten nationalsozialistischen Versuche: Es gelingt nicht, aus der Arbeiterschaft in nennenswertem Maße Zuzug zu bekommen. Die Anhängerschaft beschränke sich auf kleinbürgerliche Kreise, und in München sei es besonders bedenklich, daß Beamte und vor allem Studenten irre gemacht und mit sozialistischen Gedanken verseucht würden… Mein Einwand, daß es sich jetzt in der Hauptsache darum handele, die breiten Massen gegen das Judentum mobil zu machen und Breschen in die sozialistischen Parteien zu legen, wurde mit dem Hinweis bekämpft, daß der Schaden einer sozialistischen Verseuchung der Studentenschaft auf die Dauer schwerer wiege als die vorübergehende Erfüllung von beiden anderen Zwecken.«

Die Großindustrie hat sich also nicht blind in ein Abenteuer mit »Nationalsozialisten« gestürzt, sie hat vielmehr frühzeitig das Anforderungsprofil für eine Partei festgeschrieben, die sie anzukaufen gewillt war. Ullrich versäumt es, darauf einzugehen.

Immerhin erwähnt der Biograph, daß ein Jahr später nach einem Vortrag Hitlers vor dem »Berliner Nationalklub von 1919« »einige Spenden von Berliner Industriellen geflossen zu sein« scheinen. Warum? Ullrich: »Offenbar verstand es der Münchner Demagoge geschickt, sich auf seine Zuhörerschaft einzustellen, denn seine Ausführungen wurden sehr beifällig aufgenommen«.

Ullrich nennt sogar zwei Personen, von denen die Spenden geflossen zu sein scheinen: den Kaffeefabrikanten Richard Franck, aber auch Ernst von Borsig. Letzterer war nicht nur der Präsident des Gesamtverbands der inzwischen bekehrten Metallindustriellen, sondern auch Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände. Dieser Borsig sorgte nun – so sein Privatsekretär Fritz Detert – »unter seinen intimsten industriellen Freunden vertraulich (...) für die Unterstützung der Bewegung«. Als Borsig verstorben war, klärte der Privatsekretär den Sohn auf: »Wie ich Ihnen schon mündlich mitteilte, ist Ihr Herr Vater einer der ersten gewesen, die hier in Berlin Beziehungen zu unserem Führer aufgenommen und seine Bewegung mit erheblichen Mitteln unterstützt haben.«

Doch für Ullrich wird hier nur ein böser Schein erzeugt. So hätten sich auch, schreibt er, um Hitlers Auftritt im Düsseldorfer Industrie-Club am 26. Januar 1932, »allerlei Legenden gerankt«. Etwa, daß an diesem Tag »der Durchbruch bei den westdeutschen Industriekapitänen« gelungen sei. Diese »Erzählung« habe die »ältere Literatur« über das Verhältnis von »Nationalsozialismus und Großindustrie« nachhaltig geprägt.

»Ostentativ ferngeblieben«

Ullrich aber enthüllt: »Doch einige der prominenten Vertreter der Großindustrie waren dem Treffen ostentativ ferngeblieben, allen voran Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, der Vorsitzende des Reichsverbands der Deutschen Industrie«. Ostentativ? Betont, absichtlich, demonstrativ sei Gustav Krupp ferngeblieben? Ullrich weiß das aus seiner in der Fußnote angegebenen Quelle. Und die ist da mit demselben in ein Eigenschaftswort verwandelten Umstandswort etwas weniger sicher: »Bei Gustav Krupp spricht einiges für ein ostentatives Fernbleiben.« Einiges? Was? Ullrichs Quelle beschreibt es nicht. Verständlich. Sie ist dubios. Diese Quelle ist Volker Ackermann. Und der bietet auf seiner Website als sicherlich sehr »außerordentlicher Professor« an der Universität Düsseldorf allen Interessenten, die löhnen, ungeschminkt feil, was er kann: »History Marketing« und »History Management«. Ackermann rühmt sich in seinem Curriculum vitae: »Seit 1994 Kooperation mit dem renommierten Industrie-Club Düsseldorf, einem Zusammenschluß führender Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur der Rhein-Ruhr-Region.« Als Geschichtsmanager dieses Vereins hat er unter dem Titel »Treffpunkt der Eliten« wohlwollend die »Geschichte des Industrie-Clubs Düsseldorf« verfaßt. Und aus der übernimmt Ullrich – als handele es sich um ein unverdächtiges Werk eines normalen Wissenschaftlers – seine Weisheit über das »ostentative« Fernbleiben Krupps bei Hitlers Auftritt.

Hätte er die »ältere Literatur«, hätte er Trumpps grundlegenden Aufsatz herangezogen, den er in seinem Quellenverzeichnis nicht erwähnt, dann wüßten Ullrich und günstigenfalls auch seine Leser, welche Bewandtnis es – wirklich – mit Krupps »Fernbleiben« hatte.

Krupp aus Essen war kein Mitglied des Düsseldorfer Industrie-Clubs, wollte aber zumindest vertreten sein. Am 20. Januar 1932 versucht Karl Haniel – auch Ullrich räumt ein, daß der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende und Teileigentümer der Gutehoffnungshütte und Vorsitzende des Industrie-Clubs anwesend war – Gustav Krupp von Bohlen und Halbach zu beruhigen: »Der Andrang der Klub-Mitglieder zum Hitler-Vortrag übersteigt tatsächlich meine kühnsten Erwartungen und der größte Saal im Parkhotel ist leider nicht größer zu machen als er nun einmal ist.« Für Nichtmitglieder sei deshalb kein Platz mehr – Krupps Wunsch indes war ihm Gebot: »Aber Ihr Fall ist, wie ich einsehe, besonders gelagert. Wenn Sie persönlich kämen, würden Sie naturgemäß Ihren Platz erhalten, und als Inhaber der Firma Krupp und außerdem Vorsitzender des Reichsverbands der Deutschen Industrie haben Sie ein berechtigtes Interesse, von allen wirtschaftspolitisch wichtigen Vorgängen« – und dazu gehörte Hitlers Rede vor dem Industrieklub – »genaueste Kenntnis zu erhalten.«

Krupp also bemühte sich ausdrücklich – er selbst war durch einen Termin in Berlin verhindert – für seine Vertreter im Konzern und beim RDI – Plätze beim Hitler-Vortrag zu bekommen. So steht es bei Trumpp.

Wie kommt es, daß Ullrich einem plumpen Geschichtsmarketing aufsitzt und die bessere Quelle für Krupps wahres Verhalten verschmäht oder vielleicht gar nicht zur Kenntnis nimmt – oder nicht nehmen will? Nun, er hat noch einen Spezialisten, dem er vertraut, den US-Historiker Henry A. Turner mit seinem in Westdeutschland sehr beliebten Buch »Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers« von 1985. Anders als die »linke Publizistik« betrachtete er sein Thema vorurteilslos. 1997 eröffnete Turner die große Tagung »Unternehmen im Nationalsozialismus« am eigens dazu herbeigeschafften Stehpult des IG-Auschwitz-Aufsichtsratsvorsitzenden Hermann Josef Abs in der Frankfurter IG-Farben-Festung mit einer possierlichen Geschichte über die Gnade der jüdischen Geburt am Beispiel des Unternehmers Alfred Merton: Der hatte vier jüdische Großeltern und war so davor geschützt, in die »Sünden der Nationalsozialismus« hineinzuschlittern. Diese Juden haben es doch immer verstanden, aus allem einen Profit zu schlagen.

Trotzdem, Ullrich hätte seinen Turner genau studieren sollen. Bei ihm finden sich – ungewollt oft, aber aus einem Anfall von wissenschaftlicher Redlichkeit – mehr Informationen über das rentable Verhältnis der Nazis zur Großindustrie, als Ullrich sie sich in seiner Hitler-Biographie leisten kann. Turner hat die Aufzeichnungen des zeitweiligen Wirtschaftsberaters Adolf Hitlers, Otto Wagener, bearbeitet und 1978 herausgegeben (»Hitler aus nächster Nähe – Aufzeichnungen eines Vertrauten 1929–1932«). Die »linke Publizistik« darf ihm dafür dankbar sein. Aber auch Volker Ullrich hat dieses Buch in sein Quellenverzeichnis aufgenommen und zitiert daraus gelegentlich. Manchmal aber auch nicht.

25 Millionen für die SA

Auf Seite 323 schreibt Ullrich: »1932, das Jahr der Entscheidungen, war für Hitler angefüllt mit dauernden Wahlkämpfen. Über kürzere oder längere Zeit residierte er im Hotel Kaiserhof in der Nähe der Reichskanzlei, in die er bald einzuziehen gedachte.« Doch Hitler residierte schon 1931.

Der Grund: Die Nazis brauchten einige Millionen, damit ihre SA sofort mit Waffen ausgerüstet werden konnte, wenn es zu Unruhen käme. Das mußte man ausgewählten Vertretern der deutschen Wirtschaft im persönlichen Gespräch mit Hitler klarmachen. Wagener zu seinem Führer: »Wir brauchen dazu nicht von Pontius zu Pilatus zu laufen. Sondern wir wenden uns dabei nur an die führenden Persönlichkeiten der Wirtschaft.« Der von der Interessengemeinschaft Farben finanzierte Börsenjournalist der Nazis und spätere Wirtschaftsminister Walther Funk sollte einladen. Der meinte aber: Im Hotel Sanssouci, wo Hitler immer abstieg, wenn er in Berlin war, konnte er die Creme der deutschen Wirtschaft unmöglich standesgemäß empfangen. Und so mietete er eine Suite im vornehmsten Haus am Platze, dem Kaiserhof.

Als erste erschienen dort der Generaldirektor der Allianz, Kurt Schmitt (später als Vorgänger von Funk Reichswirtschaftsminister), und der Allianz-Aufsichtsratsvorsitzende und Bankier August von Finck. Wagener: »Als sie um vier Uhr kamen, trug ihnen Hitler in etwa halbstündiger Rede seine Gedanken vor. Daran schloß sich noch eine kurze Unterhaltung an, die durchblicken ließ, daß beide Herren die politische Lage angesichts der offenbaren Unmöglichkeit, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, schwarz ansahen und deshalb unbedingt über lang oder kurz mit Unruhen und einem großen Ruck nach links rechneten. Funk begleitete sie hinaus und kam nach fünf Minuten mit der Mitteilung zurück, daß der Allianz-Konzern im vorgesehenen Fall fünf Millionen Mark zur Verfügung stellen werde. Hitler war im Augenblick sprachlos.«

Am nächsten Morgen tanzten vom Deutschen Kali-Syndikat Geheimrat Dr. August Diehn und der Generaldirektor von Wintershall, August Rosterg, an und danach der Großindustrielle Günther Quandt. Da waren es dann schon 13 Millionen Mark. Und als am darauffolgenden Vormittag noch vier weitere Wirtschaftsmänner, deren Namen Wagener nicht nennt, ihre Aufwartung gemacht hatten, da waren von der in den Kaiserhof geladenen deutschen Wirtschaft insgesamt 25 Millionen zur Bewaffnung der SA bereitgestellt.

So steht es in Wageners Aufzeichnungen, die Ullrichs Gewährsmann Henry A. Turner herausgab, weil er ihnen einen »beachtlichen Wert als historische Quelle« zuschreibt. Auch in seinen Fußnoten erhebt Turner keinen Einspruch, erinnert aber an das korrekte Datum von Hitlers Kaiserhofkollekte: 3. Februar 1931.

Doch unser Hitler-Biograph verliert auf seinen 1088 Seiten kein einziges Wort über diesen Kaiserhofempfang des Führers, der ein viertel Hundert Millionen Mark generierte. Für Ullrich zog Hitler erst 1932 in den Kaiserhof ein, nur um gleich darauf in die Reichskanzlei zu wechseln.

Unmittelbar bevor unser diskreter Historiker Entscheidendes aus dem Jahr 1931 verschweigt, beweist er mit einer exakt aus den Quellen belegten Hitler-Äußerung, was wirklich wichtig war im Leben dieses Menschen: »Und für die Liebe halte ich mir eben in München ein Mädchen.«

Volker Ullrich: Adolf Hitler - Die Jahre des Aufstiegs 1889–1939, Biografie. S Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 1088 Seiten, 28 Euro

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