26. November 2012

Kunst der Deduktion

Aufklärung als Kunst und Wissenschaft: Sherlock-Holmes-Denkmal in Edinburgh - Fotoquelle: Wikipedia

Vor 125 Jahren betreten Sherlock Holmes und Dr. Watson erstmals die literarische Bühne

Michael Zander

Sigmund Freud experimentiert in ­Wien mit Kokain und Hypnose, Friedrich Engels arbeitet in London an der Übersetzung des ersten »Kapital«-Bandes ins Englische. In Chicago werden vier Arbeiter gehängt, denen die Staatsanwaltschaft fälschlicherweise vorgeworfen hat, am 1. Mai des Vorjahres einen Bombenanschlag am Rande einer Massendemonstration verübt zu haben; unter den Opfern des Justizmordes befindet sich der Chefredakteur der deutschsprachigen Arbeiter-Zeitung. Die Londoner Polizei schlägt einen von Sozialisten organisierten Marsch mit 10000 Teilnehmern gegen die britische Herrschaft in Irland blutig nieder. Was das kulturelle Leben betrifft, so ist im Februar die Uraufführung der Oper »Otello« von Giuseppe Verdi an der Mailänder Scala das bestimmende Thema. Als im November 1887 der Roman »A Study in Scarlet« (Eine Studie in Scharlachrot) in der Londoner Zeitschrift Beeton’s Christmas Annual erscheint, nimmt die Öffentlichkeit kaum Notiz davon. Der Autor ist ein junger, aus Edinburgh stammender Mediziner, ein gewisser Arthur Conan Doyle (1859–1930). Er betrachtet den Text als literarischen Versuch und kann nicht wissen, daß aus den beiden Hauptfiguren Serienhelden werden sollen, die seinen späteren Weltruhm begründen. Bis zu seinem Tod wird er sie in drei weiteren Romanen und in 56 Kurzgeschichten auftreten lassen. Bemerkenswerterweise finden diese Geschichten bis heute ein internationales Millionenpublikum.

London, Peshawar, Salt Lake City

»›Sehr erfreut‹, sagte er herzlich und schüttelte meine Hand mit einer Kraft, die ich ihm kaum zugetraut hätte. ›Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.‹ ›Woher um alles in der Welt wissen Sie das denn?‹ ›Unwichtig‹, sagte er, wobei er in sich hineinkicherte. ›Jetzt geht es um das Hämoglobin.‹« So lautet der erste Wortwechsel zwischen dem Ich-Erzähler, dem jungen, außer Dienst gestellten Militärarzt John H. Watson, und Sherlock Holmes, dessen Beruf zunächst im dunkeln bleibt. Die beiden werden einander in einem chemischen Labor des Londoner St. Bartholomew’s Hospital vorgestellt. Holmes, der einen Mitbewohner sucht, um eine Wohnung in der Baker Street 221B anmieten zu können, beschäftigt sich gerade mit der Entwicklung eines Bluttests. Das erste Rätsel, das die »Studie in Scharlachrot« den Lesern und dem Erzähler präsentiert, ist nicht der Kriminalfall, sondern der Detektiv selbst. Dieser erweist sich in der Wohngemeinschaft als pfeiferauchender, geigespielender und einsilbiger Mitbewohner mit wechselhaften Stimmungen: »War er arbeitswütig, so vermochte nichts seine Energie zu übertreffen; hin und wieder setzte jedoch eine Reaktion ein, und dann pflegte er tagelang auf dem Sofa im Wohnraum zu liegen (…). Bei derartigen Gelegenheiten habe ich in seinen Augen einen solch verträumten, leeren Ausdruck bemerkt, daß ich ihn hätte verdächtigen mögen, irgendeinem Narkotikum zu frönen, hätte nicht die Mäßigung und Reinlichkeit seiner ganzen Lebensführung eine solche Annahme verboten.« Watson findet schließlich heraus, womit Holmes sein Geld verdient und läßt sich erklären, wie dieser bei ihrer ersten Begegnung auf seinen Aufenthalt in Afghanistan geschlossen habe. »Ich wußte, daß Sie aus Afghanistan gekommen waren. (…) Der Denkprozeß lief folgendermaßen ab: ›Hier ist ein Gentleman der medizinischen Sparte, aber mit der Haltung eines Soldaten. Also offenbar ein Arzt der Armee. Er ist kürzlich aus den Tropen gekommen, denn sein Gesicht ist dunkel, und das ist nicht seine normale Hautfarbe, seine Handgelenke sind nämlich hell. Er hat Mühsal und Krankheit durchgestanden, wie sein abgezehrtes Gesicht verrät. Sein linker Arm ist verletzt worden. Er hält ihn unnatürlich steif. Wo in den Tropen könnte ein englischer Arzt viel Mühsal erlebt haben und am Arm verwundet worden sein? Natürlich in Afghanistan.‹« Das britische Empire konkurriert zu jener Zeit im Great Game mit dem russischen Zarenreich um die Vorherrschaft über das Land, das allerdings nördlich der Tropen liegt. Auf den ersten Seiten des Romans schildert Watson seine Armeezeit und erwähnt dabei Kandahar und Peshawar, Städte, die man noch im 21. Jahrhundert aus der Kriegsberichterstattung kennen wird. Seine Verwundung hat Watson sich in der Schlacht von Maiwand am 27. Juli 1880 zugezogen, in einem blutigen Gemetzel, das mit einer Niederlage für die Briten endete.

Auf Bitte von Scotland Yard löst Holmes in der »Studie in Scharlachrot« zwei miteinander zusammenhängende Mordfälle. Am ersten Tatort wurde der Schriftzug »Rache« hinterlassen, geschrieben mit Blut und in Frakturschrift. Spontan glaubt die Polizei an die Verwicklung einer »Miss Rachel«, aber Holmes weiß natürlich, daß es sich um das deutsche Wort für »revenge« handelt. Er geht von einem Ablenkungsmanöver aus, mit dem der Täter eine Verbindung mit »Sozialismus und Geheimgesellschaften« vortäuschen will. Anhand von Spuren, mittels Schlußfolgerungen und einer List kann Holmes den Mörder schließlich fassen. Im zweiten Teil des Romans wird ausführlich die um mehrere Jahrzehnte zurückreichende und in Salt Lake City angesiedelte Vorgeschichte des Verbrechens erzählt. Unversehens findet sich der Leser in einem regelrechten Western wieder, in dem fanatische Mormonen eine junge Frau zwangsverheiraten und ihren Vater umbringen, um an dessen Besitz zu gelangen. Die Londoner Morde wurden tatsächlich aus Rache von dem Mann begangen, der erfolglos versucht hatte, die Frau vor den christlichen Fundamentalisten zu schützen. Zum Schluß erscheinen die Taten in einem anderen Licht. Die Opfer, so sieht es zumindest aus, haben ihre gerechte Strafe erhalten; der Mörder, verstrickt in sein Schicksal, verhilft der Gerechtigkeit zum Sieg. Der Autor wird sich dieses Musters auch in späteren Erzählungen bedienen. Lange zurückliegende Geschichten aus fernen Ländern um Habgier, Liebe und Rache bilden mit ihrer düsteren und kolportagehaften Romantik einen Kontrast zur jeweiligen Haupthandlung, der um Nüchternheit bemühten Sammlung von Indizien und Beweisen.

Figuren mit Vorläufern

Doyles Romandebüt steht unverkennbar in einer bestimmten Tradition. Wesentliche Merkmale der Hauptpersonen sind Edgar Allan Poes (1809–1949) Erzählung »Der Doppelmord in der Rue Morgue« entnommen, die 1841 erschien und als erste Detektivgeschichte der Weltliteratur gilt. Wie später Holmes, klärt darin der exzentrische Franzose und Bohemien C. Auguste Dupin ein Verbrechen durch Beobachtungen und Schlußfolgerungen auf. Auch ihm steht ein ebenso bewundernder wie ahnungsloser Ich-Erzähler zur Seite, dem er seine Resultate erklären kann. Die Parallelen reichen bis in manche Einzelheiten, aber die Plagiatsvorwürfe, die noch zu Doyles Lebzeiten erhoben werden, sind übertrieben. ­Doyle hat das von Poe vorgegebene Grundschema weiterentwickelt. Bei Poe ist die Beziehung zwischen den Hauptpersonen noch so unwichtig, daß nicht einmal der Name des Erzählers genannt wird. Dupin verläßt sich hauptsächlich auf sein Denken, während Holmes in viel stärkerem Maße Spuren verwertet, gelegentlich auch unter Nutzung modernen kriminaltechnischen Wissens. Dupin ist Rationalist, Holmes Empiriker.

Doyle weiß, daß literarisch gebildete Leser seines Romans das Vorbild erkennen werden. Deshalb erlaubt er sich einen Scherz und spielt mit einem Wortwechsel zwischen Watson und Holmes auf den Sachverhalt an: »›Sie erinnern mich an Dupin von Edgar Allan Poe. Ich hatte keine Ahnung, daß solche Individuen außerhalb von Erzählungen existieren.‹ Sherlock Holmes erhob sich und zündete seine Pfeife an. ›Sie glauben sicherlich, daß Sie mir ein Kompliment machen, wenn Sie mich mit Dupin vergleichen‹, stellte er fest. ›Nun denn – meiner Meinung nach war Dupin ein reichlich minderwertiger Bursche. (…) Er hatte eine gewisse analytische Gabe, ohne Zweifel; aber er war keineswegs ein so großes Phänomen, wie Poe sich das wohl eingebildet hat.‹«

Es geht Doyle auch um eine Wiederbelebung der von Poe begründeten Tradition, mit der er sich gegen einen Qualitätsverlust des Genres wendet. »Damals«, erzählt er im Dezember 1900 der Westminster Gazette, »hatte ich einige Detektivgeschichten gelesen und stieß mich an dem Unsinn, den sie verzapften – um es mild auszudrücken –, weil die Autoren die Auflösung des Geheimnisses immer von irgendwelchen Zufällen abhängig machten. Ich nahm daran Anstoß, weil mir das als ein unfaires Spiel vorkam; denn der Detektiv sollte seinen Erfolg etwas verdanken, das seinen eigenen Überlegungen entsprang und nicht einfach zufälligen Umständen, die sich im wirklichen Leben ohnehin nicht ergeben.«

Zugleich gibt der Autor seiner Hauptfigur Züge seines akademischen Lehrers, des Chirurgen und Militärarztes Dr. Joseph Bell (1837–1911), der zur ersten Buchausgabe der »Studie« ein Vorwort beisteuert. Seinen Studenten bringt Bell bei, beim Anblick von Patienten nicht nur auf Anzeichen für eine Erkrankung zu achten, sondern aus dem Auftreten, der Haltung und der Kleidung einer Person auch auf deren Beruf und soziale Situation zu schließen. Es heißt, er sei auch an Ermittlungen beteiligt gewesen. Sein Freund, der Polizeiarzt Henry Littlejohn (1826–1914), deckt 1878 auf, daß ein gewisser Eugène Marie Chantrelle seine englische Ehefrau vergiftet und den Mord als Gasunfall getarnt hat, um an das Geld für ihre Lebensversicherung zu gelangen. »Joseph Bells Name erscheint auf den offiziellen Dokumenten nicht«, schreibt die Medizinhistorikerin E.J. Wagner, »aber etliche Forscher meinen zu wissen, daß Littlejohn sich mit Bell beraten habe, der es nachweislich vorzog, bei forensischen Untersuchungen anonym zu bleiben – wahrscheinlich fürchtete er um seinen Ruf als Gentleman.« Ebenso wird behauptet, er habe im Herbst 1888 die Behörden bei der Fahndung nach dem berüchtigten (und nie identifizierten) Serienmörder »Jack the Ripper« unterstützt. Jedenfalls wird die wissenschaftliche Progressivität Bells deutlich, wenn man den von Wagner geschilderten damaligen Stand der Kriminalistik bedenkt: »Eine gewissenhafte Spurensicherung oder die Analyse von Fingerabdrücken lagen noch in ferner Zukunft, aber einige fortschrittliche, in Anatomie, Pharmazie und Mikroskopie beschlagene Ärzte begannen bereits, ihre Fähigkeiten zur Untersuchung plötzlicher Todesfälle einzusetzen.« Holmes’ Untersuchungsmethoden sind sehr modern. Beispielsweise setzt er einen Spürhund ein, womit Scotland Yard im Ripper-Fall aufgrund mangelhaften Trainings noch kläglich gescheitert war.

An den Grenzen der Kausalität

Auf das Beobachten legt Holmes besonderen Wert. »Sie sehen, aber Sie beobachten nicht«, sagt er zu Watson. »Zum Beispiel haben Sie doch häufig die Stufen gesehen, die von der Halle herauf in dieses Zimmer führen.« Auf seine Frage, wieviele Stufen es seien, weiß Watson nichts zu antworten. »Das ist es! Sie haben nicht beobachtet. Und doch haben Sie gesehen. (…) Nun, ich weiß, daß es 17 Stufen sind, weil ich gesehen und beobachtet habe.«

Ob die Schlüsse, die er aus seinen Beobachtungen zieht, immer folgerichtig sind, mag man allerdings bezweifeln. Hinwegsehen kann man über Fehler, die auf Irrtümern Doyles und seiner Zeit beruhen. Afghanistan liegt nicht in den Tropen, eine Schlange kann keinen Pfeifton hören, die Leichenstarre tritt niemals kurz nach dem Tod ein, also bleibt der letzte Gesichtsausdruck des Opfers nicht erhalten. Manchmal trifft der Detektiv daneben. Aufgrund einer Tätowierung und einer an der Uhrkette getragenen Münze nimmt er an, einer seiner Klienten sei in China gewesen, was dieser jedoch verneint (»Die Liga der rothaarigen Männer«). Als zuverlässig erweisen sich dagegen Konstruktionen, die sich auf physikalische Gesetze stützen. Zeugen berichten, im oberen Stockwerk eines Hauses Pulver gerochen zu haben, nachdem es im Erdgeschoß eine Schießerei gegeben hat. Am Tatort selbst ­brannten beim Eintreffen der Polizei Kerzen. Holmes folgert daraus, daß es im Haus einen Durchzug gegeben haben muß, durch den sich der Geruch ausbreiten konnte. Tür und Fenster waren aber nicht lange genug geöffnet, um die Kerzen zum Erlöschen zu bringen.

Heikler liegen die Dinge im Hinblick auf menschliches Verhalten, wie ein Beweisverfahren von Holmes gegenüber Watson zeigt: »1. Sie hatten Kreide an Finger und Daumen der linken Hand, als Sie gestern Nacht aus dem Club nach Hause kamen. 2. Mit diesen Fingern halten Sie die Kreide, wenn Sie Billard spielen (…). 3. Sie spielen nur mit Thurston Billard. 4. Vor vier Wochen erzählten Sie mir, daß Thurston eine Option auf ein südafrikanisches Unternehmen hat, die innerhalb eines Monats fällig wird, und daß er Sie beteiligen möchte. 5. Ihr Scheckbuch ist in meinem Schrank eingeschlossen (…). 6. Sie haben nicht vor, Ihr Geld auf diese Weise anzulegen.« (»Die tanzenden Männchen«) Diese »Glieder einer ganz simplen Kette« halten aber nur deswegen, weil Watson keine anderen Gelddepots besitzt und weil er Thurston nicht bei einer sonstigen Gelegenheit begegnet ist. Zu ­Recht mag sich Holmes hier auf die Wahrscheinlichkeit berufen. Dieses Argument versagt aber, wenn er aufgrund eines zerkratzten Uhrschlosses den übermäßigen Alkoholgenuß des ihm unbekannten Besitzers behauptet. Die Kratzer können schließlich auch ganz anders zustande gekommen sein. Doyle scheint um die Problematik zu wissen, denn in einer Parodie außerhalb des Kanons (»How Watson Learned the Trick«) läßt er Watson bei der Anwendung der Holmes-Methode auf ganzer Linie scheitern.

Seine »Deduktionen« bezeichnet Holmes als eine Kunst und Wissenschaft. Trotz ihrer schwankenden Qualität machen sie doch einen besonderen Reiz der Geschichten aus, versprechen sie doch eine Durchschaubarkeit und Handhabbarkeit der Welt. Aus dem so entstehenden Lesevergnügen erklärt Bertolt Brecht (1898–1956) die Popularität des Kriminalromans: »Nicht einmal für unsere eigenen Entscheidungen vermögen wir eindeutige Motive anzugeben, geschweige denn für die anderer. Die Gelegenheiten, die wir vorfinden, sind höchst undeutlich, verhüllt, verwischt. Das Kausalitätsgesetz funktioniert höchstens halbwegs. Im Kriminalroman funktioniert es wieder. Einige Kunstgriffe beseitigen die Störungsquellen. (…) Und die Schlußfolgerungen werden im nachhinein, von der Katastrophe aus, gezogen.« Insofern ist der Krimi ein ­idealisiertes Modell des gesellschaftlichen Lebens. »Wir fühlen schon beim Lesen der Zeitungen (…), daß irgendwer irgendwas gemacht haben muß, damit die offenbare Katastrophe eintrat. (…) Hinter den Ereignissen, die uns gemeldet werden, vermuten wir andere, die uns nicht gemeldet werden. Es sind dies die eigentlichen Geschehnisse.«

Politische Schwankungen

In einer im Jahr 1889 angesiedelten Erzählung heiratet Watson Mary Morstan, eine Klientin von Holmes. Wäre er länger unbeweibt geblieben, hätte dies in viktorianischer Zeit Fragen nach dem Verhältnis zu seinem Mitbewohner aufgeworfen. Immerhin wird der Schriftsteller Oscar Wilde (1854–1900) nur wenige Jahre später wegen Homosexualität zu einer Zuchthausstrafe und Zwangsarbeit verurteilt. Holmes hingegen kann sich durch Asexualität den gesellschaftlichen Konventionen entziehen. »Alle Gefühle (…) waren seinem kühlen, präzisen (…) Verstand zuwider. Er war (…) die perfekteste Denk- und Beobachtungsmaschine (…); aber als Liebhaber wäre er fehl am Platz gewesen.« (»Ein Skandal in Böhmen«) Mit Ausnahme der dem Detektiv intellektuell mindestens ebenbürtigen »Abenteurerin« Irene Adler und der Vermieterin Mrs. Hudson treten Frauen in den Geschichten nur als Klientinnen auf. Häufig benötigen sie Hilfe, um vor einem verbrecherischen Vater in eine Ehe oder vor einem gewalttätigen Ehemann in die Unabhängigkeit zu entfliehen. Daß Doyle immer wieder auf dieses Thema zurückkommt, könnte damit zu tun haben, daß er als politisch interessierter Bürger für eine Modernisierung des damaligen Scheidungsrechts zugunsten der Frauen eintritt. Dies steht allerdings im Widerspruch zu seinem ausgeprägten Konservatismus, den Alice und Karl-Heinz Berger in ihrem Vorwort zur DDR-Ausgabe der Holmes-Geschichten so beschreiben: »Mit Mißtrauen (…) begegnete er allem, was dazu angetan schien (…), das Gleichgewicht im Innern des Landes wie in der Weltpolitik zu stören, mochte es sich nun um die Suffragetten-Bewegung handeln (…), um die Autonomie-Bestrebung der Iren (…) oder um die ohnehin zaghaften Versuche der Labour Party, die soziale Struktur des Landes zu ändern.« Obwohl er in vieler Hinsicht ein Reaktionär ist, empfindet Doyle doch auch Widerwillen gegenüber Vorurteilen. In zwei Fällen betätigt er sich deshalb sogar selbst als Ermittler, um zwei unschuldig Inhaftierten zu helfen, die wegen ihrer indischen beziehungsweise deutsch-jüdischen Herkunft Opfer polizeilicher Willkür wurden. Sein Held Holmes verhält sich oft ähnlich, indem er voreilige Anschuldigungen gegenüber »Zigeunern« oder Ausländern widerlegt. Watson signalisiert, wenn auch recht gönnerhaft, Toleranz in bezug auf Ehen zwischen Schwarzen und Weißen (»Das gelbe Gesicht«). Andererseits äußert sich der Detektiv in abstoßender Weise rassistisch gegenüber einem schwarzen Boxer (»Das Haus ›Zu den drei Giebeln‹«), weil er die politischen Schwankungen seines Schöpfers mitmachen muß.

Zäsur Erster Weltkrieg

Unter den Holmes-Erzählungen finden sich mehrere Spionagegeschichten. Darin kommen den Behörden wiederholt geheime Dokumente abhanden, ein britisch-französischer Flottenvertrag (»Das Marineabkommen«), Baupläne für ein ­U-Boot (»Die Bruce-Partington-Pläne«) oder der brisante antibritische Brief eines ausländischen Staatsoberhaupts zur europäischen Kolonialpolitik (»Der zweite Fleck«). Einmal konsultiert der Premierminister den Detektiv in der Baker Street und erläutert die internationale Lage aus seiner Sicht: »Europa gleicht einem bewaffneten Heerlager. Zwei Bündnissysteme halten die Situation in der Balance. Großbritannien ist das Zünglein an der Waage.« Diese Beschreibung hat weniger mit 1888, dem Handlungszeitpunkt der Geschichte vom »zweiten Fleck« zu tun, dafür umso mehr mit deren Erscheinungsjahr 1904. Damals gibt das Vereinigte Königreich seine traditionelle Politik der »splendid isolation« auf und schließt ein Bündnis mit Frankreich. Damit reagiert die britische Regierung auf eine aggressive deutsche Rüstungspolitik. Mit dem in der Erzählung erwähnten ausländischen Staatsoberhaupt könnte Wilhelm II. gemeint sein, der acht Jahre zuvor mit einer spektakulären antibritischen Depesche von sich reden gemacht hat. Ebenfalls einen politischen Hintergrund hat die dem Handlungszeitpunkt nach letzte Holmes-Geschichte (»Sein letzter Streich«). Sie spielt »im schrecklichsten August der Weltgeschichte«, am Abend des 2. August 1914, einen Tag, nachdem die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn den Ersten Weltkrieg ausgelöst haben. Holmes ist eigentlich schon Rentner und züchtet Bienen in Sussex. Er arbeitet aber noch einmal für die Regierung, um einen deutschen Spion zu jagen. Am Ende ist auch Watson wieder mit von der Partie. Das letzte Gespräch zwischen den beiden enthält ein Mißverständnis; Watson meint, es gehe ums Wetter, aber Holmes spricht vom Krieg: »›Wind kommt vom Osten auf, Watson.‹ ›Ich glaube nicht, Holmes. Es ist sehr warm.‹ ›Guter alter Watson! Sie sind der eine feste Punkt in einer sich wandelnden Zeit. Es ist doch ein Ostwind, der aufkommt, ein Wind, wie er noch nie über England geweht hat. Es wird kalt und bitter werden, Watson; viele von uns werden in seinen Stürmen vergehen.‹«

Doyle wird noch bis 1927 Holmes-Erzählungen publizieren, deren Ereignisse er jedoch alle auf die Zeit vor 1914 verlegt. So stellt sich noch zu seinen Lebzeiten ein Effekt der Nostalgie ein: Er führt den Leser zurück in die Zeit der Pferdedroschken und Gaslaternen; Telefone und Automobile kommen nur ausnahmsweise vor. Doyles Helden passen nicht in den Weltkrieg und die nachfolgenden 1920er Jahre, in eine Epoche zunehmender Technisierung des Alltags und tiefgreifender gesellschaftlicher Erschütterungen, der Revolutionen und Gegenrevolutionen. Verglichen damit wirken die Szenerien selbst der blutigsten Fälle des Detektivs beinahe beschaulich.

Marx und Freud

Bis heute schreiben Autoren Geschichten über den Mann mit Pfeife, Vergrößerungsglas und Deerstalker-Mütze. Besonders beliebt sind Begegnungen zwischen der literarischen Figur und einer historischen Persönlichkeit. David Z. Mairowitz läßt Holmes in London auf Karl Marx (1818–1883) treffen, wobei der Engländer sich über das Diktum des deutschen Emigranten beschwert, demzufolge Religion das Opium des Volkes sei. Hinsichtlich der Religion sei Marx im Recht, nicht aber in bezug auf Opium. Im Roman »The Seven Percent Solution« von Nicholas Meyer unterzieht sich der Detektiv wegen Drogensucht einer Therapie bei Sigmund Freud (1856–1939). In einer Unterredung mit dem Arzt sagt Holmes: »Sie haben meine Methoden genommen (…) und auf das Seelenleben (…) angewendet«. Eine Anspielung auf die Kongenialität der beiden findet sich auch in einer Holmes-Verfilmung der BBC mit dem großartigen Jeremy Brett (1933–1995) in der Hauptrolle.

Dieser Gedanke ist gar nicht abwegig, war doch der Begründer der Psychoanalyse tatsächlich ein eifriger Leser von Kriminalliteratur, wie einer seiner Patienten, Sergej Pankejeff (1887–1979), bezeugt. »Einmal kamen wir (…) auf Conan Doyle (…) zu sprechen. Ich (…) war (…) überrascht, daß Freud auch diesen Schriftsteller recht aufmerksam gelesen hatte. Da ja auch in der Psychoanalyse die Rekonstruktion einer Kindheitsgeschichte ›Indizienbeweise‹ heranziehen muß, interessierte sich Freud offenbar (…) für diese Art Literatur.« Dessen Argumentationen sind denen des Detektivs in gewisser Weise ähnlich, oft genial, zuweilen aber auch ziemlich fehlerhaft und unsinnig. Umgekehrt hat Holmes etwas von einem Therapeuten, etwa wenn er einem Klienten sagt: »Mein Freund und ich haben schon so manches seltsame Geheimnis in diesem Zimmer zu hören bekommen und (…) mancher geprüften Seele ihren Frieden zurückgeben können. Ich bin sicher, es wird uns auch bei Ihnen gelingen.« (»Das gelbe Gesicht«) Regelmäßig beseitigt das Ermittlerduo die Ursachen der äußeren und inneren Unruhe, in der sich die Ratsuchenden befinden. Die Dinge kommen immer ins Lot. Dies gibt der Lektüre auch etwas sehr Tröstliches, wenngleich die wiederhergestellte heile Welt und das Happy End etwas illusorisch sein mögen.

Michael Zander ist Psychologe und lebt in Berlin

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/11-24/010.php