10. Januar 2014

Langsam wiederentdeckt

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Hedda Eulenberg (1874–1960), ­porträtiert von Julie Wolfthorn 1901 - Fotoquelle: Wikimedia Commons/CC-BY-3.0

Vor 150 Jahren wurde die Malerin Julie Wolfthorn geboren. Sie setzte sich für das Frauenstudium ein. 1944 starb sie im KZ Theresienstadt

Sabine Krusen

Julie Wolfthorn – nie gehört? Kein Wunder: Auch in ihrem Fall haben – wie bei vielen jüdischen Künstlerinnen und Künstlern – Ausgrenzung, Verfolgung und das Totschweigen in der Nazizeit zum nahezu vollständigen Vergessen beigetragen. Dabei war die am 8. Januar 1864 in Thorn (heute Torun, Polen) als Julie Wolf Geborene seit den 1890er Jahren eine der erfolgreichsten deutschen Malerinnen und Grafikerinnen. Sie war in Berlin beheimatet, tätig aber auch in vielen Künstlerkolonien, darunter Hiddensee und Worpswede.

Als 1898 Max Liebermann und Dutzende später berühmte und weniger bekannte Männer die Berliner Secession gründeten, waren auch vier Frauen dabei. Heute sind sie fast vergessen. Neben Julie Wolfthorn (1864–1944) waren es Dora Hitz (1856–1924), Sabine Lepsius (1864–1942) und Ernestine Schultze-Naumburg (1869–1965). Julie, die sich erst zu dieser Zeit auf ihre Signatur »Wolfthorn« festlegte, blieb jahrelang die einzige Frau jüdischer Herkunft unter den weiblichen Mitgliedern der Secession. Als vor einem Jahr in der Wannsee-Villa Max Liebermanns eine Teilausstellung zu »Kolleginnen in der Berliner Secession« gezeigt wurde, war sie leider mit keinem einzigen Werk vertreten.

Wolfthorn war sehr vielseitig, ist bis heute aber vor allem durch ihre hinreißenden Porträts bedeutsam. Von vielen damals prominenten Berlinern hat sie Bildnisse gefertigt. Besonders gelobt wurden ihre zahllosen Frauen- und Kinderporträts. Die Künstlerin setzte sich, auch nachdem sie selbst längst etabliert war, für den Zugang von Frauen zu Universitäten und Kunstakademien ein. Sie selbst hatte sich ihr Können nur autodidaktisch aneignen können. Später betrieb sie ein Schülerinnenatelier. Sie wurde Mitbegründerin und Vorstand etlicher Frauenkunstvereine. Sie trat aus der Secession wieder aus, als sie sich als Frau in die Ecke gedrängt fühlte – und das auch im Wortsinn, wenn es um die Plazierung ihrer Arbeiten in Ausstellungen ging.

Wolfthorn wandte sich öffentlich gegen den Abtreibungsparagraphen 218 und gestaltete eines ihrer eindrucksvollsten Plakate für den Vorwärts zu diesem Thema. Zu ihren engsten Freunden gehörten die pazifistische Dichterin Hedwig Lachmann, die 1918 an der Grippe starb, und deren Mann Gustav Landauer. Letzterer schrieb ihr 1919 kurz vor seiner und Kurt Eisners Ermordung bei der Niederschlagung der Münchner Räterepublik: »Sonst bin ich nach menschlichem Ermessen nicht in solchen Gefahren, wie Du aus der Entfernung meinst. Meinen lieben Kindern soll man das Herz nicht schwer machen: sie wissen, daß, wer einer Idee dient, eben damit im Tod wie im Leben steht.«

Ab 1933 wurde Julie allein wegen ihrer jüdischen Herkunft ausgegrenzt, mit Berufsverbot belegt und zunehmend verfolgt. Letzte Arbeitsmöglichkeiten bot ihr der Jüdische Kulturbund. Einzelne Malschüler hatte die alte Dame noch trotz Verbots, unter ihnen der später in der DDR bekanntgewordene Schriftsteller und Grafiker Peter Edel. Sein Vater und Julie Wolfthorns Schwester Luise Wolf, Literaturübersetzerin und Autorin, mußten zwangsweise Zimmer in Julie Wolfthorns Wohnung beziehen – bis zur Deportation. Aus dem Lager blieben einige ihrer Porträts von Mitgefangenen erhalten. Am 29. Dezember 1944, kurz vor ihrem 81. Geburtstag, starb Julie im Ghetto Theresienstadt. Auch ihre Schwester kam dort ums Leben.

2005 gelang es, am Berliner Nordbahnhof eine Straße nach Wolfthorn zu benennen. 2007 zeigte der Julie Wolfthorn Freundeskreis sieben Monate lang in der rechts neben dem Liebermann-Grundstück am Wannsee gelegenen Villa 70 Jahre nach ihren letzten Atelierausstellungen erstmals eine kleine Einzelexposition mit Werken von ihr. Seither sind jährlich mehrere ihrer Bilder in diversen Gruppenschauen in der Bundesrepublik zu sehen gewesen. Im Herbst 2013 gab es eine weitere Einzelausstellung in Worpswede. Permanent tauchen verschollen geglaubte oder »neue« Werke Julie Wolthorns in aller Welt auf oder werden endlich wahrgenommen.

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