26. Oktober 2013

Lichtpunkt im Dunkel

Dichter und Widerstandskämpfer: Richard Zach – geboren am 23. März 1919 in Graz, ermordet am 27. Januar 1943 im Zuchthaus Brandenburg-Görden (Aufnahme von Anfang 1937) - Fotoquelle: jW-Archiv

Richard Zach. Eine kommunistische Etüde zum österreichischen Nationalfeiertag

Erich Hackl

Den steirischen Kommunisten, die bei Regionalwahlen beeindruckende Ergebnisse erzielen (in Graz an die zwanzig Prozent), wird von liberalen Kritikern und sogar Angehörigen der ziemlich erfolglosen Bundespartei gerne nachgesagt, daß sie über ihr Kernthema Wohnen kaum hinauskommen, sich im öffentlichen Auftreten harmlos geben – die Bescheidenheit ihrer populärsten Politiker Ernest Kaltenegger und Elke Kahr ist wirklich beispiellos – und Parteiarbeit ohne Prinzipien leisten. Das Gegenteil ist der Fall, das zeigen die breit gefächerten Aktivitäten ihres Bildungsvereins, die gemeinsam mit der Alfred-Klahr-Gesellschaft durchgeführten Symposien zu historischen, wirtschaftspolitischen und gewerkschaftlichen Fragen, nicht zuletzt auch die jährlichen Veranstaltungen zum Nationalfeiertag, den sie als »Neutralitätsfeiertag« begehen – im Wissen um den Anlaß, der am 26. Oktober 1955 vom österreichischen Nationalrat beschlossenen immerwährenden Neutralität, der bei vielen Österreichern und allen anderen Parteien in Vergessenheit geraten ist.

Den diesjährigen Nationalfeiertag begehen die steirischen Kommunisten, indem sie einem ihrer Genossen, dem Lehrer und Dichter Richard Zach, vor dem Kinderlandheim von Sankt Radegund bei Graz ein dauerhaftes, vom Bildhauer Rudi Hirt geschaffenes Denkmal errichten. Zach ist am 27. Januar 1943, zwei Monate vor seinem 24. Geburtstag, in Brandenburg hingerichtet worden. Eine Woche später wurde die Leiche eingeäschert, die Herausgabe der Urne an seine Familie verweigert. Während der anderthalbjährigen Haft hatte Zach in den Zuchthäusern Karlau bei Graz und Berlin-Moabit, ja sogar auf den Transporten zwischen Berlin, Graz und wieder Berlin ein umfangreiches lyrisches Werk geschaffen – an die 600 Gedichte, die er mit offizieller Schreiberlaubnis verfaßt hatte, dazu noch 200 heimlich geschriebene, die in achtzig Kassibern, im Gummizug der Schmutz­wäsche versteckt, seinem Rechtsanwalt in die Hand gedrückt oder durch die Zellenwand gemorst und von einem Mitgefangenen aufgeschrieben, nach draußen geschmuggelt werden konnten. Es ist vor allem seinem Bruder Alfred zu verdanken, daß sie gesammelt und über die Zeit der Naziherrschaft gerettet werden konnten.

Die Zach-Brüder stammten aus einem armen Elternhaus. Der Vater Faßbinder, die Mutter Aushilfskellnerin in einem Gasthaus. Beengte Wohnverhältnisse, feuchte Mauern, Gitter vor den Fenstern, zuletzt ein Kellerloch, »die Gruft«, wie es ihre Mutter nannte. Als sie starb, 1932, war Richard gerade dreizehn. Er kam in die Obhut von Verwandten, kehrte erst vier Jahre später zu seinem Vater zurück, der inzwischen wieder geheiratet hatte. Bei den ungeliebten, wegen seiner frühen politischen Ambitionen besorgten Zieh­eltern hatte er seine ersten Gedichte geschrieben: »So oder so, ich schlüpfte aus der Schule/und spürte manchmal eine ungekannte Lust, / im Hof zu lauschen, nun auf einem Stuhle, /und das Erlauschte, das da pochte in der Brust/auf losen Blättern, eingesparten Schnitzeln/mit vielem Eifer heimlich hinzukritzeln.«

Weg in den Widerstand

Im Jahr, da Bundeskanzler Engelbert Dollfuß das Parlament auflöste, die Verfassung außer Kraft setzte und mit einem kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetz aus dem Jahr 1917 regierte, 1933 also, beendete Zach die Hauptschule und trat in die Lehrerbildungsanstalt über. Dort lernte er Josef Martin Presterl kennen, der im illegalen Kommunistischen Jugendverband tätig war und einiges Verständnis für den literarischen Eifer seines jüngeren Mitstudenten aufbrachte. Die Februarkämpfe, und ihr blutiges Ende, inspirierten Zach zu einem seiner ersten politischen Gedichte, der »Ballade vom Februar 1934«, und beförderten ebenso sein Verlangen, sich im Widerstand gegen den Faschismus mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen. Es lag vermutlich an seinem sympathischen Auftreten, nicht nur an Mut und Einsatzfreude, daß ihm dies rasch gelang. Zum Schutz vor Verfolgung arbeitete die Gruppe Zach in Organisationen der christlichen Arbeiterbewegung mit, unter dem Namen Jungfreiheitsbund, der später in Studentenarbeitsbund umbenannt wurde. Gleichzeitig war sie bemüht, sich in einem geheimen Arbeitskreis theoretische Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus anzueignen. Ihre Absicht, wie die der Kommunisten insgesamt und von Teilen der Revolutionären Sozialisten, angesichts der drohenden Gefahr aus Nazideutschland ein Bündnis mit dem Schuschnigg-Regime zu schließen, scheiterte am Zaudern und Mißtrauen des unglückseligen Kanzlers.

Im Juni 1938, drei Monate nach der Annexion Österreichs, maturierte Zach mit Auszeichnung, war kurz als Lehrer tätig und rückte dann zur Wehrmacht ein. Er nahm am Polenfeldzug teil, täuschte während des Urlaubs im Januar 1940 einen Skiunfall vor (sein Bruder zertrümmerte ihm mit einem Nudelholz das Schienbein) und nützte den einjährigen Krankenhausaufenthalt, die marxistische Schulungsarbeit fortzusetzen. An politische Aktionen war in dieser Zeit allgemeiner Nazieuphorie noch nicht zu denken. Anfang 1940 wurde Richard Zach wegen Dienstuntauglichkeit aus der Wehrmacht entlassen und begann in Graz wieder als Lehrer zu arbeiten. »Er war einfallsreich«, erinnerte sich später sein Gefährte Alois Geschwinder, »er hat Schwung gehabt, er hat mit den Schülern keine Schwierigkeiten gehabt; sie waren recht begeistert von ihm«. Immer neue Nazigegner stießen zur Gruppe, die sich zur Tarnung erneut legaler Verbände bediente – der Werks-SA, des BDM, des NSKK, der Hitler-Jugend. Das Problem war, daß ihre Mitglieder häufig auseinandergerissen wurden, durch Militäreinsatz, Arbeitsdienst oder Dienstversetzung in eine andere Stadt. Das erschwerte Absprache und Planung. Es gelang, eine Schreibmaschine zu erwerben, dann einen Vervielfältigungsapparat, sogar einen Setzkasten. So entstand, im Oktober 1940, die erste Flugschrift, ein Aufruf an die Arbeiter, sich gegen die Nazi­herrschaft zusammenzuschließen. Dazu kamen Streuzettel mit dem Hammer-und-Sichel-Emblem, die vor Fabriken verteilt und an Mauern und Zäune geklebt wurden. Die Flugschrift erschien von nun an monatlich, bis Februar 1941, unter dem Titel Der rote Stoßtrupp, enthielt Infomationen ausländischer Sender und selbstverfaßte »Analysen der gegenwärtigen Lage«. Über Franz Muhri, den späteren Parteiobmann der KPÖ, gelangte sie auch in die Provinz. Ein geplanter Sabotageakt, die Sprengung einer Brücke, scheiterte daran, daß der Zünder nicht funktionierte.

Aus dem Kanon ausgesperrt

Von einer großen Verhaftungswelle unter den steirischen Kommunisten wurde Anfang 1941 auch die Gruppe Zach erfaßt. Damit die Festgenommenen nicht als Urheber der Flugschriften verdächtigt werden konnten, ließ Richard Zach den Roten Stoßtrupp weitererscheinen. Auch Schmieraktionen setzte er fort. Schon von Gestapobeamten beschattet, schaffte er es, Muhri zu warnen. Er selbst wurde am 31. Oktober 1941 verhaftet, eine Woche später mit der Begründung, »nicht mehr Gewähr dafür (zu) bieten, daß Sie jederzeit für den nationalsozialistischen Staat eintreten«, aus dem Schuldienst entlassen. Im Schuldspruch vom 3. September 1942, wegen »der Vorbereitung zum Hochverrat und zugleich auch der Feindbegünstigung«, wurde ihm erschwerend zur Last gelegt, »intelligent und auffallend schreib- und redegewandt« zu sein. Er sei ein gefährlicher Agitator für den Kommunismus und könne deshalb nicht mit Milde rechnen.

Das tat er auch nicht. Seine Kassibergedichte nehmen das eigene Sterben ohne Bitterkeit vorweg – und setzen sich doch, trotzig manchmal, dann wieder zart, bisweilen mit stürmischer Selbstironie, über die Gewißheit des nahen Todes hinweg. Im liedhaften, balladesken Ton, der ihm besonders lag. Die Gedichte bedürften des Vortrags, sollten laut gesprochen werden, schrieb er einmal. Oder vertont, gesungen.

Wer sich heute zu Richard Zach bekennt, macht sich doppelt verdächtig. Zum einen politisch, als Kommunistin oder Kommunistensympathisant, die oder den weiterhin das geballte Ressentiment der veröffentlichten Meinung trifft, zum andern kulturell, weil sie oder er sich dem herrschenden Dünkel entzieht, demzufolge politische Kunst – die gern als »didaktische« kleingemacht wird – muffig, spießerhaft, höchstens gut gemeint sei. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, was Zachs näherer Landsmann Günter Brus, der als der begabteste und wenigdümmste Vertreter des Wiener Aktionismus angesehen werden darf, in seinem autobiographisch durchwirkten Roman­essay »Das gute alte Wien« (2007) geschrieben hat: »Die Aufarbeitung der politischen Vergangenheit Österreichs fiel bei mir weitgehendst durchs Sieb, jedenfalls was die Aktionen betrifft. Ich wie auch meine Kollegen wollten unsere Arbeit politisch wertfrei halten. Unter der ›Aufschreigebärde‹ der Aktionen wäre die Kritik an Österreich in der gesamten Bandbreite subsumiert, meinte ich.« Und weiter: »Der schlimmste Fall auf dem Erdball ist der Einfall. Entweder fallen Horden ein, oder einer hat eine Idee, wie die Welt zu verbessern wäre. Es ist nun einmal klarzustellen, daß die ›engagierte Ästhetik‹ in Österreich immer von zweit- oder drittrangigen Künstlern in Betrieb gesetzt wurde. Selbst von sozialistisch engagierten Künstlern blieben nur Gemeindebaumosaike übrig, so sie nicht später zertrümmert wurden. Und sie wurden ob ihrer lächerlichen Häßlichkeit fast alle zertrümmert. Ich vermute, in Wien wären Grass oder Koeppen arm an Diskussionspartnern gewesen. Auch für Theodor Kramer und Jura ­Soyfer wurde keine Tribüne errichtet. Sie waren bestenfalls ein ›Brechmittel‹. (Ausdruck vermutlich von Conrad Bering).«

Mit Conrad Bering meint Brus den Schriftsteller Konrad Bayer, ideologischer Anführer der für Innovation und Tabubruch geschätzten Wiener Gruppe; mit den einfallenden Horden offenbar Asylsuchende ebenso wie Revolutionäre; mit den sozialistisch engagierten Künstlern solche, die sich in der Hochkonjunktur der abstrakten Kunst für die gegenständliche entschieden und dafür mit Verachtung gestraft wurden; und als Brechmittel hätte er oder Bayer vermutlich auch die Gedichte Richard Zachs angesehen, wären diese von ihnen überhaupt zur Kenntnis genommen worden. Zach aber blieb außerhalb seiner engeren Heimat Graz, und dazu noch außerhalb der Kommunistischen Partei, lange Zeit unbekannt. Mehr noch als Kramer und Soyfer ausgesperrt aus dem Kanon der österreichischen Literatur, einerseits weil seine Gedichte als zeitgebunden angesehen wurden, durch Pathos und Appell verstörten, wegen des Festhaltens am Reim (der ihm nicht Konvention, sondern Lebenshalt war) für altertümlich galten; andererseits, weil er – vom Lyriker Alois Hergouth abgesehen, der aber außerhalb der Steiermark selbst ein Geheimtip war und geblieben ist – prominenter Fürsprecher ermangelte. Der nach der Befreiung von der Naziherrschaft als erster auf Zachs Gedichte aufmerksam gemacht hatte, sein Freund Presterl, fiel in Jugoslawien einem politisch motivierten Justizmord zum Opfer. So vergingen – von zwei Einzelveröffentlichungen 1948 und 1978 abgesehen – mehr als drei Jahrzehnte, ehe eine historisch-kritische Auswahl aus Zachs Werk, gleich darauf eine ausführliche Biographie erschienen. Herausgeber wie Verfasser war der junge Germanistikstudent Christian Hawle, dem dieser Bericht alle wesentlichen Informationen verdankt.

Das andere Österreich

Hawles Einstellung unterschied sich grundlegend von dem bürgerlichen Kunstverständnis, das just der Bürgerschreck Brus geäußert hat und das die Verbindung von Kunst und Engagement, Avantgarde und Parteilichkeit als eine Art Erbsünde ansieht. Zach könne, dieser Auffassung zufolge, als Dichter schon deshalb nicht ernst genommen werden, weil sein literarisches Schaffen vom ­Widerstandskampf kontaminiert gewesen sei. Hawle dagegen erkannte den behaupteten Sündenfall (der Kunst, die sich mit Politik liiert) nicht an und legitimierte sein leidenschaftliches Interesse mit Bertolt Brechts Gedicht von der Literatur, die »nach Anzeichen/Daß da auch Aufrührer gelebt haben, wo Unterdrückung war« durchforscht werden will. Er unternahm eine ebenso detailreiche wie warmherzige Lebensbeschreibung des Dichters, unterschlug also nicht die tragischen Umstände, unter denen Zachs Gedichte entstanden waren, reduzierte sie jedoch nicht auf ihre Funktion als Quelle der Zeitgeschichte und Dokument eines tapferen Lebens. Seine Forschungen betrieb er im richtigen Moment: als die Überlebenden der Widerstandsbewegung um den Dichter, dessen Bruder, Freundinnen und Gefährten noch am Leben waren, so daß er sie befragen und sie sich über sein Interesse freuen konnten – dem eines Nachgeborenen, der ihrer Schicksalsgemeinschaft nicht angehört hatte.

Das war in den späten achtziger Jahren – kurz nach der unglücklich verlaufenen Waldheim-Debatte, die meines Erachtens das falsche Österreich-Bild nicht aufgebrochen, sondern zementiert hat, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Einig waren sich nämlich die Parteigänger wie die Gegner des damaligen Präsidentschaftskandidaten (eines Altersgefährten Richard Zachs) im Irrglauben, er stehe stellvertretend für eine ganze Generation von Österreichern. Was Waldheim als Tugend pries – Pflichterfüllung –, nannten seine Gegner Opportunismus. Sie hatten recht im Einzelfall, aber unrecht in der Verallgemeinerung: Es gab abertausende österreichische Widerstandskämpfer, Kämpferinnen, Zehntausende im Graubereich der Verweigerung, zwischen aktivem Widerstand und erzwungener Anpassung. Eine Minderheit, gewiß. Aber es sind, egal wo, fast immer nur Minderheiten, die einem Terrorregime trotzen. Und daß es nicht mehr waren, auf dem Gebiet des heutigen Österreich, hat politische Gründe – in erster Linie die Zerstörung der Demokratie durch das Dollfußregime 1933 und die Niederlage der aufständischen Arbeiter im Jahr darauf – und nicht solche moralischer, völkerpsychologischer oder mentalitätsgeschichtlicher Art, mit denen Künstler seit Jahren hausieren gehen, sekundiert von einer intellektuellen Elite, die den antifaschistischen Widerstand als »vernachlässigbare Größe« abschreibt, weil sie von ihren angepaßten Eltern oder Großeltern auf die Gesamtheit schließt und sich damit der peinlichen Pflicht entschlägt, auf die führende Rolle der Kommunisten im Kampf für ein freies Österreich hinzuweisen. Um die Erinnerung an diese auszulöschen, geht sie sogar so weit, die Moskauer Deklaration vom Oktober 1943 – in der die späteren Siegermächte das Wiedererstehen Österreichs beschlossen – als Ursache der heutigen Misere anzuprangern, und nützt jede Gelegenheit, die sogenannte Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik Deutschland (Globke, KPD-Verbot und Radikalenerlaß inklusive) der eigenen Nation als Vorbild zu empfehlen. So macht sich der dumpfe Deutschnationalismus, progressiv gewendet und europäisch aufgebläht, aufs neue breit, während der Österreich-Patriotismus, zum Chauvinismus umgespeichert und rassistisch aufgepäppelt, der extremen Rechten überlassen werden soll.

Auch deshalb sind die Gedichte Richard Zachs unerläßlich: weil sich in ihnen die Umrisse eines anderen Österreich abzeichnen, eines tapferen, großherzigen, das um Zusammenschluß bemüht ist, nicht um Vereinzelung, in dem es nicht dauernd um »Bewältigung« geht (Krisenmanagement, Bankenrettung, Gewinnmaximierung), wo auch Platz ist für Verzweiflung.

Uns zu stärken …

Aber was tun, damit diese Verzweiflung sich nicht mit dem Gefühl von Vergeblichkeit paart. Daß sie gleichsam produktiv wird, daß sich zur Empörung, die aus der Einsicht in das herrschende Unrecht erwächst, nicht die Ohnmacht – und in Folge die Resignation – gesellt. Vor elf Jahren hat der Exilforscher Konstantin Kaiser geschrieben: »Es ist eine Zeit der Niederlagen. Staaten verlieren ihre Bedeutung, ganze Produktionszweige schrumpfen in wenigen Jahrzehnten zu Nischenproduktionen zusammen, wohlerworbene Rechte werden ausgehöhlt. Die Zukunft bietet viele Herausforderungen, doch wenig Aussichten. Wir scheinen Zeitgenossen einer sogenannten Modernisierungskrise, jedenfalls kommen wir mit unserem bisherigen Repertoire nicht mehr recht weiter. In einer solchen Situation verbreitet sich das Gefühl der Ohnmacht, ein peinliches Gefühl, doch sollte man gerade darum darüber reden.«

Die Ohnmacht, so Kaiser, tritt immer im Geflecht von Machtphantasien, Haß und Lügen auf. »Weil mir die Macht fehlt, mich zu meiner Tat bekennen zu können, muß ich lügen und mit der Lüge den Zusammenhang mit mir selbst und den anderen preisgeben. Die Lüge tritt den Rückzug in die Absonderung an, während die erträumte Macht Zusammenhalt einfordern könnte, auch dort, wo man sich vielleicht ins Unrecht gesetzt hat.« Verhohlen – mit einem Schlenker in die eigene Kindheit – plädiert Kaiser deshalb dafür, den Zustand der gegenseitigen stummen Absonderung zu bekämpfen. Dem Wunsch, sie zu überwinden, dem nach Vereinigung, Gemeinschaft nachzugeben. Sich zu verbünden mit denjenigen, die nicht aufgehört haben, von einer gerechteren, einer Welt der Gerechten zu träumen, und darüber hinaus bemüht sind, das Elend zu lindern – nicht aus Barmherzigkeit (wogegen nichts zu sagen wäre), nicht aus Routine (in Fortsetzung einer einmal getroffenen Entscheidung), sondern aufgrund des Willens, für die Wahrheit und gegen die Lüge einzutreten. Das ist auch der Grund, warum wir Richard Zachs Gedichte lesen, ihre Vertonungen hören sollen: uns zu stärken, nicht aufzugeben.

Wie wäre es, wenn Zach noch lebte. Stünde er jetzt vor seinem Denkmal, klapprig am Stock, säße er im Rollstuhl, müßte man ihm, was gesagt wird, ins taube Ohr brüllen? In Wien gibt es einen Schriftsteller, der so alt ist wie er, Jahrgang 1919, rüstig und bei klarem Verstand. Er heißt Alfred Hirschenberger und hat in diesem Jahr ein Buch veröffentlicht, »Eruption und Erosion«, das er im Untertitel als »Österreich-Roman« ausweist. Es zerfällt in einen belletristischen Teil, »Das zwanzigste Jahrhundert«, in dem Hirschenberger die eigene proletarische Lebensgeschichte, die seiner Familie und Freunde, einbettet in Aufschwung und Niedergang der österreichischen Arbeiterbewegung, und in eine theoretische Abhandlung mit dem Titel »Der unerläßlich gesellschaftspolitische Wandel!?«, eine lustvoll-kritische Darstellung des Kapitalismus im selben Zeitraum. Diesem Aufsatz steht, als eine Art Motto, folgende Bemerkung voran: »Der Kampf gegen Obrigkeit und Macht, wie immer die sich darstellt, ist nicht zu gewinnen. Gesellschaftliche Schichtung ist vorgegeben, was bleibt, unermüdlich sich ihrer zu erwehren.« Das ist die Einsicht, zu der Hirschenberger sowohl im Roman als auch im Essay immer wieder zurückkehrt und die er mit eigenen Beobachtungen, auch verblüffenden Statistiken untermauert. Das wirkt verstörend. Seltsamerweise wollen wir gerade von einem Menschen Mitte Neunzig etwas Aufmunterndes hören; einem jungen würden wir eine trübe Bilanz des gesellschaftlichen Wandels eher zugestehen. Andererseits gestatten einem die Lektüre des Romans, dessen Protagonist sich über die Verhältnisse erhebt, und die Vehemenz, mit der Hirschenberger die Logik des Kapitals zerpflückt, in ihm einen Sinnesverwandten zu entdecken, einen Gleichgesinnten, einen Gefährten. Er habe resigniert, hat er gesagt, und ich war so kühn, ihn zu verbessern: Nicht von Resignation sei sein Werk durchdrungen, sondern von Skepsis, und ich hätte ihm gleichermaßen Gramscis Satz vom Pessimismus des Verstands, Optimismus des Willens zuschreiben können.

Durch Zachs schönste Gedichte strömen, wie zwei unterirdische Flüsse, diese gegensätzlichen Empfindungen, um sich, Strophe für Strophe, in den Schlußzeilen in ein offenes Herz zu ergießen. Man muß ihn in eine Reihe anderer Schriftsteller stellen, die sich durch die Einheit von Talent und Charakter ausgezeichnet haben und, um noch einmal Kaiser zu zitieren, durch ihr praktisches Engagement von einer bevorstehenden Umkehr, einer Wende zu einem humaneren Verhalten der Menschen zeugen. »Ihre Tat ist der Lichtpunkt im allgemeinen Dunkel.«

Am 15. November erhält Erich Hackl den Adalbert-Stifter-Preis, den Großen Kulturpreis des Landes Oberösterreich für besondere ­Leistungen zur Literatur. Soeben erschien von ihm »Dieses Buch gehört meiner Mutter«. Diogenes Verlag, Zürich 2013; 128 Seiten, Hardcover, 17,90 Euro

Richard Zach – Zwei Gedichte

Und wenn ich aber …

Und wenn ich aber leben muß,

so sei’s ein arbeitsreiches Leben.

Die Hände nicht nur zum Genuß

sollt ihr den andern geben.

Und wenn ich aber kämpfen muß,

sagt mir genau: wozu, warum.

Dann wank’ ich niemals bis zum Schluß

und schlag’ die Feinde um.

Und wenn ich Kinder haben muß,

aus meinem Fleisch gerissen:

ein jedes hart wie eine Nuß

und in die Welt verbissen.

Und wenn ich einmal sterben muß:

so sei’s kein keuchend Mühen.

Gleich einem brennendheißen Kuß

ein zuckendes Verglühen.

* * *

Verrücktes Lied

Was kümmert mich, was kümmert mich,

ob sie mich morgen hängen!

Noch lebe ich und hoffe ich,

die Ketten doch zu sprengen!

Vielleicht wird heute in der Nacht

der Henker plötzlich umgebracht!

Vielleicht beschließt der hohe Rat,

es wäre um mein Köpfchen schad!

(Gewiß, das ist’s ja in der Tat!)

Ich will ihn nicht, ich will ihn nicht

zu einem Urteil drängen!

In einem Tag, in einem Tag

kann mancherlei geschehen!

Mit einem Schlag und ohne Frag’

der ganze Spuk verwehen.

Was soll nicht schon gewesen sein?

Vielleicht stürzt eine Mauer ein?

Viellleicht auch rettet mich davon

die langersehnte Rebellion?

(Es wäre ziemlich dringend schon.)

Das wollte ich, das wollte ich

am wenigsten verschmähen!

Ihr meint bedrückt, ich sei verrückt,

so schnell kann sich nichts wenden.

Nun denn – mißglückt! Nun denn – mißglückt.

Dann muß ich eben enden!

Heut aber pfeif’ ich doch mein Lied!

Vielleicht … – Wer weiß, was noch geschieht?

Erst wenn der Strick den Atem nimmt,

die schöne Welt vor mir verschwimmt,

find’ ich mich ab – und dann bestimmt.

Und winke euch, und winke euch

noch einmal mit den Händen.

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