29. Januar 2014

Lob dem Aktivisten

Pete Seeger ist tot. Seine Lieder vom Kampf der Klassen, gegen Krieg und Rassismus bleiben

Gerd Schumann

Pete Seeger ist tot, verstorben am Montag in New York, jener Stadt, in der er am 3. Mai 1919 das Licht der Welt erblickt hatte. Er sei eine »Folklegende« heißt es nun in allerhand wohltönenden Nachrufen – eine Kategorisierung, die nur unvollkommen die Bedeutung des hageren, knorrigen, bis zum Ende aufrechten Musikers trifft. Tritt doch mit Seeger einer der letzten Alten aus einer ganz besonderen Künstlergeneration ab, die das Wort »Aktivist« als Lob verstand. Der Sänger mischte sich ein, zeigte Flagge, sah in seinen Songs, den Auftritten immer auch etwas Politisches, von seinem Publikum Geteiltes und Weitergetragenes. Kurz: Eine Kunst, die sich einmischte und niemals in jene peinliche Beliebigkeit nichtssagender Oberflächlichkeit abrutschte, die die kommerzielle Unterhaltungsindustrie ihren Produkten zumutet. Seeger wurde zum Symbol, als er für die Gewerkschaftsbewegung sang, für die schwarzen und roten Bürgerrechtler. Noch 2012 trat er mit seinem Bruder im Geiste, Harry Belafonte, mit Jackson Browne und anderen für den seit über 37 Jahren eingeknasteten Leonard Peltier vom American Indian Movement auf.

Lange boykottiert

Seeger selbst mußte ins Gefängnis, verurteilt zu zehn Jahren, nachdem er 1955 seine Aussage vor den Gesinnungsschnüfflern des Kommunistenjägers McCarthy verweigert hatte. Dem Komitee für unamerikanische Umtriebe, vor das zu Kalte-Kriegs-Zeiten auch Brecht, Eisler und andere deutsche Antifaschisten gezerrt worden waren, mußte auf Seegers Worte verzichten – und der auf seine Freiheit außerhalb der Kerkermauern. Die erhielt er auch nach seiner frühzeitigen Begnadigung ein Jahr danach nur eingeschränkt zurück: Alle öffentlichen Medien boykottierten den einst gefeierten Freiheitskämpfer für lange 17 Jahre, er erprobte eine »kulturelle Guerillataktik« – wie er es nannte – mit meist kleinen Auftritten an der Basis, der er sich zugehörig fühlte (siehe Spalte). Noch 1967 schnitt CBS seinen Antikriegssong »Waist Deep In The Big Muddy« aus dem Programm. Da lief die kleine Zeitenwende bereits auf Hochtouren, der Protest gegen die Folterer und Flächenbombardierer in Südostasien unter Führung des »Völkermörders Johnson« (Degenhardt). Pete Seeger reihte sich vorne ein – und auf immer unvergessen, wenn es gegen Krieg und Unterdrückung geht, werden seine wichtigsten Lieder bleiben. »Turn turn turn«, der großartige Aufruf an alle, endlich umzukehren, Leid und Elend zu überwinden, Liebe und Frieden zu erringen. »Ich schwöre, es ist nicht zu spät«, sangen die »Byrds« aus allen Jukeboxes und vor allem: aus den Radios. Der Seeger-Boykott in den USA wankte, derweil in der alten BRD Marlene Dietrichs Rückkehr auf deutsche Bühnen geschmäht wurde. »Sag mir, wo die Blumen sind«, sang der Weltstar und interpretierte eines der wichtigsten Friedenslieder überhaupt auf ihre ganz eigene, lakonische, Tränen in die Augen treibende Art und Weise – speziell für das westdeutsche Publikum. Pete Seeger, der Geächtete, auf deutsch vorgetragen von einer im postfaschistischen Deutschland Unwillkommenen. »Where have all the flowers gone?«, 1955 von Seeger geschrieben, bis heute ungezählte Male aufgeführt – ein pazifistisches Monument. Wegen »Pazifismus« hatte schon sein Vater Charles, ein Musikwissenschaftler, 1918 seine Professur an der Berkeley-Universität verloren – öffentliche Äußerungen gegen die US-Beteiligung am Ersten Weltkrieg führten zum erzwungenen Abtritt. Zwanzig Jahre später flog Pete, Student der Soziologie, vom Harvard College – wegen politischer und musikalischer Betätigung. Auf den Spuren seines Vaters, der als einer der ersten überhaupt musikethnologische Forschungen betrieben hatte, sammelte er nunmehr die verstaubten, in etablierten Chorgesellschaften konservierten oder vergessenen Volkslieder zusammen, widmete sich dem Südstaaten-Blues, lernte die Worksongs von den Cotton Fields. Das erzwungene Ende seines Studiums erwies sich als Glücksfall für die Musikgeschichte.

Musikalische Hochkaräter

»We shall overcome« in neuem Gewand. 1941 entstanden zunächst »The Almanacs«, bei denen Seeger auf Woody Guthrie traf, und im Laufe der wirren Zeiten auch auf andere, der linken Bewegung in den USA eng verbundene musikalische Hochkaräter wie Leadbelly und Paul Robeson. Die als »kommunistisch« abgestempelten Almanacs – Seeger war 1942 Mitglied der KP geworden, entfernte sich dann nach eigenen Aussagen »langsam« in den fünfziger Jahren – gerieten nach Pearl Harbor wegen ihrer »Organizing songs« (Joan Baez) für die Trade ­Unions, gegen den Krieg ins Visier des FBI. Auch wenn sie schließlich dem Kampf gegen Nazideutschland ihre sonstigen Ziele unterordneten: In der Vergangenheit habe er manche Meinungsverschiedenheit mit dem Präsidenten gegeben, sang Seeger. Aber, Mister President, das sei nunmehr alles nicht wichtig: »Wir müssen Mr. Hitler schlagen, und bis das gelingt, müssen andere Dinge warten.« (Dear Mister President). Pete Seeger trat mit seinem fünfsaitigen Banjo als Truppenbetreuer im pazifischen Raum auf, doch folgte der Volksfront mit historischer Zwangsläufigkeit die Repression der Linkskräfte in manchem westlichen Land. Die Almanac-Nachfolger »The Weavers« erreichten zwar mit dem Leadbelly-Song »Goodnight, Irene« die Spitze der Charts, hatten weitere Erfolge. Das 1949 von Seeger geschriebene »If I Had a Hammer« wurde im Zuge auch der Neuinterpretation von Peter, Paul and Mary 1962 zu einer Hymne der Bürgerrechtsbewegung. Doch waren zu dem Zeitpunkt auch die »Weavers« längst gebannt. Mit der Organisation »Peoples Songs«, die Seeger 1942 gegründet hatte, wollte er den Menschen ihre originäre Musik zurückgeben – deutlich abgegrenzt »von den gelehrten Volksmusikgesellschaften«. Im Rückblick fällt hierzu eine gewisse Parallelität zu Seegers Auftritt 1967 an der Westberliner »Schaubühne« am Halleschen Ufer auf: Sein Umgang mit dem US-Folk, aber auch mit den Liedern der Inter­brigaden in Spanien und den jüngeren Werken eines Bob Dylan inspirierte auch die westdeutsche Liedermacherszene. In der DDR trat Seeger 1986 beim »Festival des Politischen Liedes« auf, auf der Compilation ist »Turn, turn, turn« vertreten. Im September 2008 demonstrierte Seeger noch einmal vor einem Millionenpublikum seine Fähigkeit, Geschichte von unten in Liedern zu erzählen und die Menschen – selbst vor den Bildschirmen – zu begeistern. Ausgerechnet in der meist mit einer unangenehm-frotzeligen Witzigkeit daherkommenden »Late Night Show« von David Letterman präsentierte er seinen überkommenes »Hootenanny«-Singout – in der DDR von Perry Friedman bekannt gemacht. Text hiphop-mäßig improvisiert, der eingängige Refrain mehrfach wiederholt – sing along gefälligst! Und also vermittelt Seeger den Widerstand gegen die Apartheid, Alabama 1955, noch zu Quasisklavenhalterzeiten, als »ein junger Baptistenprediger einen Busboykott leitete«. Martin Luther King eben – und alle singen mit: »Sag nicht, das geht nicht / Die Schlacht hat grad begonnen / (Über)nimm es von Dr. King« (Take it from Dr. King). Das war vor Obamas Wahlsieg, als die Hoffnung auf »Change« wie eine Droge grassierte, und Seeger und Bruce Springsteen noch einmal gemeinsam Guthries »This land is your land« anstimmten mit einer halben Million am Lincoln-Denkmal. Dabei hätte mindestens der große Alte unter den Künstleraktivisten wissen müssen, daß jedes Ding seine Zeit hat. Also weiter: »There is a season – turn, turn, turn!«

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