21. Januar 2012

Mächtige Gönner

Vor 80 Jahren: Hitlers Rede vor dem Düsseldorfer Industrie-Club

Reiner Zilkenat

Der 26. Januar 1932 ist ein wichtiger Tag im Leben des Adolf Hitler. In den Abendstunden wird er im Düsseldorfer Parkhotel eine Ansprache halten, die ihn der Reichskanzlerschaft ein gutes Stück näher bringen soll. Vor mehr als sechshundert Industriellen, Managern und Verbandsvertretern wird er die Grundlagen und Ziele seiner faschistischen Partei erläutern, um sich der tatkräftigen Unterstützung der Herren von Rhein und Ruhr zu versichern. Seit dem überwältigenden Wahlerfolg der NSDAP bei den Reichstagswahlen am 14. September 1930, als seine Partei zur zweitstärksten parlamentarischen Kraft avancierte, haben sich die Kontakte zu Großindustriellen intensiviert. Beträchtliche Summen wurden ihm aus diesen Kreisen zur Verfügung gestellt, und einige dieser Herren machen inzwischen ihren Einfluß geltend, um ihn und seine Paladine in die Reichsregierung zu befördern. Doch der Auftritt im Düsseldorfer Parkhotel, organisiert vom einflußreichen »Industrie-Club«, soll neue Sympathisanten gewinnen, weitere Geldbörsen öffnen und Vorbehalte gegen die faschistische Partei ausräumen.

Vorträge vor Repräsentanten der Großindustrie sind für Hitler nicht neu. Seit seinem umjubelten Auftritt vor dem »Hamburger Nationalklub von 1919« am 28. Februar 1926 im Hotel Atlantic hat er wiederholt die Gelegenheit genutzt, vor Repräsentanten des Kapitals seine politischen Ansichten darzulegen. Noch wichtiger als diese Auftritte vor großem Publikum sind aber die zahlreichen Gespräche in vertraulicher Runde, die an Rhein und Ruhr, in Hamburg und seit 1931 ständig mit den Herren der Banken und der Industrie in Berlin stattfinden. In den Tagebüchern des Berliner Gauleiters der Faschisten Joseph Goebbels und des wirtschaftspolitischen Beraters Otto Wagener lesen wir dazu bemerkenswerte Notizen. Hitler empfängt in seinem Berliner Domizil, einer komfortablen Suite des Hotels »Kaiserhof«, regelmäßig führende Vertreter des Großkapitals zu intensiven Gesprächen. Die Industriellenfamilie Quandt, Großaktionäre bei den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken, den Mauser-Werken und der Accumulatoren Fabrik AG (Varta), geht beim »Führer« der NSDAP ein und aus.

Neben den Quandts werden u. a. die Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden der Allianz-Versicherung, Kurt Schmitt und August von Finck, das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank Emil von Stauß und immer wieder Fritz Thyssen genannt, der Aufsichtsratsvorsitzende des größten schwerindustriellen Konzerns in Europa, der Vereinigten Stahlwerke AG.

Stauß begeistert sich bei einer sommerlichen Bootsfahrt auf der Havel im Jahre 1931 derart für die Pläne Hitlers, daß er – wie Otto Wagener notiert – einige Tage später Göring »einen größeren Betrag zur Verfügung« und weitere Zahlungen bei Bedarf in Aussicht stellt. Thyssen hatte bereits die Finanzierung des »Braunen Hauses« in München besorgt, überdies ist er im Dezember 1931 Mitglied der NSDAP geworden.

Die Verbindungen zu den Herren von Rhein und Ruhr pflegt Hermann Göring, der aus dieser Quelle immer wieder Bargeld empfängt und es teilweise an Hitler persönlich aushändigt. »Umschlagplatz« dieser Transaktionen ist Görings Berliner Wohnung in der Badenschen Straße 7 im Bezirk Schöneberg.

Alles spricht dafür, daß Hitler der Umgang mit dem Publikum bei seiner Rede am 26. Januar 1932 nicht fremd ist. Mit welchen Argumenten will er von seinem Auditorium weitere Unterstützung gewinnen?

Bevor Hitler ans Rednerpult tritt, gilt es, die von der kommunistischen und sozialdemokratischen Presse mobilisierten Demonstranten vom Tagungsort fernzuhalten. Die Polizei nimmt Verhaftungen vor und versucht, die Menge zu zerstreuen. Hitler kann das Hotel nur durch einen Seiteneingang betreten. Gegen 18 Uhr beginnt er seine mehr als zweistündige Rede, die wiederholt von Beifallsbekundungen des Publikums unterbrochen wird. Wegen des großen Andrangs muß in einem angrenzenden Raum zusätzlich eine Lautsprecherübertragung organisiert werden.

Hitler hält keine Rede zu aktuellen Fragen der Politik. Vielmehr bietet er seiner Zuhörerschaft ein Referat über die Grundsätze und Ziele seiner Partei. Dabei knüpft er an die traditionell reaktionären Überzeugungen der Herren von Rhein und Ruhr an und verbindet sie geschickt mit der politischen Programmatik seiner Partei. Gleich zu Beginn formuliert er seine Anschauung, daß es in Deutschland fortan keinen Platz für »das demokratische Prinzip« geben dürfe. Nicht in der Politik, nicht in der Wirtschaft. Dem »Leistungsprinzip«, nicht dem Gleichheitsprinzip sei allenthalben Geltung zu verschaffen: »Es ist Wahnsinn zu sagen: Auf wirtschaftlichem Gebiete sind unbedingt Wertunterschiede vorhanden, auf politischem Gebiete aber nicht! Es ist vielmehr logisch, daß wenn ich auf dem Gebiete der Wirtschaft die absolute Anerkennung der besonderen Leistungen als die Voraussetzung jeder höheren Kultur anerkenne, ich dann politisch ebenso die besondere Leistung und damit die Autorität der Persönlichkeit voranstellen muß.« Es müsse wieder »die Vermählung von Herrensinn im politischen Wollen und Herrensinn in der wirtschaftlichen Betätigung als unbedingt nötig anerkannt« werden. Aus der Verschiedenheit menschlicher Leistungen ergebe sich die Legitimation des Privateigentums.

Die größte Gefahr drohe Deutschland und der deutschen Wirtschaft von seiten des Bolschewismus. Hierbei handle es sich um eine »Weltauffassung«, die gegenwärtig die »Grundlage einer der größten Weltmächte«, also der Sowjetunion, bilde. »Der Bolschewismus«, so fährt er fort, »wird, wenn sein Weg nicht unterbrochen wird, die Welt genauso einer vollständigen Umwandlung aussetzen wie einst das Christentum.« Man habe sich auf einen Generationen, ja auf einen Jahrhunderte währenden Kampf einzustellen: »30 oder 50 Jahre spielen dabei gar keine Rolle«.

Zugleich verweist Hitler auf den von den Faschisten proklamierten Zusammenhang eines erfolgreichen Kampfes gegen den Bolschewismus mit der notwendigen Expansion des deutschen Imperialismus. »Wie soll ein Volk überhaupt noch einen Faktor nach außen darstellen, wenn 50 Prozent seiner Angehörigen bolschewistisch und 50 Prozent national orientiert sind? Um die Lösung dieser Frage kommen wir nicht herum!« An dieser Stelle vermerkt das Protokoll »lebhaften Beifall«.

Hitler erinnert sein Auditorium an die Erfahrungen des November 1918. Die Lehre der damaligen Revolution hätten in Deutschland nur die Faschisten gezogen. Im Kern ginge es darum, »den Marxismus bis zur letzten Wurzel in Deutschland auszurotten«. Seine Partei und die SA könnten 400000 Männer »auf die Straße herausbringen, die blinden Gehorsam in sich tragen, die jeden Befehl vollziehen«. Am Ende seiner Ausführungen bietet sich Hitler als den einzigen Ausweg aus der Krise für den deutschen Imperialismus an: Nur er und seine »Bewegung« könnten einen »gesunden, nationalen und schlagkräftigen Volkskörper« schaffen, erfüllt von »Idealismus« und fähig, »neuen Lebensraum« zu schaffen.

Den mehr als zweistündigen Redemarathon des Faschistenführers quittieren die Anwesenden mit einem »stürmischen, lang anhaltenden Beifall«.

Im Bericht eines anwesenden Beamten der Politischen Polizei heißt es, daß der Vortrag »einen tiefen Eindruck« gemacht habe und die Herren Thyssen und Haniel, letzterer Großindustrieller und Vorsitzender des »Industrie-Clubs«, erkennen ließen, »daß Hitler allen aus der Seele gesprochen hat und die Gefolgschaft dieser Leute ihm sicher ist«.

Mit den Worten von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, formuliert in einem persönlichen Brief an Hitler vom 25. April 1933: »Die politische Entwicklung begegnet sich mit Wünschen, die ich selbst und das Präsidium des Reichsverbandes der Deutschen Industrie seit langem gehegt habe.«

Quellentext: Aus Aufzeichnungen von Hitlers Wirtschaftsberater Otto Wagener

Walter Funk (Verbindungsmann Hitlers zu Großindustriellen – R.Z.) hatte für diesen Nachmittag die beiden führenden Männer des Allianz-Konzerns eingeladen, deren Zentralverwaltung dem Hotel Kaiserhof gegenüber lag: Die Herren Dr. Schmitt und von Finck. Als sie um vier Uhr kamen, trug ihnen Hitler seine Gedanken vor. Daran schloß sich noch eine kurze Unterhaltung an, die durchblicken ließ, daß beide Herren die politische Lage angesichts der offenbaren Unmöglichkeit, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, schwarz ansahen und deshalb unbedingt mit Unruhen und einem großen Ruck nach links rechneten. Funk begleitete sie hinaus und kam nach 5 Minuten mit der Mitteilung zurück, daß der Allianz-Konzern im vorgesehenen Fall 5 Millionen Mark zur Verfügung stellen werde. Hitler war im Augenblick sprachlos. Als Funk uns verlassen hatte, fragte Hitler, ob ich mit solchen Ziffern gerechnet habe. Als ich bejahte, sagte er: ›Da erkennt man erst, was die Großwirtschaft für eine Macht besitzt. Denn diese Millionen sind Macht. Und wenn sie die Millionen uns zur Verfügung stellen, dann können sie sie nicht gleichzeitig einer anderen Partei oder Organisation zur Verfügung stellen. Also geben sie uns ihre Macht!‹«

undatiert, Mitte 1931

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