21. September 2013

Märtyrer für die Nazis

Faschistische Propaganda: Im Film »Hans Westmar« wurde 1933 das Leben des Luden Horst Wessel in Szene gesetzt

Vor 80 Jahren wurde der Berliner Stadtteil Friedrichshain nach dem SA-Angehörigen und Zuhälter Horst Wessel benannt

Mark Altten

Am 28. September 1933 verfügte der Stadtgemeindeausschuß Berlins, der Bezirk Friedrichshain solle fortan Horst-Wessel-Stadt heißen. Zum besonderen Nachruhm der Ikone der Nazibewegung und als Provokation der Bewohner des Bezirks, der eine Hochburg von Sozialdemokraten und Kommunisten war. Die Festung der Arbeiterbewegung zu stürmen, hatte sich der von Hitler 1926 als Statthalter nach Berlin beorderte Joseph Goebbels auf die Fahnen geschrieben. Den Weg dorthin konnten gar nicht genug Leichen pflastern. Bei der Wahl seiner Anhänger war er nicht anspruchsvoll. Einer seiner gelehrigsten Schüler war Horst Wessel. Als dieser am 23. Februar 1930 an einer Vergiftung seines »arischen Blutes« starb, war auch dies für Goebbels ein Glücksfall.

Der 1907 in Bielefeld geborene Horst Wessel war in jungen Jahren nach Berlin gekommen, wo sein Vater, ein erzreaktionärer protestantischer Geistlicher, ein Pfarramt an der Nikolaikirche bekam. Ganz im Sinne des Vaters, der im Ersten Weltkrieg als Feldgeistlicher »siegerstürmendes deutsches Heldentum« beschwor, schlug auch der Sohn den Weg von Nationalismus und Rassismus ein. Schon mit 19 Jahren trat Wessel der Nazipartei und der SA bei. In noch jüngeren Jahren war er auch Mitglied in verschiedenen paramilitärischen Organisationen gewesen.

Der Berliner NSDAP-Gauleiter Joseph Goebbels notierte am 16. Januar 1929 in seinem Tagebuch über Wessel begeistert: »Ein braver Junge, der mit einem fabelhaften Idealismus spricht« und der »den Mangel an Aktivismus in der SA« bedauert. Wessel empfahl sich geradezu als Führer der SA-Schlägerhorden. Im Frühjahr 1929 übernahm er das Kommando des SA-Sturms 5 im roten Arbeiterbezirk Friedrichshain. Seinen Lebensunterhalt verdiente er nach einem abgebrochenen Studium als Taxifahrer und Ähnlichem.

Kiezscharmützel

Ab November 1929 wohnte er bei der Witwe Elisabeth Salm in der Großen Frankfurter Straße 62, der heutigen Karl-Marx-Allee, zur Untermiete. Ein Mietverhältnis, das nicht spannungsfrei lief, denn Wessel brachte gleich noch seine 24jährige Freundin Erna Jaenichen in die Wohnung mit.

Er hatte – wie der Wessel-Biograf Daniel Siemens schreibt – »Jaenichen im Café Mexiko unweit des Alexanderplatzes kennengelernt (…) Hier verkehrten leichte Mädchen, Kleinkriminelle, aber auch Arbeiter mit ihren Familien.« Erna Jaenichen war als Prostituierte im Kiez nicht unbekannt.

Über die Mitbewohnerin – für die Wessel kein Wassergeld zahlen wollte – war Elisabeth Salm in Streit geraten. Sie selbst war zwar so unpolitisch, daß sich an dem Untermietverhältnis mit dem SA-Mann nicht störte, nun aber wollte sie sich von den Freunden ihres frühverstorbenen Ehemanns Hilfe holen. Die waren im inzwischen verbotenen Rotfrontkämpferbund zu finden. Sie wußte, daß diese in der Dragonerstraße 48 im Lokal Baer verkehrten.

Am 14. Januar 1930 erscheint Elisa­beth Salm in dem Lokal und trägt ihr Ansinnen vor. Einige der dort Anwesenden folgen ihr in die Mansardenwohnung in der Großen Frankfurter Straße. Vorneweg geht Albrecht Höhler, genannt Ali, gefolgt von Erwin Rückert. Höhler, der als Zuhälter eine stattliche Liste an Vorstrafen aufzuweisen hat, kennt den Konkurrenten Wessel. Er und Rückert sind mit Pistolen bewaffnet. Elisabeth Salm hatte sie gewarnt, daß Wessel ebenfalls zwei Revolver in der Wohnung aufbewahren würde. Gegen 22 Uhr treffen Höhler und die Begleiter in der Wohnung der Salm ein. In Wessels Zimmer sind noch zwei junge Frauen. Noch ehe der SA-Spelunkenheld zur Waffe greifen kann, hat Höhler abgedrückt. Wessel sackt, an Mund und Hals getroffen, zusammen. Eine der jungen Frauen in der Wohnung ist Erna Jaenichen und sie macht den verräterischen Ausruf: »Du, Ali?« Jaenichen kennt also Höhler, der in Zuhälterkreisen im Kiez ebenfalls kein Unbekannter ist.

Der Literat Heinz Knobloch stellt zu den Vorgängen einige Überlegungen an: »Warum erschoß Höhler nicht auf der Stelle das junge Mädchen, das ihn erkannt hatte und später identifizieren würde? Und ihre Freundin, damit es keine Zeugen gäbe? Damit niemand reden konnte, ausgenommen ­Elisabeth Salm, die Höhler nicht mit Namen kannte und lieber nichts wissen würde später? Warum ballert Rückert nicht? Es geht preußisch und grotesk zu in Wessels Mansardenzimmer.« Auf jeden Fall sind die Vorgänge nicht auf eine Anweisung der KPD zurückzuführen. Was stattfand war ein Kiezscharmützel.

Willkommener Toter

Die entscheidende schnelle medizinische Hilfe verhindert Wessels selbst. Der jüdische Arzt Dr. Max Selo, der unweit des Tatorts wohnt und seine Praxis hat, ist rasch zur Stelle. Aber er muß unverrichteter Dinge wieder abziehen, Wessel verbittet es sich, von einem Juden behandelt zu werden. Als er nach Stunden in das Krankenhaus Friedrichshain eingeliefert wird, ist der Blutverlust bereits sehr groß, seine Gesundheit entscheidend angegriffen. Dennoch dauert es noch 40 Tage, bis der SA-Sturmführer am 23. Februar 1930 in Folge einer Blutvergiftung verstarb.

Wessels Leiche kam auf dem Seziertisch des Gerichtsmediziners Dr. Waldemar Weimann. Auf die Weigerung Wessels anspielend, die Hilfe des jüdischen Arztes Selo in Anspruch zu nehmen, vermerkte er später über die Todesursache: »Horst Wessel – gestorben an Rassenhaß.«

Bereits kurz nachdem Wessel bei dem Geplänkel verletzt worden war, begann die Nazipresse, unterstützt von der rechten bourgeoisen Journaille, ein wahres Trommelfeuer gegen die KPD. Weimann bemerkte in seinen Memoiren zu dieser Strategie: »Meister dieses Reklamerummels um Tote war der Nazigauleiter Joseph Goebbels. Selbst SA-Leute behaupteten, daß der ›kleine Doktor‹ manchmal händeringend nach einem neuen Toten schrie, wenn der Redaktionsschluß des ›Angriff‹ näher rückt und ihm noch keine zugkräftige Schlagzeile eingefallen sei.« Bereits am 19. Januar schrieb Goebbels in seiner Postille Der Angriff, Wessel habe das Schicksal getroffen, ein »Schicksal, das wir eigentlich seit Langem mit bangen erwartet haben.«

Noch ehe der SA-Schläger verblichen ward, wurde er von der Naziführung zum Märtyrer verklärt. Sein Tod paßte bestens ins Konzept Goebbels. Dieser arrangierte dazu die Beisetzung auf dem Friedrichshainer Nikolai-Friedhof am 1. März 1930 als politisches Spektakel. Mit einem Schönheitsfehler: Hitler zog es vor, der Inszenierung fernzubleiben. Noch haftete der Geschichte allzusehr der fade Beigeschmack einer Zuhälterfehde an, von der er befürchtete, daß sie ihm im bevorstehenden Wahlkampf schaden könnte. Erst nach seiner Machtübernahme 1933 nutzte er weidlich den von Goebbels geschaffenen Wessel-Kult. Nun wurde die von ihm, zu geklauter Melodie, ausgebrütete Lumpenarie »Die Fahne hoch« – besser als Horst-Wessel-Lied bekannt – von den Nazis zur zweiten Nationalhymne erkoren.

Mit einer Flut von Gedenkveranstaltungen und -stätten, Veröffentlichungen und Umbenennungen bastelten die Nazis an der Legende des Horst Wessel. Knapp drei Monate nach dem Untergang des braunen Reiches, tilgte der Berliner Magistrat am 30. Juli 1945 den Namen des Verwaltungsbezirks Horst Wessel. Friedrichshain erhielt wieder seinen alten Namen.

Pressestimmen zu Wessels 80. Todestag: »Für die Nazis war sein Tod ein Glücksfall«

»Der Gauleiter der NSDAP für Berlin-Brandenburg und spätere Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, der Wessel 1929 kennengelernt hatte, besuchte den Schwerverletzten mehrfach im Krankenhaus. Er erkannte das propagandistische Potential des Falles: ›Ein neuer Märtyrer für das Dritte Reich‹, schrieb er am 23. Februar in sein Tagebuch, unmittelbar nachdem er die Todesnachricht erhalten hatte, und begann sogleich, den Verstorbenen als Vorbild für die Jugend und ›ganz Deutschland‹ hinzustellen.«

Süddeutsche Zeitung, 19.5.2010

»Für Berlins NSDAP-Chef und späteren Propagandaminister Joseph Goebbels kam Horst Wessels Tod vor 80 Jahren wie gerufen. Damit hatte er nicht nur einen lange gesuchten Märtyrer, sondern war auch einen lästigen Konkurrenten los.«Die Welt, 14.1.2010

»Es war eine gewöhnliche Bluttat im Berliner Milieu. Eine Vermieterin hatte Streit mit einem Pärchen in einer ihrer Wohnungen. Um den beiden einen Denkzettel zu verpassen, rief sie Bekannte zu Hilfe, die den beiden eine Abreibung verpassen sollten. Bei der folgenden Auseinandersetzung blieb der Mieter jedoch tödlich verletzt zurück. Als er starb, wurde die Angelegenheit zu einem Politikum. (…) Für die Nazis war sein Tod ein Glücksfall.«

Focus, 14.1.2010

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