26. November 2011

»Mag kommen, was will«

In faschistischer Haft schwer gefoltert: der Reichstagsabgeordnete und spätere Spanienkämpfer Hans Beimler (1895–1936) – das Bild aus dem Todesjahr zeigt ihn als Angehörigen der Internationalen Brigaden

Vorabdruck. Hans Beimler: »Im Mörderlager Dachau«

Hans Beimler, geboren 1895 in München und von Beruf Schlosser, gehörte zu den Gründungsmitgliedern der KPD und war ab 1932 Reichstagsabgeordneter und Bezirkssekretär für seine Partei. Im April 1933 wurde er von den Faschisten verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau verschleppt, von wo er wenig später floh. Als 1936 die faschistischen Putschisten um General Francisco Franco die spanische Republik bedrohten, kämpfte er als einer der ersten ausländischen Freiwilligen an der Seite des spanischen Volkes. Er wurde politischer Kommissar in den internationalen Brigaden. Am 1. Dezember 1936 fiel er vor Madrid.

Nun, da sich der Todestag des Kommunisten und Interbrigadisten zum 75. Mal jährt, erscheint im Kölner PapyRossa Verlag Hans Beimlers Bericht »Im Mörderlager Dachau« in einer neuen, von Friedbert Mühldorfer kommentierten und mit einer biographischen Skizze versehenen Ausgabe. jW veröffentlicht einen Auszug aus dem Text, einem der frühesten authentischen Zeugnisse des faschistischen Terrors gegen die Arbeiterbewegung, vorab.

Nachdem es den Faschisten in Bayern ohne Widerstand der Held-Stützel-Schäffer-Regierung1 – und leider auch ohne nennenswerten Widerstand seitens der Arbeiterschaft – gelungen war, am 9. März 1933 die ganze Macht an sich zu reißen, setzte selbstverständlich mit gesteigerten Kräften eine unerhörte Verfolgungskampagne gegen die Kommunistische Partei ein. (…) Soweit die bayrischen Städte München, Nürnberg, Augsburg usw. in Frage kamen, war der Erfolg der einsetzenden Verhaftungsaktionen nicht allzu groß, denn »die meisten Vögel waren ausgeflogen« – d.h. soweit Kommunisten in Frage kamen, waren sie ja schon seit dem 30. Januar, dem Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, fast vollkommen illegal. (…)

Im übrigen ist es der Polizei bis zu meiner Verhaftung am 11. April nicht gelungen, die Leitung der Partei nennenswert zu schwächen. (…) Entgegen meinem Prinzip und dem aller anderen Mitglieder des Sekretariats hatte ich statt der Nacht den Nachmittag des 11. April als den Zeitpunkt des Zusammentreffens festgelegt. Wie verabredet, erschienen die zwei bestellten Genossen pünktlich, und nach kurzer Aussprache wurde ein Genosse wieder weggeschickt. Nach etwa vier bis fünf Minuten wollte ich mich auch von dem noch anwesenden Genossen trennen. Im gleichen Augenblick hielt plötzlich ein Auto, sechs Kriminalbeamte, das heißt SS in Zivilkleidung, sprangen aus dem Wagen und verhafteten mich und den noch anwesenden Genossen. An Ort und Stelle untersuchte je ein Polizist unsere Taschen, wobei uns die anderen vier mit Pistolen in den Händen umringten.

Nachdem die Untersuchung vollkommen ergebnislos verlief, fragte ich, was denn eigentlich los sei – worauf mich einer von diesen Helden mit »halts Maul« in den Wagen stieß. Nachdem man noch das Fahrrad des mitverhafteten Genossen an der Rückwand des Autos festgebunden hatte, wurden wir ins Polizeipräsidium gebracht.

»Aus mit der Weltrevolution«

Kaum hatten sich die Tore des Polizeipräsidiums »Ettstraße« hinter uns geschlossen, verbreiteten die Polizisten, die uns verhaftet hatten, wie ein Lauffeuer die Nachricht von meiner Verhaftung: »Den Beimler ham ma, den Beimler ham ma!« In wenigen Minuten waren wir von SA und SS umringt; sie überschütteten uns, vor allem mich, mit allen möglichen Beschimpfungen: »Na Bürscherl, jetzt haben wir dich!« »In Dachau sehen wir uns wieder!« »Jetzt ist’s aus mit der Weltrevolution!«, »Du Hetzer!« u.a.m. Alles war sichtlich erfreut über den »Fang«, den sie da gemacht hatten. Ein SA-Mann sprang vom Hochparterre aus dem Fenster, um mich zu sehen und seiner »Freude« Ausdruck zu verleihen. Nun ging’s hinauf zu der im ersten Stock untergebrachten politischen Abteilung »6/A-«.

Wie unten im Hofe war auch oben das »Vorführungszimmer« wie auch das anschließende in wenigen Minuten überfüllt; es war ein Kommen und Gehen. Wieder wurden meine Kleider durchsucht; Schuhe und Strümpfe mußte ich ausziehen, die Hose herunterlassen – doch es fand sich nicht mehr als schon nach der Durchsuchung bei der Verhaftung. Die Herrschaften waren sichtlich enttäuscht darüber, daß ich nicht den »Aufstandsplan der Weltrevolution« oder wenigstens eine »schwarze Liste« mit soundsovielen tausend Namen aller SS- und SA-Führer und eventuell auch ein kleines Maschinengewehr oder einen »Lageplan über Waffenlager« usw. bei mir hatte. Inzwischen hatten zwei Sekretäre den sogenannten Vorführungsbogen bereitgelegt. Während einer davon mit Schreibmaschine ausgefüllt werden sollte und bereits in die Maschine eingespannt war, hatte ein anderer bereit gelegen, um als »Original« mit Handschrift ausgefüllt zu werden.

Als ich die Frage: »Welche Funktion in der Partei zuletzt« mit »Parteisekretär und Reichstagsabgeordneter« beantwortete, rief einer gleich dazwischen: »Gewesen!« – worauf ich antwortete: »Wenn Sie sagen ›gewesen‹, dann kann ich nur erklären, daß ich, wie schon zweimal, von 60000 Münchener Arbeitern auf der Liste der Kommunistischen Partei auch am 5. März in den Reichstag gewählt worden bin. Wenn ich zur Zeit mein Mandat nicht ausüben kann, dann ändert das nichts an der Tatsache, daß ich von 60000 Münchner Arbeitern gewählt worden bin.« – Darauf erklärt ein anderer lächelnd: »Wir treiben dir deinen Reichstagsabgeordneten schon noch aus!« Nach Beantwortung einer Anzahl anderer Fragen mußte ich auf dem Originalbogen in deutscher Schrift ausfüllen: »Ich bin 1895 geboren, habe die Volksschule besucht und das Schlosserhandwerk gelernt«, und in lateinischer: »Ich bin seit 1918 Mitglied der KPD und hatte zuletzt die Funktion als Parteisekretär und Reichstagsabgeordneter.«

Nun wurde mir eröffnet, daß ich »vorläufig in Schutzhaft« bleibe, worauf mich ein SS-Mann abführte. Kaum hatten wir das Zimmer verlassen, legte er mir am linken Vorderarm den sogenannten »Achter« (die eiserne Fessel) an und »führte« mich den Korridor entlang. Hinter uns gingen außerdem noch zwei andere SS-Leute. Ich war nicht nur der Meinung, daß ich jetzt selbstverständlich in den Aufnahmeraum des Polizeigefängnisses gebracht werde, sondern war auch zugleich überrascht, daß ich, von den Beschimpfungen und ironischen Bemerkungen bei der Verhaftung und Einlieferung abgesehen, »glimpflich« weggekommen war. Aber unser Weg zum Gefängnis nahm eine andere Richtung als die, die ich in der Vergangenheit öfters geführt worden war. Es wird wohl wenige Kommunisten und noch weniger kommunistische Funktionäre geben, die nicht mit den »Örtlichkeiten« der Polizeipräsidien »vertraut« sind. So war ich im Augenblick, da unser Weg nicht die Treppe zum Gefängnis hinunter-, sondern an ihr vorbeiführte, auf die kommenden Dinge gefaßt. Blitzschnell wechselten in dieser Situation die Gedanken, und ich glaubte, man würde mich wohl gleich nach Dachau bringen. Inzwischen hatten wir das sogenannte Einwohneramt passiert und waren an diesem vorbei im »Weißen Saal« angekommen. Dieser »Weiße Saal«, der in der Vergangenheit zu Ausstellungszwecken und zur Auslegung der Wahllisten bei Parlamentswahlen und ähnlichem diente, war zu meiner Überraschung seit dem 10. März zum Schlaf- und Aufenthaltsraum der SA- und Stahlhelmwachen für das Polizeipräsidium und seine nähere Umgebung umgewandelt worden. Kaum hatten wir diesen Saal betreten und die im Saale anwesenden 50 bis 60 SA- und Stahlhelmleute erfahren, wer der Gefesselte war (nämlich der Beimler), erhob sich ein wahres Geheul, und es war mir nur möglich, eine Anzahl Schimpfworte und Drohungen zu vernehmen. Wir waren umringt, und die ganze Situation ließ mich das Schlimmste befürchten; während mich mein »Führer« durch die ganze Horde hindurchführte, folgte uns diese. (…)

Die Folter beginnt

Unterdessen gingen wir weiter und hatten die erste Treppe hinter uns. Bei der Wendung zur zweiten Treppe konnte ich feststellen, daß »nur« fünf oder sechs SS-Leute gefolgt waren; während die Horde oben im Saal an der Treppe hinter uns war, wurde es oben still. Man schob mich unter die Treppe in einen Raum, der kein Fenster aufzuweisen hatte und von einer kleinen Lampe beleuchtet war. Außer dieser kleinen elektrischen Birne war ein schwarzer Bürotisch und eine Militärbettstelle mit Strohsack als Inventar festzustellen. Während sich die Tür hinter uns schloß und der »Achter« von meiner Hand genommen wurde, stellte sich ein kleiner, brutal aussehender SS-Mann vor mich hin und kommandierte: »Hut und Mantel weglegen!« Ich kam der Aufforderung nach und legte die genannten Kleidungsstücke auf das erwähnte Feldbett. »Jacke und Weste ausziehen!« war das zweite Kommando. Da ich etwas zögerte, folgten gleich die Worte: »Schneller – schneller!« Auch diese beiden Stücke liegen auf Hut und Mantel; darauf das nächste Kommando: »Hose runterlassen!« Nun sollte ich mich über den Tisch legen. Mehr noch als beim zweiten Kommando zögerte ich, und im nächsten Augenblick »lag ich schon« mit dem Oberkörper über dem Tisch, während die Beine im rechten Winkel nach unten hingen. Mit dieser Lage war aber der »Kommandeur« nicht zufrieden: »Leg dich nur ganz drauf!« Da sie, wie dieser »Held« sagte, nicht viel Zeit hatten, zog er mich, den Kopf unter den Arm nehmend, ganz auf den Tisch. Er blieb gleich am Kopfende stehen und klemmte meinen Kopf unter den rechten Arm, wobei er mir zugleich mit der linken Hand den Mund zuhielt. Nachdem er mich in die von ihm gewünschte Lage gebracht hatte, hörte ich nur noch: »Los – drauf!« Und nun schlugen die braunen Kapitalsknechte solange auf meinem Körper herum (das Hemd hatte der »Kopfhalter« bis an den Kopf hochgezogen), bis ich keinen Laut mehr von mir gab. Ob es 60 oder 70 oder noch mehr Schläge mit dem Gummiknüppel waren – ich weiß es nicht, denn sie hatten mich bewußtlos geprügelt. Als ich wieder zu mir kam, kniete ich mehr, als ich stand, vor dem Tisch. Der Schweiß rann mir vom Gesicht, als hätte man mir einen Kübel Wasser über den Kopf gestülpt. Obwohl ich nicht fähig war zu stehen, brüllte mich der eine Bandit wieder an: »Los, Hose anziehen, aber schnell!« Aber sie hatten ja »so wenig Zeit« und machten Miene, aufs neue »drauflos« zu schlagen, wenn ich für das Anziehen zu lange Zeit brauchte. So stützte ich mich mit der rechten Hand auf die Kante des Foltertisches und mit der linken zog ich die Hose hoch. Vor Schmerzen hätte ich aufschreien können, als ich die Hosenträger über die Schultern streifte. Schwarz und flimmrig wurde es mir vor den Augen, und ich glaubte im letzten Augenblick wieder umzufallen. Ich kam aber doch noch so weit, mich ganz anzuziehen. Während ich meine Jacke anzog, fragte der »Kopfhalter«, ob ich mir jetzt auch noch »einbilde«, daß ich noch Reichstagsabgeordneter bin, worauf ich erwiderte: »Deshalb habt ihr mich so geschlagen?« »Das war noch viel zu wenig!« schrie einer dazwischen, der während der Schlägerei »neu« hinzugekommen war. Im nächsten Augenblick lag ich wieder auf dem Tisch, und nochmals prügelten sie auf mich ein – solange, bis kein Laut mehr von mir zu hören war. In der Tat war es nicht mehr auszuhalten, denn in der Zeit zwischen der ersten Quälerei und dem Anziehen waren meine Oberschenkel, das Gesäß und die beiden Schultern stark angeschwollen. »Genug«, hörte ich sagen, und die »Zange« wurde wieder locker, wobei ich zugleich vom Tisch geschoben wurde. Alle Kräfte mußte ich aufwenden, um mich nur einigermaßen aufrecht zu halten. »Bist jetzt zufrieden?« war die Frage, die zynisch an mich gerichtet wurde. Wollte ich nicht aufs neue über den Tisch geworfen werden, so mußte ich schweigen. (…)

»Ich sterbe für den Sowjetstern«

Die Tage bis zu meiner Überführung in das Konzentrationslager Dachau waren sehr »abwechslungsreich«. Es war ein Kommen und Gehen, denn außer dem alten Genossen Karl Hans, von Allach, einem Genossen aus Dachau, den sechs Reichsbannerleuten und mir waren die meisten Häftlinge nur einen oder zwei Tage in unserer Zelle. Entweder wurde der eine oder andere wieder entlassen oder kam in eine andere Zelle oder in ein anderes Gefängnis (Stadelheim – Neudeck – Kornelius) oder direkt nach Dachau. Neben den eingelieferten Funktionären der KPD, des KJVD und anderer Organisationen waren die meisten Verhafteten – d.h. neu Eingelieferten – Mitglieder der Kommunistischen Partei und Jugend. Viele Jugendgenossen fielen wegen Verkaufs der Neuen Zeitung und wegen Flugblattverteilung den Mordbanditen in die Hände. Diese Genossen waren nicht nur aktiv, solange sie in »Freiheit« waren, sie waren nicht weniger tapfer, als sie wegen ihrer revolutionären Tätigkeit gefoltert und mit dem Tode bedroht wurden. Leider ist es nicht möglich, all die Proleten namentlich anzuführen, die nicht nur nicht schwankend wurden, sondern einen wahren Heroismus an den Tag legten. Ein Beispiel hierfür: Von der Ortsgruppe Tutzing bei München wurde eine ganze Anzahl Genossen verhaftet, darunter mehrere Jugendgenossen. Wie die meisten Verhafteten wurden auch sie in die Folterkammer geführt und bekamen vorerst »nur« zehn Schläge mit dem Gummiknüppel auf das Gesäß. Dann wurde der eine gefragt: »Bist du noch für den Kommunismus?« Worauf der Jugendgenosse antwortete: »Ich müßte eine schwache Gesinnung haben, wenn ich diese wegen der zehn Gummiknüppelschläge verleugnen würde.« Das reizte natürlich die braunen Mörder, und sie schlugen den Genossen fürchterlich. Wieder die Frage: »Bist noch für den Kommunismus?« »Und wenn ihr mich totschlagt – ich sterbe für den Sowjetstern!« war seine Antwort. Darauf prügelten die Bestien solange auf dem Körper des Genossen herum, bis ihm das Fleisch in Fetzen vom Gesäß hing. Mit einer dicken Watteauflage wurde der Genosse in die Zelle hineingeschleppt. Als das die anderen Zelleninsassen sahen, steigerte sich noch der Haß bei den Gefangenen. Nur ein älterer Genosse ging in eine Ecke und … weinte.

Ein Dutzend solcher Beispiele könnte ich anführen. Das ist eines der Beispiele des wahren Heldentums der Kommunisten in den Kasematten des »Dritten Reiches«. (…)

Pistolen und Ochsenziemer

Nachdem seit meiner Verhaftung bereits 14 Tage vergangen waren, dachte ich schon nicht mehr daran, daß ich auch einmal dabei sein könnte, wenn der Gefängnisaufseher unter der Zellentür stand und die Namen derjenigen Gefangenen aufrief, welche abtransportiert wurden. So war ich ganz überrascht, als am 25. April vormittags u.a. auch mein Name mit der Bemerkung: »Handtuch abgeben, alles mitnehmen«, aufgerufen wurde. Unten im Aufnahmeraum des Gefängnisses wurden uns die bei der Einlieferung abgenommenen Sachen – mit Ausnahme von Messer oder Stock – wieder ausgehändigt, und wir mußten dann hinter einen aus dicken Rundeisen bestehenden Käfig treten.

Nachdem alle abgefertigt waren – es mögen zehn oder zwölf Genossen gewesen sein – erschien ein sogenannter Kriminalbeamter mit einem großen Hakenkreuzplatschari am Aufschlag des Jacketts. Nach nochmaligem Namensaufruf erklärte er: »Sie kommen jetzt nach Dachau und mache Sie darauf aufmerksam, daß auch nur beim geringsten Fluchtversuch rücksichtslos geschossen wird. Außerdem ist auch im Wagen das Rauchen und das Sprechen mit anderen Gefangenen verboten.« (…)

Nach 20 bis 25 Minuten Fahrzeit hatten wir das Lager erreicht, auf das wir schon von weitem durch ein Labyrinth von Stacheldrahtverhau aufmerksam wurden. Vor dem Verwaltungsgebäude stand schon eine ganze Horde SA- und SS-Männer, die zum größten Teil nicht nur ihre Langlaufpistolen, sondern auch, wie der Kommandant des Lagers, 60 bis 70 Zentimeter lange Ochsenziemer in ihren mit Arbeiterblut befleckten Händen hielten. Noch nicht die Hälfte hatte das Auto verlassen, da erhob sich schon ein Gebrüll, weil die Leute noch nicht in »Front zu zwei Gliedern« vor den braunen Söldnern angetreten waren.

Ich stand im zweiten Glied in der sechsten Reihe, was dem ebenfalls und nur meinetwegen mitgekommenen SS-»Helden«, der mir im Polizeipräsidium den Kopf unter seinen Arm geklemmt hatte, als ich in der Folterkammer geprügelt wurde, nicht paßte. Er forderte mich auf, mich als rechter Flügelmann aufzustellen. Während dieses Platzwechsels hatte schon der Namensaufruf begonnen. (…) Jeder Aufgerufene mußte mit »hier« antworten, wobei er eine »militärische Haltung« einzunehmen hatte. Den Namen Beimler hat der Kerl mindestens acht bis zehn Mal aufgerufen, weil ich nicht laut genug »hier« geantwortet habe. Nebenbei machten andere höhnische Bemerkungen: »Dem bringen wir’s schon noch bei!« – »Der bezahlte Agent Moskaus wird’s noch lernen« u.a.m. (…)

Immer wieder Schläge

In einer größeren Halle, in der ein paar Regale und einige Tische standen, mußten wir unsere Sachen aus den Taschen nehmen und auf den Tisch legen. Wieder hatte ich dem anwesenden SS-Banditen Steinbrenner2, von dem ich immer sagte, daß auf ihn der Name Mordbrenner besser zutreffen würde – denn er ist der Mörder und Peiniger aller in Dachau ermordeten Gefangenen – nicht schnell genug meine Sachen auf den Tisch gelegt. Bei Durchsuchung der Taschen hat er dann noch in einer kleinen Seitentasche des Jacketts einen kleinen Bleistift gefunden, und schon fing er zu schreien an:

»Herr Kommandant! Herr Kommandant! Der Kerl da hat den Befehl, alles auf den Tisch zu legen, nicht ausgeführt; er wollte schmuggeln.« Und zeigte dabei den kleinen bei mir gefundenen Bleistift. »14 Tage strengen Arrest!« war die prompte Antwort des Kommandanten. (…)

Kaum hatte ich die Zelle betreten, da mußte ich feststellen, daß ich nicht etwa in einer Gefängniszelle, sondern in einem ehemaligen Abort eingesperrt war. Die beiden offenstehenden Abflußrohre und die noch vorhandenen Wasserleitungsrohre für die Spülung (es war ein Doppelabort) bestätigten das. Später konnte ich mich davon überzeugen, daß sich in der Baracke in einer Front acht solche Zellen aneinander reihten, die während des Krieges, als die Pulverfabrik und jetziges Konzentrationslager Hochkonjunktur hatte, von den dort beschäftigten Arbeitern und Angestellten als Aborte und Waschräume benutzt wurden. Der aus den offenen Abflußrohren aufsteigende Dunst lenkte mein Augenmerk auf Lüftungsmöglichkeiten, über die ich mir sofort im klaren war, als ich das kleine und wie in einer Gefängniszelle sehr hochliegende, von außen mit Rundeisenstäben vergitterte »Fenster« sah. 45 Zentimeter im Quadrat wird die richtige Schätzung der Fenstergröße sein.

14 Tage strengen Arrest, dachte ich mir, das kann ja »recht« werden. Während ich so auf der Kante der primitiv gebildeten und das einzige Inventar bildenden Holzpritsche sitzend über mein weiteres Schicksal nachdachte, wurde die Tür meiner Zelle aufgestoßen und drei SS-Männer mit den Händen auf den Rücken, an der Spitze Steinbrenner, traten ein mit den Worten: »Jetzt haben wir dich, Hetzer, du Landesverräter, du Arbeiterverräter, du Bolschewistensau, du Bonze.« Steinbrenner schlägt mich dabei einige Male über den Kopf und die Schultern. Nachdem er sich mit dieser »Prozedur« genügend in Wut geredet hatte, brüllt er mich an: »Zieh deine Jacke aus – laß die Hose runter« und auf die Holzpritsche zeigend – »leg dich nüber.«

Da ich der Aufforderung nicht gleich nachkam, packte er mich mit der rechten Hand am Nacken und warf mich über die Kante der Pritsche. Währenddessen hatten sich die anderen beiden auf der rechten Seite aufgestellt, und nun schlugen die Hunde wieder solange auf mir herum, bis ich mich nicht mehr rührte. »Wir helfen dir schon für deine Hetzereien, steh auf!« Kaum war ich aufgestanden, schlug er mich mit seinem Ochsenfiesel, von dem schon ganze Fetzen weghingen, noch ein paarmal über die Schulter. Dann stieß er mich in die Ecke und fragte mich: »Willst du jetzt zugeben, daß du die Arbeiter verraten hast?« Ich antwortete ihm: »Wenn ich jetzt vielleicht aus Angst vor weiteren Schlägen zugeben würde, daß ich die Arbeiter verraten habe, dann wär ich nur wert, auf der Stelle erschlagen zu werden.«

Ich glaubte, nun wird eine neue Prügelei losgehen, doch sie ließen von mir ab. In wenigen Minuten hörte ich schon das Schlagen und Schreien in einer anderen Zelle. (…)

Eine halbe Stunde mag vergangen sein, und schon wieder geht die Türe auf. Der Verwalter Vogel, der »Verantwortliche« für das, was in der Baracke, in der die Zellen sind, vorgeht, steht vor mir. »Haben Sie eine Bitte – einen Wunsch oder eine Beschwerde?« war seine an mich gerichtete Frage. Mein Haß und mein Abscheu vor der Mörderbande waren zu groß, als daß ich mich dazu erniedrigt hätte, eine Bitte oder einen Wunsch zu äußern. Eine Beschwerde? Ich hatte keine Lust, mich verhöhnen zu lassen. »Keines von den dreien« – war meine Antwort. Nun überreichte er mir einen zwei Meter langen Kälberstrick von der Stärke eines Fingers und forderte mich auf, denselben am kleinen Wasserleitungshahn aufzuhängen.

Nach kurzer Überlegung nahm ich den Strick in die Hand und – überlegte wieder. »Ja, ja«, sagte er, »steigen Sie nur auf das Bett und hängen Sie den Strick an den Hahn …«

Ich stieg auf die Holzpritsche und hängte den Strick mit der am dickeren Ende eingeflochtenen Öse an den Hahn. Nachdem ich wieder heruntergestiegen war, gab er mir folgende Weisung: »Wenn in Zukunft wieder jemand die Zelle betritt, haben Sie eine militärische Haltung einzunehmen und zu sagen: »Der Schutzhaftgefangene Beimler meldet sich zur Stelle, und« – auf den Strick zeigend – »sollten Sie irgendwelche Zweifel bekommen, dann steht er Ihnen zur Verfügung.«

Der Strick kommt nicht in Frage

Schon während meiner Polizeihaft hatte ich erfahren, daß sich der Genosse Götz Sepp (langjähriger Parteisekretär) schon seit mehreren Wochen im Konzentrationslager befindet und über ihn vor mehreren Tagen »wegen Aufwiegelung des Lagers unbeschränkter strenger Arrest« verhängt worden war. Da ich annahm, daß er sich dann auch in einem solchen Dreckloch, wie ich, befinden wird, klopfte ich einige Male an die Wand. Als ich darauf keine Antwort bekam, versuchte ich zu rufen. Als er mir dann tatsächlich auf mein Rufen Antwort gab, konnte ich feststellen, daß er neben mir in Zelle 2 lag. Auf mein Fragen, wie es ihm gehe, antwortete er: »Weißt du, hier ist es schlimm.« »Hast es gehört« – fragte ich ihn – »wie sie mich geschlagen haben?«, worauf er mir antwortete: »Ja, ja, das war aber noch nicht das Schlimmste. Mach’ dich nur auf die Nacht gefaßt.« (…)

Was wird die Nacht wohl bringen, dachte ich und konnte fürs erste nicht glauben, daß es noch schlimmer werden kann. Das Schlimmere kann im äußersten Falle nur der Mord sein, dem ich ins Auge sehen will, und so warte ich nun der Dinge, die da kommen sollen. Auf jeden Fall hatte ich mir in den Kopf gesetzt, daß der Strick für mich nicht in Frage kommt. Ich kannte die Stimmung der Arbeiter und noch besser die meiner Parteigenossen. »Freiwillig« Hand anlegen, das bedeutet in den Augen der Arbeiter ein Zurückweichen vor den unvermeidlichen Konsequenzen, die sich aus der Tätigkeit eines Revolutionärs ergeben. Es heißt also: Aushalten, mag kommen, was will! (…)

Anmerkungen

1 Geschäftsführende Regierung Bayerns vom Mai 1932 bis März 1933 unter dem Ministerpräsidenten Heinrich Held (1868–1938), dem u.a. als Innenminister Heinrich Stützel (1872–1944) und als Finanzminister Fritz Schäffer (1888–1967) angehörten; alle waren Mitglieder der Bayerischen Volkspartei (BVP)

2 Hans Steinbrenner (1905–1964), als Untersturmführer Mitglied der SS-Wachmannschaften. Internierung seit 1945, 1952 zu lebenslanger Haft verurteilt, 1962 entlassen

Hans Beimler: Im Mörderlager Dachau. PapyRossa Verlag, Köln 2011, 195 Seiten, 12,90 Euro * broschiert, herausgegeben, kommentiert und um eine biographische Skizze ergänzt von Friedbert Mühldorfer

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