31. März 2014

Mainzelmännchenologie

Die 1963 erstmals im ZDF gezeigten Mainzelmännchen sind seit 1970 in einem Chorfenster der Karmeliterkirche in Mainz zu sehen. (Anton und Det) - Fotoquelle: Wikipedia

ZDF-Werbeikonen werden am Dienstag 51

Frank Burkhard

»Mit ’nem Teelöffel Zucker nimmst du jede Medizin«, singt Mary Poppins in Walt Disneys süßlichem Musical. Gleich nach Gründung des ZDF kamen daher 1963 die Mainzelmännchen auf den Bildschirm – als der Zucker, mit dem die Medizin geschluckt werden sollte. Schließlich wollte man mit dem Werbefernsehen Geld verdienen, und das funktioniert besser, wenn zwischendurch lustige Figuren die Zuschauer bei der Stange halten. Das Prinzip hatte im bundesdeutschen Fernsehen schon in den fünfziger Jahren Einzug gehalten. Der erste war 1956 »Leo«, der noch immer im Bayerischen Fernsehen herumgeistert. Es folgten u.a. »Onkel Otto« in Hessen und die »Telebärchen« in Westberlin. Die »Tausend Tele-Tips« des ostdeutschen Fernsehfunks kamen ohne diese »Werbetrenner« aus und zeigten dafür etwas längere Abenteuer mit dem Ungarn-Import »Arthur, der Engel«.

Das alles kann man im Hinterkopf haben, wenn man sich die Ausstellung »50 Jahre Mainzelmännchen« ansieht, die den Technischen Sammlungen Dresden schon seit einiger Zeit Besucherströme beschert. Originale Zeichnungen, Filmschnipsel, Zeitzeugenaussagen gibt es, und in der Ausstellung stehen iPads zur Verfügung, mit denen man spielen und die Mainzels bei den Abenteuern begleiten kann.

Und man kann dazulernen. Wenn man kein Mainzelmännchenologe ist, weiß man vielleicht nicht, daß es sechs sind: der schlaue Det, der runde Anton, der kleine Conni, Fritzchen, der Sportler, Berti, der Tausendsassa, und der Schelm Edi. Ihre Charaktere haben sie übrigens nur nach und nach bekommen. Der Werbefilmer Wolf Gerlach hatte sie sich ausgedacht (angelehnt an die fleißigen ZDFler, die das Studio am Mainzer Lerchenberg aus dem Boden stampften). Gerlach und sein Chefzeichner Titus König ließen die lustigen Kerlchen als Sportler, Handwerker, Beatmusiker und Astronauten auftreten, führten sie im Urlaub an Strände und auf Berge.

Ihren Zweck erfüllten sie grandios. Das Werbefernsehen des ZDF wurde stets stärker frequentiert als das der ARD-Sender. So kam es auch dazu, daß längere Mainzel-Filme unter dem Titel »Kapriolen« produziert wurden. In den neunziger Jahren gab es dann die Europa-Euphorie, die die Mainzels nach Spanien, Norwegen, Rußland und in die Türkei führte.

Einen kleinen Zuschaueraufstand gab es für die Mainzer, als 2003 ein Relaunch der Männlein erfolgte, die jetzt dem Manga-Stil angelehnt wurden. Über 60000 Zuschriften bewiesen das große Interesse, das sich jedoch als Sturm im Wasserglas entpuppte. Inzwischen hat man sich längst daran gewöhnt.

Ohne Proteste verlaufen auch die Mainzelmännchen-Auftritte in der »heute-show«, wo sie militaristisch auftreten, in den Schnee pinkeln oder Tiere quälen. Frivol waren sie übrigens schon früh. In den sechziger Jahren zeigten sie ihre nackten Hinterteile und später auch ihre kleinen Schniepel. Damals fiel das noch nicht unter Kinderpornographieverdacht.

Der 2. April 1963 ist das historische Datum, an dem die frechen Kerle auf den Bildschirm kamen. Sie werden jetzt 51, und darum ist es recht und billig, daß die Ausstellung »50 Jahre Mainzelmännchen« am Sonntag, dem 6. April, schließt. Nutzen Sie die letzte Gelegenheit!

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/03-31/011.php