2. August 2011

Management abgewickelt

Hintergrund. »Nichtskönner in Führungsetagen«? Zur »Entsorgung« der DDR-Betriebsleiter durch die Treuhandanstalt

Jörg Roesler

Keineswegs an herausragender Stelle, vielmehr eingereiht in Nachrichten über die Privatisierung eines namhaften Großunternehmens bzw. über die Verlängerung von Bürgschaften für Liquiditätskredite an Treuhandbetriebe findet sich, datiert mit dem 1. August 1991, unter den »Informationen«, die die Treuhandanstalt (THA) seit Mai des Jahres regelmäßig herausgab, folgende Bekanntgabe: Seit September 1990, d. h. im Verlauf der ersten elf Monate der Tätigkeit der THA als Privatisierungsbehörde nach Bonner Konzept, seien 1400 ostdeutsche Manager entlassen worden.

Verwundert hat das die alten und auch viele neue Bundesbürger nicht, hatten doch die bundesdeutschen Medien immer wieder darauf hingewiesen, daß die Führungskräfte der ostdeutschen Wirtschaft den mit der Währungsunion eingeleiteten Wechsel von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft, den »Sprung ins kalte Wasser«, wie Journalisten diese Umstellung gern bezeichneten, nicht überleben würden. Kombinatsdirektoren seien eben keine Konzernlenker, hieß es schonend formuliert; von »Parteibuchkarrieristen« und »Nichtskönnern in Führungsetagen« war die Rede, wenn die Journalisten schärfer mit dem DDR-Sozialismus abrechneten.

Große Herausforderung

Die Führungskräfte im Osten waren an die bereits im Herbst 1989 sich abzeichnende Transformation der DDR-Wirtschaft anfangs prinzipiell optimistisch herangegangen. Westdeutsche Sozialwissenschaftler, die sie befragten, notierten deren Argument, daß »sowohl die DDR als auch marktwirtschaftlich verfaßte Gesellschaftssysteme wie die BRD auf den Prinzipien der tayloristisch-fordistischen Massenproduktion als System industrieller Produktion gegründet gewesen seien«. Das habe »alltägliche Erfahrungen mit der Leitungstätigkeit« mit sich gebracht, »deren Aufgaben und Probleme den Befragten als systemübergreifend« erschienen. Es gab damals eine Anzahl Westdeutscher, die nach der »Wende« mit ostdeutschen Führungskräften unmittelbar zusammenarbeiteten wie der frühere Wirtschaftsminister Hans Apel oder der Soziologe M. Rainer Lepsius, der Tiefeninterviews mit ihnen durchführte, die in ihrem Urteil mit der Selbsteinschätzung der Ostdeutschen bis zu einem bestimmten Grade übereinstimmten. Apel schätzte ein: »Die Generaldirektoren der DDR-Kombinate sind von einem besonderen Zuschnitt. Einerseits können sie sich auf ihren herausgehobenen Positionen nur halten, wenn sie als zuverlässige Gefolgsleute des SED-Staates gelten, allerdings mit der politischen Flexibilität, die dazu über die Jahre erforderlich ist. Andererseits müssen sie schon ihr Metier verstehen. Und das umfaßt mehr als Fachwissen. Man benötigt Phantasie, Kombinationsvermögen und Beziehungen, um das Kombinat im starren und stets unrealistischen Gestrüpp der DDR-Planwirtschaft funktionsfähig zu halten.« Lepsius bezeichnete die ostdeutschen Führungskräfte als »Manager in einem modernen Sinne, technisch qualifiziert, mit großen Organisationsfähigkeiten und persönlicher Durchsetzungskraft«, sprach ihnen allerdings auf ökonomischem Gebiet Führungsqualitäten weitgehend ab.

»Phantasie und Kombinationsvermögen« zeigte die ostdeutsche Wirtschaftselite bereits in der frühen Phase der Wende: »Der Sozialismus, wie er bisher verfolgt wurde, mit einem überzentralisierten Planungssystem«, erklärte Friedrich Wokurka, der Generaldirektor des größten Kombinats der DDR, des VEB Robotron Dresden, bereits im November 1989 in einem Spiegel-Interview, »hat im Sinne der Bürger offensichtlich nicht zum Erfolg geführt. Also muß man sich über eine prinzipielle Erneuerung verständigen.«

Bereits im November/Dezember 1989 entstand im Kreis der Generaldirektoren die Idee, zwecks Bündelung der Kräfte eine allen Industrieunternehmen offenstehende Vereinigung auf privatrechtlicher Basis zu schaffen. Ende Dezember waren die Umrisse des Konzepts weitgehend geklärt. Angestrebt werden sollte eine sozial orientierte marktwirtschaftliche Ordnung in der DDR, die sich in enger Zusammenarbeit mit der westdeutschen und auch der westeuropäischen Wirtschaft entwickeln konnte. Je mehr diese Vorstellungen unter den Ostmanagern Verbreitung fanden, desto größer war der Zulauf.

Zum wichtigsten Wirtschaftsleiter im überparteilichen »Initiativkreis Industrieverband DDR« wurde Dr. Karl Döring, seit 1985 Generaldirektor des Bandstahlkombinates und Direktor des Stammbetriebs des Eisenhüttenkombinats Ost (EKO) in Eisenhüttenstadt.

Daß ihr bisheriges Wissen nicht ausreichte, um in der Marktwirtschaft zu bestehen, wußten die meisten ostdeutschen Führungskräfte. Auf der ersten Tagung ihrer im Januar 1990 gegründeten Fach- bzw. Standesorganisation »Unternehmensforum DDR« bekannte der zum Vorsitzenden gewählte Karl Döring Anfang März 1990: »Es genügt nicht, im Rahmen des RGW immer Klassenbester gewesen zu sein, wenn die Klasse insgesamt nicht versetzt werden kann. Erstmalig in der Geschichte wollen wir die Wirtschaft eines ganzen Landes von einem zentral geleiteten System auf ein Marktprinzip umstellen. Das ist bisher von niemandem versucht und schon gar nicht bewältigt worden. Die Herausforderung ist groß – doch wir sind keineswegs ohne Chance.«

»Politisch belastet«

Ob die DDR-Wirtschaftselite ihre Chance bekommen würde, darüber urteilten schon wenige Monate später nicht mehr die DDR-Bürger, sondern allein die Treuhandanstalt. Die war personell innerhalb weniger Monate weitgehend »verwestlicht«, jedenfalls was die Führungsetagen betraf. Mitte 1991 kamen noch drei ihrer Direktoren aus dem Osten, ein Anteil von 7,5 Prozent, wenn auch drei Viertel der Angestellten – vor allem das Fußvolk – aus der DDR stammten. Angesichts dieser Personallage in den Führungsetagen der Treuhandanstalt und angesichts der bekannten Vorstellungen bzw. Vorurteile derjenigen, die die Leistungen der Leiter der THA-Betriebe zu beurteilen hatten, wäre zu erwarten gewesen, daß man die Mehrzahl der Entlassungen mit »fachlicher Inkompetenz« begründet hätte. Doch nach Angabe von Birgit Breuel die seit Mitte April 1991 Präsidentin der THA war und Mitte Juli eine »Prüfung der Qualifikation der Unternehmensleitungen und Aufsichtsräte« der Treuhandbetriebe angeordnet hatte, entfielen auf diese Rubrik nur 400 Entlassungen, etwas mehr als ein Viertel.

Weitere 500 Entlassungen wurden mit »personeller Überbesetzung der Geschäftsführungen« begründet – unabhängig von den beruflichen Fähigkeiten der Entlassenen. Daß die Bürokratie reduziert werden müsse, hatte Wokurka bereits im November 1989, als noch von Einführung einer Marktwirtschaft unter sozialistischen Vorzeichen die Rede war, gefordert und dabei eine Verringerung der Beschäftigten in den Kombinats- und Betriebsleitungen nicht ausgeschlossen. Insofern kam nach der Abschaffung der Planwirtschaft die Streichung personeller Überkapazitäten durch die THA für niemanden überraschend.

Am 1. August präsentierte Breuel in den »Informationen« überraschend einen dritten Entlassungsgrund für ostdeutsche Wirtschaftsleiter: Der betraf Führungskräfte »mit politischen Belastungen aus der Vergangenheit«. Unter diesem in seiner Stoßrichtung eindeutigen, aber unscharf gehaltenen Entlassungsgrund konnte alles mögliche aufgelistet werden: von Kontakten mit dem (in Großbetrieben grundsätzlich installierten) MfS bis zur SED-Zugehörigkeit, von besonders devotem Verhalten auf den zweimal jährlich unter Leitung des Wirtschaftschefs der SED, Günter Mittag, in Leipzig stattfindenden Seminaren bis zur fordernden Haltung der Chefs gegenüber der Belegschaft und der daraus resultierenden Unbeliebtheit bei einigen, gelegentlich der Mehrzahl der Arbeiter und Angestellten des Betriebes. Aus einer bundesdeutschen Tradition der »Aufarbeitung der Geschichte« stammte dieser Entlassungsgrund gewiß nicht. Die Nazivergangenheit von Führungspersonal war in den 50er Jahren in der Bundesrepublik in der Verwaltung ebensowenig wie in der Wirtschaft ein Thema gewesen. So konnte z.B. 1957 ein gewisser Heinrich Richter-Brohm zum Vorstandsvorsitzenden der BMW AG avancieren, der unmittelbar nach dem Machtantritts Hitlers zum Dezernatsleiter bei der Gestapo bestellt worden war.

Welche Motive auch immer zu den politisch begründeten Entlassungen führten: Kaum jemand von den Westmanagern, die ab Herbst 1990 die Führungsetagen der THA bevölkerten, hatte zur Kenntnis genommen, daß sich die Leiter der VEB bis hin zum Generaldirektor der Kombinate dem im Herbst 1989 üblichen »Dialog« zwischen Betriebsleitungen und Belegschaften hatten stellen müssen. Erst recht wußten sie nicht, daß die Belegschaften vieler Betriebe im Frühjahr 1990 ihren »staatlichen Leitern« die Vertrauensfrage gestellt hatten. Mehr als ein Generaldirektor und mancher Betriebsleiter hatte mangels Dialogfähigkeit das Handtuch geworfen bzw. war, weil seine bisherige Leitungstätigkeit von der Belegschaft mißbilligt worden war, von seiner Funktion zurückgetreten. Erst Ministerpräsident Lothar de Maizières Wirtschaftsminister Gerhard Pohl setzte Anfang April 1990 mit einer eindeutigen Anordnung derartigen »unerhörten« Aktivitäten der Betriebsbelegschaften ein Ende.

Ob denn die Belegschaft mit dem Wunsch ihrer Chefs, durch Management-Buy-Out (MBO)1 Betriebsinhaber zu werden, einverstanden sei, fragten die Treuhandchefs auch jeden Leiter, der ein MBO anmeldete. »Geschäftsführer mit belasteter Vergangenheit können sich mit einem MBO-Interesse kaum durchsetzen«, verkündete die THA in der Ausgabe der Treuhand-Informationen vom September 1991. Heiner Hellfritzsch, Diplomökonom für Verfahrenstechnik, Diplombetriebsökonom und Geschäftsführer der aus einem Betrieb des Kosmetikkombinats hervorgegangenen Florena Cosmetic GmbH aus Waldheim/Sachsen, mußte nicht nur seine fachliche Qualifikation nachweisen und sich zusammen mit seinen beiden Kogeschäftsführern beim Kauf des früheren Betriebes des DDR-Kosmetikkombinats »millionenfach verschulden«, sondern alle drei hatten sich auch durch die Gauck-Behörde bezüglich etwaiger MfS-Kontakte überprüfen zu lassen.

Der MBO-Start war im ersten Treuhandjahr nicht nur im Falle von Florena ungeachtet aller Rhetorik der THA über Mittelstandsförderung sehr zögernd angelaufen, weil man generell denjenigen, die in der Planwirtschaft aufgestiegen waren, »unternehmerische Qualitäten« kaum zutraute – auch nicht solche, die für die Privatisierungsvariante Management-Buy-Out in favorisierten Betriebsgrößengruppe von 20 bis 250 Personen gereicht hätten.

Vereinigungskriminalität

Zu den von THA-Chefin Breuel genannten Gründen für die Entlassungen von ostdeutschen Leitungskräften gehörten drittens jene, die unter der Rubrik »Veruntreuung oder andere Straftatbestände« zusammengefaßt wurden. Unter dieses Verdikt fielen 100 Personen oder 7,1 Prozent der bis zum 1. August 1991 entlassenen ostdeutschen Manager. Der verhältnismäßig geringe Anteil mußte überraschen, war doch in der bundesdeutschen Presse seit dem Sommer 1990 immer wieder von Seilschaften der »Altgenossen« in den Betriebsleitungen die Rede gewesen, die mit potentiellen westdeutschen Käufern dunkle Geschäfte machten und gegen Belohnung die Betriebe wirtschaftlich zugrunde richteten, um für die Aufkäufer den Kaufpreis zu drücken. Der im April 1991 seitens der Berliner Kriminalpolizei aufgedeckte und als solcher bezeichnete »Treuhandskandal« hatte seinen Ursprung in dieser engen Zusammenarbeit von Betriebsdirektoren ehemaliger VEB mit westdeutschen Firmeneinkäufern. Tagelang beschäftigte er Presseorgane wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder die Berliner Zeitung. Das sei natürlich nur die Spitze des Eisbergs, hieß es; »SED-Seilschaften« bzw. »neue Seilschaften zwischen Westunternehmen und den alten Ostgeschäftsführern« würden zu Hunderten existieren und hätten Schäden in dreistelliger Millionenhöhe verursacht.

Daß die damaligen Fälle von »Vereinigungskriminalität« in Zusammenhang mit der Privatisierung durch die Treuhandanstalt überwiegend ostdeutschen »Seilschaften«, die mit Westmanagern kooperierten, zugeschoben wurden, ist lange Zeit unwidersprochen geblieben. Erst zwei Jahrzehnte später haben Angehörige der Juristischen Fakultät der Universität Münster das Thema »Wirtschaftskriminalität und die Privatisierung der DDR-Betriebe« fachwissenschaftlich aufgearbeitet. Die untersuchenden Rechtswissenschaftler kamen dabei rasch zur Erkenntnis, daß »die allermeisten der kriminologisch relevanten Privatisierungsabläufe im Kern nicht Umbruchs- oder gar DDR-typisch« waren. »Auf allen Seiten«, so das Urteil der Münsteraner Rechtsprofessoren, »agierten und entschieden ausschließlich westliche Akteure. Somit konnten für westliche demokratische und marktwirtschaftliche Gesellschaften strukturtypische Bedingungen der Wirtschaftskriminalität beobachtet werden.« Die verhältnismäßig kleine Zahl der aufgrund von »Veruntreuung und anderer Strafbestände« bis zum August 1991 entlassenen Ostmanager verwundert angesichts dieses Urteils der Fachleute nicht mehr.

Doch die Entlassung der ostdeutschen Betriebsleiter, ob nun mehr oder minder gerechtfertigt, war nur eine Seite der Medaille. Abgesehen von dem reichlichen Drittel von Managern, das »wegen personeller Überbesetzung« hatte gehen müssen, waren die Entlassenen zu ersetzen. Durch wen? fragte sich der damalige Minister für Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern, Conrad-Michael Lehment, der im 1972 verstaatlichten Betrieb seiner Eltern Erfahrungen mit »Ostmanagern« gesammelt hatte, und antwortete 1991 dem Journalisten und Grünen-Politiker Heinz Suhr auf dessen Frage: Es gebe in allen Betrieben der Ex-DDR »hervorragende, hochmotivierte Menschen«. Überall in der zweiten, dritten Ebene seien sehr gute Fachkräfte zu finden, »die Führungsaufgaben übernehmen könnten«. Doch auf diese – an sich nahe liegende – Idee kamen die Verantwortlichen in der Treuhandanstalt nicht.

Als die THA im Sommer 1991 die Entlassung von Ostmanagern zu einem der Schwerpunkte ihrer Arbeit machte, sah sie sich nur im Westen nach Ersatz um. Doch erfahrene Leitungskräfte aus den alten Bundesländern meldeten sich für die Bewältigung der Systemtransformation in Ostdeutschland nur in geringer Zahl. Familiäre Bindungen, Furcht vor unstandesgemäßen Wohnverhältnissen und Angst vor Karrierebrüchen bei einem möglichen Scheitern waren die meistgenannten Gründe für deren geringes Engagement. Ins Blickfeld der Treuhandanstalt gerieten daraufhin Jungmanager, Leitungskräfte am Beginn ihrer Karriere. Sie wurden nun umworben. Natürlich sprach man sie professionell an. Die Curriculum Personalberater GmbH warb in einer großangelegten Anzeigenkampagne »100 junge Kaufleute für den größten Konzern der Welt«. Unter Honeckers Foto war zu lesen: »Ihn mußten wir entlassen. Wann fangen Sie an?« Unterzeichnet war die Treuhand-Anzeige u.a. von der Firma Hoesch (im Treuhand-Verwaltungsrat vertreten) und von den Firmen IBM, Karstadt und Tchibo (im Aufsichtsrat der THA vertreten). Den Nachwuchsmanagern versprach die Annonce der »Aktion Karriereschub«, daß sie »viel Verantwortung tragen müssen, viel entscheiden«. Daran, daß die Angeworbenen die richtigen Entscheidungen fällen würden, hatte man offensichtlich keine Zweifel. Schließlich waren die jungen Leute in der Marktwirtschaft der Bundesrepublik groß geworden. Anders sahen das Sozialpsychologen wie Margarete Mitscherlich-Nielsen aus Frankfurt am Main, die in einem 1992 gegebenen Interview mit dem Wirtschaftsjournalisten Rüdiger Liedtke zu bedenken gab: »Es handelt sich vorwiegend um junge Menschen, die im Westen nur funktionieren, im Osten aber plötzlich Manager sind, die neuen Herren. Und das leben sie ja auch auf eine recht primitive Weise aus. Da zeigt sich wahrscheinlich bei diesen jungen Managern doch wieder so eine Art Herrenmenschendenken.«

Ostdeutscher Anteil: 0,4 Prozent

Als die Treuhandführung, ein Jahr nach der Entlassungskampagne vom Sommer 1991, die Erfahrungen des massenhaften Ersatzes der Ost- durch die Westmanager analysierte und wenig Erfreuliches feststellte, entschloß sie sich endlich, die ostdeutsche Wirtschaftselite nüchtern zu betrachten. Das Institut für Wirtschaft in Köln (IW), unter den sechs von der Bundesregierung benannten gewiß das konservativste Wirtschaftsforschungsinstitut, erhielt im Sommer 1992 den Auftrag, die Ostführungskräfte aus 219 Treuhand-Unternehmen auf ihre Qualitäten hin zu überprüfen. Das Ergebnis mußte den an der bisherigen Einschätzung ostdeutscher Manager durch die Medien Geschulten überraschen. Das Kölner Institut wandte sich mit seiner Studie eindeutig gegen die »Pauschalverurteilung« der Ostmanager und zeigte sich bemüht, zu einer Versachlichung in der Diskussion beizutragen. Die Annahme sei irrig, so das IW, daß ausschließlich »Parteibuchkarrieristen und Nichtskönner in die Führungsetagen der DDR-Wirtschaft« aufgestiegen seien. Die Stärken der ostdeutschen Manager lägen in deren Fachkompetenz. Sie seien flexibel und kooperationsbereit. In der Studie des Kölner Wirtschaftsinstituts wurde abschließend ein Zusammenwirken ostdeutscher und westdeutscher »Managerkollegen« empfohlen. So ließen sich, schrieb Eberhard Weise, Mitautor der Studie, profunde Betriebs- und Ortskenntnisse der ostdeutschen Betriebsleiter mit westdeutschen Managementerfahrungen zusammenfügen.

Doch bewirken konnte das Gutachten offensichtlich nicht mehr viel. Die meisten ostdeutschen Leiter der ersten Führungsebene, insbesondere Kombinatsdirektoren, waren Mitte 1992 längst gekündigt. Friedrich Wokurka, der im März 1990 noch die Umstrukturierung des Kombinats Robotron in eine Aktiengesellschaft geleitet hatte, wurde bereits im August des gleichen Jahres entlassen. Karl Döring, der Präsident des 1990/91 existierenden Unternehmensforums, war 1990 Vorstandsvorsitzender der EKO Stahl AG Eisenhüttenstadt geworden und blieb bis 1994 in dieser Position. Von den Generaldirektoren der früher führenden DDR-Kombinate war er der einzige in vergleichbarer Stellung verbliebene Ostmanager.

Im Jahre 1995 – die THA hatte bis Ende 1994 die ihr anvertrauten Betriebe überwiegend und unter Hinterlassung von Schulden in dreistelliger Milliardenhöhe privatisiert bzw. liquidiert – betrug gemäß einer an der Universität Potsdam erarbeiteten Studie der Anteil der ostdeutschen an den deutschen Eliten knapp neun Prozent – bei einem Bevölkerungsanteil von 19 Prozent. Der Anteil der Ostdeutschen an der deutschen Wirtschaftselite lag dagegen bei 0,4 Prozent. Einen geringeren Anteil an der gesamtdeutschen Elite wies nur noch das ostdeutsche Militär mit 0,0 Prozent auf.

Anmerkung

1 Als MBO bezeichnet man den Eigentümerwechsel eines Unternehmens, bei dem das bisherige Management die Mehrheit des Kapitals vom bisherigen Eigentümer übernimmt. (d. Red.)

Prof. Jörg Roesler ist Wirtschaftshistoriker und Mitglied der Leibniz-Sozietät zu Berlin sowie der Internationalen Wissenschaftlichen Vereinigung Weltwirtschaft und Weltpolitik e.V. (IWVWW). Zuletzt veröffentlichte er das Buch »Kompakte Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas vom 18. bis 21. Jahrhundert«, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2009

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/08-02/022.php