12. Juli 2013

Manifest des Gewissens

Zum Abschluß der Gründungskonferenz unterzeichneten die gewählten Komiteemitglieder am 13. Juli 1943, hier der spätere Beauftragte an der ­Leningrader Front, Leutnant Ernst Kehler, das Manifest des Nationalkomitees - Fotoquelle: jW Archiv

Vor 70 Jahren wurde bei Moskau das Nationalkomitee »Freies Deutschland« gegründet. Aus kriegsgefangenen Wehrmachtsangehörigen entwickelte sich eine ­schlagkräftige antifaschistische Widerstandsbewegung

Peter Rau

An der Bewertung des 12./13. Juli 1943 durch die offizielle Bundesrepublik hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert. So bietet der anstehende 70. Jahrestag der Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« einmal mehr Gelegenheit, kräftig gegen den Strich der einseitigen bürgerlichen Geschichtsschreibung zu bürsten. Denn in Sachen Ausgrenzung aus dem antifaschistischen Widerstand gilt nach wie vor das schon vor zehn Jahren bekräftigte Verdikt aus dem Bundesministerium der Verteidigung. Danach würden NKFD und »Bund Deutscher Offiziere« (BDO) erstens dem aus dem Grundgesetz der BRD abgeleiteten Traditionsverständnis der Bundeswehr zuwiderlaufen, zweitens sei wirklicher Widerstand aus der Kriegsgefangenschaft heraus nicht möglich gewesen, und drittens stehe dessen »starke kommunistische Prägung« einer umfangreichen Würdigung im Wege.

Damit folgt man – abgesehen von der einst üblichen antisemitischen Attitüde – der Sichtweise der faschistischen Wehrmachtsführung. Aber das ficht die heutigen Apologeten mitnichten an. Immerhin hatte der hochdekorierte Panzerkommandeur und Generaloberst Heinz Guderian 1944 als Generalstabschef des Heeres die Angehörigen des Nationalkomitees als feige Überläufer und Verräter sowie »willenlose Werkzeuge in der Hand Stalins« diffamiert. Schon die Sondernummer der vom Oberkommando der Wehrmacht herausgegebenen »Mitteilungen für das Offizierskorps zum Moskauer Komitee ›Freies Deutschland‹« vom Oktober 1943 hatte die Richtung vorgegeben: »Diese ganze Sippe steht im Solde Moskaus, sie stellt nichts anderes dar als einen Bestandteil der deutschen Sektion der formell ›aufgelösten‹ Komintern. Kein deutscher Soldat wird auf sie hineinfallen.« Verunglimpft wird etwa die Forderung des Nationalkomitees nach Beseitigung aller »auf Völker- und Rassenhaß beruhenden Gesetze«: »Damit würde also der Jude in Deutschland wieder freie Hand bekommen.« Bezogen auf die Gründung des im September 1943 entstandenen Offiziersbundes heißt es weiter, »daß es ganz und gar unwahrscheinlich ist, daß sich deutsche Offiziere und Soldaten, die sich so heldenhaft geschlagen haben, aus freien Stücken zu einem derartigen Schritt entschlossen haben« und »hochverdiente deutsche Offiziere, die z.T. aus berühmten alten Soldatengeschlechtern stammen, nach einer Dienstzeit von 25 bis 30 Jahren ihre Überzeugung innerhalb eines halben Jahres wie einen Handschuh wechseln. (…) Was aber wissen wir darüber? Wissen wir, ob alle diese Männer überhaupt noch leben? Ob ihre Namen und Unterschriften nicht einfach gefälscht sind? (…) Aus allen diesen Gründen muß man auch die ›Deutsche Offiziers-Union‹ als einen plumpen bolschewistischen Schwindel bezeichnen, bei dem Juden, Emigranten und die Agitatoren Moskaus Pate gestanden haben.«

Die in den folgenden Wochen und Monaten von den beiden genannten Organisationen präsentierten Fakten und Aktionen sprachen jedoch eine andere Sprache als dieses im Stil der Goebbels-Propaganda abgefaßte Pamphlet.

Zur Vorgeschichte des NKFD

In der Tat handelte es sich bei der Gründung des Nationalkomitees wie des zwei Monate später entstandenen »Bundes Deutscher Offiziere« (BDO), der sich umgehend dem NKFD angeschlossen hatte, um eine neue Qualität in der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler und Konsorten. Denn erstmals wurde damit der 1935 von der Kommunistischen Internationale, kurz Komintern, auf ihrem VII. Weltkongreß beschlossene Kurs der Volks- und Einheitsfront aller antifaschistischen Kräfte in einem größeren Rahmen in die Praxis umgesetzt. Doch anders als nach dem Krieg jahrzehntelang von der SED propagiert, war die Initiative dazu keineswegs allein von der KPD ausgegangen. Zwar hatte sich bereits Ende 1941 in Mexiko eine maßgeblich von kommunistischen Emigranten inspirierte überparteiliche Bewegung Freies Deutschland konstituiert. Doch in der Sowjetunion wurde eine solche Gründung erst im Verlauf des Jahres 1942 spruchreif. Auch wenn es da schon – im Spätherbst 1941 etwa mit dem Appell von 158 Kriegsgefangenen »An das deutsche Volk« im Durchgangslager 58 in Temnikow in der Mordwinischen ASSR – eine erste gewichtige Wortmeldung zur raschen Beendigung des Krieges gegeben hatte.

Vom Manneswort …

Unterstützt von Beauftragten der Komintern und Emigranten vor allem aus den Reihen der KPD, kam es auch in anderen Lagern zu entsprechenden Willensbekundungen, so im Mai 1942 im Lager Jelabuga an der Kama, einem Nebenfluß der Wolga. Dort machte der Reservehauptmann Dr. Ernst Hadermann, bereits am 18. Juli 1941 schwerverwundet in Gefangenschaft geraten, mit einer Rede auf sich aufmerksam, die wenig später in einer Auflage von 500000 Exemplaren gedruckt wurde. Die mit einem Vorwort des kommunistischen Schriftstellers Erich Weinert versehene Broschüre »Wie der Krieg zu beenden ist. Manneswort eines deutschen Hauptmanns« wurde über den deutschen Linien abgeworfen und in den Gefangenenlagern verteilt. Der damals 46jährige Studien­rat aus Kassel hatte mit seinen darin geäußerten Gedanken um Vaterlandsverrat und den einst auf Hitler geleisteten Treueeid vielen Mitgefangenen Denkanstöße vermittelt. Aber deren überwiegende Mehrheit setzte weiterhin – verblendet von faschistischem Gedankengut und großdeutschem Größenwahn – in treuer »Führer«-Gefolgschaft auf den versprochenen Blitzkrieg nebst Endsieg.

Allerdings war die Zahl der in sowjetische Kriegsgefangenschaft geratenen Wehrmachtsangehörigen erst mit der vernichtenden Niederlage in der Schlacht um Stalingrad Ende Januar, Anfang Februar 1943 nennenswert angewachsen. Waren 1941 lediglich 32500 Gefangene registriert worden, so stieg ihre Zahl im Verlauf des folgenden Jahres um 140000 an. Bis zum Februar 1943 kamen 170000 weitere Soldaten und Offiziere hinzu, darunter vor allem die im Umfeld der Metropole an der Wolga eingekesselten und zur bedingungslosen Kapitulation gezwungenen Überlebenden der von Generalfeldmarschall Friedrich Paulus nach Stalingrad geführten 6.Armee. Deren Zahl lag verschiedenen Quellen zufolge zwischen 91000 und 123000 Mann.

Insbesondere ihre Erfahrungen machten die überlebenden »Stalingrader« empfänglich für das Werben Moskaus. Immerhin hatten sie sowohl den aufopferungsvollen Kampf der Rotarmisten erlebt als auch das Scheitern der großspurig versprochenenen Versuche zum Ausbruch aus dem Kessel. Und sie mußten die bornierte Ablehnung der fairen sowjetischen Kapitulationsangebote hinnehmen wie ihren von Berlin in Kauf genommenen und entsprechend gefeierten »Heldentod«. Andererseits hatte Stalin in seiner Funktion als Volkskommissar für Verteidigung schon im Februar 1942 den faschistischen Weltanschauungskriegern ins Stammbuch geschrieben: »Die Rote Armee nimmt deutsche Soldaten und Offiziere, wenn sie sich ergeben, gefangen und schont ihr Leben. Die Rote Armee vernichtet deutsche Soldaten und Offiziere, wenn sie es ablehnen, die Waffen zu strecken, und wenn sie mit der Waffe in der Hand unsere Heimat zu unterjochen suchen.« An anderer Stelle seiner Rede zum 24. Jahrestag der sowjetischen Streitkräfte hob er prophetisch hervor: »Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Krieg für die Befreiung des Sowjetbodens zur Vertreibung oder Vernichtung der Hitlerclique führen wird. Wir würden einen solchen Ausgang begrüßen. Es wäre aber lächerlich, die Hitlerclique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staat gleichzusetzen. Die Erfahrungen der Geschichte besagen, daß die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt.«

Getreu dieser Maximen handelte die sowjetische Parteispitze in den folgenden Monaten. Unter der Federführung von Dmitri Manuilski, damals noch Sekretär im Exekutivkomitee der Komintern und Verantwortlicher der KPdSU für die politische Aufklärungsarbeit unter den Kriegsgefangenen, nahm die Idee rasch Gestalt an, Vertreter der deutschen Emigration mit (inzwischen) antifaschistisch gesinnten ehemaligen Wehrmachtsangehörigen zusammenzubringen, um ein entsprechendes überparteiliches Gremium zu schaffen. Es sollte – anders als die in der Roten Armee bestehenden Abteilungen zur Zersetzung des Gegners – die Frontpropaganda gezielter auf die schnellstmögliche Beendigung des Krieges orientieren und die antifaschistische Aufklärungsarbeit in den Lagern koordinieren und intensivieren.

Inzwischen hatten neben der im Frühjahr 1942 in Oranki bei Gorki eingerichteten ersten zentralen Antifaschule, die Anfang 1943 nach Krasnogorsk verlegt worden war, weitere vergleichbare Einrichtungen ihre Arbeit aufgenommen. In denen konnten sich ehemalige Wehrmachtsangehörige auf freiwilliger Basis in mehrmonatigen Lehrgängen das für die bevorstehenden Kämpfe erforderliche Rüstzeug aneignen. Als Lehrer an diesen Schulen waren gleichermaßen sowjetische Spezialisten wie deutsche Emigranten tätig. Im Mai und Juni 1943 erörterten Vertreter des ZK der KPD in Moskau die Grundfragen der Bildung eines nationalen Komitees »Freies Deutschland«. Ende Juni wurde ein »Vorbereitender Ausschuß für die Bildung eines deutschen Nationalkomitees« geschaffen. Unter dem Vorsitz von Erich Weinert, der nach seinem Einsatz in Spanien in der Sowjetunion Aufnahme gefunden hatte, gehörten dazu neben Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht noch der Schriftsteller Johannes R. Becher und der frühere KJVD-Funktionär Hans Mahle sowie vier Kriegsgefangene: Hauptmann Ernst Hadermann, Leutnant Bernt von Kügelgen, Feldwebel Herbert Stresow und Gefreiter Jakob Eschborn. Sie sollten den Ablauf der Gründungskonferenz und die Zusammensetzung des künftigen Komitees beraten und den Entwurf eines Manifests erörtern, der der Konferenz zur Beschlußfassung vorgelegt werden sollte. Stalin selbst, der sich wiederholt vom Fortgang der Arbeiten berichten ließ, hatte schließlich die Order erteilt, wonach es höchste Zeit sei, »daß die Deutschen eine antifaschistische Front auf breitester Grundlage bilden«.

… zum Manifest

Mit dem Entwurf dieses Manifestes hatte Dmitri Manuilski indes die für die Politische Hauptverwaltung der Roten Armee (Glawpurka) tätigen KPD-Funktionäre Rudolf Herrnstadt und Alfred Kurella beauftragt. Anfang Juni 1943 informierte er die beiden sowie Oberst Josef Braginski, den stellvertretenden Chef der für die Frontpropaganda zuständigen 7. Abteilung der Glawpurka, darüber, daß er soeben vom Kreml die Genehmigung zur Gründung eines deutschen Nationalkomitees erhalten habe. Wie sich Herrnstadt später erinnerte, erklärte Manuilski dabei: »Seit Stalingrad befinden sich Massen von Deutschen in der Sowjetunion. Das gibt die Möglichkeit, aus deutschen Kreisen heraus eine organisierte Massenbewegung gegen Hitler erwachsen zu lassen. Wot wam, nemezkije towarischtschi, jetzt zeigen Sie, was Sie können! Wenn wir gut arbeiten, treffen wir mit einem Schuß fünfmal ins Schwarze. 1. Hitler wird durch seine Truppen gestürzt. 2. Der Roten Armee werden Ströme von Blut erspart. 3. Deutschland kommt zu einer echten, fortschrittlichen Repräsentation. 4. Die deutsche Arbeiterklasse spielt wieder die ihr gebührende Rolle und 5. allen Beneschs wird das Handwerk gelegt.« Gemeint waren damit Pläne zur Zerstückelung Deutschlands, wie sie von westlichen Alliierten und auch dem tschechoslowakischen Exilpolitiker Edvard Beneš verfochten wurden.

»Das ist ja bereits ein ganzes Aktionsprogramm«, konstatierte Braginski. »Eben«, erwiderte Manuilski und äußerte nun den Wunsch, dessentwegen er die drei zu sich gerufen hatte. »Schreiben Sie mir gleich das Manifest. Denn mit einem Manifest muß sich das Nationalkomitee natürlich vorstellen.« Nach den ersten, allerdings noch ziemlich mißlungenen Versuchen – zu sehr Flugblatt, zu sehr Agitation – war Herrnstadts Entwurf dran. Manuilski: »Wot! Das ist der Ton, um den es geht! Hier spricht die kommende Regierung! Boshe moj, was rede ich. Ob aus dem Nationalkomitee jemals eine Regierung wird, darüber werden die Deutschen selber entscheiden. Durch das, was sie tun nämlich. Aber auftreten muß das Nationalkomitee mit der Sprache der Macht. Was Sie da haben, Genosse Gerrnstadt, ist zwar (noch) nicht die Sprache der Macht, sondern ein mächtiges Gestammel. Aber man sieht: Sie stammeln in die richtige Richtung.«

Herrnstadt weiter: »Der zweite Entwurf, den wir zwei Tage später vorlegten, war bereits die Grundlage für die spätere Endfassung des Manifests. Er enthielt die mit Manuilski vereinbarten Losungen: Für die Truppe – Rückführung an die Reichsgrenzen und Freigabe aller eroberten Gebiete; für die spätere deutsche Regierung: restlose Beseitigung aller auf Völker- und Rassenhaß beruhenden Gesetze, Freiheit des Wortes, der Presse, der Organisation, des Gewissens und der Religion, Sicherung des Rechts auf Arbeit und des rechtmäßig erworbenen Eigentums, Beschlagnahme des Vermögens der Kriegsschuldigen und der Kriegsgewinnler usw.«

Die so entstandene Fassung des Manifests wurde Stalin vorgelegt und von diesem ohne Korrektur bestätigt. Nach einer stilistischen Überarbeitung unter anderem durch Anton Ackermann von der KPD-Führung wurde dieser Entwurf dem »Vorbereitenden Ausschuß« übergeben. Dort wurden noch einige Veränderungen vorgenommen, die laut Herrnstadt »geeignet waren, das Manifest in den Augen des Offizierskorps der Wehrmacht glaubhafter zu machen. Die wesentlichste dieser Änderungen war die Umstilisierung des ganzen Absatzes über die Lage an den Fronten.« Diese habe von den Offizieren viel sachgerechter beurteilt werden können.

Während sich der Ruf an die Wehrmacht zur sofortigen Einstellung der Kampfhandlungen im Entwurf nur an die einfachen Soldaten gerichtet hatte, wurden nun auch die Offiziere einbezogen: »Deutsche Soldaten und Offiziere an allen Fronten! Ihr habt die Waffen! Bleibt unter den Waffen! Bahnt Euch mutig unter verantwortungsbewußten Führern, die eins sind mit Euch im Kampf gegen Hitler, den Weg zur Heimat, zum Frieden!«

Die Konferenz von Krasnogorsk

Am 12. Juli 1943 versammelten sich die rund 300 Teilnehmer der Gründungskonferenz des Nationalkomitees »Freies Deutschland« in einem Gewerkschaftshaus des nordwestlich von Moskau gelegenen kleinen Städtchens Krasnogorsk. Die mehr als 250 Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere der Wehrmacht waren zuvor in den Gefangenenlagern und Antifaschulen mehr oder weniger demokratisch als Delegierte gewählt worden. Inwieweit sich auch die Vertreter der vieltausendköpfigen politischen Emigration – ehemalige Reichs- bzw. Landtagsabgeordnete der KPD, weitere Parteifunktionäre wie frühere Spanienkämpfer, Intellektuelle wie Schriftsteller – einer Wahl stellen mußten, ist nicht klar. In das Präsidium der Tagung – sie stand unter der Losung »Für ein freies unabhängiges Deutschland!« – wurden neben dem früheren Reichstagsabgeordneten und derzeitigen KPD-Vorsitzenden Wilhelm Pieck sowie dem Schriftsteller Erich Weinert sechs Vertreter der Kriegsgefangenen gewählt: die Majore Karl Hetz und Herbert Stößlein, Hauptmann Ernst Hadermann, der Unteroffizier Matthäus Klein, Gefreiter Hans Zippel und Soldat Max Emendörfer.

In der von Erich Weinert eröffneten Aussprache ergriffen an den beiden Konferenztagen insgesamt 22 Teilnehmer das Wort. Außer Weinert selbst und Wilhelm Pieck sowie dem Schriftsteller Willi Bredel waren es ausschließlich Kriegsgefangene, die dabei ihre Absage an das Naziregime begründeten. Da sprachen der Berufssoldat und der Wehrmachtsdeserteur, der Arbeiter und der Studienrat, der Diplomingenieur und der Pastor, der kaufmännische Angestellte und der Postbeamte, der Volkswirtschaftler und der Theologiestudent, der Graf, der Bauer und der Verleger – Menschen also, »die nach Herkunft, Weltanschauung und Bekenntnis nicht verschiedener« hätten sein können (Weinert). Nachzulesen ist all das im 164 Seiten umfassenden Protokoll der Gründungstagung des NKFD.

Einstimmig von der Konferenz gewählt wurden zum Ende des zweiten Tages die 38 Mitglieder des Nationalkomitees, in dem die Kriegsgefangenen mit 25 Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren die Mehrheit stellten. Auf der zivilen Seite gehörten dazu u.a. fünf Reichstagsabgeordnete der KPD, darunter Pieck und Ulbricht, deren Mandate 1933 von den Nazis annulliert worden waren. Zum Präsidenten des NKFD wurde Erich Weinert, zu Vizepräsidenten wurden Major Karl Hetz und Leutnant Heinrich Graf von Einsiedel, ein Urenkel Otto von Bismarcks, gewählt. Walter Ulbricht wurde mit der Leitung der operativen Arbeit beauftragt. Eine bedeutsame Erweiterung um zusätzliche 18 Mitglieder sollte dieses Komitee bereits zwei Monate später in Lunjowo, nach der Gründung des »Bundes Deutscher Offiziere« und dessen umgehend erklärtem Anschluß an das NKFD erfahren. Trotz Beibehaltung seiner organisatorischen Selbständigkeit wurden vier Generale und sieben Offiziere des BDO, vier Mannschaftsdienstgrade und drei Zivilisten als neue Mitglieder in das Nationalkomitee gewählt. Als weitere Vizepräsidenten traten der Präsident des BDO, General der Artillerie Walther von Seydlitz, und Generalleutnant Alexander Edler von Daniels sowie Soldat Max Emendörfer, einer von drei Wehrmachtsdeserteuren im Komitee, in diese Funktionen ein.

Zum Abschluß der Konferenz von Krasnogorsk unterzeichneten die gewählten NKFD-Mitglieder das »Manifest des Nationalkomitees Freies Deutschland an die Wehrmacht und an das deutsche Volk«. »Der Tag des Zusammenbruchs naht«, heißt es in diesem Dokument, das übrigens frei war von althergebrachter kommunistischer Agitation und Propaganda. »Der Krieg ist verloren. Deutschland kann ihn nur noch hinschleppen um den Preis unermeßlicher Opfer und Entbehrungen. Die Weiterführung des aussichtslosen Krieges würde das Ende der Nation bedeuten. (…) Wenn das deutsche Volk sich weiter willenlos und widerstandslos ins Verderben führen läßt, dann wird es mit jedem Tag nicht nur schwächer, ohnmächtiger, sondern auch schuldiger. Dann wird Hitler nur durch die Waffen der Koalition gestürzt. Das wäre das Ende unserer nationalen Freiheit und unseres Staates, das wäre die Zerstückelung unseres Vaterlandes.« Wenn das Volk jedoch rechtzeitig durch Taten seine Entschlossenheit beweise, Deutschland von Hitler zu befreien, erobere es sich das Recht, über sein künftiges Schicksal selbst zu bestimmen. »Mit Hitler schließt niemand Frieden. Niemand wird auch nur mit ihm verhandeln.« Daraus leitete das NKFD die Notwendigkeit ab, eine wahrhaft demokratische Regierung zu bilden, die sofort den Krieg beendet, die Truppen an die Reichsgrenzen zurückführt und unter Verzicht auf alle eroberten Gebiete Friedensverhandlungen einleitet. Gefordert wird die Schaffung einer »starken demokratischen Staatsmacht, eine Demokratie, die jeden Versuch des Wiederauflebens von Verschwörungen gegen die Freiheitsrechte des Volkes oder gegen den Frieden Europas rücksichtslos schon im Keim erstickt«. Und weiter: »Gerechtes, schonungsloses Gericht über die Kriegsverbrecher, über die Anführer, ihre Hintermänner und Helfer, die Deutschland ins Verderben, in Schuld und Schande stürzten. Amnestie jedoch für alle, die sich rechtzeitig durch ihre Taten von Hitler lossagen und sich der Bewegung für ein freies Deutschland anschließen.«

Lange vor dem »Aufstand des Gewissens«, der den Männern des 20. Juli 1944 in der Bundesrepublik zugestanden wurde, hatte sich mit diesem Dokument das Verantwortungsgefühl aufrechter Deutscher manifestiert. Dieser Appell konnte alle einigen, die sich vom Naziregime distanzierten. »Was vor kurzem noch unmöglich schien, Deutsche aller Klassen und Bekenntnisse zu einer umfassenden nationalen Kampffront zur Befreiung Deutschlands vom Hitlerjoch zu sammeln, ist hier Wirklichkeit geworden: So ist das Nationalkomitee, dem Vertreter aller deutschen Stände, aller politischen und religiösen Bekenntnisse angehören, legitimiert, im Namen des ganzen deutschen Volkes zu sprechen.« Soweit ein späteres Resümee des Präsidenten des Nationalkomitees.

Von wegen »Proklamationen«

Von »Proklamationen aus der Gefangenschaft« oder einem »Widerstand hinter Stacheldraht«, der den Angehörigen der Bewegung namentlich in Westen geringschätzend nachgesagt wurde, konnte indes keine Rede sein. Zu den ersten Ergebnissen der Krasnogorsker Tagung gehörten etwa die Herausgabe der Wochenzeitung Freies Deutschland und die Einrichtung eines gleichnamigen Radiosenders mit großer Reichweite, der bis nach Deutschland hinein wirken konnte. In beiden Redaktionen waren ebenso freie wie kriegsgefangene Angehörige der Bewegung tätig. Allein das Manifest wurde neben der Veröffentlichung in der Zeitung millionenfach als Flugblatt für die unmittelbare Frontpropaganda gedruckt.

Größtes Gewicht kam der sogenannten Frontorganisation des NKFD zu. Noch in dessen Gründungsmonat nahmen die ersten Bevollmächtigten beider Gruppierungen ihre Arbeit in den vordersten Linien auf. Binnen Jahresfrist waren es bereits über tausend und bis zum Kriegsende rund 4000 ehemalige Wehrmachtsangehörige aus den Reihen des NKFD und des BDO, die in den Stäben der – einer deutschen Heeresgruppe vergleichbaren – sowjetischen Fronten, als Armeebeauftragte oder Divisionshelfer fern von Moskau und damit der Zentrale des Nationalkomitees wirksam wurden. Nicht zu vergessen die im Hinterland des Gegners, meist bei Partisanenverbänden eingesetzten oder auch mit besonderen Aufklärungsmissionen selbst in Deutschland betrauten Soldaten und Offiziere. In der Organisa­tionsstruktur des NKFD spielten darüber hinaus die verschiedenen Kommissionen, Arbeitskreise und Fachgruppen – etwa für wirtschaftliche, so­zialpolitische, kulturelle, rechtliche, kirchliche oder (militär)historische Fragen – eine weit in die Zukunft weisende Rolle.

Hinzu kamen schließlich die beträchtlichen, wenn auch meist indirekten Außenwirkungen des Nationalkomitees, die sich mit den noch im Jahr 1943 entstandenen Bewegungen »Freies Deutschland«, so in Frankreich, Großbritannien, der Schweiz, Schweden, auf dem Balkan und selbst in den USA, gewissermaßen weltweit Gehör verschafften. Doch das wäre schon wieder, ebenso wie die Geschichte der 1941/1942 in Mexiko ins Leben gerufenen Bewegung »Alemania Libre«, ein Thema für sich.

Festzuhalten bleibt, daß das NKFD seine im und mit dem Manifest gesetzten Ziele letztlich nicht erreichte. Als Komitee und BDO im November 1945 ihre Tätigkeit einstellten und ihre Selbstauflösung beschlossen, war eingetreten, was sie eigentlich verhindern wollten: Deutschland lag in Trümmern und war von den siegreichen Alliierten in Besatzungszonen aufgeteilt. Trotz aller Erfolge beim Zusammenschluß unterschiedlichster politischer Kräfte war es nicht gelungen, Volk und Wehrmacht zum Bruch mit dem Hitlerregime zu bewegen.

Das hatte allerdings auch keine andere deutsche Widerstandsbewegung zuwege gebracht, selbst die Militärverschwörer um Oberst Graf Schenk von Stauffenberg nicht. Der im Manifest empfohlene Rückzug der Truppen auf die Reichsgrenzen gestaltete sich unfreiwillig und vollzog sich vielmehr nach den Regeln einer Taktik der verbrannten Erde. Andererseits hat insbesondere die Front­organisation des NKFD Zehn-, wenn nicht gar Hunderttausenden Wehrmachtsangehörigen den Weg in die Gefangenschaft gewiesen. Die Flugblätter mit dem Signum der Bewegung erwiesen sich zigtausendfach als Passierschein in ein Leben nach dem Krieg. Keine andere deutsche Widerstandsorganisation hat eine solche Breite und Tiefenwirkung erzielt und dem Naziregime einen solch unmittelbaren Schaden zugefügt.

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