10. August 2011

Mechanismen der Anpassung

Psychologie. Vor 50 Jahren führte Stanley Milgram seine berühmten Experimente zum Autoritätsgehorsam durch

Michael Zander

Heutzutage werden viele Menschen schon einmal von einer fingierten Laboruntersuchung gehört haben, bei der sich die Teilnehmer unter dem Druck einer Autorität dazu bereit finden, einer anderen Person vermeintlich schmerzhafte, ja sogar tödliche Stromschläge zu versetzen. Mittlerweile wird das von dem US-Psychologen Stanley Milgram (1933–1984) erstmals am 7. August 1961 durchgeführte Experiment an nicht wenigen Schulen hierzulande im Unterricht behandelt. Allerdings wäre es nicht überraschend, wenn der eigentliche kritische Gehalt der Untersuchung dabei regelmäßig verlorenginge. Selbst der Klappentext zur deutschen Übersetzung von Milgrams Buch »Obedience to Authority« (»Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität«, Reinbek 1974) ist irreführend: Wer »auf demokratisch-humanitären Fortschritt« hoffe, heißt es da, werde »durch Milgrams Befunde desillusioniert«; das Experiment erschließe »einen bisher noch dunklen Bereich der menschlichen Natur«.

Nun war aber der Autor selber ein tatkräftiger Unterstützer demokratischer Fortschritte. Er wandte sich ausdrücklich gegen das »typische Feld-Wald-und-Wiesen-Verständnis« in bezug auf seine Untersuchung, wonach darin »die Bestie im Menschen zum Vorschein« komme und sich ein »Ausfluß des finsteren und bösen Teils der Seele« bemerkbar mache. Die häufig gezogene Schlußfolgerung, daß »in (fast) jedem von uns (...) ein Folterknecht« stecke (Spiegel online, 19.12.2008), ist mindestens ungenau, wenn nicht falsch. Sie verlagert das Problem ins Individuum und verdunkelt so die Absicht und Analyse hinter dem Experiment. Die Ursache für die Befolgung grausamer Befehle verortete Milgram in erster Linie nicht in der Person des Handelnden, sondern in einer bestimmten Situation, die Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu bringt, gegenüber einer Autorität gehorsam zu sein. Es ging ihm zunächst um einen sozialpsychologischen Beitrag zum Verständnis der Naziherrschaft und speziell des Umstandes, daß Millionen Deutsche Mord- und Folterbefehlen gefolgt waren. Dabei deckte er allerdings Methoden der Manipulation auf, mit denen nach seiner Überzeugung auch in demokratisch genannten Staaten operiert wird. Angesichts der Beteiligung der BRD an internationalen Kriegen ist seine Analyse nach wie vor aktuell und auch im Hinblick auf Gegenmaßnahmen diskutierenswert.

Eichmann und McCarthy

Zu Beginn der 1960er Jahre wurde in der Öffentlichkeit der USA und Westeuropas die Nazidiktatur oft unter zwei Aspekten diskutiert. Zum einen war man der Meinung, die faschistischen Verbrechen und insbesondere der Holocaust müßten von »Sadisten«, also grausamen, quasi pathologischen Charakteren begangen worden sein. Zum anderen glaubte man, der Faschismus sei durch den übertriebenen Gehorsam der Deutschen ermöglicht worden. Neue Nahrung erhalten sollte die zweite Ansicht ab Juni 1961 durch die Aussage des hochrangigen Nazikriegsverbrechers Adolf Eichmann (1906–1962) vor einem Jerusalemer Gericht sowie durch die Reportagen einer Prozeßbeobachterin, der Philosophin Hannah Arendt (1906–1975). Bereits den Zeitgenossen war diese Interpretation ein Anlaß zu Mißtrauen, schien sie sich doch zur Entlastung der Täter zu eignen, die sich wie Eichmann darauf beriefen, »nur Befehle ausgeführt« zu haben. Heute weiß man, daß Eichmann ein fanatischer Nazi und Antisemit war und daß seine Selbstdarstellung als Befehlsempfänger zu seiner Verteidigungsstrategie gehörte, die freilich das Todesurteil nicht abwenden konnte. Aber auch wenn bereits damals viele die apologetische Absicht erkannten, so konnte doch nicht bestritten werden, daß der Gehorsam, an den der Faschismus appelliert hatte, ein augenfälliges und erklärungsbedürftiges Phänomen war.

Milgrams Idee, über dieses Thema zu forschen, erwachte im Frühjahr 1960, möglicherweise im Zusammenhang mit der Ergreifung Eichmanns im Mai des Jahres. Und doch war dieses Interesse lange vorher ausgelöst worden. Als Sohn rumänisch-ungarischer Einwanderer jüdischer Herkunft wuchs Milgram in New York auf. In seiner Kindheit hatte er erfahren, wie seine Eltern sich um das Schicksal ihrer osteuropäischen Verwandten sorgten und wie die Angst vor einem japanischen oder deutschen Angriff auf die USA in der Luft lag.

Aus einem Brief an einen Schulfreund geht hervor, wie sehr Milgram sich seiner jüdischen Herkunft verbunden fühlte und wie er selbst als nicht unmittelbar beteiligter Amerikaner eine Schuld des Überlebens zu verspüren schien: »Meine wahre geistige Heimat ist Mitteleuropa, nicht Frankreich, die Mittelmeerländer, England, Skandinavien oder Norddeutschland, sondern die Region, die mit den Städten München, Wien oder Prag in Verbindung gebracht wird. (…) Ich hätte 1922 in die deutschsprachige jüdische Gemeinde Prags hineingeboren und zwanzig Jahre später in einer Gaskammer sterben sollen. Wie ich dazu kam, in einem Krankenhaus in der Bronx geboren zu werden, werde ich nie ganz verstehen.« Es war also naheliegend, daß er sich später für die Ursachen des Faschismus interessierte. Das Problem des Gehorsams und der staatlichen Autorität begegnete ihm während seiner Studentenzeit auch in anderem Zusammenhang. In den 1950er Jahren wurden am New Yorker Queens College mehrere Lehrkräfte entlassen, weil sie sich geweigert hatten, vor einem Untersuchungsausschuß unter Vorsitz des Senators Joseph McCarthy (1908–1957) über eine etwaige Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei auszusagen. Milgram bereute im nachhinein, daß er, wie die meisten anderen Studierenden auch, dazu geschwiegen hatte.

Intellektuell wurde Milgram stark durch seinen akademischen Lehrer und späteren Doktorvater Solomon Asch (1907–1996) geprägt. Asch war durch Untersuchungen zu Konformität berühmt geworden. Seine Versuchspersonen glaubten, innerhalb einer Gruppe an Wahrnehmungsexperimenten teilzunehmen. Ihre Aufgabe bestand darin, die Länge von Linien einzuschätzen. Tatsächlich waren alle anderen Teilnehmer in Wirklichkeit Verbündete des Versuchsleiters, die falsche Urteile abgaben. Wenn sie übereinstimmend die kürzere Linie als die längere bezeichneten, dann zweifelten viele der echten Versuchspersonen an ihrem Wahrnehmungsvermögen, statt auf ihr ursprüngliches Urteil zu vertrauen. Anders als sonst in der Psychologie üblich, hielt Asch das Experimentieren nicht für eine Kopie des naturwissenschaftlichen Vorgehens. Für ihn war die eigentliche Erkenntnisquelle die Analyse der Erfahrung der Versuchsteilnehmer. Deren Aussagen nach dem Experiment wurden »zu einem wesentlichen Teil der Versuchsanordnung«.

»Sie haben keine Wahl!«

Milgram, der zeitweise als Aschs Assistent arbeitete, war allerdings unzufrieden damit, daß die Versuchspersonen lediglich die Länge von Linien einschätzen sollten. Möglicherweise empfanden sie keinen echten Konflikt, denn von ihrem Urteil hing nichts ab; ob nun die eine oder die andere Linie länger ist, konnte ihnen gleichgültig sein. Konformität in Gruppen spielte für die sozialpsychologische Analyse des Faschismus zweifellos eine Rolle; wollte man jedoch den Gehorsam vereinzelter Individuen gegenüber einer Autorität erforschen, mußte man das Problem des Gruppendrucks zunächst beiseite lassen.

Am 18. Juni 1961 erschien in der Lokalzeitung New Haven Register erstmals eine Anzeige, in der 500 Teilnehmer aus verschiedenen Berufsgruppen für ein Experiment über Gedächtnisleistungen gesucht wurden. Wer sich meldete, wurde in ein Laboratorium an der Yale-Universität eingeladen. Dort wurde der Interessent von einem Versuchsleiter im grauen Kittel begrüßt und einem weiteren Mann, dem späteren »Opfer«, vorgestellt. Beiden wurde mitgeteilt, sie nähmen an einem wichtigen Experiment teil, in dem der Einfluß von Strafe auf den Lernerfolg getestet werden solle. Ein fingiertes Losverfahren teilte dem Neuankömmling die Rolle eines »Lehrers« zu. Als solcher hatte er dem »Schüler« Elektroschocks mit steigender Voltzahl zu verabreichen, falls dieser einen Fehler bei der Wiedergabe gelernter Wörter machte.

Der Schüler wurde in einem Nebenraum auf einem Stuhl festgeschnallt und sein Körper mit Elektroden versehen. Der vom Lehrer zu bedienende Schockgenerator war mit einer Reihe von Kippschaltern mit Voltzahlangabe von 15 bis 450 ausgestattet. Die Versuchsperson erhielt vorab selbst einen leichten Probeschock, um sicherzustellen, daß sie an die Echtheit der Apparatur glaubte und sich außerdem darüber im klaren war, wie sich ein elektrischer Schlag anfühlt. Zwar seien die Schocks schmerzhaft, erklärte der Versuchsleiter, aber sie verursachten »keine bleibenden Gewebeschäden«. Der Schüler mußte Wortpaare lernen und daraus einzelne Begriffe in späteren Wortfolgen wiedererkennen. Dabei machte er genügend Fehler, um mit Stromschlägen von maximaler Spannung »bestraft« zu werden. Ab 135 Volt schrie das Opfer vor Schmerzen; bei 150 Volt rief es: »Versuchsleiter, holen Sie mich hier raus! Ich will bei diesem Experiment nicht länger mitmachen!« Mit höherer Voltzahl steigerten sich seine Proteste und seine Schreie, bis nach 330 Volt nichts mehr von ihm zu vernehmen war. Zögerte der Lehrer, drängte ihn der Versuchsleiter mit verschiedenen Sätzen, in seinem Tun fortzufahren: »Bitte machen Sie weiter! Das Experiment erfordert, daß Sie weitermachen! Sie müssen unbedingt weitermachen! Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!« Die Prozedur endete, wenn sich die Versuchsperson trotz mehrfacher Aufforderung weigerte oder wenn sie den Schalter mit maximaler Voltzahl betätigt hatte. Im Anschluß wurde ihr die Täuschung offenbart und mitgeteilt, daß dem vermeintlichen Opfer nichts passiert sei. Milgram befragte sie und gab ihr ausführlich Gelegenheit, über die soeben gemachte Erfahrung zu sprechen.

Unerwartete Ergebnisse

Die ursprüngliche Hypothese, die Milgram in einer vergleichenden Untersuchung hatte prüfen wollen, hatte gelautet, Deutsche seien gegenüber Autoritäten gehorsamer als US-Amerikaner. Ihre Sinnhaftigkeit wurde jedoch durch die Ergebnisse ernsthaft in Frage gestellt. Weder Milgram noch die von ihm nach ihrer Prognose befragten Psychologen, Studierenden und Laien hatten erwartet, daß eine Mehrheit der Versuchspersonen gehorsam sein und einem vor Schmerzen schreienden Opfer Elektroschocks verabreichen würde. Milgram verfolgte seine ursprüngliche Hypothese nicht weiter, sondern ging der Frage nach, wie dieses unerwartete und beunruhigende Verhalten zu erklären sei. Es war ihm gelungen, eine echte Konfliktsituation zu erzeugen. Die meisten Versuchspersonen zeigten Anzeichen von Nervosität. Sie zitterten, schwitzten oder brachen in ängstliches Gelächter aus. Dies zeigte, daß sie die Situation für echt hielten und daß sie die vermeintlichen Elektroschocks keineswegs freiwillig verabreichten. Vielmehr unterdrückten sie ihren Wunsch, dem Opfer keine Schmerzen zuzufügen, und gaben einer Autorität nach, die über keinerlei sachliche Druckmittel verfügte. Die meisten »gehorsamen« Versuchspersonen hielten es durchaus für verwerflich, andere Menschen mit elektrischen Schlägen zu traktieren, dennoch waren sie unter den Bedingungen des Experiments nicht in der Lage, nach dieser Überzeugung zu handeln. »Nach der Verabreichung des Maximalschocks, und nachdem der Versuchsleiter das Verfahren abgebrochen hatte, stießen viele gehorsame Versuchspersonen Seufzer der Erleichterung aus, wischten sich den Schweiß von der Stirn, rieben sich die Augen oder fummelten nervös nach einer Zigarette. Manche schüttelten – offenbar bedauernd – den Kopf.«

Milgram variierte die Versuchsbedingungen, um Aufschluß über ihre Beweggründe zu gewinnen: Die Zahl der Gehorsamen sank drastisch, wenn die Teilnehmer, statt im Nebenraum zu sitzen, dem Opfer die Hand auf eine Metallplatte drücken sollten. Sie stieg, wenn die Versuchspersonen die Kippschalter nicht selbst drücken, sondern nur die zu lernenden Wörter vorlesen mußten.

Furcht vor Verweigerung

Milgrams Theorie des Gehorsams wurde streng genommen durch das Experiment nicht getestet. Vielmehr sollte sie die gemachten Beobachtungen sowie die Aussagen der Teilnehmer nach dem Versuch erklären. Der zentrale Begriff dieser Theorie ist der »Agens-Zustand«, in dem ein Mensch unter bestimmten Bedingungen seinen Willen dem eines anderen unterordnet. Eingeübt wird diese Haltung demnach in der familiären Erziehung, der Schule und den Hierarchien der gesellschaftlichen Arbeitsorganisation. Die Teilung der Arbeit führt zudem zur Ausbildung von Zuständigkeitsbereichen, die gemeinhin als legitim wahrgenommen werden. Nach Milgram besteht ein Autoritätssystem »aus wenigstens zwei Personen, denen die Erwartung gemeinsam ist, daß eine von ihnen das Recht besitzt, der andern ihr Verhalten vorzuschreiben«. Im Labor wird der Versuchsleiter als zuständige Autorität akzeptiert, von der man annimmt, sie müsse wissen, was sie tut. Ihr gegenüber fühlen sich die Teilnehmer verpflichtet; gebunden fühlen sie sich durch ihr Versprechen, bei einem Experiment behilflich zu sein, durch die empfangene Aufwandsentschädigung oder durch die vermeintlich hehren Ziele der Wissenschaft. Das Opfer gerät darüber leicht in den Hintergrund.

Der Konflikt läßt sich dadurch abmildern, daß man sich gegen dessen Leidensäußerungen verhärtet oder ihm die Schuld an seiner Lage zuschiebt. Der Autorität wird die Definition richtigen Verhaltens in der Situation gestattet. Das Gewissen, mit dem man normalerweise die eigenen Absichten kontrolliert, ist auf die Prüfung fremder Interessen nicht vorbereitet. »Unsere Versuchspersonen sagten häufig: ›Wenn es an mir gelegen hätte, dann hätte ich dem Schüler keine Schocks gegeben.‹« Offener Dissens, der notwendige erste Schritt zum Ungehorsam, wird von vielen Teilnehmern als peinlich empfunden, muß aber nicht notwendigerweise zum Ungehorsam führen; vielmehr kann er auch zur Selbstberuhigung dienen, ohne daß daraus Konsequenzen für das Handeln gezogen werden.

Milgram beschreibt eindrücklich, wie schwer der Weg vom ersten inneren Zweifel über den Dissens bis zur wirklichen Verweigerung ist. Ungehorsam beende den Konflikt der Versuchsperson und trage die »Merkmale eines positiven Akts: gegen den Strom schwimmen«. Von einer Teilnehmerin mit dem Pseudonym »Gretchen Brandt« ist Milgram besonders beeindruckt: »Das geradlinige und höfliche Verhalten dieser Frau (…) scheinen die Gehorsamsverweigerung zu einem einfachen und rationalen Tun zu machen. Ihr Verhalten ist schlechthin die Verkörperung dessen, was ich ursprünglich als für fast alle Versuchspersonen typisches Verhalten angepeilt hatte. Ironischerweise wuchs Gretchen Brandt in Hitlerdeutschland heran und war während des größten Teils ihrer Kindheit der Nazipropaganda ausgesetzt. Über die möglichen Einflüsse ihrer Lebensumstände befragt, sagt sie langsam: ›Vielleicht haben wir zu viel Qual gesehen.‹«

Wenn Milgram übrigens feststellt, »Menschen mit höherem Bildungsgrad« seien »stärker ungehorsam« gewesen »als solche mit niedrigem«, dann zeigt dies eine Schwäche des Experiments. »Gehorsam« ist darin als einfache, ausführende Arbeit definiert. Viele Arbeiter müssen solche Tätigkeiten verrichten und werden in Milgrams Buch vorwiegend negativ dargestellt. So heißt es über einen Schweißer, seine »groben Gesichtszüge« deuteten auf eine »geringe geistige Beweglichkeit«. Wenngleich auch Angehörige anderer Klassen kritisch dargestellt werden, muß man doch fragen, ob das Experiment nicht ungeeignet ist, den Opportunismus der Mächtigen zu demonstrieren. Milgram wird häufig als Vertreter eines psychologischen »Situationismus« wahrgenommen, der menschliches Handeln stärker auf Charakteristika von Situationen als von Personen zurückführt. Tatsächlich vertritt er jedoch eine differenzierte Position. Ein einseitiger »Situationismus« würde zu absurden Konsequenzen führen. Aus einer Teilnahme an Milgrams Experiment könnte nichts gelernt werden, wenn jedes Mal die Umstände die Oberhand behielten.

Faschistische Staatsphilosophie

Was sagen die Befunde über das Verhalten von Menschen unter der Nazidiktatur aus? Milgram betont wichtige Unterschiede zwischen seiner Versuchsanordnung und der Situation im Faschismus: Ungehorsam konnte während der Naziherrschaft schwerwiegende Konsequenzen haben; allerdings macht der Historiker Christopher Browning darauf aufmerksam, es sei bisher nicht möglich gewesen, »auch nur in einem einzigen Fall zu belegen, daß auf die Weigerung, unbewaffnete Zivilisten zu töten, jene gnadenlose Bestrafung gefolgt wäre, die angeblich zwangsläufig damit verbunden war«. Viele Deutsche hatten die Forderungen der Nazis verinnerlicht, die Opfer wurden durch den Rassismus systematisch abgewertet: »Gehorsam entsteht aus Ungleichheiten in menschlichen Beziehungen und verewigt sie«, schreibt Milgram, »und ist auf diese Weise – in seiner extremsten Ausprägung – das ideale Regulativ für den Faschismus. Es ist nur logisch, daß eine Staatsphilosophie, deren Kriterium die Ungleichheit der Menschen ist, auch den Gehorsam zur absoluten Tugend erhebt. (…) Nicht zufällig war das besondere Merkmal des Dritten Reiches, großes Gewicht auf die Vorstellung von (rassisch) höher- bzw. minderwertigen Gruppen zu legen, ebenso wie auf zackigen (…) Gehorsam.« Beides ermöglicht den Völkermord: Eine hierarchische Arbeitsteilung neutralisiert die Hemmungen, die dem Verbrechen im Weg stehen könnten. Der Schreibtischtäter braucht die schrecklichen Handlungen nicht auszuführen, der einfache Soldat kann auch ohne eigenen Antrieb töten.

An anderer Stelle scheint Milgram jedoch den Modellcharakter seiner Untersuchung zu überschätzen: »Die Anpassung eines gehorsamen Generals der Wehrmacht an Adolf Hitler findet ihre Parallele in der Anpassung des untersten Infanteristen an seinen Vorgesetzten (…). Nur für die Psychologie des obersten Führers braucht man eine andere Reihe von Erklärungsgründen.« Hier beruht der gesamte Faschismus auf der Ausführung von Befehlen. Die entscheidende Frage, wer warum ein Interesse am Faschismus hatte, angefangen bei den führenden Industriellen bis hin zu den kleinen Arisierungsgewinnlern, bleibt dabei ausgeblendet. Milgrams Experiment bietet keine umfassende Sozialpsychologie des Faschismus, aber es beleuchtet einen wichtigen Teilaspekt.

Lektion revolutionärer Gruppen

Gleichzeitig geht die Bedeutung der Untersuchungen darüber hinaus, insofern Milgram auch die USA in deren Licht betrachtet: »In Demokratien werden Menschen durch öffentliche Wahlen in ihr Amt eingesetzt. Doch sobald sie einmal installiert sind, besitzen sie nicht weniger Autorität als jene, die durch andere Mittel ihre Position erlangt haben. (…) Der Import und die Versklavung schwarzer Menschen, die Vernichtung der indianischen Bevölkerung Amerikas, die Internierung japanischer US-Bürger, der Einsatz von Napalm gegen Zivilisten in Vietnam – alle diese Aktionen waren grausam und entsprangen der Autorität einer demokratischen Nation (…). Ich wundere mich immer wieder, wenn ich (…) auf junge Männer treffe, die über das Verhalten der Versuchspersonen (…) entsetzt waren und behaupteten, sie würden sich niemals so verhalten, und die wenige Monate später zum Militärdienst eingezogen wurden und (…) Handlungen begingen, die die Schockverabreichung an unser Opfer als harmlos erscheinen lassen.« Auch im Vietnamkrieg spielte Ideologie eine zentrale Rolle: »Wir alle haben gesehen, wie Regierungen mit ihrer Herrschaft über den Propagandaapparat unweigerlich ihre Ziele in moralisch günstigem Licht malen; wie in (…) den Vereinigten Staaten die Vernichtung von Männern, Frauen und Kindern mit dem Hinweis gerechtfertigt wurde, die Freie Welt müsse gerettet werden, usw.« Die Antikriegsbewegung, mit der er sympathisierte, warnte er vor den Schwierigkeiten, auf die sie treffen werde: »Wer in der Heimat gegen den Krieg protestiert, ruft Ressentiments hervor. Denn der Soldat ist in eine Autoritätsstruktur eingespannt, und alle, die behaupten, seine Taten seien teuflisch, stellen geradewegs die psychischen Anpassungsmechanismen in Frage, die sein Leben erträglich machen. Den Tag hinter sich bringen und am Leben zu bleiben, das ist Plackerei genug; es bleibt keine Zeit, sich Gedanken über den moralischen Aspekt zu machen.«

Durch die Ausdehnung seiner Analyse auf die Gegenwart der 1960er Jahre soll die Verantwortung zahlreicher Deutscher für den Holocaust keineswegs relativiert werden. In einem nicht verwendeten Entwurf für ein Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe seines Werks schreibt Milgram: »Es paßt, daß dieses Buch ins Deutsche übersetzt wird, denn es hat für Deutsche eine besondere Relevanz. Gehorsam ist schließlich ihr beliebtestes Alibi. Meine Einschätzung ist, daß, wären die gleichen Institutionen in den Vereinigten Staaten errichtet worden – die Konzentrationslager, die Gaskammern –, man keine Schwierigkeiten gehabt hätte, Amerikaner zu finden, die sie betreiben. Doch die Tatsache, daß bei allen Menschen ein Potential für blinden Gehorsam besteht, entschuldigt nicht, daß die Deutschen dieses Potential umgewandelt haben in wirkliche Brutalität und wirkliches Abschlachten.«

Milgram gibt keine klare Antwort darauf, was durch Widerstand gegen Herrschaft erreicht werden könnte. Den Anarchismus, den er mit einer ersatzlosen Abschaffung herrschender Institutionen gleichsetzt, hält er für nicht wünschenswert, weil man sich mit ihm der Übermacht besser organisierter Gegner ausliefere. Autorität und Gehorsam erscheinen bei ihm einesteils als alltägliches und nicht abschaffbares Phänomen, das von den jeweils herrschenden Kräften missbraucht werden kann, andernteils als unterdrückerisches Zwangsverhältnis, gegen das man sich wehren muß. »Der gegenseitige Halt, den Menschen einander bieten, ist das stärkste Bollwerk gegen Auswüchse der Autorität«; Auflehnung werde »am wirksamsten durch eine kollektive Aktion ermöglicht«, eine Lektion, die »jede revolutionäre Gruppe« lerne.

Die BRD führt gemeinsam mit ihren Verbündeten in Afghanistan einen Krieg, der mit anderen Kriegen durchaus vergleichbar ist. 1999 bombardierte sie mit Jugoslawien ein Land, das Jahrzehnte zuvor bereits von der Naziarmee heimgesucht worden war. Milgrams Analyse mag Schwächen haben, aber soweit sie damals für staatliches Handeln Gültigkeit besaß, so gilt sie auch hier und heute. Milgram war Anhänger der Demokratischen Partei in den USA, das heißt, seine Opposition zur Gesellschaft war nicht besonders radikal, wenngleich diese Partei damals weiter links als heute gestanden haben mag. Man verehrt ihn gemeinhin als bedeutenden Wissenschaftler, dennoch werden in der öffentlichen Diskussion hierzulande Stimmen marginalisiert, deren Niveau an intellektueller Redlichkeit und Kritik ihm gleichkommt.

Michael Zander ist Psychologe und lebt in Berlin

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