11. Dezember 2010

Menschenzucht

»Lebensborn«: Am 12. Dezember 1935 gründete die SS eine Organisation für den »Sieg der Geburten des guten deutschen Blutes«

Manfred Weißbecker

Auf Veranlassung ihres Chefs Heinrich Himmler gründeten zehn SS-Männer, deren Namen nicht überliefert sind, am 12. Dezember des Jahres 1935 in Berlin einen neuen Verein. Sie nannten ihn »Lebensborn«, wohl an einen Brunnen, eine Quelle für neues Leben denkend. Gewählt wurde die Form eines rechtlich selbständigen Vereins, was sich etwas ungewöhnlich ausnahm innerhalb des Geflechts aller Teilorganisationen der NSDAP oder der ihr direkt angeschlossenen Verbände. Es mag sein, daß da juristische Vorteile gesucht worden waren, beispielsweise das Recht, Eigentümer von Heimen und anderem Besitz zu werden. Doch ein solches Recht blieb anderen Organisationen ebenfalls nicht verwehrt. Ausschlaggebend konnte dies also nicht gewesen sein. Man wolle, laut erstem Punkt der Satzung, »rassisch und erbbiologisch wertvolle, kinderreiche Familien unterstützen«, was jedoch tatsächlich nur nebenbei geschah. Aufschlußreich war hingegen, was sich in Punkt zwei formuliert findet: »Rassisch und erbbiologisch wertvolle werdende Mütter« seien unterzubringen und zu betreuen, »bei denen nach sorgfältiger Prüfung (…) anzunehmen ist, daß gleich wertvolle Kinder zur Welt kommen«.

Kinder für den Krieg

Mit ähnlichen Aufgaben sahen sich indessen bereits andere Einrichtungen betraut. Im März 1934 hatte die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) ein Hilfswerk »Mutter und Kind« geschaffen, das sich um Schwangerschaftsberatung, Mütterschulung, Säuglingsfürsorge und Kindergartenbetreuung kümmern sollte. Im Jahr zuvor war auch ein Deutsches Institut für Jugendhilfe ins Leben gerufen worden, das sich vor allem der unehelich geborenen Kinder annahm. Die neue Organisation widmete sich ebenfalls dieser Aufgabe und stellte sie unter das Motto, »heilig« solle ihr »jede Mutter guten Blutes« sein – jede Mutter, also auch Ledige, wobei man zugleich alles unternahm, um das traditionelle Ideal der Ehe nicht als angetastet erscheinen zu lassen.

Alle zeigten sich einig in dem Ziel, den Kinderreichtum zu fördern und so bevölkerungspolitisch zu wirken. Doch dem »Lebensborn« war ein besonderer Beitrag zugewiesen. In der 1938 geänderten Satzung hieß es, aus ihm solle eine auserlesene Jugend hervorgehen, »wertvoll an Körper und Geist, der Adel der Zukunft«. Zugleich versprach man sich, würde man Kinder vor der Abtreibung retten, einen größeren Bevölkerungszuwachs. Himmler rechnete sich aus, mit Hilfe des »Lebensborns« künftig pro Jahr etwa 40000 Jungen mehr aufzuziehen – für die Wehrmacht. Nach 30 Jahren stünde so »eine Armee von 400000 Mann mehr« bereit, und schon nach 20 Jahren könnten 18 bis 20 Regimenter mehr marschieren«, ließ er die Wehrmachtsführung wissen. Menschliche, karitative Motive spielten keine Rolle – einzig und allein für die beabsichtigte Eroberung neuen »Lebensraumes« und die Schaffung eines »großgermanischen Reiches« sollten entsprechende biologische Grundlagen geschaffen werden.

»Aufnordung«

Ganz in diesem Sinne verlangte Richard Darré, von 1931 bis 1938 Leiter des SS-Rasse- und Siedlungs-Hauptamtes, die »Aufnordung« der Deutschen müsse auch mit Kindern unverheirateter Mütter erreicht werden. Alfred Rosenberg, seines Zeichens Chefideologe der NSDAP, warnte vor einer sinkenden Geburtenziffer. Die Deutschen würden aussterben bzw. ihr Rest von den Nachbarn aus dem europäischen Osten »erdrückt« werden. Seine Schlußfolgerung: »Wenn also angesichts vieler gewollt kinderloser Ehen bei großem Frauenüberschuß nicht verheiratete gesunde Frauen Kinder in die Welt setzen, so ist dies ein Kräftezuwachs für die deutsche Gesamtheit.« Der politische Sieg des 30. Januar 1933 sei umsonst, wenn ihm nicht ein »Sieg der Geburten des guten Blutes« hinzugefügt werden könne, äußerte Himmler. Seine Begründung trug er SS-Gruppenführern am 18. Februar 1937 vor: »Das Volk, das sehr viel Kinder hat, hat die Anwartschaft auf die Weltmacht und Weltbeherrschung. (…) Ein gutrassiges Volk, das sehr wenig Kinder hat, besitzt den sicheren Schein für das Grab, für die Bedeutungslosigkeit in 50 und 100 Jahren, für das Begräbnis in 200 und 500 Jahren.« Biologisches Wachstum also als Grundlage der angestrebten Weltherrschaft! Offenherzig verwandte er gegenüber seinem Leibarzt Felix Kersten dafür auch den Begriff der »Menschenzucht«. Diese sei ebenso möglich wie die Tierzucht.

Das erste Entbindungsheim, genannt »Hochland«, eröffnete der »Lebensborn« am 15. August 1936 im oberbayerischen Steinhöring. Dem folgten das Heim »Harz« in Wernigerode, das Heim »Kurmark« im märkischen Klosterheide sowie acht weitere, mit Millionenbeträgen u. a. aus den Kassen der NSV finanziert. Sechs Heime entstanden im 1938 »angeschlossenen« Österreich. Als der neue Weltkrieg entfesselt war, schuf die SS solche Heime auch in einigen der besetzten Länder. Das Ziel hier: »Höherzüchtung« des vorhandenen nordischen Blutes. Aus den »blutsnahen« Völkern sollten möglichst viele »zu bewußten Germanen und Deutschen« gemacht werden, schrieb Himmler in seinen Richtlinien zur Gewinnung niederländischer Freiwilliger vom 24. Juni 1940. Größtenteils gewaltsam wurden ausländische Kinder und Frauen ins Reich verschleppt, nachdem sie zuvor als »eindeutschungsfähig« und als »rassisch wünschenswerter Bevölkerungszuwachs« gemustert worden waren. Das traf rund 50000 Kinder. Entweder kamen sie, bei Verschleierung ihrer Identität, in die Heime des »Lebensborns«, oder in Familien mit strammer Nazigesinnung. Bekannt ist u. a., daß von den 98 Kindern, die das Massaker von Lidice überlebt hatten und zu Vollwaisen geworden waren, 13 ausgewählt, die anderen ins Vernichtungslager Kulmhof deportiert und in den Tod geschickt wurden. Praktiziert wurde da sozusagen ein Begleitprogramm zum Völkermord, ein Versuch, den Rassismus nicht allein »negativ« durch Ausrottung zu praktizieren.

Insgesamt sollen bis 1945 – exakte Zahlen liegen nicht vor – 70000 bis 90000 Frauen und Kinder von dem Verein »betreut« worden sein, zusätzlich czirka 6000 in Norwegen geborene Kinder und deren Mütter. Eine Statistik vom 30. September 1943 weist indessen lediglich 5047 Geburten aus. Offensichtlich hatten sich im Reich die hohen Erwartungen in keiner Weise erfüllt.

Verschleierungen

In der Geschichtsschreibung differieren die Urteile über den »Lebensborn«. Auf der einen Seite wird er als Experimentierfeld und Herzstück rassistischer »Züchtungsversuche« der Nazis, als »staatliche Bordelleinrichtung« (Joachim C. Fest) charakterisiert, auf der anderen als eine rein karitative Einrichtung. Erst in einigen Werken der jüngeren Literatur wird auch der Zusammenhang zwischen den kriegerischen Eroberungsabsichten, dem Völkermord und einer bewußt gesteuerten Vermehrung der Deutschen hergestellt.

Zumeist betrachten die Autoren, darunter auch der Himmler-Biograph Peter Longerich, jedoch alles als ein Ergebnis entsprechender sexual- und bevölkerungspolitischer Vorstellungen Hitlers und Himmlers. Da wird insbesondere so getan, als sei im Reich die rassistische, auf größere Wachstumsraten der Deutschen orientierende Bevölkerungspolitik erst nach dem 30. Januar 1933 zur Geltung gekommen. Nur ein Irrtum, oder geht es doch um mehr?

Zur Erinnerung: Theodor Fritsch, dem die Nazis gleichsam in Anerkennung seines in hohen Auflagen erschienenen »Handbuches der Judenfrage« ein abscheuliches Denkmal widmeten, hatte schon 1904 eine Deutsche Erneuerungsgemeinde (DEG) geschaffen, die als Modell für die »Wiedergeburt der germanischen Rasse« sowie für eine »Verjüngung des ganzen deutschen Volkes« galt. In den Siedlungen der DEG sollte ein Germanen-Typus heranwachsen, der »den Zuständen der neuen Welt besser gewachsen ist«. Der völkisch-antisemitische Mitgart-Bund wollte 300 »Menschen-Pflanzungen« schaffen und in diesen »Neudörfern (…) einen jährlichen Zufluß von 100000 neuen Menschen in den Adern des deutschen Volkes bewirken.« Das erklärte Ziel der 1908 in der Nähe von Rheinsberg gegründeten Siedlungsgesellschaft »Heimland« bestand in der »Erneuerung des Lebens durch Züchtung neuer überlegener Menschen, Auslese der Tüchtigen, Ausmerzung aller Entarteten aus dem Fortpflanzungskreis.«

Es läßt sich durchaus eine beachtenswerte Kontinuität rassistischer Bevölkerungspolitik erkennen. Deren Wurzeln sind bis in das 19. Jahrhundert zu verfolgen, als die Naziführer noch in den Windeln lagen. Großmachtgieriger Expansionismus und Kriegsbereitschaft sind über größere Zeiträume hinweg als menschen- und menschenrechtsfeindlicher Wesenszug nicht allein in Hitlers oder Himmlers Kopf feststellbar. Wer das außer Betracht läßt, will gesellschaftliche Ursachen nicht benennen, möglicherweise auch aktuelle Erscheinungen deutschtümelnden Rassismus verharmlosen.

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