20. August 2013

Milliardengrab im Ahrtal

Schlafzimmereinrichtung des Bundeskanzlers. Das Schlafzimmer selbst befand sich in einem nicht mehr zugänglichen Teil des Bunkers. - Fotoquelle_ Wikipedia

Im rheinland-pfälzischen Marienthal unterhielt die Bundesrepublik ­jahrzehntelang ihren Regierungsbunker. Dieser war teuer, voller Mängel – und in der DDR ­wohlbekannt

Gotthold Schramm

Unterstellt, daß die Bundesrepublik Deutschland sich während des Kalten Krieges existentiell bedroht fühlte und sich darum meinte, schützen zu müssen, und ferner angenommen, daß sie ihre Bündnisverpflichtungen hätte erfüllen müssen, wenn denn ein ­NATO-Mitglied von der östlichen Militärkoalition angegriffen worden wäre: Hatte sich das nicht spätestens bei der Auflösung des Warschauer Vertrages erledigt? Vor wem mußte sich die Bundesrepublik nach 1990 noch schützen? Wessen Angriff fürchtete sie? Wer hätte 3000 Spitzenfunktionäre in den Regierungsbunker in der Eifel treiben können, um dort im Schieferberg den Atomkrieg zu überleben? Mit einem Wort: Die Existenzberechtigung dieses Regierungsbunkers hatte sich mit dem Untergang des Ostblocks und dem Beitritt der DDR zum »Geltungsbereich des Grundgesetzes« erledigt. Nun wissen wir, daß Regierungsentscheidungen mitunter sehr lange dauern, obgleich man durchaus schon den Gegenbeweis lieferte. »Nur Tage nach dem GAU in Japan (die AKW-Katastrophe von Fukushima im März 2011 – G. Sch.) entschied sich die Bundesregierung für ein umfassendes Moratorium, bei dem 17 deutsche Meiler überprüft werden sollten. Die sieben ältesten wurden dafür sogar abgeschaltet. Gut drei Monate später wurde der Atomausstieg Deutschlands beschlossen.«1 Seit Jahrzehnten war für die Energiewende diskutiert, demonstriert, protestiert worden, über die Forderung nach Ausstieg aus der Atomenergie hatte sich sogar eine Partei konstituiert und etabliert. Jetzt aber war sehr rasch entschieden worden. Es ging also. Doch für eine solche, eher nachrangige Entscheidung, nämlich die Abschaltung eines technisch veralteten und politisch überholten Regierungsbunkers, ließ man sich Zeit. Schließlich ging es um 180 Arbeitsplätze, um Verträge mit Dienstleistungs- und Wartungsfirmen und so weiter (…) Erst am 9. Dezember 1997 entschied die Regierung Kohl per Kabinettsentschluß, die »Betriebsbereitschaft« des Bunkers zu beenden.

Geheimer Bunkerbau

Die Sache ging so unspektakulär zu Ende, wie sie knapp 36 Jahre zuvor begonnen hatte. »›Es gab keinen feierlichen Spatenstich. Festredner blieben der Baustelle im Ahrtal fern genau wie die Öffentlichkeit‹, erinnert sich Bunkerbauer Lothar Hujet aus Heimersheim an jene dritte Januarwoche im Jahr 1962. Am 19. Januar – einem Freitag – beginnt die Bundesregierung mit dem Bau ihres Atomschutzbunkers im kleinen Ort Marienthal. Doch weder das Architekturbüro DSBI (Deutsche Societät Beratender Ingenieure, Essen) noch die Bundesbaudirektion – beide in der Bauleitung – erfahren etwas vom offiziellen Startschuß. Den gibt am Tag zuvor Bundeskanzler Konrad Adenauer höchstpersönlich während einer Ministerbesprechung im Bonner Kanzleramt.«2 Dabei war bereits 1958 mit der Planung begonnen, 1959 vermessen und eine Baracke für die Bauleitung errichtet worden, 1960 hatte man Personal wie Lothar Hujet geworben und angestellt. Man habe zwei Jahre lang Straßen befestigt und Bäume gefällt, die aus der Kaiserzeit bestehenden Eisenbahntunnel »bewacht«. Aber gebaut wurde nichts. Nun, an dieser Praxis hat sich dem Augenschein nach bis heute wenig geändert.

Als die Presse davon Wind bekam, so um den Jahreswechsel 1961/62, ist es mit dem Staatsgeheimnis vorbei. Die Illustrierte Quick veröffentlichte – vier Wochen nach dem Hamburger Abendblatt (»Riesiger atombombensicherer Stollen an der Ahr«) – ebenfalls einen Beitrag zum Thema. »In einer bis dahin beispiellosen Polizeiaktion werden die Bunker-Seiten« aus dem Heft 2/1962 herausgerissen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt.«3 Wie infantil muß man sein, um zu glauben, auf diese Weise Fakten aus der Welt zu schaffen? Im Kabinett stellte man am 18. Januar die Gretchenfrage: Weitermachen oder neu planen? Adenauer entschied trotzig: Morgen ist Baubeginn! »Bis 1971 werden rund 20000 Arbeiter für fast 500 Millionen D-Mark der Bonner Führungsmannschaft in einem 17 Kilometer langen Tunnellabyrinth atomar-biologisch-chemische Sicherheit für 30 Tage schaffen«4, heißt es weiter. »Das bunkerzuständige Bundesinnenministerium geht für den Kriegsfall vom Angriff mit einer Fünf-Megatonnen-Bombe auf die unterirdische Regierungszentrale aus. Es ist der erwartete Enthauptungsschlag mit einer Kernwaffe, die 250mal stärker ist als das, was Hiroshima dem Erdboden gleich machte. Das Ministerium läßt durch renommierte Kernphysiker und Waffenexperten Gutachten erstellen, die beschreiben, was das für das Bunkerareal bedeutet: 300 Meter tief und zehn bis zwölf Kilometer Durchmesser hätte der Detonationskrater. Ahrweiler, Marienthal oder Dernau würden – wie der Bunker selbst – komplett verschwinden und als radioaktiver Fallout über Westeuropa verteilt. Der Regierungsbunker an sich schützt vor einer Detonationskraft von 20 Kilotonnen. Dem elektromagnetischen Impuls einer Kernwaffe hat er gar nichts entgegenzusetzen und würde technisch kollabieren. Doch das Bauwerk spielt seine eigene Rolle im Kalten Krieg.

Die Erstellungskosten dürfen als Konjunkturpaket verstanden werden, das der Wirtschaft im Ahrtal und darüber hinaus einen kräftigen Aufschwung verschafft. Der Betrieb schafft 200 Arbeitsplätze im Bunker und reichlich Aufträge drumherum. Dem Ostblock wird Handlungsfähigkeit des Westens im Kriegsfall vermittelt – auch wenn die Staatssicherheit bereits 1967 die Mängel des Bunkers genausogut kennt wie die Bauleitung in Marienthal. Doch was der Osten weiß, ist in Bonn nicht bekannt – also funktioniert dieser Aspekt empfundener Abschreckung.«5

16,6 Millionen Mark pro Jahr

1997 ermittelt der Bundesrechnungshof, was es den Steuerzahler jährlich kostet, den Bunker »betriebsbereit« zu halten. Neben den Personalkosten, die sich auf etwa 15 Millionen D-Mark pro Kalenderjahr belaufen, müssen aufgebracht werden für Strom 920000 DM, Abwasser 55000 DM, Heizöl 26000 DM, Kommunikation 31000 DM, Überwachung 48000 DM, Substanzerhalt (?! – G. Sch.) 315000 DM, Sonstiges 41000 DM, Wartung 164000 DM, zusammen 1600000 DM.

Addiert ergibt das allein für die sieben Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges etwa 125 Millionen D-Mark. Darüber hinaus wurden 1991/92 und 1994 zur Verbesserung der Klimatechnik und der Notstromversorgung noch einmal rund 300 Millionen D-Mark investiert. Wie weltfremd die Bundesregierung in jener Zeit war, offenbarte Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) bei einem Besuch im Bunker am 19. Februar 1997. Er erklärte gegenüber den Festangestellten vor Ort, daß ihre Arbeitsplätze sicher seien, für die Bundesregierung – deren Umzug nach Berlin unmittelbar bevorstand – sei der Verzicht auf den Bunker »unvorstellbar«.

Da »Überraschungsschläge mit knappen Vorwarnzeiten«6 derzeit nicht sehr wahrscheinlich seien, bliebe der Bundesregierung noch ausreichend Zeit, von Berlin in die Eifel zu kommen. Herrliche Einfalt (wenn denn nicht absichtsvoll gelogen wurde): Wenn keine »Überraschungsschläge mit knappen Vorwarnzeiten« drohten – was drohte denn überhaupt? Im Sommer 1997 wurde den Angestellten aufgegeben, aufzuschreiben, welche Aufgaben sie zu erfüllen haben und welche Kosten bei jeder Tätigkeit im Bunker anfallen. Offenkundig hatte mal jemand im Bundesinnenministerium nachgerechnet, was der ganze Spaß – denn etwas anderes war es ja wohl nicht mehr – so kostete und ob sich da nicht etwas sparen ließe.

Schon zwei Jahre zuvor hatte in der Haushaltsdebatte eine Abgeordnete der SPD ins Parlament gerufen: »Die Frage ist, ob das Ganze überhaupt noch notwendig ist.« Damals hatte die Kohl-Regierung allen Ernstes intern erwogen, die Anlage zu modernisieren, was mit zehn Jahren Bauzeit veranschlagt wurde, die einen dreistelligen Millionenbetrag verschlingen würde. Mindestens. Aber am 9. Dezember 1997 entschied das Kohl-Kabinett anders. »Unsanft und auch nicht wirklich logisch nach einem jahrelangen ministerialen Eiertanz – aber endgültig.«7 Am Tag darauf informierte das Bundesinnenministerium alle Institutionen, die es erfahren mußten, vom Bundesgrenzschutz über die Ministerien bis zum Bundeskanzleramt. »Sie mögen diese Entscheidung quittieren und alle Verschlußsachen und sonstige Werte in Marienthal abholen«, hieß es in der knappen, nüchternen Mitteilung. Bis Herbst 1998 war der Bunker ausgeschlachtet, dann durfte auch die Presse rein.

Am 1. August 2001 kamen die Bagger und begannen mit dem Abriß. Am 1. März 2008 öffnete die »Dokumentationsstätte Regierungsbunker«. Das Museum befindet sich im vorderen Teil der Anlage, das Innere ist entkernt und nicht begehbar. Für den Umbau an und im Bunker stellte der Bund rund 2,5 Millionen Euro zur Verfügung. Die Trägerschaft der Dokumentationsstätte liegt beim Heimatverein »Alt-Ahrweiler«, Eigentümer des gesamten Bereichs Museum wie auch der entkernten Stollen und der Flächen um die ehemaligen Außenbauwerke bleibt der Bund.

Zielobjekt der HVA

Für die Aufklärung der DDR – die Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit (HVA) und die Militäraufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung – war der Regierungsbunker in Ahrweiler ein bedeutendes Zielobjekt. Die dem Bunker von der NATO und der Bundesregierung zugewiesenen Aufgaben im militärischen und im zivilen Bereich mußten zwangsläufig zu Schlußfolgerungen für die militärische und politische Aufklärung führen. Der Bunkerbau, der Bunker an sich und dessen Nutzung für die geheimen Stabsübungen waren Bestandteil des Kalten Krieges, an dem beide Seiten, Ost und West, ihren Anteil hatten. Insofern war der Bunker auch eine ständige Herausforderung für die Aufklärung der DDR. Obwohl der Kalte Krieg jederzeit in einen heißen Krieg umschlagen konnte, war der Bunker in besonderen Spannungszeiten für die Aufklärung wichtiger als etwa in Phasen angenommener oder durch die Praxis bestätigter Entspannung. Will heißen: Die nachrichtendienstliche Bedeutung auch dieser Einrichtung unterlag gewissen Schwankungen.

Bei der operativen Bearbeitung des Objekts ging die DDR-Aufklärung von drei Prämissen aus: Erstens, im Bunker finden im zweijährigen Abstand Kommandostabsübungen der NATO statt. Dort werden die im Vorfeld erarbeiteten Strategien der Kriegsführung in Planspielen getestet und erprobt, was Reaktionen auf gegnerische Pläne – also der auf östlicher Seite – einschließt. Es werden also Kernfragen der Verteidigung und des Angriffs sowie das Zusammenwirken des militärischen und zivilen Bereichs behandelt. Die Vorbereitung der Planspiele erfolgt im wesentlichen vor den Übungen und damit außerhalb des Bunkers, ebenso Auswertung und Schlußfolgerungen. Das relativiert die nachrichtendienstliche Bedeutung des Bunkers für die Informationsbeschaffung. Diese Informationen werden über die beteiligten Personen in Stäben der NATO und der Bundeswehr sowie in Ämtern der Bundesregierung besorgt. Das war auch in der Realität so: Die bedeutendsten Informationen zu den Kommandostabsübungen erhielten wir von dort, nicht von Teilnehmern an den Bunkerübungen.

Zweitens, der Bunker besitzt besondere Bedeutung für das Erkennen bedeutsamer Spannungsmerkmale, er ist gleichsam ein Indikator. Verstärkte personelle und verkehrstechnische Bewegungen im Umfeld oder die Aktivierung des Bunkers, der Einzug einer möglichen Bunkerbesatzung o.ä. deuten auf eine Zunahme der Spannungen hin.

Und drittens, der Bunker nimmt im System der militärischen Führungs- und Leitstellen der NATO und der Bundesregierung vor und während eines Krieges eine Spitzenstellung ein. Das ist bei den militärischen Überlegungen und Planungen auf der Seite des Warschauer Vertrages zu berücksichtigen. Informationen über die Lage des Objektes und innere Struktur, Versorgung mit Energie, Wasser und Luft sowie über mögliche Schwachstellen in der Außensicherung und zur Verletzlichkeit sind wichtig für Gegenschläge.

Diese drei Orientierungen verrieten, daß der Regierungsbunker in Ahrweiler zu keiner Zeit ein Hauptobjekt der Aufklärung der DDR war. Unser Informationsbedarf wurde mittels operativer Möglichkeiten und Quellen der gesamten Hauptverwaltung A hinlänglich gedeckt: im Bundesministerium des Innern (Abteilung I), in der Bundeswehr (Abteilung IV), bei Geheimdiensten (Abteilung IX) und NATO (Abteilung XII). 1986 kam die Zivilverteidigung (Abteilung XVIII) hinzu. Die neu gegründete Abteilung der HVA bekam den Auftrag zur Außenaufklärung.

Detaillierte Informationen

Der Aufklärung der DDR gelang es, über alle in Ahrweiler durchgeführten Übungen aussagekräftige Informationen zu beschaffen. 1962 und 1966 gewannen wir mit Hilfe einer Vielzahl von Quelleninformationen ein befriedigendes Gesamtbild. Damit lagen uns für die nachfolgenden Übungen sowohl hinsichtlich Vorbereitung als auch Verlauf und Auswertung nützliche dokumentarische und detaillierte Informationen vor. Auch die sogenannten Working Papers konnten wir beschaffen.

Innerhalb der NATO war das »Direktorat Ratsoperationen und Übungen« für Vorbereitung, Durchführung und Auswertung solcher Übungen verantwortlich. Dieses Gremium hatte als zentrales Arbeits- und Exekutivorgan die Dienstaufsicht im Lagezentrum (SITCEN). In diesem Direktorat war die Quelle »Michelle« plaziert. Sie arbeitete dort als Sekretärin, später, von 1967 bis 1979, als Assistentin des Direktors. Eine andere Spitzenquelle der HVA (»Topas«) hatte Zugang zum Lagezentrum in den Jahren 1977 bis 1989. Auf diese Weise hatten wir die Möglichkeit, Vorbereitung, Verlauf und Auswertung der NATO-Stabsübungen zu verfolgen.8 Daneben gab es weitere Quellen der HVA, die über die Kommandostabsübungen berichteten:

– »Charly« und »Nana« aus dem Bundesverteidigungsministerium,

– »Rose«, die verschiedene Dienststellungen im Verteidigungsministerium und in der NATO hatte,

– »Erich« in einer Inspektion des Sanitätswesens der Bundeswehr,

– »Hagen«, ein Stabsoffizier der Bundeswehr,

– »Schwarz«, der über die Verbindung zu Beschäftigten von Bildungsstätten der Bundeswehr informierte,

– »Eva« im Innenministerium von Niedersachsen.

Ferner leistete die Militäraufklärung der NVA mit ihren Quellen bei der Aufklärung der Kommandostabsübungen einen ausgezeichneten Beitrag. Es informierten

– »Aurikel« im Bundesverteidigungsministerium,

– »Drucker« im Amt für Studien und Übungen der Bundeswehr,

– »Cherry« im Auswärtigen Amt und in der Ständigen Vertretung der BRD bei der NATO.

Die erste vom Regierungsbunker aus geleitete Kommandostabsübung war die FALLEX 66. Das war eine Premiere in mehrfacher Hinsicht. Erstmals wurde die militärisch-zivile Zusammenarbeit unter den Bedingungen eines atomaren Krieges geprobt. Und zum ersten Mal nahmen daran bundesdeutsche Spitzenpolitiker teil. Aufgaben und ­Funktionen des Bunkers wurden fixiert. Danach erarbeitete das Bundesverteidigungsministerium eine Analyse (»Erfahrungsbericht zu FALLEX 66«), die der HVA bald im Wortlaut vorlag.

Zuverlässig erfolgte die frühe Feststellung von Spannungssituationen, vor allem der Merkmale für die unmittelbare Vorbereitung eines Krieges, über unsere Quellen, die in militärischen und zivilen Spitzenobjekten der NATO und der Bundesregierung tätig und an der unmittelbaren Vorbereitung solcher Handlungen beteiligt waren. Dennoch war es nötig, auch den Regierungsbunker dafür zu nutzen. Dazu mußten inoffizielle Mitarbeiter (IM) und Kontaktpersonen im Objekt und in seinem Umfeld gewonnen werden. Es gab etwa 200 festangestellte Mitarbeiter, eine Reihe von Personen, die aufgrund ihrer Aufgaben Zugang zum Bunker hatten, und sogenannte personelle Stützpunkte in der Nähe des Bunkers und an den Zufahrtsstraßen.

Die DDR-Aufklärung hatte frühzeitig, also Ende der 1950er Jahre, von einer Quelle im Bundes­innenministerium Kenntnis vom beabsichtigten Bau des Bunkers in der Eifel erhalten. Danach gewannen wir zielgerichtet weitere Quellen in dem genannten Personenkreis.

– Quelle »Zange«: Er war im Bonner Bundesinnenministerium als Bote angestellt und wurde 1956 von einem IM, der dort ebenfalls als Bote arbeitete, angeworben. »Zange« entwickelte sich bis Anfang der 1960er Jahre zu einer der ergiebigsten Quellen der HVA. Das hatte einen einfachen Grund: Er übernahm täglich Unterlagen im Büro des Ministers und brachte sie zu leitenden Mitarbeitern des Ministeriums und retour. Monatlich lichtete er bis zu 1000 Seiten ab. Darunter befanden sich Grundsatzdokumente zu der in Planung befindlichen Notstandsgesetzgebung und zum Regierungsbunker. IM »Zange« wurde nach sieben Jahren enttarnt und 1963 verhaftet.

– Quelle »Schaller«: Er war Bergmann und Fachmann für lufttechnische Anlagen, die er im Bunker installierte. Ab 1966 beschaffte er wichtige Bau- und Installationsunterlagen, die von Relevanz waren.

Es gab weitere Versuche, Innenquellen zu gewinnen. Mindestens zwei weitere solcher Vorgänge bestanden, wobei Einzelheiten nicht mehr rekonstruierbar sind. Im Umfeld des Objektes waren bis in das Jahr 1989 hinein langfristig drei IM im Einsatz, die ständig Beobachtungsaufgaben durchführten.

Regierungsbunker Ost und West

Die 1990 vom Zentralen Runden Tisch in Berlin verfügte Vernichtung des Aktenmaterials der Hauptverwaltung A war damals zu begrüßen. So wurden die Quellen der Aufklärung und unsere Kundschafter geschützt. Aus heutiger Sicht muß man dies auch kritisch sehen. Der Vernichtung fielen Objektakten und Analysen zum Opfer, darunter auch mehrere Ordner mit Material über den Regierungsbunker in Ahrweiler. Mit diesen Unterlagen wäre eine objektivere und kritischere Bewertung des Bunkers, seiner Geschichte, der Funktion und seiner operativen Bearbeitung möglich. Tod, Krankheit, Alter und fehlende Bereitschaft von Zeitzeugen auf unserer Seite erschweren die Rekonstruktion zusätzlich.9 Das gilt folglich für den Vergleich der Regierungsbunker in der BRD und in der DDR. Für Fachleute ist unbestritten, daß deren wirksamster Schutz die Unwissenheit des Gegners über seine Existenz ist. Zugespitzt formuliert wäre ein unbekannter massiver Keller, fernab aller militärischen Einrichtungen, eine weitaus nützlichere Einrichtung gewesen als jenes Bunkerobjekt in Ahrweiler, dessen Lage und technischen Parameter bekannt waren. In einem Krieg in Zentraleuropa, der uns gottlob erspart blieb, wäre er als erstes angegriffen und mit Sicherheit unwirksam gemacht worden.

Für die Auswahl des Standortes für den Regierungsbunker der DDR, seine Projektierung, Bau und Nutzung wurden die Grundsätze der Geheimhaltung von Anfang an strengstens beachtet. Die Errichtung lag in den Händen spezieller Einheiten der Nationalen Volksarmee, der laufende Betrieb in den Händen des MfS, zuständig war die Abteilung AGM B (Arbeitsgruppe Minister – Bunker). Auch für die Tarnung wurden erhebliche Mittel aufgewandt.

Hat dennoch der BND, hatten westliche Dienste von der Existenz und der Zweckbestimmung des Bunkers in Prenden wie auch von anderen Schutzbauten Kenntnis? Ehemaligen Mitarbeitern des Bunkers Prenden und aus dem dafür zuständigen Sicherheitsreferat sind Hinweise darauf nicht bekannt. Aus der langjährigen Bearbeitung des BND durch die HVA und die Hauptabteilung II, die über Informationen von Spitzenquellen im BND verfügten, geht jedenfalls nicht hervor, daß sie davon wußten. Im Laufe der Jahre haben wir etwa 3000 BND-Agenten enttarnt. Nicht einer lieferte Hinweise darauf, daß in Pullach etwas über den Bunker in Prenden bekannt war. Historiker und Publizisten, die nach 1990 zu diesem Thema forschten und beim BND nachfragten, erhielten keine Auskunft. Auch das dürfte als Indiz gewertet werden, daß dort nichts vorlag. Wenn dies so ist, wäre es im Nachgang eine Bestätigung der Sicherheitskonzeption und der guten Arbeit aller, die mit Prenden befaßt waren. Andererseits macht dieser Erfolg die Niederlage nicht ungeschehen, er hat sie auch nicht verhindern können.

Anmerkungen

1 Markus Killius: »Wie sich Deutschland gegen Atomkraft entschied«, Focus online vom 9.3.2012

2 Siehe: »Der Bau beginnt«, online: ausweichsitz.de/content/view/181/39/

3 Ebenda

4 Ebenda

5 Ebenda

6 Zitiert nach: »… und dann war plötzlich Schluß«, online: ausweichsitz.de/content/view/85/39/

7 Ebenda

8 Siehe u. a. Klaus Eichner, Karl Rehbaum: Deckname Topas. Der Spion Rainer Rupp in Selbstzeugnissen, Edition Ost, Berlin 2012

9 Wie schwer, um nicht zu sagen, wie unmöglich die Rekonstruktion unserer seinerzeitigen Recherchen ist, zeigt ein Beitrag auf der bereits wiederholt zitierten Internetseite: ausweichsitz.de/content/view/197/39/ In dem Beitrag »Bonns letztes Staatsgeheimnis?« wird von einer unterirdischen Verbindung zwischen dem Bunker und Bonn berichtet, die von der DDR-Aufklärung vermutet worden war: »Am 23. Februar 1967 meldet die für Auslandsspionage zuständige Ostberliner Hauptverwaltung Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit als ›Geheime Verschlußsache 75/67‹: ›Es gibt einen Zugangsstollen von Bonn zum Bunkersystem Marienthal‹. 2011 tauchen die Unterlagen erstmals nach Ende des Kalten Krieges wieder auf und lösen eine umfangreiche Suche aus.« Weiter heißt es dort, daß HVA-Chef Markus Wolf Minister Mielke ein Dossier »Bunkerbauten der Bundesregierung« in vierfacher Ausfertigung übergeben habe. (…) Die Dokumentation, so die Autoren dieses Beitrages, sei jährlich überprüft und aktualisiert worden, letztmalig 1988. Nach dem Ende der DDR kamen diese Papiere angeblich wie alle anderen MfS-Dokumente in das Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit (BStU). Doch dort wurden sie bis 2011 nicht gefunden! Erst dann tauchten sie auf – mit Fotos und Karten usw. Doch fragt sich: alle? Die Bundesregierung dementiert bis heute die Existenz dieses Verbindungstunnels, und in den Unterlagen finden sich auch keine Beweise. »Doch Gerüchte darum gibt es seit fast 50 Jahren – auch in Bonner Kreisen. Und Zeitzeugen schwören, den Westteil des Regierungsbunkers durch einen Geheimausgang verlassen zu haben, um nach ›einer gefühlten Ewigkeit‹ in Bonns Innenstadt wieder aufzusteigen.« Dem Autor dieses Buches ist ein solcher Verbindungstunnel allerdings nicht bekannt. Es hat ihn gewiß nie gegeben.

Erscheint in diesen Tagen: Gotthold Schramm, Milliardengräber. Regierungsbunker in Ost und West, Edition Ost Berlin, 256 Seiten, 16,99 ­Euro – auch im jW-Shop erhältlich

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2013/08-20/016.php