20. Juli 2013

Mit dem Heil der Kirche

Hitlers Vizekanzler Franz von Papen (2. v. l.) und Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli (Mitte, sitzend), der spätere Papst Pius XII., unterzeichneten vor 80 Jahren in Rom den Staatsvertrag - Fotoquelle: jW-Archiv

Durch das Reichskonkordat mit dem Heiligen Stuhl wurde dem Naziregime am 20. Juli 1933 der Segen des Papstes erteilt

Alexander Bahar

Am 23. März 1933 erfüllte der Reichstag Hitlers lange gehegten Wunsch: Mit 444 gegen 94 Stimmen der SPD verabschiedete er das »Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich«. Es räumte der Regierung das Recht ein, Gesetze ohne die Mitwirkung des Reichstages und des Reichsrates zu erlassen. Damit entmachteten sich beide Einrichtungen selbst. Die Regierung konnte jetzt auch offen verfassungswidrige Gesetze erlassen. Am Abend desselben Tages ließ auch der Reichsrat das »Ermächtigungsgesetz« einstimmig passieren (siehe jW-Thema vom 22.3.2013). Im Rahmen der von Hitler verfolgten Legalitätstaktik kam der Unterstützung durch die katholische Zentrumspartei und ihren bayrischen Ableger, der Bayerischen Volkspartei, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Nachdem die katholischen Parteien sich Anfang Juli dann selbst aufgelöst hatten, erkannte der Vatikan durch das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 als erster »Staat« Hitlerdeutschland völkerrechtlich an. Am 10. September 1933 wurde der Staatskirchenvertrag durch das Deutsche Reich ratifiziert. Hitler konnte stolz sein, hatte die katholische Kirche seinem Regime doch den höchstamtlichen Segen erteilt.

Treueeid für Nazistaat

Das in aller Eile ausgebrütete Vertragswerk regelte die wechselseitigen Rechte und Pflichten des Deutschen Reichs und der katholischen Kirche im Reichsgebiet. Von den 34 Artikeln waren beinahe zwei Drittel zugunsten der Kirche abgefaßt, der man entscheidende Zugeständnisse gemacht hatte, etwa hinsichtlich der Bekenntnis- und Privatschulen sowie des Religionsunterrichts an den staatlichen Schulen. Im Gegenzug – dies war der Preis, den die Kirche zu zahlen hatte – verpflichtete Artikel 32 Geistliche und Ordensleute zur politischen Neutralität, indem sie deren Mitgliedschaft in politischen Parteien oder die »Tätigkeit für solche Parteien« ausdrücklich ausschloß. Ferner stimmte die Kirche zu, in den Gottesdiensten an Sonn- und Feiertagen ein Gebet für das Wohlergehen des Deutschen Reichs und Volkes einzulegen (Artikel 3) und damit Werbung für die Diktatur zu machen. Artikel 16 verpflichtete die Bischöfe außerdem zur Leistung eines Treue­eids gegenüber dem Nazistaat »vor Gott und auf die Evangelien (…) in der pflichtmäßigen Sorge um das Wohl und das Interesse des deutschen Staatswesens«. Ein geheimgehaltener Anhang, dessen Regelungen gegen den Versailler Vertrag verstießen, befreite bei Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht die Priester vom Militärdienst, »ausgenommen im Fall der allgemeinen Mobilisierung«. Dann treten die Geistlichen, sofern nicht ohnehin in der Militärseelsorge beschäftigt oder zum Sanitätsdienst eingezogen, »in die Wehrmacht des Staates ein, um unter der kirchlichen Jurisdiktion des Armeebischofs sich der Seelsorge bei den Truppen zu widmen«. Mit der Unterzeichnung des geheimen Anhangs billigte die Kurie faktisch die Vorbereitung zum Angriffskrieg. Um eine Geheimhaltung dieser Klausel – insbesondere vor der Sowjetunion, die größtes Interesse an diesem Dokument bekundete – waren denn auch beide Seiten ängstlich bemüht.

»Wichtiger als jede Einzelheit war für Hitler das Konkordat als solches; der einzige unter seinen maßgeblichen außenpolitischen Verträgen also, der das Fiasko Deutschlands überdauerte und noch heute in der Bundesrepublik geltendes Recht darstellt«, wie Karlheinz Deschner feststellt.1 Warum aber lag Hitler so viel an seinem Abschluß? Zum einen hatte er, wie sich bald zeigen sollte, gar nicht die Absicht, die getroffenen Vereinbarungen einzuhalten, weshalb es ihm andererseits auf die meisten Details auch gar nicht ankam: Es ging ihm einzig um die Anerkennung des Naziregimes auf der diplomatischen Weltbühne sowie um die Neutralisierung des politischen Katholizismus und die Integration des katholischen Volksteils ins neue Reich. In einem Rundschreiben an die Partei vom 22. Juli 1933 nannte er das Konkordat die »Anerkennung des national-sozialistischen deutschen Staates durch die katholische Kirche«. Damit sei »vor der ganzen Welt klar und unzweideutig bewiesen, daß die Behauptung, der Nationalsozialismus sei religionsfeindlich, eine Lüge ist«. Das Reichskonkordat, so Hitler in einer Kabinettssitzung am 14. Juli, habe zudem eine »Vertrauensatmosphäre geschaffen, die bei dem vordringlichen Kampf gegen das internationale Judentum besonders bedeutungsvoll« sei. Nachdem die Kirche bereits zum Boykott gegen die Juden am 1. April geschwiegen hatte, »konnte Hitler davon ausgehen, daß ihn der Vatikan nicht sonderlich an seiner damals bereits eingeleiteten Judenverfolgung hindern werde, und die Zukunft sollte ihm recht geben«, so der Kirchenhistoriker Klaus Scholder.2

Die Ratifizierung des Reichskonkordates erfolgte am 10. September 1933. Der Apostolische Nuntius Cesare Orsenigo feierte den endgültigen Abschluß des Reichskonkordates mit einem Dankgottesdienst, in welchem er – makabre Krönung des Ganzen – das Horst-Wessel-Lied singen ließ. Damit strafte er Eugenio Pacelli, den späteren Pius XII., Lügen. Dieser hatte auf Äußerungen Hitlers im Osservatore Romano geantwortet, daß das Konkordat »keine moralische Zustimmung zum Nationalsozialismus« bedeute. Scholder stellt dazu fest, daß es »der katholischen Kirche (…) bei dem Abschluß des Reichskonkordates allein darum (ging), sich ihre Existenz auf dem Gebiet des Deutschen Reiches zu erhalten«. Dafür war sie auch zum Pakt mit dem Teufel bereit. So jedenfalls wurde das Konkordat in weiten Kreisen des deutschen Katholizismus empfunden. Bei denen, die sich bisher getreu der Devise ihrer Bischöfe gegen die Nazis und ihren Führer zur Wehr gesetzt hatten, herrschten Entsetzen und Enttäuschung. Doch Hitler wußte das Abkommen mit der Kirche, dessen Abschluß er zu den Wahlen am 12. November sogar mit einem Plakat bewerben ließ, propagandistisch zum Vorteil der NSDAP auszunutzen. Zwischen März und November glich sich das Wahlverhalten in katholischen und protestantischen Gebieten nahezu an, kehrte sich zum Teil sogar um, so daß in manchen traditionell katholischen Gebieten der Stimmenanteil für Hitler sogar über denen in traditionell evangelischen Gebieten lag.

Faktisch hatte sich die katholische Kirche in Nazideutschland selbst ihrer Handlungsfähigkeit beraubt. Mit dem in Artikel 16 formulierten Amtseid der deutschen Bischöfe war ein – selbst nur rhetorischer – Widerstand gegen die neuen Machthaber nicht mehr möglich. Dennoch hörten die Angriffe des Naziregimes auf katholische Organisationen, Einrichtungen und Verbände nach dem 20. Juli 1933 keineswegs auf. Die faschistischen Machthaber legten das Konkordat nach Gutdünken aus und terrorisierten Gläubige ungeniert weiter.

Die Vorgeschichte

Der Verlust des Kirchenstaates, der per Volksabstimmung vom 2. Oktober 1870 dem italienischen Nationalstaat einverleibt worden war, hatte die Kurie weitgehend der üblichen weltlichen Machtmittel beraubt. So rückte mehr und mehr die Konkordatspolitik in den Mittelpunkt der kurialen Diplomatie. Die hatte seit der Veröffentlichung des Codex Iuris Canonici im Jahre 1917 zuallererst das Ziel, die weitestmögliche staatliche Anerkennung und Gewährleistung des neuen kirchlichen Rechtes zu erreichen und so die immer weiter um sich greifende Trennung zwischen Staat und Kirche zu verhindern. Man schloß mit Lettland 1922, Polen 1925, Rumänien und Litauen 1927, Italien 1929, Österreich 1933 Verträge, bei denen es häufig um Schul- und Eheprobleme, um Finanzielles, das Recht des Papstes auf freie Ernennung der Bischöfe ging. Viele dieser Abkommen wurden durch den Zweiten Weltkrieg obsolet.

Auch in Deutschland, nach der Novemberrevolution 1918 eine parlamentarische Demokratie, bemühte sich die Kurie, vertreten durch Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri und den Apostolischen Nuntius Eugenio Pacelli, um den Abschluß eines entsprechenden Vertragswerks. Die Weimarer Verfassung, seit dem 11. August 1919 in Kraft, ließ keine »Staatskirche« bestehen, garantierte jedoch Religionsfreiheit, erkannte die Kirchen als Körperschaften öffentlichen Rechts an und gewährleistete grundsätzlich die öffentliche Bekenntnisschule.

Das politische Instrument der Kurie in Deutschland war seit 1870/71 die streng konfessionell ausgerichtete katholische Zentrumspartei. Infolge der Klerushörigkeit ihres Wahlvolks wurde sie schon 1878 stärkste Fraktion im Reichstag und schließlich sogar Regierungspartei. In der Weimarer Republik gehörte das Zentrum bis 1932 allen Reichsregierungen an und stellte nicht weniger als fünf Kanzler. Die Bemühungen der Kurie um ein Reichskonkordat wurden von dem Zentrumskanzler Joseph Wirth unterstützt. Doch alle noch so nachdrücklich vorgetragenen Pläne Pacellis scheiterten an den überzogenen Forderungen in der Schulfrage und am Widerstand der Liberalen, Protestanten und Sozialdemokraten. So bemühte man sich einstweilen um Länderkonkordate – zunächst, instinktsicher, in Bayern, das allerdings erst 1924 unter dem neuen Papst Pius XI. unterzeichnet wurde. Mit zeitlichem Abstand folgten Preußen am 14. Juni 1929 und Baden im Oktober 1932 – da war der Deutschland- und Naziexperte Pacelli bereits Kardinalstaatssekretär (seit 7.2.1930) und selbst auf dem Weg zum Papstthron. Der Fortbestand der Länderkonkordate mit Bayern, Preußen und Baden wurde später im Reichskonkordat ausdrücklich gewährleistet.

1928 hatte den Parteivorsitz des Zentrums der Prälat Ludwig Kaas, ehemaliger Professor für Kirchenrecht in Trier, übernommen. Mit dem Amtsantritt von Kaas, seit 1920 Berater Pacellis und zu dessen intimem Mitarbeiter, Verehrer und Bewunderer geworden, war der Einfluß des Nuntius auf die mit bekannten rheinischen Großindustriellen verbundene Partei sogar noch gewachsen. Über Kaas steuerte Pacelli das Zentrum immer mehr nach rechts.

Wie gegenüber Mussolinis Faschisten bestimmte auch gegenüber Hitlers Bewegung die Furcht vor dem weltweiten Anwachsen des Kommunismus die Politik der Kurie. Auch wenn Rom nicht offen mit der nazistischen Rassen­ideologie sympathisierte, konnte der Kampf gegen die Juden, denen man doch selbst über Jahrhunderte immer wieder übel zugesetzt hatte, kaum ein Hindernis für eine Annäherung sein. Mochte der Kurie auch der rabiate Antiklerikalismus eines Alfred Rosenberg, Julius Streicher und anderer Parteibonzen zuwider sein, Hitler, selbst Katholik, hatte immer wieder seine Bereitschaft zu einer Kooperation mit den Kirchen signalisiert. Sein Verhältnis zur katholischen war – dies zeigt schon »Mein Kampf« – eine Mischung aus Respekt und Abneigung, wobei der Respekt der Institution, ihrem unbeirrten Festhalten an den Dogmen, ihrer Fähigkeit zur Menschenführung und Herrschaft galt. Im Wissen um die politische Macht der Kurie vermied Hitler seit 1924 zielsicher jede direkte Auseinandersetzung. Die Neugründung der NSDAP im Februar 1925 stand im Zeichen der Entschlossenheit, sie strikt auf einen kirchenpolitisch neutralen Kurs festzulegen. Es gelang ihm, sich von den romfeindlichen Kräften um Erich Ludendorff u.a. zu trennen. Das erleichterte dem Vatikan zweifellos die Annäherung an die NSDAP.

Mit den zwischen Vatikan und dem faschistischen Italien unter Benito Mussolini abgeschlossenen Lateranverträgen vom 11. Februar 1929 gab es auch für Hitler die Möglichkeit einer neuen, konstruktiven Politik gegenüber dem Katholizismus. Nur wenige Tage nach der Unterzeichnung pries Hitler den »Friedensschluß zwischen dem Faschismus und dem Vatikan« – so der Untertitel des Völkischen Beobachters vom 22. Februar 1929. Es sei bewundernswert, »wie der italienische Staatsmann zielbewußt alle Kräfte seines Volkes« zusammenfasse und »alle Gegensätze« abbaue. Auch bedeuteten die Abkommen unzweifelhaft die Anerkennung des Faschismus durch den Vatikan. Schon vor Abschluß des Vertragswerks hatte Hitler im Völkischen Beobachter den Schluß gezogen, »daß die faschistische Gedankenwelt mit dem Christentum näher vertraut ist als die jüdisch-liberale oder die atheistisch-marxistische, mit der sich die sogenannte katholische Partei des Zentrums heute zum Schaden jeglichen Christentums und unseres deutschen Volkes so sehr verbunden fühlt«.

Die Haltung der Zentrumspartei wie auch die des deutschen Episkopats zur Nazibewegung war bis 1933 eindeutig ablehnend. Noch am 30. September 1930 hatte das Mainzer Generalvikariat Katholizismus und Nationalsozialismus für unvereinbar erklärt, »da das Programm der N.S.D.A.P. Sätze enthält, die sich mit katholischen Lehren und Grundsätzen nicht vereinigen lassen«. Namentlich die »Überschätzung der germanischen Rasse und Geringschätzung alles Fremdrassigen« wurde als »unchristlich und unkatholisch« gebrandmarkt. Die anderen deutschen Diözesen folgten diesem Urteil.

Ungeachtet dessen feierte ausgerechnet Zentrumsführer Ludwig Kaas das zwischen Mussolini und Pius XI. ausgehandelte und abgeschlossene Laterankonkordat in einem Aufsatz triumphierend als »neuen und eigenwüchsigen Typ positiver Verständigung« und Akt »umfassender Grenzbereinigung zwischen Staat und Kirche«.3

Zustimmung für Hitler

Nach den Reichstags- und Landtagswahlen vom 5. März 1933, die der NSDAP infolge massiven Terrors und der propagandistischen Ausschlachtung des Reichstagsbrands zusammen mit ihren deutschnationalen Verbündeten eine knappe Mehrheit bescherten, war es für Hitler beschlossene Sache, das Ende der Zentrumspartei durch ein Abkommen mit dem Vatikan zu besiegeln.

Klar zum Ausdruck brachte Hitler seine Pläne zur Ausschaltung des politischen Katholizismus in der Kabinettssitzung vom 7. März, in der er laut Protokoll erklärte: »Was die Wähler des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei anlange, so würden sie erst dann für die nationalen Parteien zu erobern sein, wenn die Kurie die beiden Parteien fallenlasse.« Am 13. März ließ der Papst in einer Konsistorialansprache, die bereits eine versteckte Anerkennung Hitlers enthielt, die vatikanische Verhandlungsbereitschaft erkennen. In der Folge machte sich Franz von Papen, seit 1923 päpstlicher Geheimkämmerer, daran, das Terrain für erfolgreiche Verhandlungen mit dem Vatikan zu sondieren, wobei es am 18. März auch zu einem Treffen mit dem Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, Kardinal Bertram, kam. Obwohl sich Papen bei diesem Gespräch offenbar noch eine Abfuhr holte, läßt Bertrams Schreiben vom 19. März erkennen, daß er auf eine Änderung der Dinge hoffte: Die Situation für eine allgemeine Kundgebung sei »noch nicht genügend geklärt«, der Wegfall der bisherigen Bedenken gegen die NSDAP sei »noch nicht überzeugend eingetreten«. Bei einem Aufenthalt in Rom vom 9. bis 17. März war der Münchner Kardinal Michael Faulhaber bereits allerorten der Meinung begegnet, es wäre höchste Zeit, daß der deutsche Katholizismus endlich umschwenke. Nach einer kirchenfreundlichen Regierungserklärung Hitlers, mit dem entscheidenden Satz: »Ebenso legt die Reichsregierung (…) den größten Wert darauf, die freundschaftlichen Beziehungen zum Heiligen Stuhl weiter zu pflegen und auszugestalten«, stimmten die katholischen Parteien am 23. März dem »Ermächtigungsgesetz« zu. Herbeigeführt hatte die Entscheidung Zentrumsführer Kaas, wie er in einem Brief vom 24. März selbst bekannte. Am 28. März 1933 nahmen die deutschen Bischöfe ihre seit Beginn der dreißiger Jahre immer wieder ausgesprochenen Verurteilungen des »Nationalsozialismus« zurück. Sie glaubten jetzt, das »Vertrauen hegen zu können«, daß die »allgemeinen Verbote und Warnungen (…) nicht mehr als notwendig betrachtet zu werden brauchen«. Damit ermöglichten sie den gläubigen Katholiken die Mitarbeit im Nazistaat, wäre doch ohne diese Erklärung ein Drittel der Reichsbevölkerung kirchenamtlich zur Opposition gegen Hitler verpflichtet gewesen. Den kausalen Zusammenhang zwischen der Haltung der Kurie und der Entscheidung der deutschen Bischöfe bestätigte Faulhaber ausdrücklich am 20. April vor der bayerischen Bischofskonferenz: »Notwendig wurde eine Erklärung (der deutschen Bischöfe, A.B.), und tragisch wird unsere Lage durch die Haltung Roms. Meine Romreise hat mir bestätigt, was man schon länger ahnen konnte. In Rom beurteilt man den Nationalsozialismus wie den Faschismus als die einzige Rettung vor dem Kommunismus und Bolschewismus.«

Am 7. April 1933 begab sich Vizekanzler von Papen mit der Verhandlungsvollmacht Hitlers auf den Weg nach Rom, wo er dem »Heiligen Stuhl« ein Reichskonkordat zur Regelung des Verhältnisses von Kirche und Staat in Deutschland anbot. Dort sprach ab dem 10. April auch Göring sowohl mit Pius XI. als auch mit Pacelli über das Reichskonkordat, das Pacelli und von Papen schließlich am 20. Juli unterzeichneten. Die in der Forschung bis heute heftig umstrittenen Fragen lauten: Hatte Hitler den Vertretern des Katholizismus schon vor der Verabschiedung des »Ermächtigungsgesetzes« ein Reichskonkordat versprochen? Zahlten die Zentrumsabgeordneten und die Bischöfe dafür im voraus, indem erstere dem »Ermächtigungsgesetz« zustimmten und letztere ihre »Verbote und Warnungen« zurücknahmen? Ebneten die deutschen Katholiken also Hitler den Weg in die Diktatur, um ihre eigenen Interessen zu sichern?

Diese bereits von Karl Dietrich Bracher (1958) und Karlheinz Deschner (1965) vertretene und mit Indizien reichlich belegte »Junktimsthese« galt in der BRD-Geschichtswissenschaft als längst widerlegt, bis der evangelische Historiker Klaus Scholder sie in den 1970er Jahren neu belebte.4 Dessen Kronzeuge ist der ehemalige Reichskanzler Heinrich Brüning, der in seinen Memoiren schrieb: »Kaas’ Widerstand (nämlich gegen das »Ermächtigungsgesetz«, A.B.) wurde schwächer, als Hitler von einem Konkordat sprach und Papen versicherte, daß ein solches so gut wie garantiert sei. (…) Seit 1920 hatte er immer gehofft, ein Reichskonkordat mitzuschaffen. Für ihn als Prälaten war die Sicherung der Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem Deutschen Reich eine entscheidende Frage, der die übrigen höchstens koordiniert, wenn nicht untergeordnet werden mußten.«

Scholder faßte zusammen: »Nach den Märzwahlen einigten sich Hitler und Papen auf den Konkordatsplan. Beide unterrichteten Kaas von dieser Absicht. Kaas forderte eine öffentliche Festlegung der Reichsregierung und versprach dafür, die Entscheidung der Zentrumsfraktion am 23. März in die gewünschte Richtung zu lenken. Beides geschah.«

»Gefreut wie Kinder«

Ein Bericht des damaligen Zentrumsabgeordneten August Winkler stützt die These, daß Pacelli über seinen Nuntius Cesare Orsenigo nach den Wahlen vom 5. März 1933 auf Kaas in dem von der Kurie gewünschten Sinn Einfluß genommen hat. Rom wollte die Verständigung mit Hitler und war bereit, das Zentrum dafür zu opfern. Demgegenüber halten die Historiker der katholischen »Kommission für Zeitgeschichte« bis heute an ihrer »Nötigungs- und Verzweiflungsthese« fest. Diese besagt, daß der Vatikan an den Fehlentscheidungen des deutschen Katholizismus im März 1933 völlig unbeteiligt, vielmehr deren Opfer gewesen sei, weil durch sie in Zugzwang geraten. Der Vatikan habe sich schließlich nur notgedrungen für den Abschluß eines Vertrages mit Hitler entschieden. Die These, die dem Wunsch der katholischen Kirche nach Absolution folgt und bis heute von etlichen Historikern vertreten wird, kann getrost ins Reich der Legenden verwiesen werden. Der Schlußbericht des Mussolini-Vertrauten und späteren Botschafters beim Vatikan, Cesare Maria De Vecchi, an den »Duce« vom 25. Juli 1933 belegt dies eindrucksvoll: Er habe mit Pacelli und dem Papst über das Reichskonkordat gesprochen, beide seien vorurteilslos genug, um sich nicht zu viele Sorgen zu machen wegen der sogenannten Gewalttätigkeiten, die vom Botschafter in Berlin so ernst genommen würden. Beide wüßten genau, daß derartige »Überreaktionen« notwendig seien, um starken Regierungen den Weg zu bahnen. »Der Papst und der Kardinalstaatssekretär«, so De Vecchi wörtlich, »haben sich über das Konkordat mit Deutschland gefreut wie Kinder, die in der Schule belohnt werden, und sie hatten (und haben noch) die einzige Angst, daß man in der Praxis das Konkordat nicht voll durchführen kann. Die Zerstörung des Zentrums und die ›Gewalttätigkeiten‹ gegen politisierende Geistliche wurden ohne Bedauern vergessen, und das seit dem Tag der Machtergreifung durch Hitler.«

Anmerkungen

1 Karheinz Deschner, Mit Gott und dem Führer. Die Politik der Päpste zur Zeit des Nationalsozialismus, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1988. Vgl. auch ders.: Mit Gott und den Faschisten, Neuauflage: Ahriman-Verlag, Freiburg i.Br. 2013; sowie »Politik der Päpste«, Neuauflage: Alibri-Verlag, Aschaffenburg (Herbst) 2013

2 Klaus Scholder, Altes und Neues zur Vorgeschichte des Reichskonkordats. Erwiderung auf Konrad Repgen, in: Vierteljahreszeitschrift für Zeitgeschichte 26 (1978), Heft 4, S. 535–570.

3 Ludwig Kaas, Der Konkordatstyp des faschistischen Italien, in: Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, Bd. III, 1, 1933, S. 514.

4 Siehe Klaus Scholder, a.a.O.

Alexander Bahar schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 4.7.2013 über den faschistischen »Unabhängigen Staat Kroatien« zwischen 1941 und 1945.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/07-20/014.php