9. Juni 2012

Mit Mut und Klarheit

Im Kampf gegen Hitler: Herbert Baum (1912 - 1942) - Quelle: jW-Archiv

Vor 70 Jahren starb der jüdische Antifaschist und Kommunist Herbert Baum in Gestapo-Haft

Regina Scheer

Am 4. August 1942 sang ein Mädchen, das an diesem Tag 20 Jahre alt wurde, in Moabit in seiner Zelle. ­Ihre Zellengefährtin fiel ein, schließlich die Insassin einer anderen Zelle, einer dritten, vierten, bis der Kanon vollständig war. In die Stille danach rief das erste Mädchen: »Ich habe etwas in die Wand geritzt.« »Was?« rief der lauschende Gefangene aus der Zelle darunter, der jüdische Rechtsanwalt Heinrich F. Liebrecht, der später darüber berichtete. »Ich bin ja noch so jung und möchte so gerne leben«, antwortete das Mädchen. Das war Hilde Loewy aus der heute so genannten Herbert-Baum-Gruppe. Herbert Baum lebte nicht mehr, als Hilde an ihrem Geburtstag, ihrem letzten, den Kanon anstimmte.

Am 11. Juni 1942 hatte man ihn erhängt in seiner Zelle im Polizeigefängnis gefunden, er war 30 Jahre und vier Monate alt. Zwanzig Tage zuvor war er von der Gestapo verhaftet worden, mit ihm seine Frau Marianne und mehrere Freunde, von denen die meisten am Brandanschlag auf die Ausstellung »Das Sowjetparadis« am 18. Mai beteiligt gewesen waren. In den Tagen seit der Verhaftung hatte Herbert Baum wohl begriffen, daß es zwecklos war, seine politische Arbeit seit 1933 zu leugnen; vor allem aber hatte er wohl erfahren, daß die Verhaftungen anhielten, daß nicht nur seine langjährigen Genossen, nicht nur die am Brandanschlag Beteiligten, sondern daß auch die völlig unbeteiligten Jugendlichen, für die er sich verantwortlich fühlte, von denen sich mehrere, auch Hilde Loewy, erst Monate zuvor seiner Widerstandsgruppe angeschlossen hatten, in die Fänge der Gestapo gerieten.

Überlebende Juden, die wie Herbert und Marianne Baum in der Judenabteilung des Elektromotorenwerkes bei Siemens seit 1940 Zwangsarbeit verrichten mußten, haben später berichtet, noch nach seiner Verhaftung sei Herbert Baum vor Schichtbeginn am Eingangstor gesehen worden. Sein Gesicht soll zerschlagen gewesen sein, seine Hände waren offenbar auf dem Rücken gefesselt, um das zu verbergen, hatte man ihm einen Mantel über die Schultern gehängt. So stand er da und versuchte mit den Augen jeden zu warnen, der ihn ansprechen wollte. Niemand sprach ihn an, obwohl er in der Judenabteilung sehr bekannt war. Vielleicht war es die Nacht nach diesem Versuch, ihn als Lockvogel zu mißbrauchen, als Baum sich das Leben nahm.

Vielleicht, dafür gibt es aber keine Beweise, haben ihn auch die Gestapo-Männer bei einer »verschärften Vernehmung« erschlagen und mußten diese Panne vor den Vorgesetzten vertuschen.

Suchender und Lehrer

Vieles, was die Baum-Gruppe betrifft, ist nicht mehr beweisbar, manches liegt noch immer im Dunkeln, um die Gruppe rankten sich Legenden und Halbwahrheiten, ihr Andenken wurde instrumentalisiert und ideologisch vereinnahmt. Erst seit 1990, seitdem die Archive offen sind, kann man aus den vielen Mosaiksteinen ein Bild zusammensetzen.

Herbert Baum, seine Frau Marianne und seine engsten Freunde Sala und Martin Kochmann, der Kern der später so genannten Baum-Gruppe, waren 1912 geboren. In der jüdischen Jugendbewegung hatten sie das Leben in der Gemeinschaft erprobt, sich mit hohen ethischen Idealen auseinandergesetzt, Freundschaft bedeutete ihnen viel. Herbert Baum, dem seine Gefährten von früher Jugend an Führungsqualitäten nachsagten, der den anderen an Wissen und Überzeugungskraft überlegen schien, war seit 1931 Mitglied im Kommunistischen Jugendverband (KJVD). Vorher hatte er zur Deutsch-Jüdischen Jugendgemeinschaft gehört, sich bei den »Roten Falken« umgesehen, auch Kurse über »Historischen Materialismus« bei der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) besucht. Er war ein Suchender und gleichzeitig wurde er von Gleichaltrigen schon früh als ein Lehrer angesehen.

Er war 21 Jahre alt, als er nach Hitlers Machtantritt einer der Führer des, natürlich illegalen, Kommunistischen Jugendverbandes in Berlin wurde. Auch Marianne, die er schon bei den »Roten Falken« kennengelernt hatte, auch seine Jugendfreunde Martin Kochmann und Sala Rosenbaum arbeiteten in den illegalen Strukturen des Unterbezirks Südost des KJVD. Es gab Flugblattaktionen, sie versuchten, Kontakte zu den versprengten Gruppen der Arbeitersportler, der Roten Hilfe, der Kommunistischen Partei herzustellen, sie übermittelten Kurieren, die aus Prag kamen, Lageberichte und gaben eine Zeitung heraus. Zu dieser Zeit schien es ihnen unwichtig, daß sie, wie viele ihrer Genossen, Juden waren, sie sahen sich vor allem als Kommunisten. Womöglich zum Kummer ihrer Herkunftsfamilien.

1935 wurde der illegal arbeitende Kommunistische Jugendverband zerschlagen. Baum selbst hatte unter Decknamen agiert und blieb unerkannt. Aber viele seiner Freunde wurden verhaftet, auch Martin Kochmann saß für einige Monate im Gefängnis. Aber da auch ihm nichts nachzuweisen war, kam es nicht zum Prozeß.

Zu dieser Zeit faßte die Auslandsleitung der kommunistischen Partei den Beschluß, mit den jüdischen Genossen im Lande nicht mehr zusammenzuarbeiten, zu gefährlich war das. Nicht immer wurde diese Anweisung unter den Bedingungen der Illegalität befolgt, bis weit in die 30er Jahre hinein arbeiteten Juden in kommunistischen Widerstandsgruppen mit, sogar in den Kriegsjahren leisteten einige der »Untergetauchten« aktiven Widerstand in der kommunistischen Uhrig-Gruppe, in der Europäischen Union um Robert Havemann oder in den Widerstandsgruppen um Anton Saefkow. Doch Herbert Baum und seine jüdischen Genossen waren »abgehängt«, sie fanden keinen Zugang mehr zu den Strukturen der Partei.

Noch einmal trafen sie sich mit dem Instrukteur des Kommunistischen Jugendverbandes, Wilhelm Bamberger. Der überlebte in der Emigration und berichtete nach dem Krieg, daß er ihnen im März 1936 den Auftrag erteilte, sich in den damals noch legalen jüdischen Jugendbünden zu engagieren. Jemand müsse sich der orientierungslosen jüdischen Jugendlichen annehmen, sie politisch erziehen für die Zeit nach Hitler.

Die Isolation durchbrechen

Noch immer hatten Herbert Baum und seine Gefährten gute Verbindungen in die jüdische Jugendbewegung. Vor allem Herberts alter Freund Walter Sack und Judith Kozminski, die im Bund Deutsch-Jüdischer Jugend, seit 1936 hieß er Ring – Bund Jüdischer Jugend, als Gruppenleiter arbeiteten, ermöglichten ihnen, mit Jugendlichen auf Wanderfahrten zu gehen, einige in ihre Wohnungen einzuladen, sie zu schulen und in ihrem politischen Sinn zu erziehen. Die Leitung dieser jüdischen Jugendbünde erfuhr nichts von Herbert Baums Einflußnahme.

Nach dem Krieg erinnerten sich Dutzende Berliner Jugendliche, die überlebt hatten, weil sie mit ihren Eltern, der Jugend-Alija oder den Kindertransporten emigrieren konnten, an diese Wanderfahrten und Gruppenstunden, und einige glaubten, sie wären ebenfalls »Mitglied der Widerstandsgruppe Herbert Baum« gewesen. Aber eine solche Gruppe gab es damals nicht, erst nach 1940, nach dem Beginn der Zwangsarbeit für Juden; und erst recht nach dem Überfall auf die Sowjetunion wandelte sich der große, informelle Freundeskreis, dessen Zentrum Herbert Baum mit seiner natürlichen Autorität war, zu einer Widerstandsgruppe mit konspirativen Strukturen.

Baum war Elektriker, zu anderen Zeiten hätte er studiert, aber selbst die Abendkurse an der Berliner Beuth-Schule, in denen er sich zum Ingenieur weiterbilden wollte, wurden ihm als Juden bald verwehrt. Sein Deckname im KJVD war »Student« gewesen, aber das wußten nur wenige, die Jugendlichen, mit denen er und Marianne, Martin und Sala arbeiteten, erfuhren es nie. Viele von denen ahnten, daß sie es mit Kommunisten zu tun hatten, aber nur wenige nahmen an regelrechten politischen Schulungen teil. Alle aber spürten die rebellische, aufrechte Haltung der Älteren, sie wurden zu Selbstbewußtsein und Stolz erzogen, angehalten, sich weiterzubilden, zu lesen, an ihre Zukunft zu glauben. Die meisten der Jugendlichen waren zehn, zwölf Jahre jünger als Baum, er riet ihnen, Deutschland möglichst zu verlassen, denn er sah ihre Perspektivlosigkeit, auch wenn man damals noch nicht glauben konnte, daß man die Juden töten würde. Aber ausgegrenzt waren sie seit 1933 und die Ausgrenzung nahm immer schärfere Formen an. Dennoch wollten Herbert Baum selbst und seine engsten Gefährten im Land bleiben und gegen Hitler kämpfen. Auch als Baums Eltern und Geschwister emigrierten, weigerte er sich, seinen Posten zu verlassen. Erst nach dem Novemberpogrom 1938 änderte sich Baums Haltung, und als Judith Kozminski 1938 nach England emigrierte und Walter Sack 1939 nach Schweden, schieden sie als Freunde.

Inzwischen waren auch die jüdischen Jugendbünde verboten worden, die Ausflüge waren gefährlich geworden und wurden seltener.

Die Zurückgebliebenen schlossen sich noch enger zusammen. Mariannes Bruder Lothar Cohn gehörte zu einer kommunistischen Parteizelle um Hans Fruck, vergeblich versuchte Herbert Baum seit 1939 immer wieder, Verbindung in diese Gruppe zu bekommen. Hans Fruck hielt die Wanderfahrten mit den Jugendlichen nicht für politische Arbeit, er fand die Zusammenkünfte überflüssig und gefährlich, er hielt Distanz zu Herbert Baum und forderte ihn auf, seine Parteiarbeit als »Betriebsarbeit« zu organisieren, bei der Zwangsarbeit Sabotage zu leisten. Das aber war in der bewachten Judenabteilung bei Siemens völlig unmöglich. Dennoch haben Marianne und Herbert Baum, die dort beide eingesetzt waren, unter den jungen Zwangsarbeitern neue Mitstreiter gefunden.

Die trafen sich in Baums Wohnung, durchbrachen die Isolation und suchten in Gesprächen »nach einem Ausweg, der es mir ermöglichte, weiterhin in Deutschland als Mensch zu leben«, wie es einer der Jugendlichen, Herbert Budzislawski, später gegenüber den Vernehmern formulierte.

Bereit zum Widerstand

Zu Baums Gruppe waren um 1940 auch einige ehemalige Genossen aus dem KJVD gekommen, auch zwei nichtjüdische junge Frauen gehörten dazu. Der Kreis vergrößerte sich noch, als sich 1941 eine Gruppe Jugendlicher um Siegbert Rotholz und Heinz Joachim anschloß, die sich bisher unabhängig von Baums Kreis in der Kellerwohnung von Siegberts Eltern in der Rombergstraße getroffen hatte oder im Vorderhaus der Synagoge Lindenstraße, wo der Vater der 1923 geborenen Lotte Jastrow Prediger gewesen war, bis er 1941 starb.

Inzwischen war allen klar, daß sie einer illegalen Gruppe angehörten, nach dem Beginn des Krieges mit der Sowjetunion waren sie auch bereit zum Widerstand.

In vielen Diskussionen zuvor, etwa um den Hitler-Stalin-Pakt, hatte sich Baum als überzeugter, geradezu starrer Befürworter dieses Abkommens gezeigt. Für ihn und seine gleichaltrigen Freunde war die Sowjetunion ein idealisiertes Land, sie ließen keine Kritik an der Politik der Sowjetunion zu. Hätte ihnen damals jemand etwas über die Prozesse, die Erschießungen, über die Lager in der Sowjetunion erzählt, in denen längst auch viele deutsche Kommunisten zu Tode gekommen waren – sie hätten es nicht geglaubt.

Nach dem Juni 1941 verebbten diese Diskussionen, die Fronten waren wieder klar. Baum zeigte ihnen als Juden eine Perspektive auf, und das war der Sieg der Sowjetunion über Deutschland, an den sie glaubten, für den sie eintreten wollten. Sie besorgten sich einen Vervielfältigungsapparat und druckten eine Art Zeitung. Nicht die Judenverfolgung war ihr Thema, sondern die allgemeine Lage, der Krieg gegen die Sowjetunion, die schlechte Versorgung. Allerdings beobachteten sie enttäuscht die Wirkungslosigkeit ihrer Aktion und ahnten, daß viele Exemplare dieser Zeitung der Gestapo ausgeliefert wurden.

Die Lage spitzte sich zu, als im Oktober 1941 die Deportationen aus Berlin begannen. Herbert und Marianne Baum lebten in einer Wohngemeinschaft mit Justine Krahl und deren behindertem Sohn Rudi, die waren Mutter und Bruder ihres Genossen Franz Krahl, der nach seiner Zuchthaushaft auf Parteibeschluß aus Deutschland emigriert war. Baum hatte seinem Freund versprochen, sich um die Mutter zu kümmern. Nun gehörten sie und der behinderte Rudi zu den ersten, die sich in Sammellagern einfinden mußten und »nach Osten« deportiert wurden.

Herbert Baum wurde allmählich klar, daß er mit den Jugendlichen in den Untergrund gehen mußte, wollten sie ihr Leben bewahren. Aber dazu brauchte man Geld. Ausweise, wie man sie von den belgischen und französischen Zwangsarbeitern kaufen konnte, waren teuer. Lebensmittel würden Geld kosten. Das war nur durch Schwarzhandel zu beschaffen, und zum Entsetzen von Hans Fruck ähnelte Baums Wohnung bald einem Warenlager. Fruck erkannte nicht, in welcher besonderen Situation die jüdischen Widerstandskämpfer waren. Ihnen konnte die Konspiration nichts mehr nützen, ihre Tage waren ohnehin gezählt.

Bis dahin hatte sich der erfahrene Illegale Herbert Baum streng an die Regeln gehalten. Es ist auffällig, daß es keine schriftlichen Zeugnisse, nur ältere Fotos von ihm gibt. Aber nun geriet er mit seiner Gruppe in eine verzweifelte Lage, in der Besonnenheit nicht mehr Maßstab sein konnte. Sie mieteten mit den gefälschten Ausweisen Zimmer in der Umgebung Berlins. Und immer noch suchte er nach einer Verbindung zur illegalen Partei, die er Anfang 1942 glaubte gefunden zu haben, als er über seinen fünf Jahre jüngeren nichtjüdischen Genossen Werner Steinbrinck, den er noch aus dem Unterbezirk Südost kannte, Kontakt zu einer kommunistischen Gruppe um den Techniker Joachim Franke bekam.

Hans Fruck hatte indessen versucht, die beiden einzigen nichtjüdischen Mitglieder aus Baums Gruppe, die junge Französin Suzanne Wesse und die Neuköllnerin Irene Walther herauszulösen und in seine Gruppe zu übernehmen. Er wollte, wie er nach dem Krieg gegenüber der Partei bekannte, diese »Kader« vor dem sicheren Untergang bewahren. Damals warnte er schon andere Genossen, sich mit Baum einzulassen. Aber durch die, wie er es nannte »falsche Erziehung in der Gruppe Baum« vermißten die beiden jungen Frauen die Zusammenkünfte mit den Freunden, weigerten sich, den Kontakt zu ihnen abzubrechen und verließen Frucks Gruppe wieder.

Dort aber hatten sie ein brisantes Papier in die Hand bekommen, das sie an Baum weitergaben, die Schrift »Organisiert den revolutionären Massenkampf gegen Faschismus und imperialistischen Krieg«, die, wie man heute weiß, auch in dem Widerstandskreis um Harro Schulze–Boysen zirkulierte und von den kommunistischen Funktionären Wilhelm Guddorf und Bernhard Bästlein verfaßt worden war. In dieser Schrift wird zum Bürgerkrieg aufgerufen, der Krieg sollte von innen heraus beendet werden, der Faschismus und seine Basis, der Kapitalismus sollten zertrümmert werden.

Es ist leicht, von heute aus, die Realitätsverkennung dieser Schrift festzustellen. Aber für Herbert Baum, der begierig war auf eine Anleitung durch die Parteileitung, schien dies eine Aufforderung zum Handeln.

Er tauschte sich darüber mit Steinbrinck und Franke aus, die waren mit ihrer Gruppe ebenso isoliert, auch für sie war die Schrift ein Zeichen, es sei an der Zeit, loszuschlagen, ein Fanal zu geben. Währenddessen waren die Daumenschrauben für Juden fester gezogen, die Deportationen liefen weiter.

In ihrem verzweifelten Bemühen, zu Geld zu kommen, gingen Baum und zwei seiner Freunde, auch Steinbrinck, am 7. Mai 1942 frühmorgens zu einer Charlottenburger jüdischen Familie in die Lietzenburger Straße, von der sie wußten, daß sie wertvolle Dinge besitzen sollten. Mit einem gefälschten Siegel gaben sie sich als Gestapo aus und »beschlagnahmten« Wertgegenstände, vor allem Teppichbrücken und ein Ölbild von Heffner.

Ob die Familie sie tatsächlich für Gestapo-Leute hielt, ist nicht gewiß, sie erstatteten natürlich Anzeige.

Der Brandanschlag

Am nächsten Tag wurde im Lustgarten ein seit Monaten vorbereitetes Massenspektakel, eröffnet, die Schau »Das Sowjetparadies«. Auf 9000 Quadratmetern wurde unter Regie der Reichspropagandaleitung eine multimediale Ausstellung gezeigt, in der Folterwerkzeuge der sowjetischen Geheimpolizei ebenso zu sehen waren wie elende Arbeiterbehausungen, man verwendete sogar Duftstoffe um den Gestank der Hütten zu demonstrieren. Die realen Erfolge an der Ostfront blieben aus, da mußte die antisowjetische Propaganda verstärkt werden, zumal die große Sommeroffensive bevorstand, die noch mehr Opfer kosten würde. Das deutsche Volk mußte, koste es, was es wolle, auf den Haß gegen die »primitiven« Sowjets eingeschworen werden.

Baum und seine Leute hatten vor, Flugblätter niederzulegen in der Ausstellung, die sie eigentlich gar nicht betreten durften, weil der Lustgarten innerhalb des »Judenbanns« lag.

Aber als Herbert und Martin, die den gelben Stern von ihrer Kleidung abgetrennt hatten, die Ausstellung anschauten, als sie die Massen der begeisterten Besucher sahen, erfaßte Baum ein unbändiger Zorn. »Man müßte das alles hier niederbrennen«, soll er gesagt haben. Aber die Idee zu dem Brandanschlag kam nicht von ihm, nicht aus seiner Gruppe. Einige Tage später teilte Baum Ausgewählten aus seiner Gruppe mit, eine andere Gruppe, zu der er seit dem Frühjahr Kontakt hatte, würde die Brandsätze für einen Anschlag herstellen. Einige stellten sich gegen das Vorhaben, aber es war keine Zeit für Diskussionen, die Dinge überschlugen sich. Für den 17. Mai war die Aktion vorgesehen, wegen des Besucherandrangs wurde sie auf den 18. Mai verschoben. Nicht alle der Beteiligten, sieben aus Baums Gruppe, fünf aus der anderen, wußten, was geplant war, als sie den Akteuren Deckung gaben. Einige hatten sich nie zuvor gesehen.

Die Brandsätze zündeten nicht, es kam nur zu einer Verpuffung, elf Besucher erlitten leichte Verletzungen. Am nächsten Morgen ging die Schau wie geplant weiter, aber eine Sonderkommission der Gestapo ermittelte. Am 22. Mai wurden die ersten verhaftet. Im Juni, Juli die nächsten. Einige wurden aus den illegalen Quartieren geholt, andere an den Arbeitsplätzen festgenommen. Manchen gelang es noch monatelang, sich zu verstecken, aber am Ende gerieten sie alle in die Fänge der Gestapo.

Am 11. Juni 1942 starb Baum. Am 18. August wurden die am Brandanschlag Beteiligten aus beiden Gruppen durch das Fallbeil hingerichtet. Am 4. März 1943 die unbeteiligten Jugendlichen. Die letzten drei starben in den Blutnächten von Plötzensee am 7. September 1943. Einige der jungen Mädchen waren vom Volksgerichtshof »nur« zu Zuchthausstrafen verurteilt worden, aber als auch die Zuchthäuser »judenfrei« gemacht wurden, kamen sie in die Gaskammern von Auschwitz. Und jeder, der ihnen irgendwie geholfen hatte, der den Flüchtigen Quartier gegeben oder ihnen Brotmarken zugesteckt hatte, wurde mit ihnen verhaftet. Die Gestapo arbeitete effektiv, und sie hatte viele Zuträger. Überlebt hat aus dem engeren Kreis dieser Widerstandsgruppe niemand.

Erinnerung weitertragen

Was blieb, sind die letzten Vernehmungsprotokolle in den Archiven, die Protokolle der Hinrichtungen. Verzweifelte Gnadengesuche. Die rostige Rasierklinge, mit der der 24jährige Felix Heymann sich nach seiner Flucht umbringen wollte, um nicht aussagen zu müssen, wer ihn beherbergt hatte. Was blieb, sind letzte Briefe, Kassiber und Gedichte. Wenn man sie liest, erkennt man: Das waren besondere junge Menschen, voller Idealismus, begierig darauf zu lernen, das Leben zu erfahren, sie waren so begabt für Freundschaft und Liebe, sie wollten leben und mit vollen Händen geben.

Was blieb, ist auch der Vermerk von Hans Fruck, der später ein hoher Funktionär des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR wurde. Schon im Mai 1945 hatte er der Partei mitgeteilt: »Die Lösung von der Gruppe Baum war durchaus richtig, da sie in vollkommener Verkennung der illegalen Arbeit handelten und ja leider auch selbst die Opfer wurden.«

Die Eltern und Geschwister, die Schulfreunde der jungen Menschen um Herbert Baum waren vertrieben oder ermordet worden wie sie selbst, es war einfach niemand mehr da, der sie gut genug gekannt hatte, um über sie zu berichten. Und die da waren, die wenigen Überlebenden, hatten Flucht und Lager überlebt, waren selbst traumatisiert und fanden oft keine Worte für das, was sie erfahren hatten. Die Jüdische Gemeinde, die versuchte, sich im Mörderland neu zu formieren, war unsicher: Hatten diese jungen Leute denn überhaupt zu ihnen gehört? Man erinnerte sich bitter an die 500 jüdischen Männer, von denen 250 noch im Mai in Sachsenhausen erschossen wurden, als Vergeltung für den Brandanschlag.

Doch war es die Jüdische Gemeinde, die Baum 1949 ein Ehrengrab gab, die der Gruppe 1951 auf ihrem Friedhof ein Denkmal setzte.

Hans Fruck starb erst 1990, sein abschätziges Urteil wirkte, auch wenn seit den siebziger Jahren die Baum-Gruppe als »kämpfende Abteilung unseres ruhmreichen Kommunistischen Jugendverbandes« vereinnahmt wurde, obwohl durchaus nicht alle der Jugendlichen um Baum Kommunisten waren. Edith Fraenkel zum Beispiel gehörte, obwohl jüdisch, der anthroposophischen Christengemeinschaft an.

Im Westen Deutschlands war die Gruppe lange völlig unbekannt. Und als 1984 eine Gruppe linker Studenten in Westberlin ein Institut der TU nach Herbert Baum benennen wollte, löste das öffentliche Empörung aus. Dieser Kommunist wurde in die Nähe der RAF gerückt, die Ehrung unterblieb.

Vor siebzig Jahren fand der Brandanschlag statt. Manche aus der Gruppe könnten noch leben. Vor allem: Sie hätten gelebt.

Sie haben in den Jahrzehnten nach dem Krieg in beiden Teilen Deutschlands gefehlt. Ihre jugendliche Unbedingtheit, ihre Aufrichtigkeit, ihr Mut, die Klarheit, ihr Suchen. Ihre frühe Erfahrung des Ausgegrenztseins, die sie nicht verhärtete, sondern sensibilisierte.

Natürlich haben auch die anderen ermordeten Widerstandskämpfer gefehlt, natürlich waren auch die Geschwister Scholl und ihre Freunde solche begabten, begeisterungsfähigen, nachdenklichen jungen Menschen. Aber deren Schulfreunde, Eltern und Geschwister überlebten, sie konnten die Erinnerung weitertragen. An die Baum-Gruppe müssen wir Nachgeborenen erinnern.

Regina Scheer schrieb mehrere Bücher über deutsch-jüdische Geschichte. Von ihr erschien im Berliner Aufbau Verlag: »Im Schatten der Sterne. Eine jüdische Widerstandsgruppe«, 2004, 478 Seiten, 24,90 Euro

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