9. Oktober 2010

Mit Stumpf und Stiel?

Vor 65 Jahren bestimmte Kontrollratsgesetz Nr. 2 das Verbot aller Naziorganisationen

Kurt Pätzold

Was die alliierten Truppen im eroberten Deutschland erwarten würde, war keine ausgemachte Sache, und selbst die Geheimdienste ließen sich auf Prognosen nicht ein. War mit irgendwelchem gewalttätigen Widerstand dann noch zu rechnen? Wenn auch Deutschland nach Besiedlung und Geographie für militärische Aktionen nach Art des Partisanenkampfes, wie er in den vor kurzem noch deutsch-besetzten Gebieten Europas geführt worden war, nicht besonders geeignet erschien, so ließ sich doch nicht ausschließen, daß es zu individuellen Terrorakten gegen Soldaten kommen könnte. Eine irritierende Wirkung ging von einem Ereignis in der Stadt Aachen aus, die von US-amerikanischen Truppen am 21. Oktober 1944 nach schweren Kämpfen erobert worden war. Dort wurde der von ihnen eingesetzte Bürgermeister, ein Jurist schwer konservativer Gesinnung, Ende März 1945 in seinem Haus von einer Gruppe von »Rächern« getötet.

Da war Deutschland links des Rheins bereits in der Hand der Alliierten und erwiesen, daß die Deutschen von Krieg und Sterben genug hatten und sich ihr Interesse nun ganz auf das eigene Überleben und das Glimpflich-Davonkommen richtete. Zu gewärtigen war nach der Kapitulation im Mai nicht mehr irgendeine Form des illegalen Widerstands. Unverzüglich wurde begonnen, den die Siegermächte vereinenden Grundsatz zu verwirklichen, was sonst immer ihre Pläne im Hinblick auf Deutschlands Zukunft waren und erst noch wurden, den Nazismus – um eine damals gebräuchliche Formulierung zu benutzen – mit Stumpf und Stiel auszurotten. Als die ersten zu ergreifenden Maßnahmen galten die Isolierung der führenden Nazis von der Masse der Bevölkerung, die sie bisher geführt und kommandiert hatten, und das Verbot jeglicher Fortführung »nationalsozialistischer« Zusammenschlüsse, also der Hitlerpartei und der Vielzahl von Organisationen ihres Umfeldes. Letzteres geschah durch einen Beschluß des Alliierten Kontrollrates (Gesetz Nr. 2) am 10. Oktober 1945. Dem Verbot verfielen im Anhang genannte 62 Organisationen, von der Partei im eigentlichen Sinne bis zur NS-Volkswohlfahrt. Zu diesem Zeitpunkt waren Funktionäre der Partei in allen Besatzungszonen bereits ausgemacht, ergriffen, inhaftiert und in Lager gebracht worden.

Geschönt, entsorgt

Den Millionen Deutschen, die zu den aktiven Gefolgsleuten des Naziregimes gehört hatten, war klar, daß sie wegen ihrer Rolle in den Jahren von 1933 bis 1945 und den im Zeichen des Hakenkreuzes begangenen Verbrechen, die Zug um Zug enthüllt wurden, sich nun zu verantworten hatten. Über diesen Kreis hinaus wollte niemand aus freien Stücken etwas mit den Nazis zu tun gehabt haben. Spätestens vor oder unmittelbar nach dem Eintreffen der alliierten Truppen waren die in nahezu jedem Haushalt vorhandenen Uniformstücke der faschistischen Organisationen, Orden, Urkunden, Insignien wie Dolche und dergleichen entsorgt, Hitlerbilder und -büsten vernichtet und all der andere Nazikram von Fahnen und Fähnchen bis zu den Abzeichen der NS-Winterhilfe beseitigt worden. Schon gegen Ende der Naziherrschaft kursierte ein Witz, den die Akten des Sicherheitsdienstes überliefern: Wer der NSDAP ein neues Mitglied wirbt, darf austreten. Wer ihr zehn neue Mitglieder bringt, erhält eine Bescheinigung, daß er nie Mitglied der NSDAP war. Ein anderer, der nach Kriegsende erzählt wurde, lautete: »Waren Sie Mitglied der NSDAP?« Antwort: »Nein, Ich komme aus Schlesien.« Er bezeugte die vielfach aufgemachte Spekulation, daß die Aufschluß gebenden Papiere fern, am besten vernichtet sein würden und in der neuen Umgebung niemand etwas über die Biographie der Zugereisten in den »dunklen Jahren« auszusagen wußte.

Bald wurde Deutschland ein »Land der Fragebogen«. Für die verschiedensten Zwecke und bei unterschiedlichsten Gelegenheiten hatten die Erwachsenen Papiere auszufüllen, in denen nach Fakten und Daten ihres Lebens geforscht wurde. Waren Sie Mitglied? Und dann folgte die Aufzählung der Naziorganisationen bis hin zur Hitlerjugend, nach deren Zugehörigkeit gefragt wurde. Als läßlich galt nur die zur Deutschen Arbeitsfront (DAF), der alle Arbeiter und Angestellten zwangsweise angehörten und die ihre Mitgliedsbeiträge praktisch gleich von Löhnen und Gehältern einbehielt, sonst aber weitere Forderungen, die nach äußerster Arbeitsdisziplin ausgenommen, nicht gestellt hatte.

Niemals ist soviel geschönt und verschwiegen worden, wie in jenen Papieren. Manches davon kam Jahre später, als die eroberten Papiermassen zugänglich und geordnet waren, zutage. In der Sowjetischen Besatzungszone blieb das nicht ohne Konsequenzen, in den westlichen Besatzungszonen hingegen erledigte sich das Interesse früh. Was wollte man mit einem entdeckten SS-Mann, wenn inzwischen Leute aus Himmlers und Heydrichs Terrorapparat, wo sie exponierte Rollen gespielt hatten, wieder Beamte waren oder Pensionen bezogen? Allenfalls, daß Bonn eine Entdeckung publik machte und im Kalten Krieg benutzte, wenn sie einen Funktionär im ostdeutschen Staat betraf und der Konkurrenz nachgewiesen werden sollte: auch du ...

Wie Organisationen der NSDAP zu beurteilen waren und die Mitgliedschaft in ihnen zu bewerten sei, hatte im gleichsam zweiten Teil des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher auch die Ankläger und Richter beschäftigt. Am Ende fällten sie ihre Urteile über die Partei und die sogenannten ihr angeschlossenen Verbände. Das Korps der Politischen Leiter der NSDAP und die SS wurden als verbrecherisch eingestuft. Das bedeutete jedoch nicht, daß gegen jedes einzelne ihrer Mitglieder der Vorwurf erhoben wurde, an Verbrechen selbst beteiligt gewesen zu sein. Es sollte das Prinzip der Einzelfallprüfung gelten. Dem folgten im Ganzen die dafür eingerichteten »Entnazifizierungs«-kommissionen, in Ost und West jedoch mit sehr unterschiedlicher Konsequenz. Heute wird in der Bundesrepublik nicht bestritten, daß deren Tätigkeit vielfach eine Farce war. Doch erhält diese Feststellung, neben der Bemerkung, es seien wie stets auch »Fehler« unterlaufen, eine Rechtfertigung. Es hätte die Nachkriegsgesellschaft nicht gespalten werden dürfen, sofern man aus der Katastrophe einen raschen Weg wieder nach oben wollte. Das ergibt nachträglich so etwas wie die Losung für die neue Volksgemeinschaft: Nazis und Nichtnazis – vorwärts ins Wirtschaftswunderland. Merkwürdig, daß die ostdeutsche Gesellschaft sich als so zerbrechlich und gefährdet nicht erwies und vor dem auch dort sich vollziehenden, jedoch anders geprägtem Zusammenschluß Rechnungen aufmachte und deren Begleichung einforderte. Freilich, sie hat – in diesem Punkt ist sie »schuldig« geworden – mit ihrem Vorgehen, schon als das absehbar wurde, eine nicht gezählte Menge von Nazis westwärts »geliefert«.

Und heute?

Beim Rückblick auf die frühen Initiativen der Alliierten gegen den Nazismus in allen seinen organisatorischen, politischen und geistigen Erscheinungen und Folgen kommt ein nachdenkender Bundesbürger 2010 sehr ins Grübeln. Nehmen wir einen vergleichsweise harmlosen »Fall«. Jeder Kontrolloffizier, gleich in welcher Besatzungszone, wäre ihm ein Manuskript unter dem Titel »Deutschland schafft sich ab« – die Siegermächte waren gerade dabei das alte »abzuschaffen« – vor Augen gekommen, mindestens auf die Idee verfallen, sich zunächst den Autor ein wenig näher anzusehen. Denn er hätte in ihm mit großer Wahrscheinlichkeit einen Nationalisten vermutet. Nicht zu reden von den Reaktionen auf den Versuch, auf Deutschlands Straßen Demonstrationen unter Losungen, Fahnen und in Aufzügen zu veranstalten, ähnlich jenen, die Nazis aufführten und wie sie derzeit von Staatsbeamten genehmigt werden, die selbstredend alle Lehren aus deutscher Geschichte längst gezogen haben.

So sind Nazis schon einmal durch eine deutsche Republik, die 1919 gegründete, gezogen und haben ihre Kundgebungen inszeniert. Davon existiert eine Hinterlassenschaft in Archiven in Form von Berichten preußischer Polizeibeamter, die sich in solcher Gesellschaft Abende und Nächte um die Ohren schlugen und akribisch notierten, was die Naziredner aufputschend gesagt hatten. So etwa Göring: »Wir sagen ›Wir lieben diese Republik‹ – und jeder weiß, doch, was gemeint ist.« Papiere für die Nachwelt, namentlich für Historiker und deren Fleißarbeiten. Dort sind die Nachfahren dieser braunen Demagogen, von ein paar besonders Dämlichen abgesehen, die ihr Verbot riskierten und erhielten, längst in die Lehre gegangen. Und die zweite Republik? Die hat die Parole »Ruhm und Ehre der Waffen-SS« durch ihre obersten Richter zu einer Meinung erklären lassen, die sich hierzulande öffentlich ungestraft vertreten läßt. Diese Republik gibt Jahr für Jahr einen im Ganzen unausgewiesenen Betrag in Millionenhöhe für den Polizeischutz aus, aufgeboten, damit diesen Neonazis, an denen wenig Neo zu entdecken ist, bei ihren provokatorischen Propagandamärschen nichts Böses zustößt. Mit Stumpf und Stiel? Das war einmal. Es muß in diesem Lande ein paar Leute von Einfluß geben, denen die Mißachtung dieses Erbes in den Streifen paßt. Mit denen wäre zu »verhandeln«.

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