22. Juni 2013

Mörderisches Exempel

Ehrenmal für 91 Tote des SA-Einsatzes auf dem Platz des 23. April in Köpenick - Fotoquelle: Dietmar Koschmieder

In der »Köpenicker Blutwoche« im Juni 1933 folterte die SA 500 Antifaschisten

Mark Altten

Das Morgengrauen der gerade an die Macht gelangten deutschen Faschisten manifestierte sich auch im Grauen der »Köpenicker Blutwoche « im Juni 1933. Bei den Reichstagswahlen am 5. März hatte die KPD im Bezirk – trotz SA- und Polizeiterrors – noch 14 614 Stimmen für sich verbuchen können, für die SPD votierten 12 539 Köpenicker. Noch gab es also eine ernstzunehmende Opposition gegen die neuen Machthaber. Diese physisch auszuschalten, hatte sich die Naziführung entschlossen.

Nach einer Besprechung aller Köpenicker SA-Führer in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni, wurden alle Sturmtrupps des Bezirks mobilisiert. Man war gewillt, ein blutiges Exempel zu statuieren. Die Fußtruppen der Nazipartei wurden im Marsch gesetzt. Am Morgen des 21. Juni rief die SA die »Alarmstufe 3« aus. Vormittags erhielten die Nazibüttel Verstärkung durch den berüchtigten Maikowski-Sturm aus Charlottenburg. Jeder, der als Nazigegner bekannt war, sollte in eines der speziell vorbereiteten »Verhörlokale« gezerrt und einer besondere »Behandlung« unterzogen werden. In Windeseile verbreitete sich in Köpenick die Nachricht, daß die Nazis seit dem frühen Morgen des 21. Juni 1933 Antifaschisten reihenweise verschleppen und grauenhaft zurichten würden.

Auch der als Hitlergegner bekannte sozialdemokratische Politiker Johannes Schmaus sollte abgeholt werden. Der 53jährige, Mitglied des Vorstandes der Landarbeitergewerkschaft und Vertreter der SPD im Reichswirtschaftsrat, war als Antifaschist bekannt. Als die SASchläger das Haus Alte Dahlwitzer Straße 2 (heute: Schmausstraße 2) stürmten, stellte sich ihnen der Sohn des Gewerkschaftssekretärs, Anton Schmaus, in den Weg.

Folter und Mord

Den folgenden Schußwechsel überlebten drei SA-Männer nicht. Der bei den Jusos aktive Anton Schmaus konnte zunächst fliehen, stellte sich dann jedoch in seiner aussichtslosen Situation der Polizei. Doch diese war nicht in der Lage, ihn hinreichend vor dem SA-Mob, der seiner habhaft werden wollte, zu schützen. Er wurde – vermutlich vom Hauptverantwortlichen des SA-Terrors Herbert Gehrke – angeschossen und schwer verletzt. Kurze Zeit später fiel er der Nazimeute in die Hände und wurde weiter mißhandelt. An den Folgen dieser Tortur starb er am 16. Januar 1934. Seinen Vater Johannes richteten die Schläger so zu, daß er noch am 22. Juni 1933 seinen Verletzungen erlag. Um ihr Verbrechen in der Öffentlichkeit zu verschleiern, wurde Schmaus aufgehängt, damit es wie ein Selbstmord aussah. Die Ereignisse bei der Familie Schmaus diente den Nazis als Vorwand, den lange zuvor beschlossenen Terror noch zu forcieren. Rund 500 Köpenicker Antifaschisten – Kommunisten und Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Parteilose – wurden in die Folterhöhlen der SA gezerrt.

Traurige Berühmtheit erlangte das SA-Lokal »Seidler« in der Mahlsdorfer Str. 62/65 im Ortsteil Uhlenhorst, wohin eine Reihe führender Sozialdemokraten verschleppt und mißhandelt wurden. Ebenso das SA-Lokal »Demuth« in der damaligen Elisabethstraße (heute Pohlestraße), wo die Kommunisten Joseph und Paul Spitzer zu den ersten gehörten, die vom SA-Sturm 2/15 (Demuth- Sturm) unmenschlichen Torturen ausgesetzt und ermordet wurden. Karl Pokern, Aktivist im Rotfrontkämpferbund und in der Roten Hilfe, wurde im Amtsgerichtsgefängnis festgehalten und zu Tode gefoltert.

Auf grausame Weise rächte es sich zwischen dem 21. und 26. Juni, daß beide Arbeiterparteien nicht zu einer Einheitsfront gegen den braunen Mob gefunden hatten. Das bezahlten in der »Köpenicker Blutwoche« auch der Sozialdemokrat Richard Aßmann, der Gewerkschaftssekretär und Bezirksvorsitzende des Reichsbanners Paul von Essen sowie der Reichstagsabgeordnete, frühere Ministerpräsident von Mecklenburg- Schwerin und SPD-Vorstandsmitglied Johannes Stelling mit dem Leben.

Paul von Essens Tod hat eine besondere »sozialdemokratische Note«. Einer der auffallend blutrünstigen SA-Männer, die sich an seiner »Vernehmung« beteiligten, war der bekannte Berliner Kriminalkommissar Otto Busdorf. In den Tagen der Weimarer Republik hatte er mit dem SPD-Parteibuch Karriere gemacht, aber sich bereits seit 1931 heimlich als Förderer der Nazis betätigt. Er war am Tag von Hitlers Machtantritt in die NSDAP eingetreten und sofort zum SA-Scharführer avanciert. Er konnte seine Beteiligung an der Mordorgie lange geheimhalten und nach 1945 sogar wieder eine führende Stellung im Polizeidienst erschleichen. Später wurde er enttarnt und 1950 von der DDR-Justiz für den Rest seiner Tage hinter Gitter gesetzt. Ein Urteil, das ein Moabiter Gericht 1992 noch einmal als rechtmäßig bestätigte.

Die Ermordeten wurden zum Teil in Säcke eingenäht und in der Dahme versenkt. So zog man am 1. Juli 1933 auch die fürchterlich entstellte Leiche Stellings aus dem Wasser. Die Liste der Ermordeten ist lang: 91 Tote, dazu unzählige, zeitlebens gekennzeichnete Opfer sind zu beklagen. Manche starben erst nach wochen- oder monatelangem Siechtum.

Wie der jüdische Unternehmer Dr. Georg Eppenstein, den die Nazis im SA-Lokal »Demuth« schwer zugerichtet hatten. Er wurde von den braunen Schlägern verdächtigt, die in- und ausländische Presse über die Beteiligung der Köpenicker SA an der Reichstagsbrandprovokation informiert zu haben. Er starb in der Nacht zum 3. August 1933 in der Charité. Der KPD-Bezirksverordnete Götz Kilian mußte sich noch sieben Jahre an den Folgen der Mißhandlungen quälen, bis er am 8. August 1940 starb.

Bestrafung nach Kriegsende

In der westlichen Geschichtsschreibung wurde und wird die »Köpenicker Blutwoche « als Marginalie behandelt. Umso bemerkenswerter ist die Notiz der Westberliner Tageszeitung Telegraf in den finstersten Stunden des Kalten Krieges zum 20. Jahrestag der »Köpenicker Blutwoche«: Ein paar Tage nach den Greuel seien »einige der Leichen im Krematorium Gerichtsstraße eingeäschert« worden. »Die Halle war überfüllt. Als der letzte Sarg in die Tiefe sank, hob einer der Trauergäste die Faust. Ein anderer sprang auf und rief: ›Wir geloben Rache für die ruchlos Ermordeten!‹« Zu frisch waren noch die Erinnerungen in den Reihen der SPD, um sie völlig dem Vergessen anheim fallen zu lassen. Den Epilog kann man dem Bezirksamt von Treptow-Köpenick überlassen: »Zwischen 1947 und 1951 wurden acht Gerichtsverfahren gegen beteiligte Köpenicker SA-Männer angestrengt. (…) Zwei Jahre später (1949) erhob der Oberstaatsanwalt von Berlin (Ost) Max Berger in der Strafsache gegen ›Plönzke u. a.‹ Anklage gegen 61 frühere SAMänner. (…) Die 4. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin (Ost) verhandelte vom 5. Juni bis 19. Juli 1950 gegen 32 anwesende und 24 abwesende Personen. Das Tribunal verurteilte 15 Angeklagte zum Tode, 13 zu lebenslanger Haft und die übrigen Beschuldigten zu Haftstrafen zwischen fünf und 25 Jahren. Zahlreiche Täter lebten in der Bundesrepublik und waren für die Justiz der DDR nicht greifbar. In der BRD wurde zu keinem Zeitpunkt gegen Köpenicker SA-Männer prozessiert.«

 

Quelle. Köpenicker Blutwoche – Stimmen der Angehörigen

Berta Wilczoch über die Folgen der Folter an ihrem Mann Franz: »Nach drei Tagen und zwei Nächten kam mein Mann nachts zurück. Als ich ihn sah, fiel ich vor Schreck fast um. Er war entsetzlich zugerichtet. (…) Mit brennenden Fackeln hatte man ihn ins Gesicht geschlagen. Er konnte noch sprechen und erzählte mir, daß man ihm heißen Teer auf die Wunden gegossen habe. (…) Und als er über Durst klagte, hat man ihm Karbolineum (Imprägnierungs- und Schädlingsbekämpfungsmittel) zu trinken gegeben. (…) Mein Mann hat im Krankenhaus in einer Wanne mit Borwasser gelegen. Er hat furchtbarste Schmerzen ausgehalten und geschrien, wenn nur jemand an ihn herankam. Man durfte ihn nicht mehr anfassen. Sogar das Pflegepersonal hat vor Mitleid geweint. Ein bis zwei Tage vor seinem Tod war er größtenteils bewußtlos. (…) Er ist dann am 30. Juni 1933 gestorben.«

Martha Eppenstein über ihren Ehemann Georg: »Ich erschrak, als ich ihn sah. Er war nicht wiederzuerkennen. Die Brille war weg, die Augen, der Kopf zerschlagen, das Nasenbein zertrümmert. Das ganze Gesicht war schwarz. Mein Mann konnte weder sehen noch hören. Offensichtlich war davon auch (Sturmführer Herbert, d. Red.) Gehrke beeindruckt, denn er sagte mir: ›Na, fahren Sie Ihren Mann nach Hause.‹ Zu Hause habe ich sofort einen Arzt herbeigerufen, und der schüttelte den Kopf und sagte mir nach der Untersuchung, daß mein Mann sofort ins Krankenhaus müsse. Dies geschah. Dort blieb mein Mann einige Tage mit den furchtbarsten Schmerzen. Dann habe ich ihn wieder nach Hause geholt. Er hat aber immer liegen müssen (…) und verstarb dann in der Nacht zum 3. August 1933.«

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