8. November 2013

Mythos Novemberputsch

Glanzlos gescheitert: 16 Faschisten wurden am 9. November 1923 beim geplanten Marsch ins Münchner Regierungsviertel von der Polizei erschossen (München, 9.11.1923) - Fotoquelle: akg-images

Die Nazis stellten die Erinnerung an den versuchten Staatsstreich vom 9. November 1923 in den Dienst von Machtgewinn und Kriegsvorbereitung

Manfred Weißbecker

Vieles gehörte zum ideologischen Waffenarsenal der Nazis, darunter von Beginn an ständig der Mißbrauch von Geschichte. Sie betrieben, modisch formuliert: Geschichtspolitik. Ihr Welt- und Geschichtsbild war durch und durch völkisch, rassistisch und imperialistisch, wie 1967 der Historiker Karl Ferdinand Werner formulierte. »Deutsche Größe« – so lautete der Titel einer Ausstellung, die am 8. November 1940 in München eröffnet wurde. Also am Vorabend des 17. Jahrestages des gescheiterten Putschversuches. In der Exposition wurde der Kern hitlerfaschistischer Geschichtspropaganda deutlich. Als Ziel galt, »allen Volksgenossen das Wesen der Deutschheit zu erschließen«. Mit den alten Germanen habe der Aufstieg einer neuen Welt begonnen. Dem Kult um sie folgte die Bewunderung deutscher Macht in den Reichen Karls des Großen und der Staufer. Hervorgehoben wurde vor allem die Ostexpansion der Hanse und des Deutschen Ordens. In besonderer Gunst standen auch die Helden des Nibelungenliedes, allen voran die Lichtgestalt des unbezwingbaren, nur durch schändlichen Verrat zu stürzenden Siegfried. Nach Friedrich dem Großen und Otto Bismarck sei allerdings das deutsche Volk im Ersten Weltkrieg an den Rand des Abgrundes geführt worden, gerettet dann aber durch den zu endgültigem Siege strebenden »Führer«.

Im Mittelpunkt standen Machtentfaltung und Expansion sowie die Idee, alle Geschichte sei eine des Kampfes zwischen »höher- und minderwertigen Völkern« und »Rassen«, eines Ringens um den »Lebensraum«. Kriegerische Gewalt wurde als naturgegeben gerechtfertigt, ebenso die Militarisierung aller Lebensbereiche der Gesellschaft. Dafür bereitwillig, gehorsam, heldenhaft zu kämpfen und selbst den Tod in Kauf zu nehmen, sich also zu opfern, wollten die Naziideologen zum höchsten Lebensideal derer machen, die für sie in den Krieg ziehen sollten. In seinem »Kampf«-Buch hatte Hitler von »verzichtfreudiger Opferbereitschaft« getönt, von einer notwendigen Weckung »fanatischer, ja hysterischer Leidenschaften«, von »blindem Glauben« an das »siegreiche Schwert«. Alles gipfelte im weitverbreiteten Spruch: »Du bist nichts, dein Volk ist alles« – Unterordnung, Verzicht, Dienen, Hingabe und restloses Aufgehen des Individuums in einem »höheren Ganzen« verlangend.

Erhebung zu Märtyrern

Insbesondere nutzten die Nazis für ihre Geschichtspolitik das Erinnern an den »großen Krieg« von 1914 bis 1918. In seinem 1929 verfaßten Gedicht »Des Daseins Sinn« mit der abschließenden Zeile vom Bewahrtsein für den Krieg zielte Baldur von Schirach, »Reichsjugendführer« und späterer Gauleiter von Wien, auf eine gewaltsame Revision der entstandenen Verhältnisse. Er suggerierte, der verlorene Krieg könne und müsse in denen der Zukunft gleichsam rückwirkend gewonnen werden. Werte wie Tapferkeit, Kameradschaft, Opferbereitschaft und Solidarität der Kriegs-»Helden« wurden vehement umgedeutet und dienten als Grundlage neuerlicher Kriegsvorbereitung. Vor allem unter den männlichen, aber auch unter den weiblichen Jugendlichen sollte die Bereitschaft zu künftigem Selbstopfer erzeugt werden.

Dabei kam den Nazis zugute, daß vor allem in den letzten Jahren der Weimarer Republik der Kult um die im Weltkrieg »heldenhaft Gefallenen« regelrecht ausgeufert war. Allgegenwärtig sah sich ein mehr oder weniger striktes Bekenntnis zu Soldatentum und nationalistisch interpretierter Opferbereitschaft geehrt und gefeiert. Bekannte Literaten produzierten zuhauf ein Kondensat aus nationalistischem Idealismus, sozialdarwinistischer Kriegsbejahung, Sehnsucht nach Volkseinheit, bedingungsloser Hingabe des einzelnen für das Vaterland und opfermythischem Heldenkult. Das Töten und Getötetwerden wurden verklärt, ja sogar regelrecht sakralisiert. Dafür ließ sich die christliche Märtyrerideologie nutzen, ebenso wie traditionelle militärische Zeremonien. Dem kam entgegen, daß das Gefühl, man sei nach dem Vermächtnis der Opferhelden selbst zu Heldentum verpflichtet, in nahezu allen Klassen und Schichten weit verbreitet war.

Die NSDAP – neue Kriege anstrebend – inszenierte das Gedenken an die Opfer der Jahre 1914 bis ’18 in besonderem Maße. Sie heroisierte die Gefallenen und glorifizierte soldatische Opferbereitschaft. Zum erklärten Ziel erhob sie die »Wiederherstellung« der – angeblich durch den Ausgang des Krieges und durch den sogenannten Dolchstoß der Heimat in den Rücken des eigentlich siegreichen Heeres beschmutzten – Ehre deutscher Frontsoldaten. Ihr Weltkriegsgedenken glich einer permanenten Politisierung der Erinnerungen an den Krieg, einer mentalen Dauermobilmachung für neue Kriege.

In den Mittelpunkt nazistischer Heldeninszenierungen rückte jedoch das Gleichsetzen der Gefallenen des Weltkrieges mit jenen Toten, die am 9. November 1923 beim vergeblichen »Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle« umgekommen waren. Für die Nazis spielte es keine Rolle mehr, daß es ein abenteuerlicher Putsch gewesen war, den die 1920 entstandene NSDAP in engem Bunde mit einigen Militärs, paramilitärischen und vaterländischen Verbänden für den fünften Jahrestag der Novemberrevolution vorbereitet hatte, ihn schließlich aber allein unternahm. Sie waren glanzlos gescheitert, hatten aber faktisch den Bürgerkrieg geprobt.

Legendenproduktion

Am Abend des 8. November wurde im Münchner Bürgerbräukeller der Beginn der »nationalen Revolution« verkündet und die »Regierung der Novemberverbrecher in Berlin« für abgesetzt erklärt. Die Putschisten – allen voran Hitler, von General Erich Ludendorff nachhaltig unterstützt – hatten gehofft, am folgenden Tag ihren Forderungen mit einem »Erkundungs- und Demonstrationsmarsch« Nachdruck verleihen zu können. Als jedoch die SA-Leute und Mitglieder anderer paramilitärischer Verbände das Regierungsviertel erreicht hatten, waren sie auf einen etwa 100 Mann starken Kordon der Landespolizei gestoßen. Trotz des Rufes »Nicht schießen! Exzellenz Ludendorff und Hitler kommen!« war ein Schuß gefallen. Wer auch immer ihn abgegeben hatte – ihm folgte ein heftiges Feuergefecht. Bei der Feldherrnhalle, einem zum Ruhme Wittelsbacher Heerführer erbauten klassizistischen Gebäude, hatten die Salven den Marsch der Putschisten gestoppt.

Die Geschichtsschreibung der NSDAP räumte dem fehlgeschlagenen Staatsstreich einen zentralen Platz ein und konstruierte in heroisierender Weise zahlreiche Legenden. Sie fälschte wesentliche Details des Geschehens, um Abenteuerlichkeit und Dilettantismus vergessen zu machen. Hitler widmete den 16 toten Nazis seinen ersten Band von »Mein Kampf« und nannte diese namentlich. Natürlich nicht aus reinem Trauergefühl: Er wandte sich gegen »sogenannte nationale Behörden«, die den Toten ein gemeinsames Grab verweigert hätten. Zugleich wünschte er, es mögen diese »Blutzeugen« den Anhängern der Partei »dauernd voranleuchten«. 1925 sprach er davon, seine Bewegung habe durch den Putsch »die Bluttaufe empfangen«. Seit 1926 stilisierte die Partei eine Fahne, die vom Blut der umgekommenen Putschisten getränkt gewesen sein soll, als »Blutfahne« regelrecht zur zentralen Reliquie ihrer Mitglieder. Stets wurde diese für die »Weihe« weiterer Fahnen in Szene gesetzt. Zudem erhielten alle Ortsgruppen die Anweisung, alljährlich am 9. November Gedenkfeiern abzuhalten. Ausdrücklich wurde gefordert, dabei auch die Getöteten des Ersten Weltkrieges einzubeziehen. Das gab ihren November-Veranstaltungen von Anfang an eine doppelte Stoßrichtung: Die Toten des Putsches mit denen des Krieges identifizierend hieß es, alle seien für das »Vaterland« gefallen, und den Soldaten des Krieges seien die »Soldaten« der Partei in den Tod gefolgt. Da wurde jeder Unterschied negiert, eine nicht zu hinterfragende Gleichwertigkeit der Opfer postuliert und eine zu neuem Einsatz verpflichtende Erinnerung verlangt.

Kontinuität des Krieges – so nahm sich der Kern dieses Konstruktes aus. Der Putsch von 1923 war zum Symbol einer »das Letzte gebenden Einsatzbereitschaft« geworden, an der jedes Parteimitglied gemessen werden sollte. Als generelles Orientierungsmaß galt fortan die »Todesbereitschaft«. So urteilt der Historiker Ludolf Herbst in einem 2010 erschienenen Buch »Hitlers Charisma: Die Erfindung eines deutschen Messias«.

Glorifizierungskampagne

Als die Nazis 1933 an die Macht gebracht worden waren, boten sich ihnen neue Möglichkeiten des geschichtspolitischen Umgangs mit dem gescheiterten Putsch. Die Feierlichkeiten anläßlich des zehnten Jahrestages wiesen andere Formen und Deutungen auf. Der Parteimythos sollte nun für alle Deutschen verbindlich gemacht werden. In München wurde der Marsch zur Feldherrnhalle wiederholt. Diesmal allerdings mit dem Makel versehen, daß Ludendorff sich nicht beteiligte. Auf den Stufen des Gebäudes standen erstmalig auch die Spitzen der Reichswehr und der baye­rischen Landespolizei. Ein kleines Denkmal wurde enthüllt, eine Tafel mit den Namen der Opfer. Davor hatte ständig ein Doppelposten der SS zu stehen, eine Ehrenwache. Erwartet wurde, daß alle Passanten hier den Hitlergruß entboten und nicht in die sogenannte Drückebergergasse auswichen.

In den späten Abendstunden des 9. November 1933 erfolgte eine Vereidigung der Leibstandarten Hermann Görings und Ernst Röhms durch Hitler. In seinen Reden betonte letzterer, es sei kein Leichtsinn gewesen, der ihn damals geleitet habe. Man habe »im Auftrag einer höheren Gewalt« gehandelt, nur die Zeit sei dafür noch nicht reif gewesen. Eine seiner Aussagen inmitten der sonst zumeist langatmigen Parteierzählungen klang nach speziellem politischen Zweck: Nachdrücklich erklärte er, es sei nie daran gedacht gewesen, sich gegen die Wehrmacht zu erheben. Dies war offensichtlich eine Bekräftigung des Bündnisses, das die Reichswehrführung unmittelbar nach seinem Amtsantritt als Reichskanzler mit ihm eingegangen waren. Aber auch als Warnschuß an die Adresse der SA-Führung gedacht, die sich selbst als eine Art Volksmiliz an die Stelle der Wehrmacht zu setzen plante und dadurch in eine Konfrontation zur Reichswehr und Reichsregierung geraten war. Pathetisch und dennoch unüberhörbar warnend bezeichnete Hitler es als »höchstes Glück«, daß Militär und Volk wieder »eins geworden« seien und diese Einheit »niemals mehr zerbrechen« werde.

Die festlich gestalteten Zeremonien wiederholten sich nun Jahr für Jahr, parallel übrigens zu den Veranstaltungen, die regelmäßig an die Schlacht um den flandrischen Ort Langemarck erinnerten. Militärisch unerfahrene Studenten und Soldaten waren dort Anfang November 1914 begeistert und mit dem Deutschlandlied auf den Lippen sinnlos in einen aussichtslosen Kampf geschickt worden. Das Geschehen erhob man sogleich zu einem Sinnbild bedenkenloser Opferbereitschaft der Jugend zum Langemarck-Mythos. Ehrende Veranstaltungen fanden zumeist am 11. November statt, hoffend, es werde dadurch der als schmählich empfundene Tag des Waffenstillstandes im Walde von Compiègne in den Hintergrund treten.

Die an den Putsch von 1923 erinnernden Veranstaltungen erfuhren jeweils langfristige Vorbereitung und ebenso eine intensive Auswertung in den Medien Nazideutschlands. Das zeigte sich vor allem in den beiden folgenden Jahren. Am 24. Januar 1934 strahlte der Deutschlandsender erstmalig eine sogenannte Totengedenkstunde aus. Die Sendung trug den Titel »Uns sind Altar die Stufen der Feldherrnhalle«. Allein in der Wahl des Wortes Altar kam erneut eine religiöse Dimension des Kultes um die 1923 umgekommenen Nazis zum Vorschein, eine heilsgeschichtliche Überhöhung des Putsches, die die Gläubigkeit vieler Menschen geschickt ausnutzte. Am 27. Februar legte ein Gesetz fest, den 1926 eingeführten Volkstrauertag für die Opfer des Ersten Weltkrieges künftig als »Heldengedenktag« zu begehen. Im März 1934 stiftete die NSDAP einen für Teilnehmer des Putsches vorgesehenen »Blutorden« mit der Aufschrift: »Und ihr habt doch gesiegt«. Er galt fortan als höchste Auszeichnung der Nazipartei.

Eine weitere Gleichsetzung der zwei Millionen getöteten Soldaten mit den 16 Toten des Putsches und den übrigen angeblich 240 »Opfern der Bewegung« erfolgte, als im Juli durch den Reichspräsidenten das »Ehrenkreuz des Weltkrieges« gestiftet wurde. Ein Orden allerdings, der in mehr als acht Millionen Fällen verliehen wurde. Im November entstand zusätzlich eine »Stiftung für die Blutzeugen der Bewegung«.

Im Vordergrund: Militärs

Bei den Feiern 1934 verzichtete man am 8. und 9. November in München allerdings auf den Erinnerungsmarsch; zu stark wirkte nach, was als »Röhm-Putsch« bezeichnet worden war und eine am 30. Juni vollzogene »Enthauptung« der SA-Führung bedeutet hatte. Manches davon klang in den Reden Hitlers an: Wenn man nur wolle, könne sich jede Katastrophe in einen Sieg verwandeln. Nur Feiglinge würden sich selbst aufgeben, erforderlich seien »innere Härte und Widerstandsfähigkeit«. Neu indessen war das Argument, man sei 1923 mit den eigenen Aktionen lediglich einem »separatistischen Putsch zuvorgekommen«.

Im darauffolgenden Jahr fand der Erinnerungsmarsch wieder statt, alles in allem sowohl eine Propagandaaktion als auch ein Trauerzug, eine Siegesparade und ein Huldigungsumzug. Er orientierte sich an Liturgie und Heiligenverehrung katholischer Prozessionszüge. Zudem waren – gedacht als »Ewige Wache« – ganz im Stile nazistischer Kultarchitektur am Münchner Königsplatz zwei »Ehrentempel« gebaut worden. Dorthin verbrachten Soldaten auf Lafetten der Wehrmacht die 16 Särge der zwölf Jahre zuvor Umgekommenen. Nahezu gespenstisch, beklemmend und beängstigend ging das Spektakel über die Bühne. Gepriesen als Ort von »Andacht und Gebet in Stein« erhob man ihn zu einer »Wallfahrtsstätte« des Volkes. Alles diente ebenso dem Kult um Hitler. Pathetisch beschrieb der Völkische Beobachter dessen stummes Gedenken vor den Särgen: »Statuenhaft steht er vor den Sarkophagen, selber einer, der über das Maß des Irdischen bereits hinausgewachsen.«

Auch in den nächsten Jahren fand statt, was im Feierkalender der deutschen Faschisten mehr und mehr in den Mittelpunkt rückte eine »strahlende Wiederauferstehung« des deutschen Volkes. Immer stärker schob sich dabei das Militär im Vordergrund. 1936 durfte Reichskriegsminister Werner von Blomberg direkt neben Hitler und Göring an der Spitze des Zuges auftreten. Zwei Jahre später galt diese Ehre den am 4. Februar 1938 neu eingesetzten Herren der Wehrmacht: Wilhelm Keitel als Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Walther von Brauchitsch als neuer Oberbefehlshaber des Heeres und Verkünder des Mottos »Über die Schlachtfelder vorwärts!« Mit dabei waren auch Erich Raeder als Oberbefehlshaber der Marine und Erhard Milch als Generalinspekteur der Luftwaffe. Die Feier der »alten Kämpfer« als Ausgangspunkt des antijüdischen Pogroms zu nutzen, das hatte Hitler dem Propagandachef Joseph Goebbels überlassen.

Neben dem generellen Anliegen dieser zumeist düster und unheilschwanger wirkenden Erinnerungsfeiern brachten vor allem die Reden Hitlers sowie die entsprechenden Berichte der Medien zum Vorschein, worauf – die Geschichte mißbrauchend – der Blick gelenkt wurde. So spielte Hitler 1938 offensichtlich auf den Wechsel in der Führung der Wehrmacht an, als er sich gegen »Leute« wandte, die da sagen würden, auch er als »Führer« könne sich mal irren. Im selben Jahr trat er auch mit der Behauptung auf, ein »Zusammenbruch« wie der 1918 – gemeint war die Novemberrevolution – würde sich »im nächsten Jahrtausend nicht mehr wiederholen«. Im Kopf hatte er da schon seine Rede, die er am 10. November vor Vertretern der Presse hielt. In dieser ging es ihm um die Abkehr von der bislang als notwendig gehandhabten Friedensdemagogie.

Seit 1939 galt der 9. November sogar als staatlicher Feiertag. Die fällige Veranstaltung – »gestört« allerdings durch das mutige Attentat Georg Elsers – wurde genutzt, um die »Vorsehung« zu preisen, die ihre Hände schützend über Hitler gehalten habe. In den Kriegsjahren wechselten dann die Stimmungen von Siegesrausch und demonstrativ betonter Kompomißlosigkeit gegenüber den Kriegsgegnern hin zu dröhnenden Bekundungen unbeirrbarer Siegeszuversicht. Das Ausmaß der Feiern vor der Münchner Feldherrnhalle und den beiden »Ehrentempeln« am Königsplatz reduzierte sich zunehmend. In den Bürgerbräukeller kam Hitler letztmalig 1943. Beruhigend warb er, was auch kommen werde, er würde es meistern: »Am Ende steht der Sieg!« Im Jahr darauf legten Keitel und der bayerische Gauleiter Hermann Giesler nur noch einen »Kranz des Führers« an der Feldherrnhalle nieder, während am selben Tag Goebbels – seit Juli auch »Reichsbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz« – in Berlin Angehörige des neu geschaffenen »Volkssturmes« zu weiterem, sinnlos gewordenem Kriegseinsatz verpflichtete.

Der erstrebte Kriegserfolg ließ sich nicht erreichen. Es half auch zweckdienlicher Rückgriff auf die Geschichte nicht mehr …

Aus den Quellen

 

Aus der Rede Baldur von Schirachs beim Reichsjugendtag der NSDAP in Potsdam am 1. und 2.10.1932:

»Wir fühlen uns in dieser Stunde eins mit den Toten der Feldherrnhalle, wir fühlen uns eins mit all den ermordeten Kameraden der SA und SS und der Hitlerjugend, wir fühlen uns aber auch eins mit den zwei Millionen Toten des großen Krieges. Wir wissen: Was wir tun und was wir gestalten, ist letztlich nichts anderes als die Vollendung ihres Wollens und ihrer Sehnsucht, und so nehmen wir, die nationalsozialistische Jugend, für uns das Recht in Anspruch, uns die Träger der Tradition der Front zu nennen (…).«

Das Blatt Unser Wille und Weg schreibt im Dezember 1935:

»Die Feier vom 9. November, in jener Monumentalität, die den Stil des Nationalsozialismus kennzeichnet und die uns niemand auf der Welt nachmacht, war eine zutiefst im germanischen religiösen Empfinden verankerte weihevolle Handlung (…) und brachte dabei doch die alte germanische Vorstellung von der ewigen Erneuerung des göttlichen Lebens in der Verbindung zwischen Totenfeier und Verpflichtung jugendlichen Nachwuchses in eindrucksvoller Weise zum Ausdruck.«

Hitler am 10.10.1938:

»Die Umstände haben mich gezwungen, jahrzehntelang fast nur vom Frieden zu reden. Nur unter der fortgesetzten Betonung des deutschen Friedenswillens und der Friedensabsichten war es mir möglich, dem deutschen Volk Stück für Stück die Freiheit zu erringen und ihm die Rüstung zu geben, die immer wieder für den nächsten Schritt als Voraussetzung notwendig war. Es ist selbstverständlich, daß eine solche jahrzehntelang betriebene Friedenspropaganda auch ihre bedenklichen Seiten hat; denn es kann nur zu leicht dahin führen, daß sich in den Gehirnen vieler Menschen die Auffassung festsetzt, daß das heutige Regime an sich identisch sei mit dem Entschluß und dem Willen, einen Frieden unter allen Umständen zu bewahren. Das würde aber nicht nur zu einer falschen Beurteilung der Zielsetzung dieses Systems führen, sondern es würde vor allem auch dahin führen, daß die deutsche Nation (…) mit einem Geist erfüllt wird, der auf die Dauer als Defätismus gerade die Erfolge des heutigen Regimes wegnehmen würde und wegnehmen müßte. Der Zwang war die Ursache, warum ich jahrelang nur vom Frieden redete. Es war nunmehr notwendig, das deutsche Volk psychologisch allmählich umzustellen und ihm langsam klarzumachen, daß es Dinge gibt, die, wenn sie nicht mit friedlichen Mitteln durchgesetzt werden, mit den Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden müssen.«

Hitler am 8. November 1939:

»Aus dieser ganzen Not ist unsere Bewegung entstanden, und sie hat daher auch schwere Entschlüsse fassen müssen vom ersten Tage an. Und einer dieser Entschlüsse war der Entschluß zur Revolte vom 8./9. November 1923. Dieser Entschluß ist damals scheinbar mißlungen, allein, aus den Opfern ist doch erst recht die Rettung Deutschlands gekommen.«

Aus der Rede des Oberbefehlshabers des Heeres, Walther von Brauchitsch, bei einer Langemarck-Feier im November 1940:

»Zur gleichen Stunde, in der es 1914 wie ein Schwur der deutschen Jugend über dieses Feld hallte, ›Deutschland, Deutschland über alles‹, wollen wir uns erneut darüber klar werden, was es heißt, ein Deutscher zu sein. Damit gehöre ich einem 80-Millionen-Volk an, das im Herzen Europas seinen Platz hat, dessen Geschichte ein nie aufhörender Kampf um den Lebensraum, eine von der Natur vorgezeichnete kämpferische Aufgabe gewesen ist und dessen Bestimmung gelautet hat: Über Schlachtfelder vorwärts! Der Nationalsozialismus ist die Erfüllung der Sehnsucht des Weltkriegskämpfers, er ist frontgeboren. (…) Dieser Krieg, den wir jetzt erleben, schließt zwei Generationen zusammen, die Weltkriegskämpfer und die jungen Soldaten. Mit dem 28. Mai 1940, mit dem Tag, an dem die Reichskriegsflagge in Langemarck gehißt wurde, ist das Vermächtnis der Jugend von 1914 erfüllt worden.«

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