13. Oktober 2012

Napoleons Niederlage

Napoléon auf dem Rückzug von Moskau - Fotoquelle: Wikipedia

Vor 200 Jahren verließ der französische Kaiser mit seiner einst Großen Armee Moskau

Kurt Pätzold

Am 19. Oktober 1812 verließ der Kaiser der Franzosen den Moskauer Kreml. Sechs Tage zuvor hatte er seinen Truppen den Befehl zum Rückzug gegeben. Am 23. Oktober brach aus der Stadt an der Moskwa als letzte Einheit und Nachhut die Junge Garde unter Marschall Édouard Adolphe Mortier (1768–1836) auf, der während der Besetzung auch den Posten des Gouverneurs ausgeübt hatte. Was hat Napoleon bei diesem Marsch nach Westen, dem Verlassen des Zarenreiches gedacht? Schwer vorstellbar, daß sich seine Gedanken nicht auf die Tatsache gerichtet haben, daß er auf diesem Feldzug einen totalen Mißerfolg erlitten und er diesen Krieg verloren hatte.

Alle Schlachten, alle Eroberungen und Besetzungen von Städten und selbst die von Moskau hatten ihn nicht ans Ziel geführt, den Zaren und dessen Generale zur Kapitulation zu bewegen und ihm selbst ein Diktat zu ermöglichen, wie er es nach den Siegen über Österreich 1805/1809 und über Preußen 1806/07 den Unterlegenen, dem Kaiser in Wien und dem preußischen König, aufzwang. Danach hatten sich der Habsburger und der Hohenzoller zu seinen Verbündeten für das Rußland-Abenteuer machen lassen und ihm für die Grande Armée Kontingente ihrer »Landeskinder« gestellt, Kanonenfutter, dazu auch Offiziere. Das preußische Hilfskorps kommandierte der Generalleutnant Ludwig Yorck von Wartenberg (1759–1830).

Bis nach Moskau …

Dresden, die Hauptstadt des Königreiches Sachsen! Da hatte er vor Jahren den Kurfürsten Friedrich August III., eben noch sein Kriegsgegner, zum König Friedrich August I. gemacht. An dessen Hof unterbrach er am 16. Mai 1812, von Paris kommend, auch seine Reise zur Armee. Die Tage waren mit Empfängen und Festen angefüllt, besucht von gekrönten Damen und Herren der Staaten, die auf seinen Ruf oder sein Kommando hörten. Unter den Gästen fehlte folglich weder Preußens König Friedrich Wilhelm III., noch Kaiser Franz, der aus Schönbrunn angereiste Schwiegervater Napoleons, zu dem er 1810 geworden war, als der Franzosenkaiser seine Tochter, die Erzherzogin Marie-Louise von Österreich, heiratete.

Seit diesem Treffen waren keine fünf Monate vergangen. Doch wie weit entschwunden waren die Tage in Elbflorenz, das er am 29. Mai verlassen hatte, und ebenso die Hoffnungen und Pläne, mit denen er sich von da zur Großen Armee begab, die sich vor den Grenzen des Zarenreiches versammelte. Daß der Franzosenkaiser sich auf dem Wege dahin befand und ein Krieg gegen den Zaren bevorstand, war in diesem Frühjahr kein Geheimnis. Das hatte nicht nur die Formierung einer Streitmacht bezeugt, die an Zahl und Kraft alles in den Schatten stellte, was bisher zu kriegerischen Zwecken konzentriert worden war. Der zaristische Geheimdienst hatte zudem auf dem kurzen Wege von Bestechungen sich in Paris Kenntnisse über die Pläne des Monarchen verschafft, wie umgekehrt die Agenten Napoleons in Petersburg nicht untätig geblieben waren, um die Gegenwehrpläne der Russen zu ermitteln. Diese Informationen besagten: Die Militärs an der Spitze der Zarenarmee waren in eine Debatte darüber eingetreten, wie sie sich beim Einfall des sieggewohnten Feindes in ihr Land verhalten sollten. War nahe der Grenze eine Schlacht zu suchen oder sollte sich die eigene Streitmacht ins Innere des Landes zurückziehen und zunächst darauf setzen, daß der Vormarsch der feindlichen Truppen selbst – ohne Verluste in blutigen Kämpfen – deren Schwächung bewirken mußte, so daß die Entscheidung besser vertagt würde?

Am 22. Juni erließ Napoleon einen Aufruf an seine Armee, in der er den Krieg zum »zweiten polnischen« erklärte, ein merkwürdige Wortwahl, die aber sowohl zur Verschleierung des Charakters und der Ziele dieses Krieges dienen konnte wie mit dem Blick auf seine polnischen Hilfstruppen getroffen worden war. Am 23. Juni setzte sich die Armee über den Njemen in Marsch. Am 17. August befand sie sich bereits in Smolensk. Bevor sie nach Moskau gelangte, stellte sich die Zarenarmee zur Schlacht. Sie fand am 7. September bei dem Dorfe Borodino statt. Der Oberkommandierende der russischen Armee, Mihail Illarionowitsch Kutusow (1745–1813), konnte trotz der ungeheuren Verluste auf beiden Seiten seine Kräfte geschlossen nach Osten führen. Sieben Tage später war Napoleon im Kreml.

Doch gebot er bei weitem nicht mehr über die Kräfte, mit denen er aufgebrochen war. Verluste aus Gefechten und Schlachten, ungenügende Verpflegung der Hunderttausende, Hitze und Krankheiten hatten sie erheblich reduziert und die Bedingungen, unter denen sich diese Armee vorwärts gewälzt hatte, wirkten auf ihre Angehörigen zudem demoralisierend und lockerten die Disziplin. Gleiches galt für den ohnehin bunten Haufen, der die Armee begleitete. Das bekamen die in Moskau gebliebenen Einwohner bitter zu spüren. Denn Teile dieser Vielvölkerarmee verwandelten sich in marodierende Haufen und raubten, was ihnen wertvoll oder auch nur brauchbar erschien und das nicht nur für momentane Zwecke, sondern mit der Absicht, es zurück in ihre heimatlichen Gegenden zu schaffen. Auf einem anderen »Niveau« versorgten sich auch Offiziere. Kaum besetzt, entstanden an mehreren Stellen der Stadt Brände, die in den aus Holz erbauten Häusern reichlich Nahrung fanden und derart wüteten, daß die Stadt zu etwa zwei Dritteln vernichtet wurde.

Und der Krieg schien noch nicht entschieden, sein Ende außer Sicht. Der Gegner gab kein Signal seiner Kapitulationsbereitschaft. Napoleon, der Emissäre in Kutusows Hauptquartier sandte, sah seine Vorschläge abgewiesen und mußte sich eingestehen, daß billig aus diesem Kriege nicht herauszukommen war. Was also tun? Das Ausharren in Moskau, zudem angesichts des nahenden Winters, öffnete keine Perspektive. Für den Marsch nach Petersburg war seine Armee zu abgekämpft. So kam es zu des Kaisers Entschluß, das Unternehmen abzubrechen und sich um die Sicherung seiner Herrschaft über weite Teile Europas zu kümmern. Denn wie würden sich die beiden Monarchen, der Preuße und de Österreicher, nun verhalten, da sein militärisches Debakel offenkundig wurde? Was er vor allem brauchte, war eine neue intakte militärisch Streitmacht.

… und zurück

Für die Soldaten der einst Großen Armee wurde der Rückmarsch ein Leidens- und Elendszug. Ungenügend versorgt, ohne angemessene Bekleidung, den Unbillen des hereinbrechenden Winters ausgesetzt, überstanden viele die Strapazen nicht. Wer nicht plötzlich zu Tode kam, mußte als Verwundeter zurückgelassen werden, und das kam in aller Regel einem Todesurteil gleich. Andere starben in Gefechten und Scharmützeln mit den sie verfolgenden Kosaken und den regulären zaristischen Truppen oder gerieten in deren Gefangenschaft, in der viele wiederum ein Opfer von Rohheit und Rachegelüst wurden.

Über Generationen haben sich Berichte und Bilder von diesem Rückzug in Ländern erhalten, aus denen Soldaten zu Napoleons Armee gehört hatten und als Überlebende die Heimat wiedersahen. Nichts hat wohl die Vorstellung vom Geschehen stärker geprägt als das vielfach reproduzierte in Schulgeschichtsbücher aufgenommene Gemälde des Franzosen Théodore Géricault (1791–1824), der den Krieg erlebte, aber an ihm nicht in der Armee teilnahm. Es trägt den Titel »Rückkehr aus Rußland« (1818) und zeigt zwei Soldaten, so erschöpft wie ihr Pferd, auf dem Wege durch eine Schneewüste. Gleiche rückwärts gewandte Phantasie löste ein Gedicht aus, das in kaum einer deutschen Schulfibel fehlte und aus dem meist die Anfangszeilen zitiert wurden »Es irrt durch Schnee und Wald umher/ Das große, mächt’ge Franzosenheer./ Der Kaiser auf der Flucht/ Soldaten ohne Zucht/ Mit Mann und Roß und Wagen/ So hat sie Gott geschlagen.« Autor der Zeilen war Ernst Ferdinand August, ein Primaner des berühmten Berliner Grauen Klosters, der sich später dem Kampf gegen die napoleonischen Truppen als ein Freiwilliger der Lützower Jäger anschloß. Nur war dieses Heer Napoleons, anders als der Gedichttext es sagt, keineswegs nur eines der Franzosen, denn mit denen waren an dem Zug nach Moskau Preußen, Österreicher, Bayern, Sachsen, Hessen und Einwohner weiterer deutscher Staaten, Italiener, Belgier, auch Spanier beteiligt, ebenso wie ein beträchtliches Kontingent an Polen, die glauben mochten, sich für einen eigenen polnischen Staat zu schlagen.

Genaugenommen war Napoleon auch nicht auf der Flucht. Er hatte, nachdem er zunächst mit seiner Armee nach Osten gelangt war, diese am 5. Dezember verlassen und war eilig und anonym nach Paris gereist, um dort die Maßnahmen für den Feldzug im kommenden Jahr zu treffen. In dem bekam er es dann nicht nur mit den Russen, sondern seit März 1813 auch mit Preußen zu tun, das die Seiten gewechselt hatte. Napoleons Scheitern im Kriege gegen Rußland 1812 bildete den Auftakt der Wende seiner Herrschaft. Deren Ende war freilich noch unabsehbar weit.

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