9. April 2011

Nationale Speerspitze

Vor 120 Jahren wurde der »Alldeutsche Verband« gegründet

Alexander Bahar

Seit den 1890er Jahren entstanden im Deutschen Reich eine Reihe »nationaler Kampfverbände«. Zu den einflußreichsten gehörte neben dem »Deutschen Flottenverein« der verhältnismäßig mitgliederschwache Alldeutsche Verband. Als »Alldeutsche« bezeichnete man zunächst ganz allgemein die Anhänger einer Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen politischen Bewegung im Deutschen Kaiserreich sowie in Österreich-Ungarn, die die Forderung nach Stärkung des deutschen Nationalbewußtseins mit völkischen und imperialistischen Zielsetzungen verband und für die bedingungslose Unterordnung des einzelnen unter das Volksganze, repräsentiert durch Staat und Obrigkeit, eintrat.

Expansionspolitik

Auslöser für die Bildung des Alldeutschen Verbandes war der deutsch-britische »Helgoland-Sansibar-Vertrag«1 vom 1. Juli 1890, der weiten Kreisen des deutschen Bürgertums als Verrat an den imperialen Interessen des Deutschen Reiches galt. Auf Initiative des späteren Medienmagnaten und DNVP-Politikers Alfred Hugenberg wurde am 9. April 1891 in Berlin der »Allgemeine Deutsche Verband« (ab 1894 »Alldeutscher Verband«) ins Leben gerufen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten neben Hugenberg selbst u. a. die Großindustriellen Emil Kirdorf und Emil Possehl sowie der Zoologe und Geograph Friedrich Ratzel. Zu ersten Ehrenmitgliedern des Verbandes wurden der Gründungsinitiator und Kolonialpionier Carl Peters und der frühere deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck ernannt. Während die Bezeichnung »alldeutsch« anfänglich nur als Erweiterung von »reichsdeutsch« gedacht war, erhielt sie in den Verlautbarungen des Verbandes zunehmend die Konnotation einer patriotischen Steigerungsform des »Deutsch«-Seins. Kernziele des Verbandes waren die Stärkung des nationalen Bewußtseins, die Forcierung der deutschen Kolonialinteressen und die Förderung einer »tatkräftigen deutschen Interessenpolitik«, verbunden mit verstärkten Rüstungsanstrengungen. »Der alte Drang nach dem Osten soll wiederbelebt werden«, hieß es im Gründungsaufruf des Verbandes, der außerdem erklärte, er wolle die Regierung nicht bekämpfen, sondern sie im Sinne seines Programms vorantreiben. Zur weltweiten Durchsetzung deutscher Interessen traten die überwiegend aus dem Adel sowie dem gehobenen Besitz- und Bildungsbürgertum kommenden Alldeutschen in der Folge vehement für eine imperialistische Kolonialpolitik und einen verstärkten Aufbau der Flotte ein. Durch die Förderung des Deutschtums im Ausland und die Bekämpfung der Minderheiten im Deutschen Reich, insbesondere der in Westpreußen und Oberschlesien lebenden Polen sowie der französischen Bevölkerung Elsaß-Lothringens, sollte die vom Verband propagierte Ausweitung deutschen Einflusses und Lebensraums erreicht werden.

Nach vielerlei internen Streitigkeiten über den einzuschlagenden Kurs gewannen schließlich die Kräfte die Oberhand, die für die strikte parteipolitische Unabhängigkeit des Verbandes eintraten. Bereits ein Jahr nach seiner Gründung besaß der Alldeutsche Verband 21000 Mitglieder, die aus verschiedenen politischen Parteien kamen. Zusätzlich gehörten ihm im Jahr 1905 101 Vereine mit insgesamt 130000 Personen als korporative Mitglieder an. Diese Zahl wurde erst im Laufe des Ersten Weltkriegs überschritten und stieg bis 1918 auf 36377, bis 1922 sogar auf zirka 52000 Einzelmitglieder; in den dreißiger Jahren ging die Zahl auf gerade noch 8000 zurück.

Wie bei den anderen nationalen Verbänden war auch bei den Alldeutschen längst der Kampf gegen die wachsende »Bedrohung« durch die Arbeiterbewegung als wesentliches programmatisches Element hinzugekommen. Dies manifestierte sich auch in dem 1904 gegründeten »Reichsverband gegen die Sozialdemokratie«.

Unter Heinrich Claß, der 1908 zum Vorsitzenden gewählt wurde, vollzog der Alldeutsche Verband den Übergang zur nationalen Opposition. Die zunehmend aggressiver werdende nationalistische und antiliberale Agitation des Verbandes richtete sich nun auch gegen die Führung des Deutschen Reichs unter Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Bernhard von Bülow. Ihnen warfen die Alldeutschen außenpolitisches Versagen vor, während sie zugleich ein energischeres Auftreten Deutschlands auf weltpolitischer Ebene forderten.

Aufschwung im Krieg

Eine Hochblüte erfuhr der Alldeutsche Verband im Ersten Weltkrieg. Bei immer noch bescheidener Mitgliederzahl entwickelte er bis zum Kriegsende eine erhebliche meinungsbildende Wirkung. In zahlreichen Propagandaschriften und vor allem in den Alldeutschen Blättern (1894–1939) traten die Alldeutschen für ein maßloses Annexionsprogramm zur Etablierung einer deutschen Hegemonialstellung in Europa (unter Einschluß der Schweiz, Liechtensteins, der Niederlande, Belgiens sowie Teilen Frankreichs und Österreich-Ungarns) sowie in Afrika und dem Nahen Osten ein. Rußland sollte den Großteil seiner westlichen Landmasse abgeben. Das britische Empire sollte zugunsten deutscher Kolonialansprüche zerschlagen werden. Begleitet wurde dieser von einem Autarkiekomplex angetriebene Expansionsdrang von der Forderung nach rassischer Reinheit und dem Bekenntnis zum Krieg als schöpferischer Lebenskraft. Mitglieder des Alldeutschen Verbandes engagierten sich in Gruppen wie dem »Unabhängigen Ausschuß für einen deutschen Frieden«, der zum Zentrum der Kriegszieldiskussion avancierte. Die Rolle des Alldeutschen Verbands war dabei die einer Denkfabrik (wie man heute sagen würde), die den anderen nationalen Verbänden die politisch-ideologischen Waffen lieferte. Der Verband sah sich dabei selbst als Speerspitze des völkischen Nationalismus. Das veranschaulicht beispielhaft eine vom 18. September 1914 datierte Kriegszieldenkschrift seines Vorsitzenden Heinrich Claß, die in der Maßlosigkeit der Forderungen und der Rücksichtslosigkeit hinsichtlich ihrer Durchsetzung noch über das hinausgeht, was in den zu jener Zeit kursierenden Kriegszieldenkschriften Standard war, und die den Anstoß für die Eingabe der sechs großen Wirtschaftsverbände vom 20. Mai 1915 gab. Schon in Claß’ Denkschrift findet sich das Postulat einer »ethnischen Säuberung«, das heißt der Aussiedlung oder Zwangsassimilierung der nichtdeutschen (vorwiegend slawischen und jüdischen) Bevölkerung in den im Westen wie im Osten zahlreich zu annektierenden Gebieten. Begründet wurde dieser umfangreiche Kriegszielkatalog unter anderem mit dem »Argument«, nur so könne »die drohende Entartung des deutschen Volkes« abgewendet werden. Konkret sollte die Expansion nach außen innere Probleme – soziale und ökonomische Spannungen und Widersprüche – kompensieren und so vermeintlich lösen. Wie in ihrer gesamten politischen Konzeption nahmen die Alldeutschen auch in ihrem Postulat nach der Eroberung neuen Lebensraumes die Politik der Nazis vorweg.

Gegen die Republik

Gegen Ende des Krieges beteiligte sich der Ausschuß an der Gründung der kurzlebigen »Deutschen Vaterlandspartei« (1917–1918) – mit Wolfgang Kapp, Ludendorff, Hindenburg, Hugen­berg, von Tirpitz u. a. –, die Friedensverhandlungen zur Beendigung des Ersten Weltkriegs strikt ablehnte. In und nach der Novemberrevolution ergriff der Verband für die Freikorps Partei und pflegte Kontakte zur ebenfalls rechtsextremen Thule-Gesellschaft. Nach dem Krieg agitierten die Alldeutschen unter Claß’ Vorsitz gegen die Weimarer Republik, forderten die Errichtung einer »nationalen Diktatur« und die Zurückdrängung »fremden Volkstums«. Am 19. Oktober 1918 bekannte sich die Führungsspitze des Verbandes erstmals öffentlich zum Antisemitismus, im August 1919 erfolgte eine Satzungsänderung, mit der die Wiederherstellung des Kaisertums, der Aufbau einer starken Armee, die Rückgewinnung der verlorenen Gebiete sowie die »rassische Höherentwicklung« des deutschen Volkes gefordert wurden. Juden wurden nun aus dem Verband ausgeschlossen.

Der Alldeutsche Verband selbst spielte fortan in der Öffentlichkeit keine große Rolle mehr. Gegenüber der Nazibewegung verlor er zusehends an Einfluß. Am 11. November 1931 schlossen sich die Alldeutschen der Harzburger Front an. Trotz seiner ideologischen Nähe zur NSDAP pflegte der Alldeutsche Verband eine gewisse Distanz zur Hitler-Partei. Nach der Machtübergabe an die Nazis wurden die inzwischen einflußlosen Alldeutschen anfangs geduldet. Erst am 13. März 1939 verfügte Sipo-Chef Reinhard Heydrich ihre Auflösung – mit der Begründung (die einer gewissen Logik nicht ermangelte), daß das Programm des Verbandes, nämlich die »Vereinigung aller Deutschen in einem Großdeutschland«, erfüllt sei.

1 Der Vertrag regelte die Beziehungen zwischen den Gebiets- und Hoheitsansprüchen des Deutschen Reiches und dem Vereinigten Königreich in den afrikanischen Kolonien. Demnach verzichtete Deutschland auf hypothetische Gebietsansprüche in Afrika, während das Vereinigte Königreich das aus deutscher Sicht strategisch bedeutsame Helgoland an Deutschland abtrat.

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