8. Mai 2010

Naziverbrecher gestellt

Vor 50 Jahren wurde Adolf Eichmann vom israelischen Geheimdienst aus Argentinien entführt

Ronald Friedmann

Der 11. Mai 1960 war ein kalter und dunkler Herbsttag auf der südlichen Halbkugel. In Buenos Aires, der argentinischen Hauptstadt, gab es seit dem späten Nachmittag immer wieder heftige Regenschauer. In gewisser Weise war dieses Wetter für die sechs Männer günstig, die in zwei Autos in der Nähe einer Bushaltestelle der Linie 203 im Stadtteil San Fernando warteten: Niemand hielt sich länger als notwendig im Freien auf, was die Gefahr, von Neugierigen entdeckt zu werden, deutlich verringerte. Allerdings machte es auch ihre Aufgabe schwerer: Sie hielten Ausschau nach einem Mann, der gegen 19.40 Uhr aus dem Bus steigen und dann die Calle Garibaldi entlanglaufen würde, um zu der selbstgebauten schäbigen Hütte ohne Wasser und Strom zu gelangen, in der er seit knapp zwei Jahren Jahren mit seiner Frau und seinen zwei jüngsten Söhnen lebte.

Es war ein Kommando des israelischen Geheimdienstes Mossad, das Adolf Eichmann gefangennehmen wollte, den Mann, der weltweit als der Organisator des Massenmordes an den europäischen Juden galt.

15 Jahre nach Kriegsende und zehn Jahre nach seiner Flucht aus Europa mit Hilfe katholischer Stellen fühlte sich Eichmann, der sich inzwischen Ricardo Klement nannte, sicher. Er arbeitete bei DaimlerBenz. An diesem Abend hatte er sich verspätet, doch die israelischen Agenten waren sich sicher, daß Eichmann kommen würde. Gegen 20 Uhr hielt der Bus, Eichmann stieg aus, lief auf sein Haus zu. Dann ging alles sehr schnell: Drei Israelis ergriffen Eichmann, rissen ihn zu Boden, und trotz heftiger Gegenwehr lag er wenige Augenblicke später gefesselt auf dem Rücksitz eines Autos, das ihn in einstündiger Fahrt in ein zuvor angemietetes und vorbereitetes »sicheres Haus« brachte. Acht Tage später wurde er heimlich an Bord eines israelischen Flugzeugs geschafft, das eine offizielle Regierungsdelegation zu den Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag der argentinischen Unabhängigkeit nach Buenos Aires gebracht hatte, und nach Tel Aviv geflogen.

Eichmann stammte aus bürgerlichen Kreisen; sein Vater war Unternehmer. Von 1927 bis 1931 gehörte er der antimarxistischen »Deutschösterreichischen Frontkämpfervereinigung« an. 1932 trat er der österreichischen NSDAP und der SS bei und arbeitete bereits ein Jahr später hauptamtlich in ihr. Nach dem Verbot der Nazipartei im Alpenland gehörte er dem SS-Verbindungsstab Passau und später der österreichischen SS in den Lagern Lechfeld und Dachau an, bis er im September 1934 in das SD-Hauptamt nach Berlin versetzt wurde. Dort war er Chef des für »Judenangelegenheiten« zuständigen Referats im Reichssicherheitshauptamt. Mit der Annexion Österreichs koordinierte er als Leiter der »Zentralstelle für jüdische Auswanderung« die Ausplünderung und Vertreibung jüdischer Mitbürger im Land. Dieselbe Funktion übernahm er dann auch in Prag. 1940 ging er zurück nach Berlin und gehörte ein Jahr später zur zentralen Leitstelle für die Organisa­tion der »Endlösung« der Juden.

Staatsanwalt mißtrauisch

Es war der damalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, ein jüdischer Überlebender, der Ende der 50er Jahre dem israelischen Geheimdienst den entscheidende Hinweis auf den Aufenthaltsort von Eichmann gab und auf weitere Ermittlungen drängte. Bauer selbst hatte die entscheidenden Informationen von einem in Buenos Aires lebenden deutschen Juden erhalten, dessen Tochter sich zufällig mit einem Sohn Eichmanns angefreundet hatte, ohne um die Hintergründe und die Geschichte der Familie zu wissen. In die westdeutschen Behörden hatte Bauer aus gutem Grund kein Vertrauen: Wenige Tage, nach dem ein offizielles Auslieferungsersuchen über die Botschaft der BRD in Argentinien an das dortige Außenministerium übermittelt worden war, verschwand der gesuchte KZ-Arzt Josef Mengele, der »Todesengel von Auschwitz«, aus Buenos Aires. Er war ganz offensichtlich gewarnt worden. Auch im Fall Eichmanns mußte Bauer damit rechnen, daß ehemalige Nazifunktionäre, die im westdeutschen Staatsapparat in großer Zahl untergekommen waren, seine Pläne durchkreuzen würden, falls er seine Suche nach Eichmann auf dem offiziellen Dienstweg geführt hätte.

Der Prozeß gegen Eichmann vor dem Jerusalemer Bezirksgericht begann am 15. April 1961 und dauerte acht Monate. Die Anklage beinhaltete Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisa­tion. Mehr als hundert Zeugen aus aller Welt wurden gehört, darunter neunzig Überlebende der Vernichtungslager, und mehr als 1500 Dokumente wurden verlesen. Der Verteidigung wurde jede Möglichkeit eingeräumt, entlastendes Material vorzulegen. Am 15. Dezember 1961 wurde Eichmann zum Tode durch den Strang verurteilt. Seine Verteidigungsstrategie, er habe lediglich seine Pflicht getan und die ihm von höherer und damit verantwortlicher Stelle erteilten Befehle ausgeführt, ging nicht auf.

Am 31. Mai 1962, wenige Minuten vor Mitternacht, wurde das Urteil vollstreckt. Noch vor Sonnenaufgang wurde der Leichnam verbrannt und seine Asche außerhalb der israelischen Hoheitsgewässer über dem Mittelmeer verstreut.

Neue Dokumente

Doch die Geschichte des Falls Eichmann war damit keineswegs beendet. Eine Vielzahl von Fragen war im Umfeld des Prozesses offengeblieben. So wurde in Westdeutschland das Buch von Hannah Arendt »Eichmann in Jerusalem« von interessierten Kreisen mit großer Dankbarkeit aufgenommen, denn ihre unsäglich simplifizierende These von der »Banalität des Bösen« bot eine bequeme Ablenkung von der dringend notwendigen Untersuchung der politischen und ökonomischen Verhältnisse, die eine Karriere wie die von Eichmann, und zahllosen anderen Tätern Hitlerdeutschlands, möglich gemacht hatte. Doch es ging auch um die ganz praktischen Umstände, unter denen Eichmann und anderen Kriegsverbrechern die Flucht aus dem Nachkriegseuropa gelingen konnte.

Erst im Jahr 2006 wurden in den USA Dokumente der CIA veröffentlicht, die beweisen, daß die Regierungen der USA und der BRD spätestens Ende der 50er Jahre den Aufenthaltsort Eichmanns kannten, aber aus unterschiedlichen Gründen an seiner Ergreifung nicht interessiert waren. In Bonn war es wohl vor allem die Angst vor weiteren Enthüllungen über den Staatssekretär im Bundeskanzleramt Hans Globke, der in der Nazizeit eine maßgebliche Rolle bei der Entstehung und Umsetzung der antijüdischen Nürnberger Gesetze gespielt hatte.

Erst Mitte April 2010 entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, daß die pauschale Geheimhaltung aller Eichmann betreffenden Akten nicht mehr gerechtfertigt sei und daher nun auch die Bundesregierung bisher geheimgehaltene Dokumente veröffentlichen müsse. (Siehe jW vom 7.5.2010) Sensationelle Enthüllungen sind zwar nicht mehr zu erwarten, aber es werden neue Details über die Kollaboration der westdeutschen Behörden mit gesuchten Naziverbrechern bekannt werden.

Quellentext. Eichmann über seine Bereitschaft, sich in Israel einem Prozeß zu stellen

Ich, der Unterzeichnete, Adolf Eichmann, erkläre hiermit aus freiem Willen: Nachdem nunmehr meine wahre Identität bekannt ist, sehe ich ein, daß es keinen Sinn hat zu versuchen, mich weiter der Gerechtigkeit zu entziehen. Ich erkläre mich bereit, nach Israel zu fahren, um dort vor ein zuständiges Gericht gestellt zu werden. Es versteht sich, daß ich einen Rechtsbeistand bekomme, und ich werde mich bemühen, die Tatsachen meiner letzten Amtsjahre in Deutschland ungeschmückt zu Protokoll zu bringen, damit der Nachwelt ein wahres Bild überliefert wird. Ich gebe diese Erklärung aus freiem Willen ab. Weder wurde mir etwas versprochen, noch bin ich bedroht worden. Ich will endlich meine innere Ruhe erlangen. Nachdem ich mich nicht an alle Einzelheiten mehr erinnern kann und auch manches verwechsle oder durcheinander bringe, bitte ich, mir dabei behilflich zu sein, durch Zurverfügungstellung von Unterlagen und Aussagen, bei meinen Bemühungen die Wahrheit zu suchen, behilflich sein zu wollen.

Adolf Eichmann, Buenos Aires, Mai 1960

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