7. April 2014

Nicht herausragend

Der Versuch, »Neuland« zu erobern: Eine Biographie der süddeutschen Kommunistin und Widerstandskämpferin Erika Buchmann (1902-–1971)

Cristina Fischer

Erika Buchmann ist vor allem als Herausgeberin der ersten und lange Zeit einzigen deutschsprachigen Monographie über das Frauen-KZ Ravensbrück bekannt geworden. Ihre Vita war und ist noch zu entdecken.

Geboren in München als Tochter des politisch engagierten Arztes Rudolf Schollenbruch und der Schauspielerin Maria Röhling, hatte sie sich unter dem Eindruck der Novemberrevolution und der Münchener Räteregierung der kommunistischen Jugend und 1920 der KPD angeschlossen.

Die ausgebildete Stenotypistin wurde Sekretärin der KPD-Fraktion im Bayerischen Landtag. 1924 erstmals verhaftet, wurde sie wegen ihrer politischen Aktivität zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Im Folgejahr heiratete sie den acht Jahre älteren KPD-Funktionär Albert Buchmann, mit dem sie 1932 auf Geheiß der Partei nach Stuttgart übersiedelte. Beide gingen von Beginn der Naziherrschaft an in den aktiven Widerstand; Albert Buchmann wurde im Mai, seine Frau im November 1933 verhaftet und in »Schutzhaft« genommen. Nach ihrer Entlassung setzte sie ihre illegale Tätigkeit fort, bis sie im Dezember 1935 mit zahlreichen weiteren Genossen, darunter die später hingerichtete Lilo Herrmann, einer Verhaftungswelle zum Opfer fiel. Mit dreieinhalb Jahren Haft, die sie im Zuchthaus Aichach verbüßte, vergleichsweise milde bestraft, wurde sie von der Gestapo anschließend nach Ravensbrück deportiert. Erst im November 1940 konnte sie zu ihrer halbwüchsigen Tochter nach Stuttgart zurückkehren, wurde aber nach gut einem Jahr denunziert und kam erneut nach Ravensbrück. Dort mußte sie bis zur Befreiung durch die Rote Armee ausharren, eingesetzt als Blockälteste zunächst des Straf- und dann des Tuberkuloseblocks.

Erst im Juli 1945 war Erika Buchmann wieder mit ihrem Mann vereint, der zwölf Jahre Haft in faschistischen Gefängnissen, Zuchthäusern und KZs überlebt hatte. Beide beteiligten sich sofort am Wiederaufbau; Erika Buchmann war in Arbeitsausschüssen und im Gemeinderat Stuttgarts tätig.

1952 bis 1956 saß sie als KPD-Abgeordnete in der Landesversammlung bzw. im Landtag von Baden- Württemberg. Im Zusammenhang mit dem KPD-Verbot emigrierte sie in die DDR, nach Berlin, wo ihr Mann bereits seit 1953 arbeitete, und wo beide ihr restliches Leben verbrachten. Erika Buchmann engagierte sich hauptsächlich für die Dokumentation der Verbrechen im KZ Ravensbrück und für die Einrichtung der 1959 eingeweihten Gedenkstätte, für die sie Material zusammentrug. Schon 1946 hatte sie eine Broschüre über »Frauen im KZ« vorgelegt. Die 1956 von ihr veröffentlichte eindrucksvolle Darstellung »Die Frauen von Ravensbrück« erreichte bis zu einer nur unwesentlich veränderten Neuausgabe (1971) eine Gesamtauflage von 120000 Exemplaren und prägte lange das Bild von diesem Lager. 1960/61 unterstützte sie die befreundete Schriftstellerin Hedda Zinner bei deren Arbeit an dem Theaterstück »Ravensbrücker Ballade«. Diese Autorin hat das Schicksal der Familie Buchmann in ihrem Roman »Katja« (1980) literarisch umgesetzt. Bis zu ihrem Tod trat Erika Buchmann als Referentin auf unzähligen Veranstaltungen auf.

Die vorliegende Biographie unter dem Titel »Erika Buchmann (1902–1971) – Kommunistin, Politikerin, KZ-Überlebende« ist die überarbeitete Fassung einer 2009 beendeten Dissertation bei Karin Hausen an der TU Berlin. Die Autorin Grit Philipp, zuvor mit einem »Kalendarium« des KZ Ravensbrück hervorgetreten, hat sich dafür vorwiegend auf den umfangreichen Nachlaß der Buchmanns im Bundesarchiv Berlin, aber auch auf die Sammlungen der Gedenkstätte Ravensbrück und einige weitere Archive gestützt.

Sie charakterisiert ihr Werk, mit dem sie »Neuland« betreten habe, als »Novum« in der Forschung. Erstmals sei das Leben eines ehemaligen Ravensbrück-Häftlings Thema einer Dissertation.

»Erika Buchmann war keine herausragende historische Persönlichkeit. Ihr Lebensweg wäre sicher nie Gegenstand einer klassischen Biographie gewesen«, behauptet sie, obwohl sie in einer ihrer Anmerkungen darauf verweist, daß eine solche Biographie bereits in den 80er Jahren geplant war.

Im Bemühen um »wissenschaftliche« Objektivität erschlägt Philipp ihren lebendigen Stoff mit letztlich sinnlosen Formulierungen. So heißt es etwa: »Im Fall Erika Buchmanns wird zu zeigen sein, daß sowohl die KZ- Haft selbst als auch ihre Auseinandersetzung mit Lager und Überleben aufs engste mit ihrer Parteimitgliedschaft verbunden waren und sich Reflexion und politisches Engagement wechselseitig beeinflußten.« An anderer Stelle verlautbart sie: »Mit der Wahl ihres Arbeitgebers, der KPD-Fraktion im Bayerischen Landtag, und ihres Ehemannes, dem kommunistischen Reichstagsabgeordneten Albert Buchmann, gelang es ihr, das Engagement im Dienste der KPD beruflich und privat in Einklang zu bringen.« Das ist ebenso unfreiwillig komisch wie grammatisch falsch.

Nicht nur, daß Philipp die politische Tätigkeit ihrer Protagonistin spürbar fremd geblieben ist – auch aus der vernichtenden Kritik des Ravensbrück-Experten Bernhard Strebel an ihrem »Kalendarium« hat sie offenbar nichts gelernt. So stößt man immer wieder auf sachliche Fehler und auf Ungereimtheiten, die hier nicht im einzelnen aufgeführt werden können. Über den Widerstand Erika Buchmanns von 1933 bis 1935 in Stuttgart hat sie nur wenig zu berichten; sie hat nicht einmal die – im Bundesarchiv vorhandene – Anklageschrift gefunden und gibt das Verhaftungsdatum von 1935 falsch an. Die meisten Zeitzeuginnen, die Buchmann selbst als Bürgen für diese Zeit benannt hat, kommen in ihrer Untersuchung gar nicht vor. Wenig Interesse zeigt Philipp auch an den Publikationen der Kommunistin und ihren Kontakten zu Persönlichkeiten wie Martin Andersen Nexö und Lea Grundig.

Die Chance, den bewegten, spannenden und auch tragischen Lebensweg einer politischen Kämpferin auf adäquate Weise nachzuzeichnen, ist damit leider weitgehend vertan worden.

Grit Philipp: Erika Buchmann (1902–1971) – Kommunistin, Politikerin, KZ-Überlebende. Metropol-Verlag, Berlin 2013, 294 Seiten, 24 Euro

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