29. November 2013

Nicht nur Kafkas letzte Liebe

Dora Diamant, 1928 - Fotoquelle: www.franzkafka.de

Die Biographie der Jüdin, Schauspielerin und Kommunistin Dora Diamant (1898–-1952) ist endlich auf deutsch erschienen

Florence Hervé

Im Jahr 1971 wurde eine US-amerikanische Studentin Kathi Diamant in einem Kurs für deutsche Literatur gefragt, ob sie mit Dora Diamant, Franz Kafkas letzter Lebensgefährtin, verwandt sei. Die junge Frau hörte den Namen zum ersten Mal. Seitdem habe Dora sie »verfolgt«, sagt die frühere TV-Produzentin, Schauspielerin und Reiseschriftstellerin. »Sie wurde meine Heldin. Ich mußte wissen, was mit ihr nach Kafkas Tod geschah«, erzählt die Autorin der jetzt erstmals auf deutsch, im Original aber schon vor zehn Jahren erschienenen Biographie, im Gespräch mit jW. Dora Diamant, Kommunistin und von Beruf Schauspielerin, wird darin als warmherzige, mutige und freiheitsliebende Frau sichtbar.

Geboren im polnischen Pabianice, zieht sie als Achtjährige mit ihrer tief religiösen, kleinbürgerlichen jüdischen Familie ins schlesische Bedzin. Der Vater, Kleinunternehmer, Handwerker und streng orthodox, verbietet der Tochter den hebräischen Unterricht und das Schauspiel. Also führt Dora beides heimlich fort. Sie rebelliert, reißt zweimal aus dem Mädcheninternat in Krakau aus. Früh befreit sie sich von religiösen Tabus und gesellschaftlichen Fesseln, verläßt Polen 1919, geht zunächst nach Breslau, dann nach Berlin. 1923 begegnet sie Kafka im Ostseebad Müritz, wo sie in einem jüdischen Kinderheim arbeitet. Kafka habe sofort begriffen, daß sie »eine Art Koexistenz von östlicher und westlicher Lebensweise verkörperte, die auch er sich als Lösung durchaus vorstellen konnte, obgleich das weder in ihrem noch in seinem Lebensplan vorgesehen war: eine Komplizin also«, schreibt Reiner Stach, Biograph des Schriftstellers, in seinem Vorwort. Dora hilft Kafka, sich von Prag und der Familie zu lösen und nach Berlin zu ziehen. Sie ist die einzige Frau, mit der er elf Monate lang zusammen lebt – darunter die letzten Wochen im Sanatorium, bis zu seinem Tod 1925. Das Leben »nach Kafka« ist schwierig für Dora.

Sie versucht, sich eine neue Existenz als Theaterschauspielerin aufzubauen. Es folgen Aufenthalte in Prag, Berlin, Polen, Berlin und in Düsseldorf. Dann kehrt sie nach Berlin zurück, wo sie 1930 Mitglied der KPD wird – und sich im Agitproptheater engagiert. In der Marxistischen Arbeiterschule lernt sie 1931 Lutz Lask kennen, den sie 1932 heiratet. Dora habe sich in der diskussionsfreudigen Familie wohlgefühlt, meint Kathi Diamant. Und sie mochte die Mutter von Lutz sehr, die Schriftstellerin Berta Lask. Lutz wird 1933 und 1934 mehrmals von der Gestapo gefoltert. 1935 kann er in die Sowjetunion fliehen, 1936 folgt ihm Dora mit der zweijährigen Tochter Marianne. Lutz wird 1938 wegen »Spionageverdachts« in ein sogenanntes Arbeits- und Erziehungslager in Sibirien deportiert. Dora flieht vor Stalins »Säuberungen«. Wie ihr das gelang, bleibt ein Rätsel. »Sie hatte wahrscheinlich einfach Glück«, sagt Kathi Diamant. Dora und ihre Tochter schaffen bis in die Niederlande – und nach acht vergeblichen Versuchen endlich auch nach England, eine Woche vor dem Einmarsch der Nazis in Polen 1939. In London wird sie zunächst als »feindliche Ausländerin« im Frauengefängnis Holloway inhaftiert, später im Hauptinternierungszentrum auf der Isle of Man, 15 Monate lang. 1941 wird sie von Bekannten in London aufgenommen, arbeitet in Gaststätten und als Schneiderin.

Nach 1945 schreibt Dora Essays, Artikel, Rezensionen, Übersetzungen, kämpft gegen das Vergessen der jüdischen Kultur. Ende 1949, Anfang 1950 hält sie sich vier Monate lang in Israel auf – bei den wenigen Angehörigen, die die Nazizeit überlebt haben. Sie hofft, mit ihrer kranken Tochter hierher ziehen zu können. Doch sie erkrankt selbst schwer und stirbt 1952 erst 54jährig in einem Londoner Krankenhaus an Nierenversagen. Dort hatte sie zuvor Aufzeichnungen über Kafka verfaßt. Lutz Lask wird erst 1953 aus der Lagerhaft entlassen, Tochter Marianne stirbt wenig später krank, einsam und verwahrlost in London. Die Biographie basiert auf Interviews mit Angehörigen, Freunden und Experten sowie auf Doras Tagebüchern mit ihren Aufzeichnungen über Kafka, die die Biographin im Jahr 2000 in Paris gefunden und erstmals veröffentlicht hat. Es bleibt zu hoffen, daß die verschollenen 35 Briefe von Kafka an Dora und beider Korrespondenz mit Max Brod noch gefunden werden. »Ich bleibe auf der Suche«, sagt Kathi Diamant. Ob sie tatsächlich mit Dora verwandt ist, weiß sie bis heute nicht.

Kathi Diamant: Dora Diamant - Kafkas letzte Liebe. Onomato Verlag, Düsseldorf 2013, 500 Seiten, 19,90 Euro * www.kafkaproject.com / kathidiamant.com

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